Kunst in Zeiten der Pandemie

Unter den Museen unseres Landes schätze ich ganz besonders ein kleines und überaus feines: das Augustiner-Museum in Rattenberg. Neben außergewöhnlichen gotischen Skulpturen – ich liebe gotische Kunst – beherbergt es noch bis zum Nationalfeiertag eine sehr  sehenswerte Ausstellung Tiroler Künstler_innen.

Im März dieses Jahres ging es ja ruckzuck. Als sich der Virus breit zu machen begann kam das ‚normale’ gesellschaftliche Leben zum Erliegen. Nun konnte man den Corona-Lockdown entweder tatenlos hinnehmen. Oder etwas Positives daraus machen. Petra Streng, die Direktorin des bemerkenswerten Augustiner-Museums zu Rattenberg hat sich für Variante zwo entschieden.

Augusinermuseum Rattenberg

Das Augustinermuseum in Rattenberg widmet sich nicht nur der rein sakralen Kunst.

Geboren aus Corona

Es sei ihnen allen schlecht gegangen damals, lässt Petra  die Corona-Tage Revue passieren. Den Künstler_innen genauso wie dem Museum. Aber nichts zu tun war für sie absolut schon gar keine Alternative. Es wäre eine Kapitulation vor dem unsichtbaren Virus gewesen, meint sie heute.

Rattenberg

Das Städtchen Rattenberg beherbergt ein beachtenswertes Museum.

Der große Wurf: verschoben

Eigentlich waren die Vorbereitungsarbeiten der rührigen Direktorin für den heurigen Ausstellungssommer bereits weit gediehen. Es wäre ein großer Wurf gewesen: die Meisterklasse des Innsbrucker Künstlers Martin Gostner der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie – Joseph Beuys hatte bekanntlich hier gelehrt – war drauf und dran, die Installationen im Rattenberger Augustinermuseum zu realisieren. Dann kam Corona und die Ausstellung musste auf den heurigen November verschoben werden.

Da darf ich gleich etwas ankündigen: Die Ausstellung wird ab dem 20. November nachgeholt. Man darf jetzt schon sagen, dass es zu einem kulturellen Highlight wird, beschäftigen sich doch die Installationen der Meisterklasse mit den Themen Glas, Transparenz und Durchsichtigkeit. Vielleicht sogar ein Ideengeber für das geplante Rattenberger Glasmuseum?

Dr. Petra Streng, Kustodin des Museums wollte die Pandemie nicht tatenlos hinnehmen.

Die aktuelle Ausstellung: Kunst vs. Pandemie

„Man kann ob Corona leiden oder eben nicht“ meint Petra. Die gelernte Volkskundlerin und Museumsdirektorin mit dem bemerkenswerten Hang zu moderner Kunst reagierte sofort. „Da die geplante Ausstellung mit der Meisterklasse der Düsseldorfer Akademie nicht möglich war, habe ich sofort einen Plan B entwickelt.“ Sie wandte sich an die Tiroler Künstlerschaft und kuratierte innerhalb eines Monats gemeinsam mit Maria Peters die Ausstellung ‚In Worten: zwölf‘. Neun Tiroler Künstlerinnen und drei Künstler wurden ausgewählt, um eine Ausstellung mit ihren Werken zu beschicken. Petra Streng: „Wir wollten mit dieser spontan geplanten Ausstellung auf die vielfältige und qualitätsvolle zeitgenössische Kulturproduktion unseres Landes aufmerksam machen.“  In der Kulturabteilung des Innsbrucker Landhauses war man jedenfalls ob dieses Tatendranges in Zeiten der Pandemie überrascht und erfreut gleichzeitig.

Augustinermuseum Rattenberg Kreuzgang

Der Kreuzgang des einstigen Augustinerklosters in Rattenberg.

Sonderausstellung von 12 Tiroler Künstler_innen

So ist denn die im Juli eröffnete Ausstellung ‚In Worten: zwölf‘ ein gelungenes Exempel dafür, wie Tatkraft und Idee innerhalb kürzester Zeit zu ganz besonderen Ergebnissen führen kann. Es ist ein sehenswerter Beleg dafür, wie einer negativen Situation durchaus etwas Positives abgewonnen werden kann. Ich war jedenfalls sehr überrascht. Einige der präsentieren Werke möchte ich etwas näher beschreiben. Zugegeben: die Auswahl ist von meinem subjektiven Empfinden geprägt.

Filigrane Träume

Gleich am Eingang präsentiert Charlotte Simon Ihr Werk ‚Hin V‘. Man erahnt die andere Profession der Künstlerin, nämlich das Schauspiel. Filigran in Aquarell und Buntstift ausgeführt ist ihre Malerei luftig, losgelöst von Erdenschwere, grafisch eindrucksvoll. Auf mich wirkt das Werk wie eine Ansammlung gemalter und gezeichneter Träume. Ihrer Website www.charlottesimon.at ist sehenswert.

Charlotte Simon

Charlotte Simon

Licht und Wärme

‚Windowing‘ nennt sich ein Werk der gebürtigen Innsbruckerin Heidi Holleis. Sie experimentiert mit Ei-Tempera und Asche. Also mit zwei uralten künstlerischen Werkstoffen, wenn man bedenkt, dass Menschen schon vor 30.000 Jahren mit Kohle und Asche gezeichnet haben. Das von ihr präsentierte Bild gefällt mir sehr weil es viele Interpretationen zulässt. Mich spricht es auch aufgrund seiner Farbenkombination an. Wo Wärme, da Licht. Und Asche ist quasi der ‚Abfall‘ bei einer Wärmeerzeugung. Zur Website von Heidi Holleis: www.heidiholleis.net

Heidi Holleis

Heidi Holleis

Menschliche Eingriffe

Claudia Fritz präsentiert Fotos. Als ‚Human-Nature‘ bezeichnet die gelernte Architektin ihre präsentierte Bildserie, in der schwarze Rechtecke in Bilder eingearbeitet werden. Authentische Natur mit menschlichen Eingriffen. Eingriffe, die vielfältig interpretierbar sind. Setzt der Mensch der übermächtigen Natur etwas entgegen? Was verbirgt sich hinter den schwarzen Rechtecken? Die Bilder können jedenfalls alss eine Art paradoxe Sehnsucht interpretiert werden. Wir Menschen wünschen uns etwas, stören oder zerstören aber mit unseren Wünschen zugleich Natur. Mehr Informationen gibt’s hier: www.claudiafritz.com

Christine Fritz

@Claudia Fritz

Christine Fritz

@Claudia Fritz

 

Stich und Faden

Martina Tscherni fertigt Skizzenbücher an, die bis zu 20 m lang sind. Auf diesen Zeichenrollen hält sie eine mikroskopisch kleine Welt fest. Transformiert Gesehenes und stellt die Ergebnisse in einen fantastisch aufbereiteten, grafisch wunderbar ausgeführten Zusammenhang. Die Verwendung von Garn und Faden verleiht den Studien eine dritte Dimension. Quasi eine Hommage an alte Handwerkstechniken. Zur Website: www.martina-tscherni.com

Martina Tscherni

Martina Tscherni

Die dritte Dimension

Ursula Beiler ist es, die der Ausstellung eine dritte Dimension verschafft. Ihre beiden Objekte, der ‚exzentrische Kugelstern‘ und die Skulptur ‚Anna Selbdritt‘ ordnen sich nahtlos in die von sakraler Kunst geprägte Museumslandschaft des Augustiner-Museums ein. Neben ihren öffentlichen Interventionen – am bekanntesten ist wohl ihr Projekt ‚GRÜSS GÖTTIN‘ – zeichnet sich Ursula Beilers Werk durch das Bestreben aus, Energie quasi zu materialisieren. Ihre Skulptur der Anna Selbdritt ist ein wunderschönes Beispiel dafür. Sind doch die ‚drei Göttinnen‘ in Kristallform dargestellt. Mehr zu den Arbeiten von Ursula Beiler auf ihrer Website: www.urbeil.eu

Ursula Beiler: Anna Selbdritt

Beilers ‚Anna Selbdritt‘ passt sich der sakralen Ausgestaltung des einstigen Augustinerklosters perfekt an.

Ursula Beiler, exzentrischer Kugelstern

Ursula Beilers ‚exzentrischer Kugelstern‘ im Augstinermuseum Rattenberg. Bild: W. Kräutler

Um nichts weniger interessant wie die von mir dargestellten Werke sind jene des Restes ‚der Zwölf’: Wolfgang Capellari, Renate Egger, Vanja Krajnc, Lucas Norer, Christiane Spatt, David Steinbacher, und Janine-Chantal Weger aus. Wie bereits gesagt: Kunst hat für mich viel mit persönlichem Geschmack zu tun. Ich hab also meine ‚persönlichen Favoriten‘ vorgestellt.

Die Sonderausstellung der zwölf Tiroler_innen im Augustinermuseum Rattenberg ist noch bis zum 26. Oktober zu sehen. Täglich von 10 – 17:00 Uhr. Führungen durch die Ausstellung sind auf Anfrage möglich.

2 Gedanken zu “Kunst in Zeiten der Pandemie

  1. Hallo Werner!

    Die Ausstellung im Augustiner-Museum in Rattenberg dauert nicht bis zum Staatsfeiertag, sondern bis zum Nationalfeiertag am 26. Oktober 2020!

    Liebe Grüße, ein Leser und Schätzer deiner Beiträge!

    Alfons Gassner

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