Die Schule der Alm: wo Arbeit zum Erholungsurlaub wird

Die Idee war neu und simpel: Weshalb sollten nicht naturbegeisterte Urlauber die Möglichkeit haben, unseren Bergbauern bei ihrer harten Arbeit auf Alm und Bergmahd unter die Arme zu greifen? Gesagt, getan. 2020 setzten wir im Valsertal als ‚Schule der Alm‚ unsere Idee schon zum fünften Mal erfolgreich um. Mehr noch. Nebenbei haben wir auch eine neue Art der Erholung kreiert: den sinnstiftenden Urlaub.

Irgendwie kann ich es immer noch nicht fassen. In den fünf Jahren haben wir im einzigartigen Valsertal in der Nähe des Brenners mehr als 200 Menschen Einblick in die harte Arbeit von Alm- und Bergbauern vermittelt. Menschen, die noch nie eine Sense in der Hand hielten. Oder Heu auf einer steilen Bergwiesen geerntet haben. Wir, das sind Menschen mit großem Respekt vor den Kulturleistungen unserer Vorfahren.

Das bereits legendäre Bergmahd ‚Ocherloch‘

Was als eine simple Idee begonnen hatte beginnt nun größere Kreise zu ziehen. Vor fünf Jahren wollten wir ganz einfach einige Freiwillige finden die bereit sind, einige Tage auf einer Alm mitzuhelfen. Dafür erlernten sie – quasi als Lehrlinge – die Grundbegriffe der handwerklichen Tätigkeiten von Bergbauern. Es steht fest: Sensenmähen, Schwenden, Trockenstein-mauern errichten, Waale öffnen oder Ziegen melken sind Komponenten eines neuen Urlaubsgefühls. Ich nenne ihn den ’sinnstiftenden Urlaub‘.

Ziegen im Valsertal
Helgas Ziegenherde auf ihrer Lieblings-Wiese im inneren Valsertal. Da stören auch Regen und Nebel nicht.

Die Grundkurse werden im kommenden Jahr um unsere ‚Aufbaukurse‚ ergänzt. Das sind spezielle Freiwilligeneinsätze auf Almen und Bergwiesen im wunderschönen Nordtiroler Wipptal. Denn die Erhaltung von Almen und Bergwiesen ist unser erklärtes Ziel.

Sensenmähen Schule der Alm
Sensenmähen am Berghang

Sensenmähen am Berghang. Eine Herausforderung

Zugegeben: nach einem Grundkurs der Schule der Alm können Anfänger zwar mit der Sense halbwegs umgehen. Claro, im Stil von Bergbauern mähen können sie nicht. Brauchen sie auch nicht. Allein die Tatsache, in der Lage zu sein, Gras quasi von Hand schneiden zu können, ist ein Erfolgserlebnis und motiviert zahlreiche Absolvent_innen, ihre Wiesen und Rasen per Sense zu mähen. Weshalb wir das tun? Weil Bergwiesen innerhalb weniger Jahre verbuschen und verwildern, wenn sie nicht gepflegt werden. Dann würden auch die Blumenteppiche verschwinden.

Heu machen, für viele unserer Schüler_innen eine völlig neue Erfahrung

Ein Zaun ohne Nagel: Der Schrägezaun

Oder der Bau von Schrägezäunen. Auch hier fallen die Meister nicht vom Himmel. Wenngleich bereits einige Absolvent-innen der Grundkurse angekündigt haben, solche Schrägezäune auch bei sich zu Hause aufstellen zu wollen. Wenn man aber sieht, wie die Kursteilnehmerinnen den Vorschlaghammer schwingen kann man sich nur noch wundern.

Schrägezaun
Ein Schrägezaun war im Valsertal die traditionelle Zaunform.
Schrägezaun
Almschul-Direktor Luis beim Schrägezaunbau

Kräuterwissen für die Küche 

Auf viel Resonanz stößt unser Angebot von Kräuterführungen am Bergmahd. Für viele Teilnehmer_innen wird dies zu einer Exkursion in eine neue, faszinierende Welt. Dass man nämlich quasi im Spazieren Nahrung sammeln kann, ist vielen Schüler_innen neu. 

Elli Mayr, die Kräuterfee der Schule der Alm bei einer ihrer Führungen.

Großen Zuspruch findet auch der bienenkundliche Teil des Grundkurses, der von Meisterimker Andreas Eller bestritten wird. Aug‘ in Aug‘ mit den summenden Insekten erklärt er deren Wichtigkeit für ein funktionierendes ökologisches System.

Bienenvater Andreas Eller

Mauerbau ohne Zement

Der Bau von Mauern ohne Zement wird heute nur noch von ausgesuchten Spezialisten praktiziert. Wie zum Beispiel von unserem Almlehrer Erich Gatt, einem wahren ‚Steinkünstler‚. Er vermittelt den Schüler_innen der Schule der Alm die Grundkenntnisse dafür. Trockenmauern wird diese Art des alpinen Mauerbaus genannt. Was alles in Handarbeit ohne Zuhilfenahme von Maschinen aber in Gemeinschaftsarbeit in kürzester Zeit möglich ist zeigt sich hier sehr deutlich.

Trockensteinmauerbau in teils extremer Lage

Schwenden hält die Mähder frei

Dass blühende Bergwiesen nicht selbstverständlich sind vermitteln wir ebenfalls. Sie müssen alle zwei Jahre gemäht werden um ihre Farbenpracht nicht zu verlieren. Denn einwachsende Fichten und Sträucher wie Alpenrosen oder Heidelbeeren bringen auch das schönste Bergmahd nach einigen Jahren zum Verschwinden. Und damit auch die ungeheure Vielzahl von Pflanzenfamilien, Blumen und Insekten. Schwenden wird jene Tätigkeit genannt, die dafür sorgt, dass die Bergwiesen ‚offen‘ bleiben.

Schwenden nennt man jene Tätigkeit, bei der die auf der Almfläche einwachsenden Bäumchen zum ‚Ver-schwi(e)nden‘ gebracht werden.

Waale pflegen

Und zuguterletzt widmen wir uns in der Schule der Alm auch den sogenannten Waalen. So werden in Tirol Bewässerungskanäle genannt. Im Fall von Bergmähdern dienen sie dazu, die Blumenwiesen mit Wasser und den darin enthaltenen Nährstoffen zu versorgen.

Das ‚Erfolgsgeheimnis‘ der Schule der Alm

Ich wollte heuer von den Teilnehmer_innen ganz konkret wissen, weshalb sie die Zeit auf der Schule der Alm so genossen haben. Bei den Antworten klingt ganz eindeutig durch: ‚Weil man jeden Abend konkret sieht, was man gemacht hat.‘ Auch die Absenz der Hektik, des Getriebenseins und der Zeitnot macht sich schon nach einigen Stunden bei den Teilnehmer_innen bemerkbar. Überraschend: Handies sind kaum in Gebrauch.

Und da sind dann noch die Lehrerinnen und Lehrer der Schule der Alm. Sie verströmen Ruhe und Gelassenheit. Eigenschaften, die in unseren hektischen Zeiten schon beinahe verloren gegangen sind. Ihre authentische Vermittlung uralter bergbäuerlicher Handwerkstechniken sorgt dafür, aus Arbeit Erholung zu machen.

Ein Teil des Lehrerkollegiums v.l.n.r: Georg, Hôns, Luis und Sigi.

Der Corona-Sommer war eine Ausnahme

Weshalb 2020 also plötzlich sechs anstelle von vier Grundkursen? Wir wollten vor allem interessierten Menschen aus Österreich angesichts der Corona-Pandemie und den Reisebeschränkungen die Möglichkeit bieten, im eigenen Land etwas Sinnstiftendes zu unternehmen. Und wie die Reaktion der Teilnehmer_innen zeigt ist uns das auch gelungen. Wie auch immer sich die Pandemie entwickelt, wir hoffen, bei den nächsten Grundkursen der Schule der Alm 2021 wiederum soviel interessierte, freundliche und motivierte Menschen auf Helgas Alm begrüßen zu dürfen. Was ich all jenen Menschen dringend empfehle, die sich für einen Grundkurs interessieren: so rasch als möglich anmelden. Rund die Hälfte der insgesamt 40 Kursplätze sind nämlich schon vergeben.

Hier geht’s zu den Anmeldungen

Wir planen tolle Freiwilligeneinsätze im Wipptal

Nach insgesamt fünf Schul-Sommern stehen wir nun an einer Art Weggabelung. Wir könnten unser Programm so weitermachen wie bisher. Oder aber wir legen in Zukunft mehr Wert auf die ‚Aufbaukurse‘ unserer Schule. Also auf Freiwilligeneinsätze, bei denen das Erlernte quasi praktiziert werden kann. 2020 haben wir gemeinsam mit Mag. Klaus Auffinger im Obernberger- und im Gschnitztal erste Probeläufe für Freiwilligeneinsätze durchgeführt. Der Erfolg bestärkt uns darin, 2021 weitere Einsätze zur Erhaltung der uralten Kulturlandschaft des Wipptales anzubieten.

Bilder des Freiwilligeneinsatzes 2020 in Obernberg. Bilder: J. Hammer

Die Freiwilligeneinsätze des kommenden Jahres finden wiederum im Obernberger- und Gschnitztal statt. Die Termine sind schon fixiert, Interessierte können sich bereits HIER anmelden.

Unser Newsletter

In diesem Sinne bitten wir alle, die an funktionierenden Almen und gepflegten Bergwiesen Interesse haben, den Newsletter der ‚Schule der Alm‘ zu abonnieren. Beim Besuch unserer Website https://www.schulederalm.at/ poppt die Anmeldung dazu nach kurzer Zeit auf.

In unseren Newslettern schildern wir nicht nur Aktuelles sondern auch Wissenswertes über unsere Kulturlandschaften hoch in den Bergen. Was wir am meisten wünschen: dass ihr uns gewogen bleibt.

Wir werden weiter für Alm und Bergmahd tätig sein

Wir? Das das sind Helga Hager von Helgas Alm, Margit Gstrein und deren Mutter Annemarie als Köchinnen, Alois, Georg und Erich Gatt, Hans Holzmann, Sigi Ellmauer und Andreas Eller als Almlehrer, Elli Mayr als Kräuterpädagogin, Carmen Kathrein als Schmetterlingskennerin und ‚unsere’ Architektin Gertrud Tauber. Auch der Schutzgebietsbetreuung des Landes Tirol mit Mag. Klaus Auffinger, Anna Radtke und Jolanda Tomaschek danken wir für die Mitwirkung am Kursprogramm. Nicht zu vergessen Helga Beermeister vom Wipptal-Tourismus, die sich gemeinsam mit Judith Hammer und größtem Einsatz der Kursanmeldungen und deren Abwicklung  annimmt. Ja, und ich nehme die tolle Funktion eines ‚Grüßaugust‚ ein, der quasi wie ein Hirtenhund um die Herde herumhüpft. Der fotografiert und postet.

Der Vereinsvorstand – es fehlt nur die Kassierin Elli Mayr –
mit Prof. Werner Bätzing, dessen Ideen von der Erhaltung der uralten alpinen Kulturlandschaft wir gemeinsam umsetzen wollen. Von links: Margit Gstrein, Prof. Bätzing, Werner Kräutler und Helga Hager.

Und hier geht’s zu den Anmeldungen und Informationen zu unseren heurigen Projekten.

2 Gedanken zu “Die Schule der Alm: wo Arbeit zum Erholungsurlaub wird

  1. Vor drei Jahren ist mir ein Bandscheibenvorfall dazwischen gekommen und dieses Jahr fast dieses Corona. Daher bin ich bis heute immer noch sehr glücklich, dieses Jahr beim ersten Kurs dabeigewesen zu sein. Es ist alles so, wie es Werner ob beschrieben hat. Ich war so begeistert, dass ich einfach noch länger im Tal geblieben bin, was ich jedem Teilnehmer als ein „Nachwirken“ und nicht zu schnelles Zurückkehren in den „Alltag“ empfehlen möchte.

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