Land der Architektur-Barbaren

Es reicht. Die Untätigkeit des Landes Nordtirol in Sachen Denkmalschutz ist nicht mehr akzeptabel. Ein offener Brief an Kulturlandesrätin Beate Palfrader.

Architekturbarbaren haben in Tirol eine lange Tradition und derzeit offensichtlich Hochsaison. Die entseelten Dorfkerne sprechen eine deutliche Sprache. Aber es wird immer brutaler. Da wird in Innsbruck ein historischer Barocksaal kurzerhand mit der Spitzhacke ausgelöscht. Und in Gries am Brenner droht einem denkmalgeschützten, historischen Haus aus dem 15. Jahrhundert der absehbare indirekt erzwungene Einsturz. Im ersten Fall sind es Immobilienheinis, die von Kultur sauber nichts, aber schon gar nichts halten. Im zweiten Fall ist’s ein Bürgermeister, dem ein unter Denkmalschutz stehendes gotisches Widum offenbar ein ‚Dorn im Auge‘ ist.

Widum Lueg, Gries a.B.
Ein unglaublicher Fall: Wind, Wetter und Schnee bedrohen das einstige Widum in Lueg. Bild: privat

Was Innsbruck und den Barocksaal anlangt: es ist ein barbarisch-dreister Akt der Kulturzerstörung vermittels einer Spitzhacke. Glaubt man der Tiroler Tageszeitung, wurde in den letzten Tagen der prunkvolle ‚Barocksaal‘ des Hotels Europa zerstört. Das war ganz einfach: der Stuck, der den Raum einzigartig machte, wurde kurzerhand und ohne Federlesens heruntergeschlagen. Ein zweiter Fall unfassbarer Architektur- und Denkmalbarbarei ist in einschlägigen Politkreisen schon länger bekannt. Ausgerechnet in einer Gemeinde, deren Bürgermeister derzeit wegen mehrerer ‚Fälle‘ ganz ordentlich ins Gerede und ins politische Schwitzen gekommen ist. In diesem Blogpost will ich diesen Fall schildern. Es handelt sich um das Widum Lueg in der Gemeinde Gries a.B., das zur einstigen historischen Zollstation Lueg gehörte. 

Widum Lueg, Gries a.B.
Das sehr baufällige einstige Widum in Lueg. Es ist ein Jammer. Bild: privat

Während in Innsbruck nun urplötzlich das Bundesdenkmalamt Schuld sein soll, dass sich Kulturbarbaren an einem historischen Saal vergriffen haben ist die Sachlage in der Nähe des Brenners grundverschieden. Dort steht tatsächlich eine Behörde im Verdacht, ein unter Denkmalschutz und im Privatbesitz stehendes Gebäude mittels einer amtliche Verordnung verrotten zu lassen.

Dürfen Immobilienspekulanten machen was sie wollen?

Das Bundesdenkmalamt war im Fall des Barocksaales des Hotels Europa drauf und dran, ihn unter Schutz zu stellen. Das Verfahren konnte nicht mehr eingeleitet werden, da das Gebäude nach dem Konkurs der einstigen Betriebsgesellschaft in neue Hände gelangte. Eine Begehung durch das Bundesdenkmalamt wurde von den neuen Eigentümern hinausgezögert, das Denkmalamt konnte das Verfahren erst gar nicht mehr einleiten und wurde nun vor vollendete Tatsachen gestellt. ‚Kulturvernichtung‘, nennt der Leiter des Denkmalamtes DIng. Walter Hauser diesen Barbarenakt gegenüber der TT-Journalistin Denise Daum, die diesen Fall sauber recherchiert hat. Kulturlandesrätin Beate Palfrader bedauert der TT gegenüber selbstredend die Aktion und sagt, dass „hier mit verwerflichen Methoden nicht nur Tiroler Kulturgut, sondern auch ein Teil Innsbrucker Geschichte zerstört wurde“. No Na. Aber von Konsequenzen ist ihrerseits logischerweise nix zu hören.

Dürfen Bürgermeister machen was sie wollen?

Dass sich Frau Palfrader nur in Sachen Barocksaal ein wenig aufregt verwundert schon einigermaßen. Die Kulturlandesrätin weiß nämlich bereits seit Jahren über einen anderen, schon lange schwelenden Fall Bescheid. In Kurzfassung: Ein Gebäude aus der Gotik wird quasi amtlicherseits dem Verfall preis gegeben. Es ist das Widum Lueg in Gries a.B. Darüber herrscht bis heute Schweigen im Walde, sprich im Büro der Kulturlandesrätin.

Widum Lueg, Gries a.B.
Leere Fensterhöhlen belegen: das einstige Widum, ein Gebäude aus dem 15. Jahrhundert steht kurz vor dem Untergang. Bild: privat

Offener Brief zur Kulturbarbarei in Tirol

Ich bin der Ansicht, wir müssen unsere Politiker_innen wieder beim Wort nehmen. In Sonntagsreden beschwören sie ja meist wortgewaltig die Verantwortung, reden von Last und Bürde und schmücken sich gerne mit dem Urtiroler Wort ‚Patriotismus‘. Wenn’s dann konkret wird, hört man urplötzlich wenig bis gar nichts mehr.

Ich nehme hier diesen Fall unfassbarer und öffentlich praktizierter Architektur-, ja Kultur-Barbarei zum Anlass, mich direkt an die verantwortliche Regierungsvertreterin, Kulturlandesrätin Beate Palfrader, zu wenden. Vielleicht dient dieser Blogpost und mein Offener Brief dazu, dass sie in Gries am Brenner endlich zum Rechten schaut.

Sehr geehrte Frau Landesrätin Palfrader,

wie ihnen als Kulturreferentin des Landes Tirol bekannt ist, zeichnet sich in Gries am Brenner schon seit Jahren eine drohende Vernichtung uralten Tiroler Kulturgutes ab. Die Gründe dafür sind unfassbar, führen sie doch den Begriff ‚Denkmalschutz‘ ad absurdum. 

Locker und in wenige Worten formuliert: Es geht um den ‚kalten Abbruch‘ eines denkmalgeschützten Hauses. Als gelernte Tirolerin wissen sie ja wie das geht Frau Landesrätin: altes Kulturgut wird bisweilen, wenn schon nicht ‚warm‘ abgetragen so doch schlicht dem Verfall preis gegeben. Dauert halt länger. Das ist die bevorzugte, besonders beliebte und infame Technik in Nordtirol, uraltes Kulturgut um die Ecke zu bringen. Besonders beliebt bei Hausbesitzern mit Hang zum Neubau. Übrigens meist Menschen, die mit Architektur und Baukultur soviel zu tun haben wie eine Kuh mit dem Eistanz.

Das können Sie nicht zulassen, Frau Palfrader

Ein Unterschied zu anderen Tiroler Kulturbarbareien ist in Gries a.B. gravierend: Hier kämpft der Eigentümer des unter Denkmalschutz stehenden alten Widums seit 2016 darum, das Gebäude fachgerecht sanieren zu dürfen. Aber die Gemeinde wollte das nie und fällt ihm in jeder Beziehung juridisch in den Arm. Ein unglaubliches, ein düsteres Beispiel des Umgangs mit unserer Tiroler Geschichte.

Konkret: Der Bürgermeister der Gemeinde Gries verhindert seit Jahren und mit allen Mitteln, dass das Dach des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Widums repariert werden kann. Ein Schurke, wer Böses dabei denkt: Damit wird ja geradezu provoziert, dass das Gebäude durch Schneedruck, Wassereintrag und Föhnsturm unwiederbringlich zerstört wird. Das können Sie nicht zulassen.

Widum Lueg, Gries a.B.
So kennen Jakobspilger und Spaziergänger dieses alte Widum. Wieder ein historisches Tiroler Gebäude, das einfach verschwindet? Besser: verschwinden muss? Bild: privat

Im Gegensatz zu den ‚verwerflichen Methoden’ beim Barocksaal im Hotel Europa liegen die Dinge im Fall des Widums also völlig anders. Hier will ein Hausbesitzer ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude sanieren und vor der Zerstörung bewahren. Ich darf Sie, geehrte Frau Landesrätin, auf die äußerste Dringlichkeit des Schutzes dieses historischen Tiroler Bauwerkes hinweisen. Ist es doch ihre ureigenste Aufgabe und Verpflichtung, die Kulturgüter des Landes Tirol als zuständiges Regierungsmitglied zu schützen.

Die Geschichte dieses Skandals

Das alte Widum wurde also 2016 von einer Privatperson mit dem Ansinnen erworben, es in Abstimmung mit dem Denkmalamt kulturhistorisch fachgerecht zu sanieren. Damals zeigte sich der Bürgermeister der Gemeinde noch ‚aufgeschlossen, dankbar und kooperativ‘. Wie Sie ja weiters wissen Frau Landesrätin, wurde am 21.02.2017 die Denkmalanlage ‚ehem. Zollstätte Lueg’ mit Bescheid des Bundesdenkmalamtes unter Denkmalschutz gestellt. Einige Monate davor beginnt indes eine verräterische Aktivität des amtierenden Bürgermeisters. 

Erst wollte der nach eigenen Angaben nochmals prüfen, ob ein aus dem Jahr 2012 erlassener Abbruchbescheid – er erfolgte vor dem Kauf der Liegenschaft durch den jetzigen Hausbesitzer – noch gültig sei bzw. wie er aufgehoben werden könnte. Für den 24.10.2016 wurde deshalb ein Besprechungstermin mit dem sanierungswilligen Eigentümer angesetzt. Diesen Termin ließ der Bürgermeister mit der lapidaren Begründung sausen, nichts mehr tun zu können. Wie Sie genau wissen, Frau Landesrätin, hat derselbe Bürgermeister vier Tage vorher, nämlich am 20.10.2016, bei der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck auf Umsetzung eines vier Jahre alten Abbruchbescheides für das Widum gedrängt. Und das, obwohl der Bürgermeister einerseits die historische Bedeutung des Gebäudes kennt und darüber hinaus damals informiert wurde, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. Was dann auch tatsächlich am 21.02.2017 erfolgte. Die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck-Land wird Ihnen das gerne bestätigen.

Wie kann es sein, frage ich Sie Frau Palfrader, dass ein Bürgermeister ein bekanntes historisches Gebäude kurzerhand über den Haufen schieben will? Vor allem auch deshalb, da dieser Fall vor zwei Jahren schon in allen Medien geschildert worden war. Was haben Sie Ihrerseits damals schon unternommen? Sind ihre Rettungsversuche gescheitert? Oder haben sie den Fall etwa auf die leichte Schulter genommen? Wenn ja, weshalb?

Die Gemeinde prozessierte, um das Gebäude abreissen zu können

Das mit dem Denkmalschutz passte dem Herrn Bürgermeister nicht ins Konzept. Die Gemeinde Gries verfügt offenbar über massiv sprudelnde Geldquellen mit denen Denkmalschutz-Bescheide ohne Rücksicht auf die Kosten jahrelang juridisch bekämpft werden können. In Tirol nennt man das ja bekanntlich ‚Advokaten füttern‘. Im Parforceritt ging’s jetzt durch alle Instanzen. Erst ein Spruch des Verwaltungs-Gerichts-Hofes (!) brachte den Herrn Bürgemeister zur Besinnung. Was juristisch kundige Menschen schon vor der Klagsorgie wussten: Der Gemeinde kommt kein Recht zu, die Unterschutzstellung eines Gebäudes zu bekämpfen. Da wurde in Gries a.B. also viel Geld aus dem Fenster geworfen. Für nichts und wieder nichts. Man gönnt sich ja sonst nix.

Widum Lueg, Gries a.B.
Der Grieser Bürgermeister legt sich quer. Muss deshalb ein uraltes historisches Tiroler Gebäude vom Erdboden verschwinden? Noch könnte es saniert werden Foto: privat

Machen Sie dem unwürdigen Spiel des Bürgermeisters ein Ende, Frau Landesrätin

Jetzt aber, Frau Landesrätin, beginnt ein Kleinkrieg, der eindringlich zeigt, dass es um den Denkmalschutz in Tirol nicht allzu weit her ist. Ein Armutszeugnis für ihr politisches Aufgabengebiet und daher auch für Sie persönlich.

Der Bürgermeister hatte nämlich einen allerletzten Hebel in der Hand, mit dem er das ungeliebte historische Gebäude doch noch ans Messer von Wind und Wetter liefern konnte. Denn das Gebiet ist seit Jahren steinschlaggefährdet. Eine an sich sinnvolle Sperrverordnung des Bürgermeisters bot ihm die höchst willkommene Chance, das alte Widum quasi von Amts wegen und dauerhaft den Naturgewalten auszusetzen. Sperrverordnung deshalb, Frau Landesrätin, da der Bürgermeister aus Sicherheitsgründen ein Gebiet insofern sperren lassen kann, als dieses dann nicht mehr betreten werden darf. Und wenn ja, fallen Strafzahlungen an. Das Ende der Steinschlaggefahr ist indes abzusehen, dazu hat sich die ASFINAG als Autobahnbetreiberin verpflichtet.

Sämtliche Anfragen des Widum-Eigentümers um eine kurzfristige Genehmigung zur Betretung zum Zweck der unbedingt nötigen Dachsanierung wurden vom Bürgermeister abgeschmettert. Die gab es nur für alle möglichen anderen Aktivitäten. Dafür wurden Ausnahmen erteilt. Von der Verordnung auch ausgenommen, sie ahnen es Frau Landesrätin, ist das Betreten des Lagerplatzes der Gemeinde. Da hätte sich der Bürgermeister doch beinahe in den eigenen Fuß geschossen.

Eines sollten sie auch noch wissen:  in den letzten rund 50 Jahren ist in der näheren Umgebung von Lueg – auf Kirche und Widum – nachweislich kein Steinschlag abgegangen. Im Nahbereich des historischen Widums gab es bis heute sogar überhaupt keinen dokumentierten Steinschlag. Das weiß man nicht nur in Gries. Ich rate Ihnen, sich bei ihrer hauseigenen Landesgeologie zu erkundigen.

Frau Landesrätin! Kulturliebende Tirolerinnen und Tiroler sehen nicht mehr ein, weshalb ein Bürgermeister die Macht haben darf, die Sanierung eines historischen Gebäudes de facto zu verhindern. Es kann doch nicht sein, dass der Besitzer eines solchen Gebäudes von Amts wegen daran gehindert wird, dringend nötige Erhaltungsreparaturen zu tätigen. Zu einer späteren Totalsanierung nach allen Regeln des Denkmalschutzes ist der Eigentümer bereit.

Ich möchte an sie appellieren: Setzen sie bitte dieser Vollverarschung des Eigentümers eines historischen Tiroler Gebäudes ein sofortiges Ende. Und kommen Sie mir bitte nicht mit  der Ausrede, sie hätten davon nichts gewusst oder gar mit der politischen Standardfloskel, nicht die Macht dazu zu haben. Ich erwarte, dass sie ihrem politischen Kollegen in Gries unmissverständlich zeigen, wo der politische Hammer hängt.

Ich sehe ihrer Aktivität mit größtem Interesse entgegen.

Ihr Werner Kräutler

PS: Als Anlage einige Links, die das Problem schon vor Jahren aufgezeigt hatten:

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Bürgermeister (TT 15.09.2018)

Gotisches Widum zwischen Abbruch und Schutz (ORF 07.06.2018)

Kurioser Streit um Sanierung im Sperrgebiet (Kronenzeitung, 10.11.2019)