Die wundersame Errettung der ‚Fisser Imperialgerste‘

Es gibt wenige Menschen die von sich behaupten können, eine vom Aussterben bedrohte lokale Pflanzenart ‚gerettet‘ zu haben. Christian Sturm, Bio-Bauer aus Untertösens im Oberinntal hat genau das geschafft.

Ich will hier schildern, wie das Engagement weniger Menschen ausreicht, um sogar Landschaften zu verändern. Und überhaupt: wie die Rettung einer standortangepassten Getreidesorte, der original ‚Fisser Imperialgerste‘, zu einer Erfolgsgeschichte wird. Die viele Bauern motiviert, wieder Getreide anzubauen. Eine Geschichte, die auch einen der besten Destillateure des Landes beflügelt hat, endlich seinen lang ersehnten, außergewöhnlichen weil garantiert ‚regionalen’ Whisky zu kreieren. 

Christian Sturm, Hof Aster Untertösens
Ein Feld Fisser-Imperialgerste von Christian Sturm
Fisser Gerste, Hof Aster
Die Fisser Imperialgerste quasi in der ‚Originalverpakung‘ des Hofes Aster. Erhältlich im Hofladele in Untertösens.

Als Christian Sturm im Jahr 2000 gemeinsam mit seiner Frau Gertrud den Hof ‚Aster‘ in Untertösens kaufte war nur eines von vornherein sonnenklar: der 9 ha große Hof musste ein BIO-Hof werden. Mit Mutterkuhhaltung, dem Anbau alter Getreidesorten, Bienen- und Kräuterzucht einer eigenen Mühle und einem Hofladen für den Direktverkauf. Viel Geld wendeten die beiden auf um den Hof zeitgemäß auszustatten Und das, obwohl Christian ein klassischer Nebenerwerbsbauer ist. Er ist im Hauptberuf nämlich Kaminkehrermeister. Ein Glück deshalb, dass sich Gertrud Sturm mit Hingabe der Veredelung der hofeigenen Produkte und deren Verkauf in ihrem wunderschönen Hofladen widmet. 

Hofladen, Hof Aster, Untertösens
Gertrud Sturm veredelt die Hofprodukte und bietet sie in ihrem gemütlichen Hofladen an.

Ich hatte Christian Sturm schon in meinem Buch ’50 Dinge die ein Tiroler getan haben muss‘ vorgestellt. Und bin auch auf die Tatsache eingegangen, dass seine Aktivität in ganz Tirol Früchte zeigt. Wogende Gerstenfelder, süffiges Bier und einen wahrhaft regionalen Single-Malt-Whisky. Den hatte ich noch nicht probiert und so machte ich mich auf, den Meister-Destillateur Gerhard Maass zu besuchen. Und auch Christian Sturm zu bitten, doch auf einen Sprung vorbei zu schauen.

Chrsitian Sturm und Gerhard Maass
Christian Sturm (links) und Gerhard Maass in der Schaubrennerei Maass in Prutz

Bei meinem Besuch von Gerhard Maass, dem Patron der Destillerie Thurabauer in Prutz erfahre ich nun, was da vor rund 8 Jahren en détail vor sich gegangen ist. Denn Gerhard Maass, hochprämierter Destillateur feinster Brände erinnert sich noch genau. Damals hatte Christian Sturm in seiner Tätigkeit als Kaminkehrermeister gerade die neue Heizungsanlage von Maass abgenommen. Die beiden kommen in’s Reden, Christian erzählt von seinem Traum, die alte lokale Gerstensorte ‚Fisser Imperialgerste‘ quasi wieder zum Leben zu erwecken. Und erzählt von seinem Ziel, der Gerstensuppe in der Tourismusregion Serfaus-Fiss-Ladis zu einer Renaissance zu verhelfen. 

Gerhard Maass, der Meisterdestiller aus Prutz stellt einen fantastischen Whisky aus der Imerialgerste her.

Gerste wird weniger gegessen und vielmehr getrunken

Da war er bei Gerhard Maass gerade richtig. Als der hörte, dass Christian Sturm eine alte, lokale und vom Aussterben bedrohte lokale Gerstensorte retten wollte dachte er sofort weiter. Aber in eine andere Richtung: Gerste ist ja bekanntlich die Basis für Whisky und Bier. „Ich hab dem Christian vorgerechnet, wie lange es braucht, bis der Ertrag eines Hektars Gerste für Gerstensuppe reicht, nämlich locker zehn Jahre“, lacht er heute. Also planten die beiden gleich auch eine alkoholische Variante beim Rettungsversuchs mit ein. Ein Vorgang, der zur Kreation eines der erfolgreichsten Biere Tirols führen sollte. Mehr noch: das lockere Gespräch ist der Ausgangspunkt dafür, dass das Land Tirol jetzt sogar auf der Landkarte hervorragender ‚autochthoner‘ Single-Malt-Whiskeys aufscheint.

Fissky von Maass, Prutz
Der ‚Fissky‘ von Maass. Ein wahrhaft edles Tröpfchen aus lokaler Fisser Imperialgerste. Bild: Maass-Brand

Vor den Erfolg hat das Universum allerdings den Schweiß gestellt. Die in Fiss vor knapp 100 Jahren von Herbert Röck in langjähriger Arbeit gezüchtete, standortangepasste ‚Imperialgerste‘ war nur noch in einigen wenigen Kilogramm vorhanden. Sie wurde hier letztmalig 1985 angebaut. Mit deren Keimfähigkeit war’s also nicht mehr weit her. Quasi im letzten Augenblick gelang es unter Mithilfe der Getreidegenbank und Dr. Christian Partl, die letzen Körner zum Keimen zu bringen. Zwei Jahre lang wurden dann nur Samen gezüchtet, auf deren die unglaubliche Auferstehung der Imperialgerste heute fußt. Erst als rund sieben Tonnen Saatgut gezüchtet waren, begann Christian mit dem Anbau. 

Hofmühle, Hof Aster, Untertösens
Die Hofmühle am Hof Aster, Untertösens. Bild: Hof Aster

Es war dann Gerhard Maass, der Gespräche mit verschiedenen Bierbrauereien vermittelte. Die Zillertaler Brauerei erhielt dann quasi den ‚Zuschlag‘. Die wichtigste Voraussetzung dafür war ein fairer Preis für die Gersten-Bauern. Es ist kein Geheimnis, dass deren ‚Tyroler Imperial Zwickl’ in der Zwischenzeit ein Verkaufsschlager geworden ist. Eine der Besonderheiten, ich möchte sogar sagen ein Geheimnis der Fisser Imperialgerste ist deren doppelter Eiweißgehalt im Vergleich zu herkömmlicher Braugerste. Kein Wunder, dass das Bier einen wunderbaren Malzton besitzt, ist doch das Eiweiß der Geschmacksträger.  

Eine Idee kann sogar das Bild einer Landschaft verändern

Die Fisser Imperialgerste setzte in der Folge in Tirol zu einem kaum geglaubten Höhenflug an. Nicht zuletzt deshalb, weil den Gersten-Bauern ein fairer Preis bezahlt wird. Während ‚normale‘ Braugerste nur rund zehn Cent pro Kilo kostet erhalten die Tiroler Bauern einen Euro für das Kilo. Das macht schon einen extremen Unterschied. Eine Tatsache, die sogar ‚landschaftsverändernd‘ wirkt. Denn nun bauen immer mehr Bauern die Fisser Imperial an.

Gerstenfeld, Untertösens
Eines der vielen neuen Getreidefelder in Tirol. Hier beim Hof Aster in Untertösens

Wer im Sommer mit offenen Augen durch Tirol fährt wird’s schon bemerkt haben. In einigen Regionen hat sich die von der Milchwirtschaft geprägte Landschaft ordentlich verändert. Grüne Wiesen werden immer öfter von goldgelb wogenden Getreidefeldern – zumeist Gerstenfeldern – unterbrochen. So wie’s früher einmal war. Was wiederum beweist: stimmt der Preis für landwirtschaftliche Produkte, sind Bauern auch motiviert, sie anzubauen. Ohne Fördermittel.

Fisser Imperialgerste
Fisser Imperialgerste

Doppel-Gold für den Single-Malt Gerhard Maass

Gerhard Maass indes wollte nicht warten, bis die Nachzucht der Fisser Gerste beendet war. Er reservierte sich schon im ersten Jahr der Saatgutzucht eine kleine Charge der Imperialgerste, die er einmeischte und brannte. Nach drei Jahren im speziellen Eichenfass gelagert ist der Brand dann zum Whisky herangereift. Er wollte auch gleich einmal wissen wie er mit seiner neuen Kreation ‚liegt’ und reichte die Brände beim World-Spirits-Award ein. Er hatte testhalber auch noch einen zweijährigen Whisky eingereicht. Der war dann die Sensation: Der dreijährige ‚Fissky‘ – eine Wortmelange aus Fiss und Whisky – wurde mit der Höchstnote ‚Doppelgold‘ bewertet. Der zweijährige, offiziell eigentlich noch kein Whisky toppte das noch: Doppelgold plus Gesamtsieger des ‚Spirits Awards‘. „Da haben wir gewusst, am richtigen Weg zu sein“ lacht der Meisterdestillateur.

Fissky-Medaillen
Fissky-Medaillen vor den ‚Casks‘, den Eichenfässern, in denen er über Jahre hinweg lagert

Etwas wollte ich immer schon wissen: Von was hängt denn nun die Qualität eines Brandes ab. Und bei Gerhard Maass war ich da an der richtigen Adresse. „Zuallererst von der Qualität des Obstes oder des Getreides. Und dann von der Meische“. Ich hatte immer gedacht, der Brennvorgang sei das eigentliche Know-How bei der Destillation. „Brennen ist keine Kunst“, untertreibt Maass, „der Reifegrad des Obstes und die Vergärung sind das Geheimnis“. Deshalb hat er auch begonnen, Bergmarillen anzubauen, aus denen er einen fantastischen, regionalen Marillenbrand destilliert.

Gerstenmaische
Die Gersten-Meische hat einen unglaublich intensiven Gersten-Duft. Quasi ein geschmacklicher ‚Gersten-Sirup‘

Die Menge des gebrannten Fissky-Whiskys will Maass aber strikt limitieren. „Wir wollen genau soviel erzeugen, dass wir damit das Sonnenplateau Serfaus-Fiss-Ladis beliefern können. Der Fissky soll einzigartig bleiben.“ Geplant ist eine jährliche Produktion von rund 1.000 Liter, abgefüllt in 2.000 wunderschöne Flaschen die von einer preisverdächtigen Verpackung umhüllt werden. Auch die wurde quasi ‚regional‘ entworfen: Von der Imster Agentur ‚Die West‘. Das erhöht auch den ideellen Wert des Whiskys.

Was mich als Whisky-Afficionado noch interessiert: Wieviel Gerste wird eigentlich benötigt um einen Liter Whisky zu erhalten? „Die Ausbeute liegt bei 6 Prozent“, verrät Maass. Allein für die Produktion des Turabauer-Fisskys werden in Zukunft rund 17.000 kg Gerste benötigt. „Ich hoffe, dass im kommenden Jahr die Gerste aus dem Umkreis von Prutz kommt, da die Verträge vieler Bauern mit der Zillertaler Brauerei auslaufen und sie mir zuliefern können.“

Wo gibt’s den Fissky? 

Der hoch prämierte Single-Malt wird lediglich an ausgesuchten Orten verkauft. Neben dem Direktverkauf in der Schaubrennerei Maass in Prutz noch bei den Bergbahnen Serfaus-Fiss-Ladis, bei Grissemann in Landeck, Getränke Wille und bei Delikatessen Plangger

WEST Werbeagentur, Fissky
Das Design des ‚Fissky‘ durch Die Agentur ‚West‘ in Imst ist sensationell. Bild: https://www.diewest.at/

Meine Direkt-Einkaufstipps: 

Geschenke kauft man am besten in Gertis Ladele am Hof Aster in Untertösens.  Eine Vielzahl von außergewöhnlichen BIO-Produkten wie Marmeladen, Säfte, Kräutersalze, Chutneys, Fisser Imperial Gerste, BIO-Roggen und BIO-Dinkel und Essig macht die Entscheidung sogar schwer. 

Anreise: Mit dem Auto bis Untertösens, beim Gemeindeamt rechts abbiegen und dem Schild ‚Gertis Ladele‘ folgen. 

Mit Öffis: Mit dem VVT-Bus 4218 4220 ab Bahnhof Zams-Landeck bis zur Haltestelle Gemeindeamt Tösens, anschließend etwa 20 Minuten Spaziergang nach Untertösens.

Adresse:

Hof Aster – Gerti’s Ladele,

Untertösens 1 / 6541 Tösens

Tel.: 05477/300 – Gertrud Sturm, Handy: 0664/4698701

Website:  https://www.museum-serfauser-lauser.at/gerti-s-ladele/ 

Der Maass-Verkaufsraum in Prutz
Der Maass-Verkaufsraum in Prutz

Edelbrände, Fruchtliköre und Fruchtaufstriche kann man in Prutz beim ‚Turabauer Gerhard Maass’ erstehen. Interessant ist auch die Schaubrennerei, in der sich Meister-Destillateur Gerhard Maass quasi ‚auf die Finger schauen‘ lässt.

Adresse:

Kaunertalstraße 3

6522 Prutz/Tirol.

Tel: +43 (0) 650 522 77 17; +43 (0) 664 132 33 61

Anreise mit Öffis: Mit dem VVT-Bus 4218 4220 ab Bahnhof Zams-Landeck bis zur Haltestelle Prutz Postamt. Dann noch rund 10 Minuten zu Fuß bis zur Destillerie.

Website: https://www.maass-brand.at/