Zwischen Vogelscheuche und Hakenkreuz

Ein soeben erschienenes Buch schildert die Zeit zwischen 1938 und 1945 in einem kleinen Tiroler Dorf aus der Sicht von damals jungen Buben, die im Schnelldurchgang zu Männern werden mussten.

Mehr als 75 Jahre ist es her, dass der brutalste Krieg der Menschheitsgeschichte zu Ende gegangen ist. Provoziert von einem teuflischen Regime, dessen Mörderbanden Millionen von Menschen bestialisch töteten. Und deren Epigonen in unseren Tagen schon wieder nach Macht und Einfluss streben.

Ich habe mich auf meinem Blog bisher mit zwei herausragenden Büchern zu diesem Thema beschäftigt: mit dem heldenhaften Einsatz dreier Männer zur Rettung Innsbrucks, der Operation Greenup. Und mit einem Band, der ‚Schnappschüsse der Befreiung‘ präsentiert. Den vorläufigen Abschluss dieses Themas in meinem Blog möchte ich mit einem eher kleinen Büchlein machen. 

„Zwischen Vogelscheuche und Hakenkreuz“ nennt sich eine soeben im Verlagshaus Schlosser erschienene biografische Erzählung. Sie schildert das Leben eines Bauernbuben zwischen 1938 und 1945 in einem kleinen Tiroler Dorf. Die bisweilen auch lustigen Erlebnisse des Konrad Sandbichler‘ vermitteln einen Blick in das Leben der ‚kleinen Leute‘ in der Nazidiktatur zwischen dem Einmarsch und dem Kriegsende.

Schiachlhof Dorf-Chronik-Mils
Der Schiachlhof in Mils. Hier spielt die biografische Erzählung. Bild: Dorfchronik Mils

Autor Christian Pittl, bis 2005 Gendarm und Postenkommandant in Mutters, ist vielleicht besser bekannt als Larvenschnitzer. Er beschreibt in seinem Werk die Geschichte seines Vaters, dessen Erlebnisse als junger Bursch. Die Brutalität der Verhältnisse zwangen die kaum der Kindheit entwachsenen Jugendlichen quasi im Schnelldurchgang, zu einem Mann heranzureifen. Im Buch wechseln lustige Passagen mit Erzählungen über die Brutalität der Nazis ab.

Autor Christian Pittl, Buch Vogelscheuche Hakenkreuz
Christian Pittl. Bild: privat

Der Plot baut ruht auf vier Figuren: dem Konrad Sandbichler und seinem Freund Josef. Dann ist da noch der Dorfgendarm, der eine wichtige Rolle einnimmt und dessen Sohn, der Arzt ist. Der Ort der Handlung: Mils in der Kriegszeit mit Dorfladen, dem Bauernhof mit Gemeindestier und den üblichen verstrickten Nachbarschaftsbeziehungen. 

Die Vogelscheuche kommt mit einer Aktion ins Spiel, die damals lebensgefährlich war. Konrad, der Ich-Erzähler und sein Freund Josef nehmen eine Vogelscheuche als Standarte, um mit ihr zu exerzieren. Und damit gegen die Zwangseingliederung in die Hitlerjugend zu protestieren. Die Gestapo nimmt sich die Buben vor, der Dorfgendarm instruiert Josef insgeheim für das Verhör. Konrads Freund gelingt bei den GESTAPO-Schergen eine Erzählung, die aus dem Mini-Protestmarsch eine Demonstration für die Erbauung eines Schießstandes macht. Und beide Buben vor massiven Folgen bewahrt.

Franz-Pittl Skijägerbrigade 1943
Franz Pittl, der ‚Konrad Sandbichler‘ der Erzählung 1943 als Soldat in einer Skijägerbrigade. Bild: privat

Es folgen Kampfeinsatz an der Front und Verwundung des Konrad Sandbichler. Bei der Flucht aus dem Lazarett zu Kriegsende kommt dann de Sohn des Dorfgendarmen ins Spiel, der die Flucht mit einem Marschbefehl tarnt.

Interessant und den historischen Tatsachen entsprechend ist die Erwähnung eines Försters im Buch. Dessen Schicksal ist für den Autor Anlass, ihm ein ehrendes Andenken zu setzen. Im Gasthof Windegg in Tulfes hat dieser Förster bei einer Forstsitzung einem Nazibonzen widersprochen. Dieser hatte ihn gerügt, dass die zwei Försterbuben noch immer Ministranten seien und nicht bei der Hitlerjugend wären. Die Antwort des Försters, das seien seine Kinder und nicht die des ‚Führers‘ kostete ihm schlußendlich das Leben in einem Konzentrationslager.

Die biografische Erzählung basiert auf Erlebnissen des Vaters von Christian Pittl. Damit konnten die damals teils schwer traumatisierten Männer zumindest einen Teil der Last von ihrer Seele reden. Den Wenigsten ist es allerdings gelungen, jenes Regime zu vorbehaltlos zu verurteilen, das ihnen die Jugend geraubt hatte. Leider.

Zwischen Vogelscheuche und Hakenkreuz

Christian Pittl „Zwischen Vogelscheuche und Hakenkreuz“.
Konrad Sandbichlers kuriose Erlebnisse und sein Überleben zwischen 1938 – 1945 Erhältlich im guten Buchhandel und direkt Online beim Verlag Schlosser. Aber auch in der Tyrolia und der Wagnerschen Buchhandlung in Innsbruck.

Biografischer Kurzroman, Verlag Schlosser, Kirchheim
ISBN 978-3-96200-412-5; € 12,50