Wer keine Vergangenheit mehr hat, der hat auch keine Zukunft

Eine vorsommerliche Reise bescherte mir eine Erkenntnis der besonderen Art. Traditionelles, bisweilen sogar uraltes Wissen spielt eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Zukunft. In Innervillgraten wird dies erneut belegt.

Der Begriff ‚Traditional Knowledge’, locker übersetzt mit ‚Traditionelles Wissen‘ ist derzeit en vogue. Ich habe erstmals davon im Zusammenhang mit der Bewirtschaftung von Berggebieten gehört. Wie Werner Bätzing in seiner legendären Streitschrift ‚Zwischen Wildnis und Freizeitpark zur Zukunft der Alpen wunderbar nachweist war das traditionelle Wissen unserer Bergbauern jahrhundertelang dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur verpflichtet. Man wusste: Verstöße gegen die Natur ‚rächten’ sich in Katastrophen. Traditionelles Wissen sicherte also seit Menschengedenken die Lebensgrundlagen in alpinen Regionen. 

Der Gannerhof zu Innervillgraten. Ein Genusstempel der Sonderklasse.
Das malerische Innervillgraten steht geradezu idealtypisch für ‚traditionelles Wissen‘. Mein jeweils erstes Ziel ist der unvergleichliche Gannerhof, wo seit Jahrzehnten regionale Produkte zu regionalen Spezialitäten verarbeitet werden.

Aber die Lebensgrundlagen, so höre ich viele meiner Leser_innen jetzt sagen, hängt doch bei uns in Tirol  zum Großteil von wesentlich anderem, vor allem technischen Wissen ab. Also sollten wir uns fragen, ob es es sichtbare Auswirkungen und Folgen gibt, wenn wir in Tirol nicht auf dem Wissen unserer Vorfahren aufbauen und es einfach mißachten? Eine spannende Frage. 

Drehen wir der Einfachheit halber die Frage um. Gibt es Beispiele, wo traditionelles Wissen zu einer Verbesserung der Situation der Menschen beiträgt? Und wenn ja: was ist das dann für ein Wissen? 

Eine alte Mühle als Beispiel

Der eigentliche Anlass für mich, wieder einmal nach Innervillgraten zu fahren, war die Wiederinbetriebnahme einer alten Getreidemühle. Der Pandemie sei Dank, dass Dreihaubenkoch Josef Mühlmann endlich die Zeit fand, die Abstellräume seines legendären ‚Gannerhofs‘ zu sichten und aufzuräumen. Dabei entdeckte er eine uralte Getreidemühle die ursprünglich im Nachbardorf in Betrieb stand. Deren Reaktivierung ist für mich nun Anlass, über die Wichtigkeit traditionellen Wissens zur Bewältigung unserer Zukunft in diesem Blogpost nachzudenken. 

Eine uralte Mühle wurde am Gannerhof wieder instand gesetzt. Sie wird auch wieder verwendet. Bild: Gannerhof
Hans Senfter neben und Josef Mühlmann auf der Mühle quasi.

Alte Mühlen bestehen – mit Ausnahme der Mühlsteine – großteils aus Holz. Logisch. Also musste Josef Mühlmann einen wahren Meister mit viel traditionellem Wissen finden, der in der Lage war, das Werkl einerseits zu reparieren und andererseits wieder zum Laufen zu bringen. Und da brauchte der nicht weit zu suchen. Quasi vis a vis der wunderschönen Holzbauten des Gannerhofes in Innervillgraten bearbeitet ein alt eingesessener Handwerksbetrieb seit 1877 heimische Hölzer: Die Tischlerei Lanser. Und einer der Mitarbeiter ist Hans Senfter, ein ausgewiesener Meister seines Faches. Er war es, der mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten die alte Mühle weder instand setzte und zum Laufen brachte. 

Hans Senfter mit der ‚Hofmühle‘ des Gannerhofes. Nur der Antrieb ist neuzeitlich.

Diese alte, ’neue‘ Hofmühle des Gannerhofs belegt die Behauptung, dass allerhöchste Kochkunst auch mit traditionelle Kulturgeräten zusammenhängt. Nun kann Josef Mühlmann Getreide nämlich genau in jener Qualität mahlen, wie er sie für seine außergewöhnlichen Kreationen wünscht. Zum Beispiel kurz gerösteten Hafer, der überaus interessante Geschmacksnoten entwickelt. Ein ‚Mehl‘, das im Handel gar nicht erhältlich ist. Auch das BIO-Getreide für die wundervollen Brotsorten des Gannerhofes kann nun im eigenen Haus verarbeitet werden. Traditionelles Wissen fördert mithin auch die Innovation in der Haute Cuisine. Quasi. 

Josef Mühlmann lässt mich an geröstetem Hafer riechen. Den kannte ich bisher nicht. Bild: Gannerhof

Die neugierigen Leser_innen werden nun erstaunt fragen, was die Wiederinbetriebnahme einer hirstorischen Mühle für die Zukunft zum Beispiel Innervillgratens bringt. Für den Gannerhof ist die Sache klar, denn Josef Mühlmann wird seine exquisiten Speisen in Hinkunft mit selbst gemahlenem Mehl zubereiten, was einige geschmackliche Überraschungen mit sich bringen wird. Da bin ich mir sicher. 

Traditional Knowledge als Software für die Zukunft

Gehen wir die Sache grundsätzlich an. Wenn wir das ‚traditionelle Wissen in den Alpen‘ als Software betrachten, schaut die Sache schon ganz anders aus. Denn im Zusammenhang mit der Mühlenrestaurierung lernte ich ein Innervillgrater Unternehmen kennen, das sich mit der Verarbeitung der lokalen Ressourcen, dem Holz, und somit quasi der Hardware des Tales beschäftigt. Die Rede ist von der famosen Tischlerei Lanser. Eines ihrer Alleinstellungsmerkmale ist alpines Wohnen, von der Vergangenheit inspiriert und in moderne Architektur übersetzt. Handgefertigte Oberflächen wie handgehobelt, gehackt oder geschroppt verleihen jedem Lanser-Möbel jene Einzigartigkeit, die sie aus dem Meer der Beliebigkeit herausragen lässt. Dies alles basiert auf dem Wissen einiger Generationen von Tischlern, ohne das eine Zukunft dieses Familienunternehmens in unserer glatt-schnöden IKEA-Welt schlecht denkbar wäre.

Tradition, gepaart mit modernem Design: eines der markanten Lanser-Möbelstücke, die erstaunen. Foto: Martin Lugger für Lanser
Ein wunderschöner Weinschrank aus dem ‚Atelier‘ des Familienunternehmens Lanser in Innervillgraten.

Die Rolle des Handwerks

Müßig zu bemerken, dass allein schon die Existenz der Tischlerei Lanser in einem Dorf wie Innervillgraten nachhaltige Auswirkungen hat. Da sind einmal die rund 20 qualifizierten Arbeitsplätze, die in der heutigen Zeit allein schon Bände sprechen. Dazu kommt, dass die Lansers der Lehrlingsausbildung großen Raum einräumen. Das verankert den Betrieb im Tal. Werden doch junge Villgrater_innen an einen Beruf herangeführt, der vor Ort regionale Ressourcen verarbeitet. Das ist die eine Seite der Medaille.

Das Betriebsgebäude der Tischlerei Lanser in Innervillgraten. Wunderbar eingepasst in das ‚Talbild‘.

Um die lokale ‚Hardware’ in Form hochqualitativer Hölzer optimal und erfolgreich zu bearbeiten benötigt es eine ganz spezielle Software in Form von ‚handwerklichen Betriebsgeheimnissen‘, die sich ein Unternehmen wie das der Familie Lanser in den knapp 150 Jahren ihres Bestehens angeeignet hat. Ein Pool, auf den natürlich auch die Mitarbeiter zurückgreifen wenn sie – wie im Fall der Lansers – neue, hochwertige Holzprodukte entwickeln. Sie sorgen jedenfalls über Osttirols Grenzen hinaus für Furore. (Ich werde die Tischlerei natürlich noch in einem eigenen Blog vorstellen). 

Der Know-How-Pool, die ‚Betriebsgeheimnisse‘ dieser Tischlerei sind ‚traditional knowledge’ das die Zukunft des Unternehmens zum ganz großen Teil mit bestimmt. Dass die Mitarbeiter_innen der Lansers wahre Spezialist_innen auf ihrem Gebiet sind erweitert die Wirkung des alten Wissens auf das ganze Dorf. Keine Rede von ‚brain-drain‘ auf diesem Sektor, also einer erzwungenen Abwanderung von Fachkräften. Das Gegenteil ist der Fall. Interessant wäre es noch, die sozialen Auswirkungen der ‚dorfeigenen‘ Arbeitsplätze zu erforschen, wie sie die Lansers oder auch das von mir ebenso bewunderte regionale Modell der ‚Villgrater Natur‘ des Josef Schett uns seiner Familie geschaffen haben. Eine Dorfgemeinschaft zerfällt innerlich, wenn alle auspendeln und der Ort zu einer ‚Schlafgemeinde‘ wird. Das ist in Innervillgraten auch dank der ‚traditional knowledge‘ anders.

Von Roland Lanser (links) wollte ich wissen, wie ein kleiner Betrieb weit abseits von Ballungszentren überleben kann. Es ist ganz einfach die Erfahrung von Generationen, die den Lansers eine gedeihliche Zukunft sichert. Bild: Gannerhof

‚Traditional Knowledge’ wird sichtbar

Innervillgraten verfügt seit Jahrzehnten über ein Juwel: die wasserbetriebene Wegelate-Säge. Sie ist seit ihrer ‚Errettung’ vor einigen Jahrzehnten in die Jahre gekommen und musste grundlegend saniert werden. Und genau dies hat zu einer Aktion geführt, die ich nur mit dem Wort ‚einzigartig‘ beschreiben kann. Die Erneuerung der uralten Antriebstechnik dieser ‚Venezianersäge‘ ist ein Musterbeispiel dafür, welche Rolle ‚traditional knowledge‘ auch in Zukunft spielen kann.

Als Alois Mühlmann, der legendäre Seniorchef des Gannerhofes, 1984 gemeinsam mit anderen den Villgrater Heimatpflegeverein gegründet hatte war dessen erstes Projekt die Rettung dieser historischen Säge. Für Laien ist sie ein ‚Wunderwerk aus Holz‘, das wasserbetrieben jene Ressource aufbereitet, die in dieser Gegend im Übermaß vorhanden ist: das spezielle Holz des Villgratentales. Nicht nur, dass in der Säge immer schon Holz gesägt wurde. Das Bergsteigerdorf plant ein Freilichtmuseum bei der Wegelatesäge am Villgratenbach. Denn auch ein Lodenstampf, eine Getreidemühle, ein Einhof und eine Almhütte werden dazugehören und werden reaktiviert. Es entsteht also eine einzige Hommage an die Geschichte dieses wunderbaren Bergdorfes.

Die ‚Wegelatesäge‘ in Innervillgraten. Ein hölzernes Technikwunder. Hier entsteht das Freilichtmuseum am Villgratenbach.
Die noch funktionierende Lodenstampfe wird auch zum Freilichtmuseum am Villgratenbach gehören.

Die Rolle des traditionellen Wissens 

Hans Senfter hatte schon vor knapp 40 Jahren mitgeholfen, die damals vom Verfall bedrohte Wegelate-Säge zu erhalten. Nun stand erneut eine grundlegende Sanierung an. Der wohl wichtigste Bestandteil der Säge musste erneuert werden. Das ist jener Teil, mit dem die Kraft des auf ein Mühlrad fallenden Wassers auf das Schwungrad der Gattersäge übertragen wird. Konkret: Hans Senfter hat im Keller seines Wohnhauses einen sogenannten ‚Wellebaum‘ aus einem einzigen Baumstamm gedrechselt. „Er ist 4,30 Meter lang und hat einen Durchmesser von 49 Zentimeter“ erzählt er mir voller Stolz. Diesen schönen Bericht verfasste ‚osttirol heute‘, den ihr HIER lesen könnt. Damit dürfte er nicht nur in Österreich, vielleicht sogar in Europa eine unvergleichliche Leistung erbracht haben. Ob er das schon einmal gemacht hatte? „Nein. Aber mit Erfahrung, Wissen und Neugier schafft man sehr viel“, meint er bescheiden. Mit anderen Worten: er verwendete lediglich die ‚traditionelle software‘ um Einzigartiges zu schaffen.

Hans Senfter mit ’seinem‘ Wellebaum. Aus einem Stück quasi geschnitzt. Die Stahlreifen wurden von einem weiteren Innervillgrater Vorzeigebetrieb gefertigt und als Verstärkung um den Wellbaum gelegt: der Schmiede Alfons Steidl.

Woher kann auch ein Meister seines Faches das Wissen haben, so etwas zu bewerkstelligen, das so gar nicht mit Inneneinrichtung und Möbeln zu tun hat? Hier kommt wieder das ‚traditional knowledge‘ ins Spiel. Senfter: „Meine große Erfahrung in der Holzbearbeitung, die ich sich als Mitarbeiter der Tischlerei Lanser erarbeitet habe macht so etwas möglich, was man vielleicht als unmöglich bezeichnen würde. Aus einem einzigen riesigen Baumstamm ein ‚Bestandteil‘ der Säge händisch herauszudrechseln.“ Ein Musterbeispiel für ‚traditional knowledge‘.

Hans Senfter lebt seit Jahrzehnten das traditionelle Wissen seines Dorfes und setzt dieses Wissen auch für die Dorfgemeinschaft um. Genauso wichtig ist die Tatsache, dass er dieses Wissen in seinem Beruf als Mitarbeiter in der Tischlerei Lanser an Lehrlinge weitergibt. Das sind die Bausteine, auf die das Lanser-Familienunternehmen setzen kann. Das dann mit zusätzlichen innovativen Ideen neue Produkte entwickelt, die auch in Zukunft Arbeitsplätze in einer alpinen Region sichert und neu schafft, die nicht direkt vom touristischen Wohl oder Wehe einer Region abhängen. 

Michael Ende drückte treffend aus, was historische Erfahrung ist. Denn „wer keine Vergangenheit mehr hat, der hat auch keine Zukunft.“ In diesem Sinne darf Innervillgraten als Vorbild dienen.