‚Alte Fäden’: Die Rückkehr mittelalterlicher Stick-Kunst

Eine junge Frau widmet sich in ihrer Manufaktur seit 15 Jahren einer Kunst, die ihresgleichen sucht. Sie hat die altehrwürdige, nahezu ausgestorbene Fertigkeit der mittelalterlichen Handstickerei zu neuem Leben erweckt. Das Ergebnis: „Alte Fäden“, einzigartige textile Meisterstücke und neue, exklusive Geschenkideen. 

In einem eMail wollte Eva-Maria Mair von mir wissen, ob ich mich in meinem Blog für „pflanzlich gefärbte Seide, bestickte Kettenanhänger und Armbänder für Dirndl und Trachten, oder romantische handbestickte Trachtenbeutel“ interessiere. Als ihre besondere Spezialität erwähnte sie die Anfertigung von „passgenauen Repliken mittelalterlicher Stickereien, vor allem von Almosen- und Reliquienbeuteln“. Ihre Frage, ob ich mir vorstellen könne, über ‚mittelalterliche Stickerei‘ zu schreiben war eigentlich überflüssig. Natürlich interessiere ich mich für das Handwerk generell, vor allem für eines, das sich einer längst ausgestorbenen Kunst hingibt. Ein erster Blick auf ihre Website weckte in mir den sofortigen Wunsch, diese Kunststücke aus nächster Nähe zu bewundern. Also machte ich mich bei erster Gelegenheit auf und fuhr – wie immer mit Öffis – nach Trins ins einzigartig schöne Gschnitztal.

Der Blick ins Gschnitztal. Bild: TVB Wipptal

‚Vrouwen Mære‘ – mittelalterliche Frauengeschichten

Ich nahm an, dass Eva-Maria Mair eine textile Ausbildung hinter sich habe. Wer sonst könnte sich einer offensichtlich so komplizierten Handwerkstechnik widmen? Weit gefehlt. Die 38 Jahre alte Büroangestellte ist zwar Absolventin der HBLA für wirtschaftliche Berufe, hat aber in ihrer Jugend keine speziellen Kenntnisse in der Textilverarbeitung erworben. „Außer Kleider für meine Puppen habe ich eigentlich nichts geschneidert“, sagt sie lachend. Etwas anderes faszinierte sie aber über alle Maße: die Geschichte des Mittelalters. Das war denn auch die Triebfeder dafür, dass sie sich heute mit Fug und Recht als Meisterin der mittelalterlichen Stickereikunst bezeichnen kann. 

Vo der Wiederentdeckung der uralten, künstlerischen Handwerkstechnik des mittelalterlichen Handstickens.

So kennt man Eva-Maria Mair: mit Stickrahmen und einer Auswahl ihrer einzigartigen Stickerei-Schmuckstücke. Bild: Mair

Es war 2014, als sich Eva-Maria entschloss, mit zwei weiteren Frauen eine ‚Living-History-Gruppe‘ zu gründen. Das Gemeinschaftsprojekt nennt sich „Vrouwen Mære“ und hat die erklärte Absicht, die mittelalterliche Vergangenheit unseres Landes im 14. Jahrhundert anschaubar, ja sogar erlebbar zu machen. Basierend auf streng wissenschaftlichen Erkenntnissen stellen die Gruppenmitglieder den Alltag verschiedener Berufe des Mittelalters dar. Ob im Tiroler Volkskunstmuseum, in Schulen oder im Museum Tiroler Bauernhöfe: die „Frauengeschichten“, so die lockere Übersetzung von ‚Vrouwen Mære‘, die dargestellt werden, handeln von drei idealtypischen mittelalterlichen Frauenberufen: Hebamme, Köchin und Stickerin. Meist agieren sie in original nachgeschneiderter Kleidung und sind also im wahrsten Sinn des Wortes ‚lebende Geschichte‘.

‚Living History‘ vermittelt ‚Frauengeschichten‘ aus dem Mittelalter. Köchin, Hebamme und Stickerin in historischen Gewändern. Bild: Mair.

Stickerinnen konnten schon im Mittelalter Meisterinnen sein

„Für mich war sonnenklar, dass ich in der Gruppe die Rolle der mittelalterlichen Handstickerin einnehmen wollte“, erzählt mir Eva-Maria in ihrem sonnendurchfluteten Wohnzimmer im wunderschönen Bergdorf Trins. „Also begann ich, mich intensiv mit mittelalterlicher Stickerei des 14. Jahrhunderts zu beschäftigen.“ Auf welche ‚Lehrzeit’ sie sich einließ, war ihr von vornherein klar. „Schon im 13. Jahrhundert gab es Zünfte der Sticker in Paris, in die auch Frauen aufgenommen wurden. Acht Jahre dauerte die Ausbildung in Frankreich, während damals normale Gewerbe zwischen zwei und drei Jahren Lehrzeit vorsahen.“ Immerhin waren Stickerinnen im Ansehen den Goldschmieden und Emaillierern gleichgestellt und in manchen Städten waren deren Werkstätten auch in denselben Straßen angesiedelt. Was doch einiges über die Wertigkeit besagt. Überraschend ist die Tatsache, dass Frauen in diesem Gewerbe auch im ‚finstersten’ Mittelalter die Meisterwürde erlangen durften.

Der Arbeitstisch einer mittelalterlichen Meisterstickerin könnte so ähnlich ausgesehen haben. Bild: Mair

In nunmehr 15 Jahren hat Eva-Maria Mair Fertigkeiten erlangt, die in außergewöhnlichen Stickarbeiten gipfeln. Wie sie diese erlangt hat, ist für mich sensationell, denn sie hat sich die Fertigkeiten selbst beigebracht. „Für historische Stickereiengibt’s viele Publikationen. Da wird grafisch erklärt, wie es funktioniert“ erzählt sie. Auch auf YouTube gebe es Videos über die Sticktechniken. Die Stiche selbst seien im Übrigen nicht die besondere Schwierigkeit, meint sie. „Was zählt ist die Vielfalt und die Schnelligkeit der Stickerei.“ 

Mittelalterliche Goldfadenstickerei, eine jener Künste, die sich Eva-Maria Mair selbst angeeignet hat.

Und wie immer: Übung macht den Meister, in diesem Fall die Meisterin. Nicht umsonst waren im Mittelalter für das Erlernen dieser Handwerkskunst zwischen fünf und acht Jahre Ausbildung vorgesehen.

Geschwindigkeit und Augen-Fingerkombination

Aber wenn schon die Stiche selbst nicht kompliziert sind, was zeichnet denn eine Meisterin der mittelalterlichen Handstickerei aus? Entscheidend sei die „Augen-Fingerkombination“ sagt sie. „Mittelalterliche Stickereikünstlerinnen haben mit beiden Händen gearbeitet, weil sie schnell sein mussten. Das Werkstück wird auf einem Stickrahmen aufgespannt, mit einer Hand wird die Nadel eingestochen, mit der anderen durch den Stoff gezogen und von unten wieder auf die Vorderseite zurück geführt.“ 

‚Maria Verkündigung‘ in Ziegelstich-Stickerei. Damit konnten ganze Bildgeschichten erzählt werden. Bild: Mair

Im Mittelalter war auch die Arbeits-Geschwindigkeit der Stickerinnen ein Thema. Kein Wunder, denn da wurde an komplizierten Aufträgen, sie stammten meist aus Adels- oder Kirchenkreisen, auch manchmal jahrelang gearbeitet. „Vor den großen Pestepidemien war das Kosten-Verhältnis zwischen Arbeit und Material etwa 1:10. Das heißt, Arbeit war billig.“ Erst nach den verheerenden Pestepidemien wurden die Stickermeister_innen und -gesellen besser entlohnt.

Ein wilder Drache auf Seidenfäden. Hier hat Eva-Maria Mair eine Darstellung auf einem Fresko in Stickerei umgesetzt.

Naturgefärbte Seidenfäden

Die von ihr verwendeten Fäden sind echte, pflanzlich gefärbte Seidenfäden. Sie lässt sie in Deutschland färben, verwendet werden „tierische und pflanzliche Färbemittel“ erklärt mir Eva-Maria. „Da kommen zum Beispiel die Färberdistel, Krapp oder Indigo aber auch getrocknete Cochilleschildläuse zum Einsatz.“ Was indirekt besagt, dass nicht alle Farben vegan sind. 

Dieser Beutel ist mit blauem, pflanzlich gefärbtem Seidenstoff gefüttert. Bild: Mair

Die hohe Kunst der Goldfadenstickerei

Faszinierend ist die Herstellung und Verarbeitung von Goldfäden in der mittelalterlichen Stickerei. Man muss es sich einmal konkret vorstellen: da wird Blattgold um einen Leinenfaden gewickelt, was früher mit einer Spindel geschah. Einmal, so sagt sie, hat sie das selbst gemacht. Nur um zu testen, ob sie das auch erlernen kann. Heute kauft sie die maschinell gefertigten Goldfäden. Und da Gold früher wie heute teuer ist, muss ist die Verarbeitung der Fäden sparsam erfolgen. „Sie werden aufgestickt, jeder einzelne Faden wird dann auf der ‚linken‘ Seite (also der Rückseite der Stickerei) einzeln vernäht.“ Das muss man sich einmal vorstellen.

Fabelwesen, die von Eva-Maria Mair durch den Einsatz von Echtgoldfäden wunderschön in Szene gesetzt werden.

Bei Stickereien in Klosterstich wird der wollene Faden auf der Oberseite des Stoffes ‚festgeheftet‘.

Weshalb sind ‚alte‘ Goldstickereien eigentlich dunkel? Gold korrodiert doch nicht. „Es ist zwar echtes Gold, das auf die Fäden aufgetragen wird, aber es ist eine Legierung mit relativ viel Kupfer. Daher dunkelt das Gold nach“ erklärt mir die Stick-Künstlerin. „Bei Silber ist es so, dass die Silberfäden mit der Zeit schwarz werden, weil Silber stark korrodiert.“

Dieses Bild zeigt eindrucksvoll, wieviel Arbeit diese Kunststickerei mit Techniken des Mittelalters erfordert. Im Bild: Goldfäden.

Almosen- und Reliquienbeutel, die Luxustaschen des Mittelalters

Interessant ist auch der Zeitaufwand für solche Kunst-Stickereiarbeiten. Grundsätzlich basieren ihre mittelalterlichen Arbeiten auf Originalen, die in Museen zu finden sind. Wie zum Beispiel in New York. Um eine originalgetreue Replik zu erstellen, zum Beispiel einen schönen Almosen- oder Reliquienbeutel, muss sie mindestens 60 Stunden rechnen. „Für die Stickerei selbst brauch ich nur die Hälfte dieser Zeit. Die andere Hälfte geht für das Verzieren von Kanten oder dasKnüpfen von Knoten und Bändern drauf.“ Rechnet man heutzutage mit einem Stundensatz von 100 Euro für diese absolute Spezialarbeit, kommt man auf die sagenhafte Summe von 6.000 €. Die Beutel standen also damals schon preislich den wesentlich primitiveren heutigen Luxus-Luis-Vitton-Taschen um nichts nach.

Replik eines Reliquienbeutels – das waren die Totems des Mittelaters – mit von Hand gewickelten Türkenknoten.

Für mich besonders imposant: der sogenannte ‚Türkenknoten‘ im Bild rechts oben. Ein kunstvoll gestalteter Knoten, der auch Arbeiten von Eva-Maria Mair ziert. Wieviel Zeit braucht es allein für diesen Knoten? „Den Faden dafür musste ich zuerst zwei Stunden lang wickeln, dann erst konnte ich ihn zum türkischen Knoten formen.“

Handgestickter Trachten- und Dirndlschmuck

Eva-Maria hat lange überlegt, welche preislich erschwinglichen Kunstwerke sie anbieten könnte. „Es muss doch einen erschwinglichen Weg geben, um meine Fähigkeit mit tollen Materialien zu mischen. Ich habe nach einem modernen ‚Setting‘ gesucht.“ Dabei kam ihr die neu entbrannte Liebe der Alpenbewohner_innen zu Trachten sehr entgegen. Sie hat bereits eine attraktive Schmuck-Kollektion entworfen und bietet diesen wahrhaft exklusiven Trachtenschmuck im Internet an: https://www.regionalis.shop/shop/alte-faeden/ Dabei bringt sie ihre speziellen Fähigkeiten zu Leuchten, wie die mittelalterliche Ziegelstickerei. Immer mehr gefragt sind auch ihre kunstvoll gestickten Trachtenbeutel für Dirndl-Trägerinnen.

Handgemachte Ambänder und Halsschmuck aus dem Hause ‚Alte Fäden‘ Bild: Mair

Exklusive Geschenke 

Besonders exklusiv ist ihr Angebot, Schmuckstücke oder Taschen in den Lieblingsfarben der Besteller_innen zu gestalten. Ob rosa, blau oder rot: für sie ist das kein Problem. Auch eine perfekte Abstimmung zum Hochzeitsdirndl wird gerne gemacht. Da kann man sich gerne per eMail bei Eva-Maria Mair melden oder sie sogar anrufen.

Filigrane Handarbeit aus naturgefärbten Seidenfäden. Besser, schöner und exklusiver geht’s nicht. Bild: Mair

Mein Tipp: 

Surfen Sie durch die wunderschönen Dirndlanhänger und die Trachtenbeutel, die Eva-Maria Mair im Internet anbietet. Oder wenden Sie sich für einen individualisierten Schmuckanhänger einfach per email oder Telefon direkt an sie:

Mobiltelefon 0043 664 5172150

Web https://www.altefaeden.at

E-Mail kontakt@altefaeden.at

Facebook: https://www.facebook.com/altefaeden

Instagram: https://www.instagram.com/altefaeden/

Living History

Die Website von ‚Vrouwen Mære‘, der ‚Interessengemeinschaft 14. Jahrhundert in Tirol bietet vielfältige, hoch interessante Informationen: https://mittelalter.tirol/

Facebook: https://www.facebook.com/vrouwenmaere/

Die Veranstaltungstermine der Living-History-Gruppe gibt’s hier: https://mittelalter.tirol/termine

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