Die blutigen Vorboten der Calvenschlacht

Die Calvenschlacht war die brutalste kriegerische Auseinandersetzung die jemals auf Tiroler Boden stattgefunden hat. Wie konnte es zu dieser gigantischen Vernichtung von Menschenleben kommen? Im ersten Teil meiner kleinen Serie will ich den Auftakt zur Katastrophe darstellen die Tod und Verderben über den Vinschgau bingen sollte.

Die düsteren Wolken drohenden Unheils verdunkelten schon Jahre vor der Calvenschlacht den Polithimmel über Europa. Maximilians Vater Friedrich III. und der französische König Louis XI. fühlten sich ob der Macht des Burgunderreiches bedroht. Sie benötigten Verbündete und fanden 1476 die Eidgenossen. Dem steinreichen und unberechenbaren Herzog Karl den Kühnen von Burgund wollte man jetzt gemeinsam zu Leibe rücken.

Friedrich und Louis dachten aber nicht im Entferntesten daran, den Burgundern mit eigenen Truppen entgegen zu treten. Verfügten die doch über das damals modernste Heer Europas. Die Idee der beiden: den Eidgenossen müsste ein Waffengang schmackhaft gemacht werden. Deren ‚Gewalthaufen‘ waren weitum gefürchtet. Die Landsknechte, von den Eidgenossen ‚Reisläufer‘ genannt verdienten ihren Sold mit Mord und Brand, waren bestens geschult und an Brutalität kaum zu überbieten. Jetzt sollten sie sich als grimmige Krieger beweisen und die Kohlen für die beiden gekrönten Häupter aus dem Feuer holen. Und tatsächlich: die Schweizer siegten 1476/77 in den Schlachten bei Grandson, Murten und Nancy.

Die legendäre Burgunderbeute

Mit dem Tod Karls des Kühnen in der Schlacht bei Nancy wurde die politische Macht Burgunds dann auch endgültig gebrochen. Legendär ist die Beute, die die Eidgenossen in Grandson machten. Ihnen fiel neben 400 Kanonen auch die sogenannte Burgunderbeute‘ in die Hände. Um die Verteilung der Silberwaren, der religiösen Relikte, prachtvollen Kleider und funkelnden Schmuckstücke gab es unter den Schweizer Landsknechten Streit und Zwietracht. Der Großteil der Silberwaren wurde daraufhin eingeschmolzen und verteilt.

Burgunderbeute
Die in Luzern präsentierte Beute von Grandson. Illustration von Diebold Schilling dem Jüngeren, 1513. Bild: Korporation Luzern, e-codices.ch

Nichts tun und doch kassieren

Dann passierte etwas, was die Eidgenossen zur Weißglut brachte: Friedrich und Louis forderten von den Eidgenossen plötzlich ihren Anteil am Burgunderschatz. Die Schweizer betrachteten das als unfassbare Anmaßung und waren fortan nicht mehr gewillt, den Habsburgern auch nur im geringsten zu trauen. Das Zerwürfnis lief jetzt auf einen totalen Bruch mit dem deutschen Reich hinaus. Zudem bauten die Eidgenossen ein Heer auf, das Angst und Schrecken verbreitete. Friedrichs Sohn Maximilian I. sollte es 13 Jahre später mit voller Wucht zu spüren bekommen.

Friedrich III. auf dem Relief am Goldenen Dachl wurde von seinem Sohn Maximilian als Gaukler mit Eselsohren dargestellt. Wollte er der Nachwelt signalisieren, dass sein Vater ein Narr gewesen ist? Foto: W. Kräutler

Maximilian war sich nicht zu blöd, als Nachfolger seines Vaters Friedriche III. weiter Öl ins eidgenössische Feuer zu gießen. Was sich um die damalige Jahrhundertwende abspielte sollte in einer regelrechten Explosion enden. Sie brachte Elend, Tod und Verderben für ganze Landstriche.

Der ‚edle Ritter‘, wie immer in Geldnot, wollte seine Kriegslüsternheit auch durch eine neue Steuer finanzieren. Am Wormser Reichstag 1495 ließ er den „Gemeinen Pfennig“, als eine Art Wehrsteuer beschließen. Zudem sollte ein ‚Reichskammergericht’ eingeführt werden um den ‚Ewigen Landfrieden‚ zu sichern. Das war ein Versuch Maximilians, die Macht der Zentrale gegenüber Ständen und Regionalgewalten zu stärken. Maximilians Ansinnen reizte die freiheitsliebenden Schweizer Ur- und Bauernkantone auf’s Blut, sahen sie doch ihren Quasi-Autonomiestatus ernsthaft bedroht.

Wutentbrannt weigerten sie sich, die Beschlüsse des Reichstags zu akzeptieren. Als Maximilian dem Gotteshaus- und dem Grauen Bund daraufhin auch noch verbot, mit den Eidgenossen ein Bündnis einzugehen, war der Ofen aus. Maximilian scheute vor nichts mehr zurück: er verhängte die Reichsacht über die «bösen, schnöden und groben Bauern». Krieg war unausweichlich.

Erste Vorbeben

Schweizer ‚Reisläufer‘ samt Trossweibern auf dem Weg zur nächsten Schlacht. Reis bedeutet Reise, es waren also quasi reisende Landsknechte, die sich ihren Lebensunterhalt mit Krieg verdienten. Bild: wikipedia

Die Frage, wer eigentlich für den Schwaben- oder Engadinerkrieg schlußendlich verantwortlich gemacht werden kann ist mehr oder minder geklärt. Am 10. Jänner 1499 traten die streitenden Parteien in Feldkirch noch einmal zusammen um die immer wieder zwischen Schweizern, Schwaben und Österreichern aufkeimenden Fehden beizulegen. Denn auch die Churer und Bündner scheuten den Krieg.

Tatsächlich konnte man sich einigen. Ein berittener Boten sollte diese Einigung den Engadinern überbringen und bekannt geben. Die Innsbrucker Regierung ließ jedoch den Boten in Landeck festnehmen, um die Engadiner später als Friedensbrecher darstellen zu können. Das Unheil nahm seinen Lauf.

In der Zwischenzeit befahl die Innsbrucker Regierung in Glurns 4.000 Mann zusammen zu ziehen. Auf Vermittlung des Bischofs von Konstanz schlossen die Churer und die Tiroler Feldhauptleute jedoch am 2. Februar 1499 einen Waffenstillstand. Der Tiroler Landeshauptmann Leonhard von Völs erhielt dafür jedoch einen scharfen Verweis aus Innsbruck, worauf auch der zweite Waffenstillstand obsolet wurde. Mehr noch: von Völs ließ am 11. Februar das Frauenkloster Müstair/Münster überfallen, ausplündern und in Brand stecken und gleich mehrere Nonnen nach Innsbruck abführen. 

Es war der von Habsburg geschlagene Zündfunke, der zum Ausbruch eines Krieges führte, an dessen Ende der Vinschgau in Schutt und Asche liegen sollte.

Schon kurz nach diesem Überfall auf das Kloster begann der hintertückische, erbarmungslose Kleinkrieg zwischen den Schweizern und den Habsburgern. Man wollte sich gegenseitig so brutal wie nur möglich schaden. Raub- und Plünderzüge verheerten das Land, Dörfer wurden abgebrannt, Hausrat, Vieh und gelagertes Korn gestohlen und die Felder vernichtet. Glaubt man den zeitgenössischen Berichten überboten die Eidgenossen ihre Gegner sogar noch im Morden und Brandschatzen. Die Brutalität kriegerischer Auseinandersetzung steigerte sich von Monat zu Monat und steuerte auf einen ultimativen Höhepunkt zu.

Feldkirch Schattenburg
Der auf der Feldkircher Schattenburg paktierte Waffenstillstand wurde von der Innsbrucker Regierung unterlaufen.

Inzwischen zwang Leonhard von Völs die Vinschger, dem Kaiser den Landes- und Erbhuldigungseid zu leisten. Dabei stieß er viele der Gotteshausleute im Vinschgau in einen tiefen Zwiespalt. Sie waren dem Bischof von Chur und nicht der Tiroler Regierung und den Habsburgern verpflichtet. Wer sich dem Befehl der Österreicher widersetzte wurde kurzerhand enteignet. Die Reaktion ließ kaum auf sich warten: Anfang März ließen die Bündner einige Bauernhöfe in Nauders in Flammen aufgehen.

Als daraufhin Ende März die Tiroler Truppen des Königs und des Schwäbischen Bundes mordend und plündernd im Engadin bis Zernez und ins Münstertal zogen floh sogar der bischöfliche Hauptmann auf der Fürstenburg in Burgeis bei Mals, Benedikt Fontana. Der sollte sich noch an Maximilian rächen.

Fürstenburg Burgeis
Die Fürstenburg von Burgeis

Um sich vor weiteren Übergriffen der Engadiner zu wappnen zogen die Habsburger im März bei Taufers rund 9.000 Kämpfer zusammen. Da diese zu verhungern drohten, hielten sie sich am Engadin quasi schadlos. Die Kriegshaufen fielen Ende März im Unterengadin ein. Der Kaiser wollte seinen abtrünnigen Schweizern mit diesem Überfall offenbar zeigen, wo der Hammer hängt. Seine Mannen brüsteten sich, 11.000 Stück Vieh geraubt, 10 Dörfer verbrannt und dreißig Geiseln verschleppt zu haben. Denn die Dörfer konnten die sogenannte ‚Brandschatzungssumme‘ von 2000 Gulden nicht bezahlen. Also mussten sie dreißig Männer, meist aus vornehmen Familien stellen, die als Geiseln nach Meran gebracht wurden.

Ein Detail am Rande: Vom erbeuteten Vieh wurde ein Drittel als Küchenfleisch für die königliche Majestät und ein Teil für den Hauskämmerer von Innsbruck bestimmt. Der Adel hatte seine Untergebenen schon immer sträflich mißachtet. Was übrigens zwei Jahrzehnte später zum deutschen Bauernkrieg führen sollte.

Der Gotteshausbund und Benedikt Fontana

Mit Benedikt Fontana betritt nun die legendäre Figur die politische Bühne des frühen Jahres 1499. Er war Burghauptmann auf der Fürstenburg zu Burgeis bei Mals und agierte vor allem als eine Art Richter. Denn im 14. Jahrhundert gehörte das Unterengadin und der Vinschgau – und damit auch die Fürstenburg – zur Diözese Chur, die auch die Verwaltung besorgte. Die Politik der Nachgiebigkeit der Churer Bischöfe gegenüber den Habsburgern, die seit dem Kauf Tirols im Jahre 1363 stetig auf Gebietserweiterungen aus waren, wurde von der Bevölkerung der Diözese im Münstertal und Vinschgau ganz und gar nicht goutiert.

Deshalb wurde schon am 29. Januar 1367 in Chur der ‚Gotteshausbund‚ mit dem Ziel geschlossen, eine schleichende Übernahme der Besitzungen des Bistums Chur im Münstertal und Vinschgau durch die Tiroler Habsburger zu verhindern. Waren doch Unterengadin, Münstertal und Oberer Vinschgau (auch „Gericht Untercalven” genannt”) schon lange ein Streitpunkt zwischen der Grafschaft Tirol und dem Bistum Chur. 1497/99 schlossen dann der damals schon 130 Jahre bestehende Gotteshausbund, der 1424 gegründete Graue Bund und der 1436 gegründete Zehngerichtebund ein Abkommen mit der Eidgenossenschaft. Die Einheitsfront gegen die weitere Ausbreitung der Macht Habsburgs in Graubünden stand. Es war eine ‚kalte Kriegserklärung‘ an Maximilian.

Karte: wikiwand
Wappen der Drei Bünde
Die Wappen der Drei Bünde. Von links: Grauer Bund, Gotteshausbund und Zehngerichtebund. Foto: W. Kräutler
Das Benediktinerinnenkloser zu Müstair. Dessen Besetzung war ein Fanal zum Aufstand der drei Bünde gegen Habsburg. Foto: W. Kräutler

Der eidgenössische Beschluss zur Brutalisierung des Kampfes

Zwei Monate vor der Calvenschlacht trafen die Eidgenossen eine Entscheidung, die in der Folge zur Grundlage einer bis dahin unbekannten Brutalisierung des Kriegsgeschehens wurde. Am 13. März 1499 fassten die Abgeordneten der Versammlung aller eidgenössischen Kantone einen historischen Beschluss: Alle Gefangenen, die im Krieg gemacht werden würden, sollten umgehend „abgetan“, also erschlagen werden. Schon in den Burgunderkriegen hatte ein ähnlicher Befehl maßgeblich zu den Siegen der Eidgenossen beigetragen. Weshalb aber dieser Beschluss, den die Eidgenossen bei Missachtung mit dem Tode bestrafen wollten?

Damals war es üblich, dass Fußsoldaten und Ritter bei einem greifbar nahen Sieg die Kampflinie verließen um ‚menschliche Beute‘ zu machen. Hochrangige Gefangene brachten hohes Lösegeld und machten ein Gemetzel erst lukrativ. Genau diesen ‚Ungehorsam‘ wollte die Eidgenossenschaft mit dem Beschluss verhindern. Die Beibehaltung einer intakten Kampflinie sollte es den Gegnern der Schweizer unmöglich machen, an Stellen durchzubrechen, an denen eidgenössische Kämpfer fehlten weil sie auf Gefangenenjagd waren.

Schlachtszene Mittelalter
An Brutalität kaum zu überbieten: die Schlachten des Mittelalters. Bild: wikipedia

Antropologische Untersuchungen von Skeletten gefallener Krieger des Schwabenkrieges belegen die verheerenden Folgen des Beschlusses. Die Schweizer hatten ihre Gegner regelrecht zerhackt, sie kämpften dicht geschlossen und diszipliniert und verließen offenbar ihre Kampflinie keinen Millimeter. Die Verstümmelungen belegen weiter, dass die Verwundeten nach dem Kampf „abgekeult“, also brutal erschlagen worden waren.

Der Beginn des Mordes: die Schlacht bei Hard

Die Ouverture zur Calvenschlacht fand am 22. Februar 1499 statt. Die Eidgenossen überfielen ein Heerlager des mit Maximilian verbündeten Schwäbischen Bundes bei Hard am Bodensee. Jetzt ändern die Schweizer ihre Taktik: sie übernehmen die Initiative, greifen ohne zu zögern an und tragen die Angriffe in absolut furioser Form vor.

Die ungezähmte Aggression der zahlenmäßig unterlegenen eidgenössischen ‚Gewalthaufen‘ versetzte die Schwaben bei Hard jedenfalls derart in Angst und Schrecken, dass sie in Panik Hals über Kopf davonrannten. Sie ließen dabei auch einige wertvolle Kanonen zurück. Eine höchst willkommene Beute für die Eidgenossen, die jetzt beginnen konnten, eine eigene Artillerie aufzubauen.

Der Blutzoll von Hard: Zeitgenössische Berichte sprechen von 2.200 getöteten Schwaben. Viele bekannte und honorige Bürger aus den schwäbischen Städten am Bodensee wurden von den Eidgenossen brutal erschlagen. Andere ertranken in den Sümpfen und Fluten des Bodensees, in die sie von ihren erbarmungslosen Gegnern getrieben wurden. Blankes Entsetzen in den schwäbischen Städten und Dörfern war die Folge.

Bei Hard, Höchst und Fußach drängten die Eidgenossen viele Söldner Habsburgs in den Sumpf des Bodensees; viele ertranken beim Untergang überladener Schiffe. Aus den Karten des Schwabenkrieges, angefertigt vom Meister PPW von Köln in den Jahren 1502-1505. (Gemanisches Nationalmuseum, Nürnberg). Aus: Historisches Lexikon Bayerns

Weitere Gemetzel folgten. Der Schwäbische Bund wurde in der Folge von den Eidgenossen regelrecht ‚vorgeführt‘. In den Schlachten vom 22. März im Bruderholz nahe Basel und am 11. April bei Schwaderloh erlitten Maximilians Verbündete demütigende Niederlagen.  

Die Schweizer Erfolgsformel: ‚Dem Feind in den Rücken fallen‘

Knapp zwei Monate nach der Schlacht bei Hard, genauer am 20. April 1499, fielen die Eidgenossen erneut in den habsburgischen Vorlanden ein, wie Vorarlberg einst genannt worden war. Unter der Führung des Urner Hauptmanns Heini Wolleb und Ulrich von Sax vernichteten die ‚Gewalthaufen’ der Schweizer in Frastanz die habsburgischen Truppen. Geschätzte 3.000 Mann des Königs wurden regelrecht massakriert. 

Bei einer Analyse der Schlacht hätten Maximilians Hauptleute eigentlich hellhörig werden müssen. Der Sieg der ‚Gewalthaufen‘ basierte auf zwei taktischen Neuerungen: einerseits griffen die Eidgenossen wieder wie in Hard überfallsartig an. Andererseits setzten sie auf eine List, die sich bei der Calvenschlacht wiederholen sollte: Sie umgingen die Stellungen der Habsburger in großem Stil und fielen diesen dann in den Rücken. Mit kühn exekutierten Finten, überbordender Aggression und einer Art mittelalterlicher Guerilla-Taktik glichen die Eidgenossen ab sofort ihre quantitative Unterlegenheit aus. Verfügten sie doch über weniger Landsknechte, kaum Artillerie und keine Kavallerie.

Eine gewichige Folge dieser Schlacht war die daraus entstandene schlechte Moral der Truppen Maximilians. Sie trat offen zutage, wie ein Zeitzeuge berichtete. Die Schwaben hätten nämlich bei dieser Niederlage den Mut derart verloren, dass sie fortan ‚den Anblick des Feindes kaum mehr ertragen konnten‘. Das hieß schon was. Für Maximilian war diese Niederlage Grund genug, den Eidgenossen und den Bünden nun endlich ganz offiziell den ‚Reichskrieg‘ zu erklären.

Schlacht bei Dornach
Die Darstellung einer Schlacht bei Dornach zeigt, wie motiviert die Schweizer zu Werke gingen. Bild: wikipedia
Die Schweizer umgingen in der Schlacht bei Frastanz die Habsburger, in dem sie über den Royasattel und Fellengatter in die Flanke der Maximilianischen Truppen stießen und anschließend ein furchtbares Gemetzel entfachten. Bild. M. Zanoli-wikipedia.

Warum war das Münstertal eigentlich so wichtig für Maximilian?

Eine Frage müssen wir noch klären: Weshalb hatte Maximilian ein derart großes Interesse am Münstertal und dem Oberen Vinschgau? Auf den ersten Blick gab es dort außer dem Kloster nichts. Der Grund lag denn auch in der Absicherung von Habsburgs Zugang nach Oberitalien, speziell in die Lombardei mit der Hauptstadt Mailand. Seit 1494 schon schwelte ein Konflikt Habsburgs mit Frankreich um die Vorherrschaft in Oberitalien. Die Kontrolle über die Alpenpässe, die den direkten Vorstoss in die Lombardei ermöglichten, waren für Maximilian also von entscheidender strategischer Bedeutung. Und einer der wichtigsten Alpenübergänge war damals das ‚Wormser Joch‘, rätoromanisch Umbrail genannt, der vom Münstertal ins Veltlin führt und die einzige direkte Verbindung zwischen Innsbruck und Mailand darstellt.

Das Wappen der Bianca Maria Sforza und König Maximilians an einem Haus in Taufers im Münstertal. Foto: W. Kräutler

Maximilian war ja auch mit einer Tochter des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza verheiratet. Der stets in Geldnot befindliche Maximilian musste nach dem Tod seiner ersten Ehefrau Maria von Burgund diese weitere Hochzeit allein schon aus seiner permanenten Geldknappheit heraus eingehen. Da kam ihm ein überaus üppiges Angebot aus Mailand sehr gelegen. Der durch einen Putsch ans Ruder gekommene neureiche Mailänder Regent Ludovico ‚il Moro‘ Sforza träumte nämlich von der Herzogswürde. Mit seiner Nichte Bianca Maria wollte er sich diesen Traum erfüllen. Also bot er sie dem österreichischen Imperator als Ehefrau an. Nicht ohne eine gigantische Mitgift von 400.000 Dukaten in bar und weiteren 40.000 Dukaten in Juwelen auszuloben. Die astronomische Summe überzeugte Maximilian logischerweise. Er heiratete Bianca Maria am 16. März 1494 in Hall, Ludovico erhielt im Gegenzug dafür den Herzogstitel. 

Bianca Maria Sforza, Königin von Österreich gemeinsam mit Maximilian auf einer der Relieftafeln des Goldenen Dachls in Innsbruck. Bild: W. Kräutler

Maximilian wusste: Mailand und Oberitalien waren durch immense Steuereinnahmen bekannt. Auf die hatte aber auch der Franzosenkönig ein Auge geworfen. Das bedeutete für Maximilian: er musste Truppen schnell nach Oberitalien verschieben können um diese Pfründen halten zu können. Und das erfolgte am schnellsten durch das Münstertal und den Umbrailpass. Und da wollte er nicht jedes Mal lang und breit mit dem Gotteshausbund oder dem lästigen Grauen Bund verhandeln müssen.

Es kam wie es kommen musste: Maximilian plante, sich den Weg durch das Münstertal militärisch frei zu kämpfen und abzusichern. Nicht nur das: über den Ofenpass konnte er auch ruck-zuck ins Engadin und weiter bis Chur gelangen. Der Plot für eine monumentale Auseinandersetzung war fixiert.

Maximilians Truppen versammeln sich bei Glurns auf der ‚Malser Heide‘

Anfang April war allerdings die Schar Maximilianischer Kriegsknechte geschwunden wie Schnee in der Frühlingssonne. Nach den Plünderungen hatten viele offenbar genug und machten sich nach Hause auf. Nur noch 2.000 lagerten auf den Feldern bei Glurs. In Innsbruck schrillten darob die Alarmglocken. Eine Mobilmachung wurde angeordnet, fürchtete man doch nach der Niederlage bei Frastanz mit dem jederzeitigen Einfall der Bündner. Aus der Stadt Brixen wurde sogar die Wehrmauer-Mannschaft abgezogen, worauf die Domherren Wache schieben mussten. Da hatten sie endlich einmal etwas zu arbeiten…

Zu Pfingsten des Jahres 1499, es war der 19. Mai, lagerten also rund 8000 Mann im Feld vor Glurns, darunter 1500 Söldner aus Neapel. Sie hatten auf Kaiser Maximilian zu warten, der bei dieser Schlacht höchstselbst die Führung übernehmen wollte. Seine Generale hatten sich für ihn als unfähig und vor allem als zu feige erwiesen, das Schweizer und Engadiner Bauernpack zu besiegen. Maximilians Eintreffen wurde für die nächsten Tage erwartet, er war von Landeck her mit Truppenverstärkungen unterwegs.

Er sollte bei seinem Eintreffen in Mals nur noch blutgetränkte Erde, und die grässlich stinkenden und zerschundenen Leichen seiner Krieger vorfinden.

Im nächsten Blogpost: Die Bündner wollen den ‚Tirolern‘ in den Rücken fallen. Eine im Gasthof Chalavaina zu Müstair beschlossene Kriegslist soll die zahlenmäßige Unterlegenheit der drei Bünde ausgleichen. Wir folgen den Spuren der Schweizer Landsknechte über das 2300 m hohe Tellajoch in das Arundatal bis zum Talboden nach Schleis. Und fragen uns dann, weshalb die kaiserlichen Soldaten annehmen konnten, es würden ihnen urplötzlich 30.000 Eidgenossen und Bündner in den Rücken fallen.

Hier geht’s z Teil II

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Ein Gedanke zu “Die blutigen Vorboten der Calvenschlacht

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