Teil II: Über das Tellajoch in den Rücken der Feinde

Seit mehreren Monaten zeichnet sich eine finale kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Truppen Kaiser Maximilians und den Drei Bünden ab, die mit den Eidgenossen eine Allianz eingegangen sind. Nach mehreren gleichermaßen blutigen wie fatalen Niederlagen versucht Habsburg, die Entscheidung zu erzwingen. Die Vorgeschichte dazu findet ihr unter diesem LINK.

Obwohl die Vorzeichen einer Auseinandersetzung mit den 3 Bünden alles andere als positiv sind provoziert Maximilian eine Auseinandersetzung am Ausgang des Münstertales im Oberen Vinschgau. Die Drei Bünde setzen alles auf eine Karte. Sie wissen, dass ihre Heimat bei einer Niederlage von den kaiserlichen dem Erdbogen gleich gemacht wird. Und so entwickeln sie zu eine ziemlich ausgefallene Kriegslist. Die Hälfte der Mannen umgehen die Stellungen der ‚Tiroler‘, wie sie von den Bündnern genannt werden. Dazu müssen sie das Tellajoch auf 2350 m Seehöhe überqueren. Sie schaffen das in einem nächtlichen Gewaltmarsch, um nicht von den Spähern Habsburgs entdeckt zu werden. Bei Laatsch fallen sie den Habsburgern dann in den Rücken.

Um den Schweizern zu zeigen, wo Bartle den Most holt und sie endgültig in die Schranken zu weisen ließ Maximilian bereits am Jahresanfang 1499 bei Glurns ein 4000 Mann starkes Heer bei Glurns aufmarschieren. Am 11. Februar stießen die Tiroler ins Münstertal vor und besetzten das Frauenkloster von Müstair. Einige Tage später stürmten sie die Fürstenburg in Burgeis und nahmen den Churer Bischof gefangen. Daraufhin plünderten die Engadiner Nauders, brannten zwei Häuser nieder und besetzten Finstermünz Im Gegenzug fielen die Tiroler wieder im Münstertal ein und erbeuteten 11.000 Stück Vieh.

Die Österreicher graben sich ein

Habsberg übernahm im April das Kommando des kranken Sigmund von Welsberg. Anfang Mai versammelten sich Landsknechte, die aus Tirolern, Etschländern mithin Südtirolern, Walgauern aus Vorarlberg und italienischen Söldnern bestanden. Mit insgesamt 12.000 Soldaten hatte er die Absicht durch das Münstertal in das Engadin vorzustoßen.

Landsknechte
Wüste Kerle. So kann man sich die Landsknechte vorstellen, die an der Calvenschlacht teilgenommen haben. Bild: wikipedia

Maximilians Mannen begannen, Gräben, Wälle, Palisaden und vor allem Artilleriestellungen zu errichten. Geschätzte 2000 Tiroler verteidigten gemeinsam mit 1.200 Söldnern aus Neapel die Letzi, die vorderste Linie der Befestigung und die Straße nach Glurns. Der Rest der Truppe wurde auf die umliegenden Dörfer von Burgeis bis Glurns verteilt und einquartiert. Aus diesem Rückraum heraus konnten sie den Verteidigern an der Calven bei Bedarf zu Hilfe zu eilen.

Habsberg hatte zudem auf den Burgen Reichenberg und Rotund Beobachtungsposten stationiert, die jede Truppenbewegung der Drei Bünde melden konnten. Von Maximilian erhielt Habsberg den Befehl, solange in den Stellungen zu verharren und sich einzugraben, bis der Kaiser mit Verstärkungen eintreffen würde, mit denen er von Landeck her unterwegs war. Dieses befohlene Zuwarten wird Maximilian noch bereuen.

Burg Rkotund, Taufers
Reichenberg – unten – und Rotund hoch über Taufers waren Außenposten der Habsburger. Foto: W. Kräutler

Denn nach all den teils vernichtenden Niederlagen war er wild entschlossen, selbst den Befehl über seine Truppen zu übernehmen. Er vermutete nicht ganz zu unrecht, dass die Verantwortung für die fatalen Niederlagen bei den Anführern gelegen war. Der Imperator analysierte die Niederlagen und stellte fest, dass diese nicht sosehr auf Kopflosigkeit und Ungehorsam der Truppe als auf die Unerfahrenheit und Feigheit der Anführer zurückzuführen seien. Eine entscheidende Erkenntnis entging ihm allerdings: die drei Bünde und die Eidgenossen setzten in den vorangegangenen Schlachten auf eine unmittelbare und brutale Offensive. Ihr Stärke lag in überfallsartigen, mit äußerster Brutalität vorgetragenen Angriffen verbunden mit einer Taktik, die man heute wohl als Guerillataktik bezeichnen würde.

Die Rolle des Benedikt Fontana

Der Überfall der habsburgischen Truppen auf das Benediktinerinnenkloster des Heiligen Johannes in Müstair am 11. Februar 1499 war ja der unmittelbare Grund für den Ausbruch der Schwaben- oder Schweizerkriege gewesen. Ein Tiroler Raubfeldzug (24.3.) ins Unterengadin tat ein übriges, um die Drei Bünde in eine hochaggressive Stimmung zu versetzen. Am 11. Mai 1499 begann schließlich das direkte Vorspiel zur Calvenschlacht. Habsburgische Truppen versuchten nämlich erneut, das Münstertal und den Ofenpass zu erobern. Wiederum scheiterten sie und wurden von den Bündnern zurückgeworfen.

Benedikt Fontana.
Benedikt Fontana. Bild: wikipedia Paebi

Benedikt Fontana, Burgvogt in der Fürstenburg bei Burgeis, war nach dem Angriff der Tiroler auf die Fürstenburg in Burgeis in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar ins Engadiner Hinterland geflüchtet. Als Angehöriger des Gotteshausbundes forderte er daraufhin, dem Aufzug der Habsburger Armee im Oberen Vinschgau so intensiv wie nur denkbar entgegen zu treten. Die Besitzungen des Bistums Chur sollten nicht kampflos an die Habsburger fallen. Die Bündner folgten ihm und kamen seinen Forderungen nach.

Hier war Benedikt Fontana Burgvogt: die Fürstenburg in Burgeis. Foto: W. Kräutler

Die Hauptmacht der Bünde-Armee, bestehend aus rund 6.300 Mann, startete am 17. Mai von Zuoz aus ins Val Müstair. Wissend, dass Maximilian noch Verstärkungen in Tirol aushob und unterwegs ins Obere Vinschgau war. Den Bündnern entging auch nicht, welche Anstrengungen die Österreicher unternahmen, um den Zugang zum Münstertal bei Laatsch zu befestigen.

Landsknechte
Landsknechte samt den sogenannten ‚Trossweibern‘ auf dem Marsch in die Schlacht. Bild: wikipedia

Das Hauptquartier richteten die Bündner Truppenführer im heute noch quasi im Oritinal existierenden Gasthaus Chalavaina in Müstair ein. Unglaublich aber wahr: die ‚Spuren‘ des historischen Auftaktes zur Calvenschlacht sind im Haus noch zu sehen. In den Deckenbalken sind die originalen ‚Pikenlöcher‘ zu sehen. Die entstanden, als Landsknechte ihre Kampf-Spieße quasi an den Deckenbalken ‚aufgehängt‘ haben.

CASA CHALAVAINA MÜSTAIR
Das legendäre Gasthaus Chalavaina in Müstair beherbergt heute noch direkte Spuren der Calvenschlacht. Foto: W. Kräutler

Vom heute ebenfalls noch existierenden Balkon der Chasa Chalavaina aus hielt Benedikt Fontana am Vorabend der Schlacht eine Rede an seine Mannen. Es ist nicht überliefert, was er genau sagte. Ich in mir aber sicher, dass er ihnen die Konsequenzen einer Niederlage geschildert hat. Fontana war neben Hertli Capol von Flims der hervorragendste Hauptmann der Bündner Truppen. Ihm war klar, dass eine Niederlage die Auslöschung des Engadin durch die ‚Tiroler‘ zur Folge gehabt hätte. Das musste er nur seinen Truppen vermitteln um ihren Kampfgeist aufs Äußerste zu entfachen.

Chalavaina in Müstair
Von diesem Balkon herunter sprach Benedikt Fontana zu seinen Mannen Foto: W. Kräutler

Die von mir über alles geschätzte Chasa Chalavaina möchte ich getrennt vorstellen. Ihr findet die Beschreibung dieses historischen Gebäudes in einem der nächsten Blogs.

Die Kriegslist der Drei Bünde

Die Anführer der Bündner beschlossen, der Truppenkonzentration der Habsburger im Raum Glurns-Mals mit einer taktische Finte entgegen zu treten, die sich auch schon bei der Schlacht in Frastanz bewährt hatte. Ein Teil der Truppen sollte eine groß angelegte Umgehung durchführen um den Feinden in den Rücken fallen zu können. Wer die Situation in Müstair kennt weiß, wie kräfteraubend eine solche Umgehung ist. Sicher ist, dass Habsburgs Heerführer nie und nimmer damit gerechnet hatten.

Calvenschlacht, Aufmarsch
Die Umgehungsroute der Drei Bünde über Tellalap und Tellajoch in das Arundatal nach Schleis und Laatsch. Grafik aus: https://www.calvenschiessen.ch/media/calvenschlacht_1499.pdf
Kloster Müstair
Das Kloster Müstair ©W. Kräutler

Meine experimentellen Geschichtserkundung

Um abzuschätzen, was die Bündner und Schweizer Landsknechte leisteten, folgte ich der angenommenen Route dieser Umgehung im Herbst 2019. Ein lieber Bekannter, Gerhard Kapeller aus Taufers im Münstertal, war bereit, mir die möglichen Aufstiegsroute auf das ‚Tellajoch‘ zu zeigen. Das ist die einzig logische Verbindung ins Arundatal, das dann bei Schleis und Burgeis ins Obere Vinschgau mündet. Von Müstair aus sind etwa 1300 Höhenmeter zu überwinden, die Länge der Strecke beträgt rund 25 km. Die Schwierigkeit dabei: die Bündner Landsknechte durften nie ins Blickfeld der Burg Rotund kommen. Dort hatte Ulrich von Habsberg Beobachtungsposten stationiert, die jede Truppenbewegung der Bündner sofort gemeldet hätten. Das wäre verheerend für die Bündner Strategie gewesen.

Berichten zufolge starteten zwischen 2.000 und 3.000 Kämpfer, angeführt von Wilhelm Ringk und Hans von Lombris, mitten in der Nacht von Müstair aus zur Überschreitung des Tellajochs auf knapp 2350 m Seehöhe. Für uns kaum vorstellbar: Sie schleppten ihre Waffen, Pieken, Schwerter, Messer und Schilde mit.

Der Aufstieg auf das Tellajoch

Also bin ich im Herbst 2019 mit Gerhard auf einer Route zum Tellajoch aufgestiegen, die zum allergrößten Teil nicht von der Burg Rotund einzusehen war. Der Weg führt vom Kloster zu einem Rotund abgewandten Bergrücken, auf dem es steil nach oben geht. Nach rund 2 Stunden hatte ich dann schwer schnaufend die Tellahöfe erreicht. Dass wir dabei noch Stellungen aus dem ersten Weltkrieg passierten ist bemerkenswert. Vermutlich erwarteten die österr. Truppen damals einen Durchbruch der Italiener ins Münstertal und weiter nach Südtirol.

Tellahöfe
Die Tellahöfe ©Kräutler
Tellajoch
Das Tellajoch ist erreicht. Im Hintergrund der Ortler. ©Kräutler

Der Abstieg durchs Arundatal

Beim Abstieg durchs Arundatal teilte sich vermutlich die Umgehungstruppe. Ich denke, es könnte eine Diskussion um den Weg gegeben haben. Bei der alten Mühle unterhalb von Schlinig gibt’s nämlich zwei Möglichkeiten des Abstieges ins Etschtal. Ein Weg führt nach Burgeis zur Fürstenburg und biegt dann bei der Stefanskapelle nach Schleis ab. Der andere über den heutigen Polsterhof direkt nach Schleis und damit hinter die bei Laatsch liegenden Tiroler Truppen. Vermutlich teilte sich die Truppe um so schneller gemeinsam den Talboden zu erreichen. Bei den Österreicher mussten die plötzlich und lawinenartig auftauchenden Bündner ‚Gewalthaufen‘ einen Schock ausgelöst haben.

Abstieg Tellajoch
Beim Abstieg ins Arundatal mussten die Landsknechte schon vor Jahrhunderten die divrsen Bächlein und den Fluss überqueren. Als Bauernburschen dürfte ihnen das keinerlei Probleme bereitet haben. © Kräutler
laatscher alm
Bei der Laatscher Alm beginnt der eigentliche Weg durch’s Arundatal nach Schleis oder Burgeis. Man kann heute noch den alten Weg sehen, der allerdings auf der rechten Seite des Baches verläuft. Ich war zu faul, ihm zu folgen, weil ich auch nicht wusste, ob er durchgehend begehbar ist. © Kräutler
Blick von Arundatal ins obere Vinschgau Kopie
Urplötzlich öffnet sich der Blick ins Obere Vinschgau. Rechts unterhalb der Polsterhof © Kräutler
Kapelle St. Stefan bei Marienberg
Die Kapelle St. Stefan bei Marienberg. Hier zweigt der Weg nach Schleis ab, den die Bündner Krieger mit größter Wahrscheinlichkeit gegangen sind. Man erreicht das Ufer der Etsch in Schleis und ist in rund zwanzig Minuten entweder in Burgeis oder in Laatsch. © Kräutler
Schleis und Laatsch von Arundatal Kopie
Schleis und Laatsch liegen nun direkt vor den Landsknechten. Sie konnten sicher schon die kaiserlichen Truppen auf dem Calvenfeld sehen, das im Foto von der Sonne beschienen ist. © Kräutler

Am Morgen des 22. Mai 1499 begann die blutigste Schlacht auf Tiroler Boden mit einem Angriff der Bündner in den Rücken der habsburgischen Krieger.

Im nächsten Blogpost: Die Bündner kämpfen sich von Laatsch bis zur Letze durch und entzünden in der Malser Heide einen Stall. Die Tiroler weichen in Erwartung von 30.000 Schweizern zur Letzi zurück. Die Bündner rennen von Taufers her kommend gegen die Schanzen der Habsburger an. Sie drohen im Artilleriefeuer der Habsburger unter zu gehen. Benedikt Fontana wird beim Sturm auf die Schanzen tödlich verwundet und spricht jene Worte, die den Bündner Patriotismus seither befeuert.

In Teil III schildere ich den Schlachtverlauf. Wer den Blog abonniert hat den Vorteil, jedes neue Posting sofort zu erfahren.

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