Wie die „Inglorious Basterds“ Innsbruck retteten

In diesen Tagen jährt sich zum 75. Mal eine heldenhafte Aktion. Drei Männer retteten Innsbruck vor der Zerstörung in den letzten Kriegstagen. Und verhinderten damit ein letztes Gemetzel der Nazimörder und damit den Tod vieler Menschen in den letzten Kriegstagen. Die ‚Operation Greenup‘ war die erfolgreichste US-amerikanische Aktion hinter feindlichen Linien. Sie machte drei Männer zu wahren Helden des Kriegsendes in Tirol.

Haben Sie, atemeraubende Leserin, kluger Leser jemals von Fred Mayer, Franz Weber und Hans Wijnberg gehört? Wenn nicht, kein Problem. Ich erzähle hier in Kurzform das, was eine im Tyrolia-Verlag erschienene Dokumentation offenbart. Das Buch „Codename Brooklyn. Jüdische Agenten in Feindesland“ des Historikers Peter Pirker schildert das Kriegsende in Innsbruck und setzt den drei Männern 75 Jahre nach deren heroischer Tat ein bleibendes dokumentarisches Denkmal.

Operation Greenup

Die Männer der ‚Operation Greenberg‘, v.l.n.r. Fanz Weber, Hans Wijnberg, Fred Mayer kurz nach ihrem Einsatz in Oberperfuss. Bild: Tyrolia-Verlag

Wer hat jemals von der ‚Operation Greenup‘ gehört. Oder vom ‚Codename Brooklyn‘? -Aber viele werden Quentin Tarantinos Blockbuster ‚Inglorious Bastards‘ kennen. Der Plott: eine Gruppe jüdischer Soldaten bekämpft im 2. Weltkrieg Nazis. Was kaum zu glauben ist: Einige der entscheidenden Szenen des Filmes spielten sich real und ganz ähnlich im Frühjahr 1945 in Oberperfuss und Innsbruck ab. Auch der ‚running Gag‘ des Films, der Spruch ‚killing Nazis‘ hat ein reales Vorbild. Es war Fred Mayer, der sich quasi mit diesem Kampfruf einer Spezialeinheit angeschlossen hatte, die hinter feindlichen Linien aktiv werden sollte. Der seinen Vorsatz aber trotz vieler Möglichkeiten nie in die Tat umgesetzt hat. 

Zwei jüdische Emigranten und ein Mann, der seinem Gewissen gefolgt ist

Fred Mayer war ein Bürger der Stadt Freiburg, dem es gelang, in letzter Sekunde vor den Nazi-Mörderbanden in die USA zu flüchten. Ihm stand bei dieser Operation Hans Wijnberg, ein holländischer Jude, dessen Familie von den Nazis ermordet wurde und dem es ebenfalls gelang, in letzter Sekunde den Nazis zu entkommen zur Seite. Der 3. im Bunde hieß Franz Weber, war ein Wehrmachts-Offizier aus Oberperfuss der das Morden und Brandschatzen der Wehrmacht nicht mehr ertrug und desertierte. Weber hatte mit eigenen Augen gesehen, wie die Wehrmacht entsetzliche Gräueltaten ausführte, wollte da nicht mitmachen und stellte sich 1944 den Amerikanern. Er schloss sich schon bald auf Anfrage einer Gruppe an, die die amerikanische Armee hinter feindlichen Linien platzieren wollte. Also quasi einem Selbstmordkommando.

Oberperfuss

Oberperfuss, das Heimatdorf von Franz Weber war das Zentrum des erfolgreichsten Einsatzes der US-Army hinter feindlichen Linien.

Es war die Nacht des 26. Februar 1945, als drei Männer aus einem US-amerikanischen Bomber über dem Sulztaler Ferner im Ötztal absprangen. Ihre Mission: sie sollten Informationen über die von den Nazis behauptete ‚Alpenfestung‘ liefern. Zwei Monate lang entwickelt sich ein Drama, das jeden Hollywood-Film in den Schatten stellen würde. Mit einer Ausnahme: Quentin Tarantinos ‚Inglorious Bastards‘. Der Film gibt große Teile dieses wahrhaftigen Heldenepos mehr oder minder originalgetreu wider.

Berge-von-Gries

Die Berge im Sulztal mit den kläglichen Resten des Sulztaler Ferner.

Dem Schneechaos des Sulztaler Ferners entkommen gelangten die drei Männer bis nach Oberperfuss. Weber war in seiner alten Wehrmachtsuniform unterwegs, quasi eine natürliche Tarnung. In Oberperfuss angekommen wusste er, an wen er sich wenden konnte. Einerseits an den Altbürgermeister Alois Abenthung, den die Nazis 1938 entmachtet hatten. Und an Alois Schatz, in dessen Bauernhaus Hans Wijnberg seine Funkzentrale errichtete. Schatz und Abenthung spannten die Funkantenne als ‚Wäscheleine‘ quer über den Hof. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Blick auf Oberperfuss

Blick auf Oberperfuss

Franz Weber wandte sich unmittelbar nach der Ankunft an seine künftige Schwiegermutter Anna Niederkircher. Sie führte das Hotel Krone und war eine strikte Gegnerin der Nazidiktatur. Niederkircher hielt denn auch ihre schützende Hand über die drei Spione, war doch die Krone Kern des Oberperfer Widerstandes. So zierte etwa kein einziges Hitlerbild das riesige Haus, obwohl man es der Frau dringend empfohlen hatte. Auch der Pfarrer war ein erklärter Nazigegner. Er hielt bereits 1938 mit seiner Meinung über die Mörderbanden nicht hinter dem Berg. Auf die Meldung, Oberperfuss habe 1938 bei der Anschlussabstimmung zu 100 % dafür gestimmt rief er laut und vernehmlich: „Ihr Lügner“. Auch im Postamt war der Führer ungern gesehen. Über seinem Bild postierte die Leiterin einen ausgestopften Uhu, „weil er doch am besten dorthin passe“, wie sie immer wieder betonte.

Da Fred Mayer als einstiger Freiburger Bürger perfekt Deutsch mit Breisgauer Dialekteinschlag gesprochen hat, wollte er sich gleich einmal in die Messerschmidt-Werke einschleusen. Was ihm auch gelang. Denn dort sollten die Komponenten für den ersten Düsenjäger des 3. Reiches, die ME 262 hergestellt werden.

Franz Weber konnte seine Schwestern dafür gewinnen, als ‚Helferinnen‘ und vor allem als Botinnen der Meldungen zu fungieren. Seine Schwester Margarethe arbeitete im Rektorat der Uni, Schwester Luise in der Innsbrucker Klinik. Und dort hatte sie Zugriff auf Wehrmachtsuniformen und Urlaubsscheine. Was dem Chef der Operation Greenup, Fred Mayer, ideal in die Karten spielte. Mayer wohnte in Oberperfuss im ‚Thoma-Hof‘, wo ihm seine erste ‚Gastgeberin‘ Maria Hörtnagl alsbald eine deutsche Uniform schneiderte. Mit ihr und den gefälschten Urlaubsscheinen gelang es ihm, in Innsbruck bis ins Offizierscasino vorzudringen. Mayers unfassbarer Mut musste es auch gewesen sein, der Tarantino imponierte. Wer erinnert sich nicht an die Kneipenszene, in der ein deutscher Deserteur und der Chef der Bastards mit deutschen SS-Offizieren saufen? Allein, die Realität war noch etwas extremer.

Fred Mayer gelang es nicht nur, ein eigenes Offizierszimmer zugewiesen zu erhalten. Ihm wurde auch ein ‚Offiziersbursche‘ zugeteilt. Schon bald plauderten seine ‚Kollegen‘ bei diversen Saufereien im Casino aus, was die amerikanische Armeeführung dringend wissen wollte: Wo sich der Gröfaz in Berlin aufhielt. „First house in Southwest End is Adolf“. Diese Meldung wurde von einer der Weber-Schwestern zu Hans Wijnberg gebracht, der das an seine Leitstelle in Oberitalien weiterfunkte. Dann folgten weitere Glanztaten Mayers, die allesamt unglaublich klingen.

Die einstige Gestapo-Zentrale Herrengasse

Die einstige Gestapo-Zentrale Herrengasse

Da er sich sehr für das Bahnhofsgelände interessierte, erfuhr er schon bald die genauen Abfahrtszeiten der Panzer- und Munitionstransporte von Innsbruck ins umkämpfte Oberitalien. Und so zerstörten am 2. April 1945 gezielte Luftschläge der US-Air Force 26 Züge, die Munition, Traktoren, Gewehre und Bezin geladen hatten. Die zusätzliche Vernichtung von Brücken und Bahntrassen unterbrachen die Brennerstrecke längere Zeit.

In Innsbruck fand Mayer Anschluss an eine Widerstandsgruppe um den Radiohändler Robert Moser. Er wurde von diesem als ‚französischer Fremdarbeiter‘ namens Frederik Mayer angestellt. Damit erhielt Mayer sogar offizielle Papiere. Ein Verräter in der eigenen Widerstandsgruppe ließ Moser bald auffliegen. Er wurde verhaftet und von der Gestapo zu Tode gefoltert. Die Gestapo vermutete in Frederik Mayer einen Spion und verhaftete auch ihn am 20. April 1945. Der Gestapo-Scherge und Mörder Walter Güttner foltere Mayer nahezu zu Tode, der gab jedoch weder Namen noch die Operationsgruppe preis. Eine Gestapo-Razzia in Oberperfuss blieb ohne jeden Erfolg. Nicht zuletzt deshalb, weil die Bevölkerung zu 100 % dicht hielt.

Gedenktafel Herrengasse

Eine kleine Gedenktafel erinnert an die Brutalität der Nazimörder.

Das nahe Kriegsende ließ jedoch die brutalen Nazimörder darüber nachdenken, wie sie ihre Haut retten könnten. Da sich Mayer im Zuge der Torturen als Angehöriger der US-Armee zu erkennen gab, wurde er plötzlich auch für Gauleiter Hofer interessant. Dieser feige, hinterhältige Mörder residierte am Lachhof in Aldrans. Als Nazi der ersten Stunde wollte er nur das Kriegsende überleben. Also ließ er Mayer zu sich kommen um mit ihm zu verhandeln. Wiederum eine Aktion, die auch Tarantino in seinem Film verarbeitete.

Die Bedingung Mayers: Er würde Hofer als normalen Kriegsgefangenen behandeln, wenn dieser in einer Radioansprache am 2. Mai 1945 Innsbruck zu einer offenen Stadt erklärte. Und jeden Widerstand gegen die anrückenden Einheiten der US-Armee untersage. Und so ließ sich Mayer am 2. Mai in der Nazi-Karosse des Gauleiters von deutschen Soldaten zuerst nach Oberperfuss bringen. Er informierte Wijnberg von den Ereignissen, wusch sich und streifte sich eine amerikanische Uniform über, die er und Wijnberg nach dem Fallschirmabsprung in der Amberger Hütte deponierten und die Franz Weber für die beiden dort abgeholt hatte.

Am 3. Mai ließ sich Mayer von einem Chauffeur nach Zirl fahren und traf um 14:00 Uhr auf die US-Army. Die staunten nicht schlecht, als ein junger Mann mit ramponiertem Gesicht in amerikanischer Uniform aus einem Nazi-Auto sprang und sich als „Sargeant Fred Mayer, OSS“ vorstellte.

Anschließend konnte die ‚Cactus-Divison‘ Innsbruck einnehmen, ohne auch nur einen Schuss abgeben zu müssen. Ein Waffenstillstand trat um 17:10 in Kraft.

Fred Mayer wurde von der amerikanischen Regierung mit dem ‚Purple-Heart‘ für besondere Tapferkeit ausgezeichnet. Tirol hat sich spät aber doch durchgerungen, ihm 2010 den Adler-Orden zu verleihen.

Franz Weber hat sehr lange über diese nahezu unglaubliche Operation geschwiegen. Erst 1988 gab er ein ausführliches Interview. Es war die Zeit nach dem Waldheim-Skandal, als auch in Österreich begonnen wurde, Licht in die dunklen Flecken der kollektiven Vergangenheit zu bringen. Weshalb so spät? „Ich hätte mich nicht überall etwas zu sagen getraut. Ich hätte nicht überall sagen mögen, ich habe das und das getan“, gestand Weber im Interview. Hier der Link zum Interview mit Franz Weber, in dem er erst 1988 von der Operation berichtete.

Spät aber doch wurde diese wirkliche Heldentat dreier Männer gewürdigt. Allein die Stadt Innsbruck hat noch nichts unternommen, um diesen Männern ein Denkmal zu setzen. Es ist überfällig!

Meine Sehempfehlung: die ZDF-Doku Inglorious Basterds – die wahre Geschichte:

Nachsatz: Gauleiter Hofer, ein mehrfacher Mörder und Nazischerge entkam auf wundersame Weise dem Nürnberger Tribunal und damit dem Galgen, den er mehr als verdient gehabt hätte.  Stattdessen verbrachte er einen mehr oder minder geruhsamen Lebensabend in einer deutschen Großstadt. Unter seinem tatsächlichen Namen. War das der ‚Lohn‘ dafür, dass er Innsbruck zu einer offenen Stadt erklärt hatte? Hatte Mayer ihm versprochen, ihn im Fall einer reibungslosen Übergabe Innsbrucks zu schonen? Man möchte es annehmen. Und trotzdem, ein Filmende wie es Quentin Tarantino zelebrierte wäre auch für Hofer angemessen gewesen: da schnitt der Chef der Inglorious Basterds dem Obernazi ein Hakenkreuz in die Stirn.

 

Peter Pirker: Codename Brooklyn.
Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup 1945.
Mit einem Fotoessay von Markus Jenewein.
368 Seiten, 122 sw Abb. und 16 sw Karten,
Zweifarbdruck. 25 cm x 21 cm. 29,95 Euro.