„Ich will nicht mit dem Glockenton vergessen sein“

Kaiser Maximilian plagte zeitlebens nur eine Sorge: Dass er mit dem Glockenton des Sterbeglöckleins vergessen würde.

Die Sorge des Kaisers ist auch 500 Jahre nach seinem Tod völlig unbegründet, wie wir heute wissen. Eine neue, bei Tyrolia erschienene Monografie der Historikerin Sabine Weiss belegt das pure Gegenteil. Maximilian ist vor allem in Tirol allgegenwärtig. 

Kaiser Maximilian
Der Kaiser auf einem Gemälde. Bild: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Kaiser Maximilian hatte zu Lebzeiten vor nix und niemand Angst. Er zog mit wehenden Fahnen in die vielen Schlachten. Jagte Gämsen in steilen Felswänden mit einem Spieß und organisierte Ritterspiele, bei denen er hoch zu Ross als mutiger und kühner Teilnehmer glänzte. Und doch gab es da etwas, das er fürchtete. Der Gedanke, einst vergessen zu werden, war für ihn unerträglich. „Wer im Leben nicht für sein Gedenken sorgt, der hat nach seinem Tod kein Gedenken und dieser Mensch wird mit dem Glockenton vergessen.

Also widmete er sich schon früh der Eigenwerbung. Er, der schon als junger Prinz überzeugt war, zum Kaiser geboren zu sein, wollte im Gedächtnis seiner Nachwelt einen Fixplatz einnehmen. Und er schaffte auch das mit Bravour. Maximilian wurde zu einer unvergesslichen historischen Figur, von der wir in Tirol, ja eigentlich in ganz Österreich immer noch zehren.

Ein Genie am Kaiserthron

Kaiser Maximilian
Dürers Porträt des legendären Kaisers Max.

Meinen p.t. Leserschar weiß es längst: ich bin ein Bewunderer der Kunst der Gotik. Logischerweise interessierte mich Maximilian schon deshalb von meiner frühesten Jugend an. Und seit ich in Tirol lebe entdecke ich quasi hinter jeder Hausecke einen Hinweis auf diesen Imperator mit starkem Hang zum Land im Gebirge. Er ließ Bauwerke errichten, die uns heute noch in Erstaunen versetzen. Und die zu allem Übel immer noch Rätsel bergen, die ungelöst sind. Wie das Goldene Dachl, ein Stein gewordenes Manifest dieses schöngeistigen Fürsten.

Kaiser Maximilian
Das majestätisch-schöne Zentrum der Innsbrucker Altstadt.
Eines steht in Tirol noch heute außer Diskussion: Das Zentrum des Landes ist der Platz vor dem Goldenen Dachl. Hier schlägt das Herz des Landes im Gebirge.
Kaiser Maximilian
Ein Schriftband mit geheimen Zeichen schmückt den Hintergrund zweier zentraler Reliefs am Goldenen Dachl. Die Reliefs zeigen Maximilian links mit seinen beiden Ehefrauen Bianca Sforza (li) und Maria von Burgund. Rechts mit seinem Vater Friedrich III. im Narrenkostum (links) und Karl den Kühnen von Burgund, Vater seiner ersten Gemahlin Maria.

Dem Tyrolia-Verlag ist zu gratulieren. Nicht nur zum 100. Wiegenfest sondern auch zu diesem Werk anlässlich des  500. Todestages des Habsburger Kaisers. Eine üppige Monografie der Historikerin und Maximilian-Spezialistin Sabine Weiss ist eine Gesamtdarstellung, die mit jeder gelesenen Seite spannender und interessanter wird. „Maximilian I., Habsburgs faszinierender Kaiser“ lässt kaum einen Winkel seines farben- und sinnenfrohen Lebens unbeleuchtet. Die Monografie ist eine überaus kurzweilige Lektüre nicht nur für Historiker, sondern in besonderem Maße auch für Laien.

Kaiser Maximilian
Details am Goldenen Dachl.

Ein Kaiser ohne Krönung

Beim Lesen des Oeuvres habe ich mich gefragt, wie man das Wirken und Leben eines derartigen Menschen auf 400 Druckseiten zwischen zwei Buchdeckel komprimieren kann. Ein Mann, der am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance eine unvorstellbare Pracht entfaltet hatte. Der aus einem Gebiet, damals nicht einmal so groß wie Österreich, ein Weltreich geformt hat. Ganz zu schweigen von Kunst und Kultur, die dieser Kaiser förderte. Der aber auch sein Leben lang blutige und vor allem idiotische Kriege geführt hat, viele vernichtende Niederlagen erleben musste und auch deshalb zu einem der historisch größten Schuldner der Weltgeschichte geworden war. Ein Kaiser, der nie von einem Papst zum Kaiser gekrönt worden war.

Kaiser Maximilian
Versteckt am Goldenen Dachl: der ‚Schluchtenscheißer‘. Ich habe ihn hier beschrieben.

Maximilian: Die Pracht des letzten Ritters

Sabine Weiss ist es auf eine faszinierende Art und Weise gelungen, sein Leben quasi zu ‚strukturieren‘. Um es dann auf 400 Seiten spannend, wissenschaftlich fundiert und mit einer speziellen Liebe zum Detail  zu gestalten, die auch wissenschaftlich Neues über Kaiser Max zu Tage fördert. Und was mir weit wichtiger ist: Langeweile kommt beim Lesen nicht auf. Im Gegenteil: streckenweise liest sich die Monografie wie ein Fantasy-Ritterroman mit einem Unterschied: das Werk gibt die historische belegbare Lebensrealität des letzten Ritters wieder. Des vermutlich pracht- und prunkvollsten Edelmannes aller Zeiten.

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So schildert Weiss ausführlich Maximilians Heiratspolitik, die aus dem kleinen Österreich ein Weltreich machen sollte. Seine Kriege, die ihn permanent am Rande des Bankrotts wandeln ließen. Seine Gabe der Eigenwerbung, die ihn als erstes mittelalterliches PR-Genie ausweist. Seine Liebe zu den Künsten und den Frauen. Und dann: seine Liebe zu ‚seinem liebsten Land Tirol‘.

Der Hang zu Lobeshymnen ist der rote Faden in Maximilians Leben

Das Kapitel „Der kaiserliche Autor. Dichtung und Wahrheit“ der Monografie gehört für mich zum Interessantesten, was ich bisher über die Entstehung der diversen Biografien des Kaisers gelesen habe. Minutiös schildert Weiss die Entstehung der drei Lobeshymnen, der lateinischen ‚Grünpeck-Biografie‘, des „Weiskunig“ und „Teuerdank“. Eine weitere Autobiografie namens „Freydal“ blieb letztendlich unvollendet. Und das nur deshalb, weil sich kein Dichter fand, der die opulenten Schilderungen Maximilians von 64 Turnierhöfen (!) gemeistert hätte.

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Und so geht auch die Legende von der wundersamen Rettung Maximilians aus der Martinswand auf seine Schilderungen zurück, die im Theuerdank niedergeschrieben sind. Meine Interpretation dieses ‚Wunders‘ findet ihr hier.

Man muss es sich vorstellen: neben all den Kriegen, den Händeln mit seinen Reichsfürsten, den ‚Frauenzimmern‘, zwischen Jagden und Banketten oder oft wochenlangen Reisen fand er immer wieder Zeit, den Sekretären seine Lebensgeschichten zu diktieren. Die Endausarbeitung überließ er diesen, seinen ausgewählten Mitarbeitern.

Kaiser Maximilian
Ein colorierter Holzschnitt aus dem Versepos Theuerdank zeigt Jäger bei der Gämsenjagd vermittels Speer. Bild: Tyrolia
Kaiser Maximilian
Maximilian liebte ausufernde Bankette, an denen neben allerlei Wild auch immer Fische aufgetragen worden sind. Bild: ULB Innsbruck (Gerhard Watzek)

Man muss sich das einmal plastisch vorstellen: im Anschluss an die Diktate hatten die Mitarbeiter geografische, historische und viele andere Details anschließend selbst zu recherchieren und dann in die Schilderungen, besser in die Lobpreisungen Maximilians einzufügen. Dass da Fehler passierten – wen wundert’s. Und Sabine Weiss weist auf diese Fehler hin, was Maximilians Hang zur Selbstdarstellung in einem lustigen Licht erscheinen lässt. Wie gesagt: ich betrachte die dieses Kapitel als das Beste des ganzen Werkes. Die Autorin  präsentiert die Entstehung der Endtexte wissenschaftlich akribisch, sehr spannend und wie alle Kapitel mit einer Vielzahl von Grafiken. Eigentlich eine Pflichtlektüre für alle polit-PR-Agenten dieses Landes.

Kaiser Maximilian
Dieses Fresko zierte einst die Außenwand der maximilianischen Burg. Heute ist es eine wunderschöne Dekoration im Restaurant Stiftskeller.

Noa als Stammvater der Habsburger?

Allergrößten Wert legte Maximilian auf den Stammbaum seines Geschlechtes. Die Abstammung musste passen, und wenn sie – manchmal sehr kraftvoll – hingebogen werden musste. Denn die europäischen  Königs- und Fürstenhäuser übertrafen sich darin, alttestamentarische Vorfahren zu finden und zu benennen. Da blieb kein Auge trocken. Maximilian wäre es wohl am liebsten gewesen, wenn seine Vorfahren einst Pharaonen, griechische Helden oder zumindest den biblischen Figuren gewesen wären. Und mit dieser, seiner Idee hielt er auch nicht zurück. Gesagt getan: einer seiner Genealogen verstieg sich in einen Nachweis, dass die Habsburger und somit auch Maximilian auf Noa, den Erbauer der Arche zurückgehen. Andere wollten nachgewiesen haben, dass die Habsburger auf die Trojaner zurückgehen. Wie wichtig Maximilian die Geschichte seiner Vorfahren war zeigt sich daran, dass er – schon auf dem Totenbett in Wels liegend – seinen Genalogen rufen ließ, der ihm aus der Geschichte seiner Vorfahren vorlesen musste.

Das Tiroler Jagd- und Fischereibuch

Maximilians Jagdbuch ist die erste systematische Erfassung des Wildbestandes Tirols. Er ließ es unmittelbar nach dem Erwerb Tirols 1490 verfassen um sich einen Überblick über den Wildbestand zu beschaffen. Insgesamt sind 150 Hirsch- und 179 Gamsreviere gelistet. Bei einigen Revieren wurde auch erwähnt, dass sie sich für ‚Frauenzimmer’ eigneten.

Gute Fischwässer waren für Maximilian wichtig. Er gilt als Erfinder eines Fischbehälters, in dem Saiblinge und Forellen lang frisch gehalten werden konnten. Das Fischereibuch listet 71 Seen und 40 Bäche auf. Auch hier war es ihm wichtig zu wissen, welche Seen sich für das Frauenzimmer und Bankette eigneten. Nach der Jagd noch zu fischen und danach „mit dem frauenzimmer und hofgesind ain panget haben lassen“ war für ihn ein lustvoller Höhepunkt.

Das Goldene Dachl und die ‚Schwarzen Mander‘: Maximilians imperiales Vermächtnis an Innsbruck

Allein schon die Idee, einen Prunkerker mit feuervergoldeten Ziegeln decken zu lassen unterstreicht Maximilians Gefühl für Prunk und Pomp. Dass einige Rätsel im Goldenen Dachl bis heute nicht entschlüsselt sind war sicher die volle Absicht des Herrschers.

Kaiser Maximilian
Der Kenotaph Maximilians in der Hofkirche zu Innsbruck, umgeben von den „Schwarzmander“, überlebensgroße Bronzegussfiguren berühmter Kaiser und Könige. Bild: wikipedia.

Seine ‚Schwarzen Mander‘ in der Hofkirche sind der verbliebene Rest seines von ihm geplanten gigantischen Grabmals. Wie König Artus im Leben wollte er sich im Tod mit berühmten Persönlichkeiten umgeben. Und so betrauern 28 überlebensgroße Bronzestatuen und 24 Statuetten von Heiligen sein Grab in der Innsbrucker Hofkirche. In der er nicht einmal ruht, denn der kaiserliche Leichnam wurde nie nach Innsbruck überstellt und verblieb in Wiener Neustadt.

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Ganz am Schluss seines Lebens ärgerte er sich über seine geliebte Stadt Innsbruck. Die Wirte forderten von ihm Geld, was in dazu bewog, nach Linz weiterzuziehen. Dort traf er nicht mehr ein. In Wels musste er seine Reise abbrechen und starb am 12. Jänner 1519. Er war fast 60 Jahre alt geworden.

Sabine Weiss: Maximilian I. Habsburgs faszinierender Kaiser;
400 Seiten, 294 farb. und 14 sw. Abb.; 24 x 27 cm, gebunden; Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2018

ISBN 978-3-7022-3709-7
€ 39,95

2 Gedanken zu “„Ich will nicht mit dem Glockenton vergessen sein“

  1. Danke für das gute Gedächtnis Kaiser Maximilians I., das wir in Wr.)Neustadt auch aufrechthalten, wo er in unsrer Kirche (Georgskathedrale an der Theresianischen Militärakademie) getauft und nach seinem Tod gemäß seinem Testament beigesetzt wurde. Darf ich auf zwei kleine Korrekturvorschläge bei den Bildunterschriften hinweisen: Maximilians Vater war Kaiser Friedrich III., nicht Ferdinand III. (Bildunterschrift unter den Reliefs des Balkons vom Goldenen Dachl). Das Ziegelwerk mit den Marmorreliefs und der knienden Maximiliansstatue ist ein Kenotaph (kenos=leer), kein Konotaph.
    Beste Grüße aus Wr. Neustadt!

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