Flucht über die Alpen. Das Drama der Holocaust-Überlebenden

Ein bisher viel zu wenig beachtetes Buch hat Hans-Joachim Löwer im heurigen Frühjahr vorgelegt: „Flucht über die Alpen. Wie jüdische Holocaust-Überlebende nach Palästina geschleust wurden.“

Der ehemalige STERN-Journalist Löwer schildert in 50 Episoden die Monate und Jahre nach Kriegsende, in denen jüdische Überlebende des Holocaust nichts weiter wollten als Österreich, Deutschland und überhaupt Europa zu verlassen. Ein Lesebuch über das Grauen der Nazizeit und die aufkeimende Hoffnung hunderttausender jüdischer Menschen, den Weg in die Sicherheit nach Palästina zu schaffen.

Für mich ist dieses Buch ein wichtiges, ja sogar ein einzigartiges historisches Lesebuch. Es schildert in 50 Episoden jüdische Menschen, die Europa nach all den unvorstellbaren Qualen teils unter Lebensgefahr verlassen wollten. Einzig und allein deshalb, um Palästina als ihr gelobtes Land zu erreichen. 

Das Flüchtlingsschiff ‚Exodus‘ ist heute noch ein Synonym für die Flucht der Holocaustüberlebenden nach Palästina. In der Episode Nr. 42 wird die dramatische Ankunft des Schiffes in Haifa beschrieben. Bildrepro aus: Flucht über die Alpen.

Groteske Ablehnung durch einstigen Peiniger

Man muss sich das einmal vorstellen: Nach Kriegsende zogen rund 250.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder kreuz und quer durch das zerstörte Europa. KZ-Überlebende, einstige Widerstandskämpfer_innen und Jahre lang versteckt gehaltene Menschen. Zudem noch die Flüchtlinge aus dem Osten. Alle sehnten sie sich nach einer neuen Heimat weil sie in ihrer alten nicht mehr leben wollten. Nach all dem Leid sahen sie sich teils grotesker Ablehnung jener gegenüber, die zu den Verfolgern gehörten. Die Flüchtlinge wollten doch nur ein neues Leben in Sicherheit beginnen.

Eine jüdische Geheimorganisation brachte viele von ihnen auf illegalen Wegen von Österreich über die Alpenpässe nach Italien, wo Schiffe mit dem Ziel Palästina auf sie warteten. Das Schiff ‚Exodus’ steht für diese Bewegung. Drei Jahre lang war Tirol ein wichtiger Korridor, quasi ein ‚Trichter’ auf dieser Flucht. Allein über den Brenner strömten bis zu 5.000 Flüchtlinge täglich. Wurden sie kontrolliert, gaben sie sich meist als Griechen aus, die in Deutschland zur Zwangsarbeit gezwungen worden seien. Um das zu verdeutlichen sprachen sie Hebräisch, eine Sprache, die den Zöllnern und Polizisten genauso unbekannt war wie Griechisch.  

Fälscher hatten Hochkonjunktur. Die Ausweise für ‚displaced persons‘ sind nicht immer echt. Repro aus dem Buch: Flucht über die Alpen.

Löwer gelingt es, in den 50 Episoden eine Zeit lebendig zu machen, in der Agenten, Schleuser und Fluchthelfern ihre Zeit gekommen sahen, abzukassieren. Er schildert aber auch die Tätigkeit der jüdischen Geheimorganisation Bricha, die den Flüchtenden mit allen verfügbaren Mitteln zur Seite stand. Beschrieben wird auch das wieder  aufkeimende Selbstbewusstsein jüdischer Menschen. Aber auch die teils unsäglichen Mühen, die diese nach all dem Erlebten auf sich nehmen mussten, um die wahre Freiheit zu erlangen.

Tirol war dabei drei Jahre lang ein wichtiger Korridor in die Freiheit. Da sich aber die Briten mit aller Macht gegen eine Zuwanderung der Menschen nach Palästina wehrten – sie waren ja damals noch eine bekannt brutale Kolonialmacht – wurde für diese gepeinigten Menschen selbst noch ihre Flucht zu einem Überlebenskampf.

Diese heimliche Landung eines Flüchtlingsschiffes blieb unentdeckt. An einem Seil hangeln sich die Menschen an Land. Repro aus dem Buch: Flucht über die Alpen.

Das Gift des 3. Reiches ist immer noch wirksam

Für mich symptomatisch ist ein Vorfall, den der Autor in der Episode Nr. 28 schildert. Bewohner_innen von Gnadenwald beschweren sich über jüdische Flüchtlinge, die im ‚Wiesenhof‘ und ‚Gnadenwalderhof‘ untergebracht sind. Beides Häuser, die einst jüdischen Besitzern gehörten. Sie würden Kirschen von den Bäumen pflücken, unreifes Obst abreißen und Weidezäune eintreten. Daraufhin stellt die ÖVP einen Dringlichkeitsantrag, der schon 1946 die Abschiebung aller Ausländer aus Tirol fordert. Was daraufhin sogar einstimmig angenommen worden war. Eine brutale Politik also, die vor noch nicht allzulanger Zeit durch die Türkisen um den Herrn Kurz wiederbelebt wurde.

Auch weltpolitische Ereignisse wie der Anschlag auf das ‚King David Hotel‘ in Jerusalem und der UN-Teilungsplan für Palästina finden in Löwers Buch Beachtung. Er zeichnet überhaupt ein komplexes Bild dieser weltpolitisch einzigartigen Fluchtbewegung, die auch viel zum Verständnis der heutigen Situation in Nahost beitragen kann.

Vom ‚Regen in die Traufe‘ kamen viele Flüchtlinge, als der erste Nahostkrieg begann. Repro aus dem Buch: Flucht über die Alpen.

Ein Buch, das leicht lesbar, höchst informativ und kurzweilig geschrieben ist. Es sollte weder in privaten noch öffentlichen Bibliotheken fehlen. Und schon gar nicht in den Schulbüchereien.

Hans-Joachim Löwer: Flucht über die Alpen. Wie jüdische Holocaust-Überlebende nach Palästina geschleust wurden.

Tyrolia Verlag, Innsbruck-Wien 2021

ISBN 978-3-7022-3937-4

28 Euro

Bestellungen bitte hier und nicht beim Gierkonzern Amazon: https://www.tyroliaverlag.at/item/Flucht_ueber_die_Alpen/Hans-Joachim_Loewer/46903853

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