Der Weinbauer von Stilfs

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Ein Bekannter erzählte mir, dass in Stilfs gerade ein Weinberg angelegt werde. Von einem Möbeltischler und auf 1.300 m Seehöhe. Also quasi im Schatten des Ortlers. Das wollte ich mir vor Ort anschauen.

Ihr wisst es längst: ich gehöre zu den Fans dieses einzigartigen Höhendorfes mit seiner  schwindelerregenden Schräglage. Wer für Berge schwärmt ist hier am rechten Ort. Beinahe von jedem Kellerfenster aus kann König Ortler betrachtet werden. Vom Kellerfenster aus? Aber ja. Das Nachbarhaus liegt normalerweise so tief darunter, dass selbst ein Sprung aus diesem Fenster durchaus tödlich enden könnte. Und hier soll Wein angebaut werden?

Weinberg in Stilfs

Der Blick vom Weinberg auf den Ortler.

Der Weinbauer ist eigentlich ein Möbeltischler

Andreas Pinggera heißt der junge Mann, der dem Weinanbau in luftiger Höhen frönen will. Möbeltischler von Beruf und Stilzer mit Haut und Haar. Er hatte im Frühsommer 2019 am BIO-Sockerhof der Anna Folie in Mals seinen Prototyp eines völlig neuen Gewächshauses aus Holz errichtet, das ich in einem eigenen Blogpost vorstellen werde. Eh schon sensationell genug. Und jetzt war auch noch die Rede davon, dass er einer weiteren Berufung folgen wolle: jener zum Weinbauern.

Gewächshaus Marke Andreas Pinggera

Die Mini-Ausgabe eines Gewächshaus-Domes stellte Andreas im Garten seiner Oma auf.

Ich treffe Andreas beim Hotel Sonne. (Mir ist’s ein Anliegen nochmals zu betonen:  die Küche dieses Hauses und die Auswahl regionaler Speisen ist fantastisch.) Von der Sonne aus geht’s dann zum Weinberg hinunter. Steil, wie es sich für Stilfs gehört. „Ich bin ja gar nicht der erste in Stilfs, der Wein anbaut“, erzählt mir Andreas und zeigt auf einen Flecken ebener Erde unterhalb des Weges: „Da unten wachsen schon seit acht Jahren Weinstöcke“.

Möbeltischler und Winzer: Andreas Pinggera.

Weinberg Andreas Pinggera Stilfs

Der Blick auf den Weinberg von Andreas PInggera. Steil ist hier ein Hilfsausdruck.

Die ersten reifen Trauben konnten Andreas Pinggera 2019 ernten. Bild: A. Pinggera

Also sein Weinberg ist nicht der erste in Stilfs. Ich reibe mir verwundert die Augen.  Nach etwa fünf Minuten stehen wir vor einem Abhang mit mindestens 50 Grad Hangneigung. Beim genauen Hinschauen sieht man frisch gesetzte Weinstöcke. „Solaris und Muscaris sind es“, sagt Andreas. „Beides sind pilzresistente Sorten, die man gar nicht erst spritzen muss.“ Müßig zu sagen, dass Andreas auch ein Aktivist der ersten Stunde in der Stilzer Gruppe „Leidenschaft für Grund und Boden“ ist. Junge Leute, die Stilfs im wahrsten Sinn des Wortes ‚wieder beleben‘ wollen. Logo, dass Andreas Pestizide, Fungizide und andere chemische Keulen in der Landwirtschaft rundweg ablehnt.

Aber düngen musst du doch, sage ich. „Nein, der Boden hier ist sehr fruchtbar.“ Wie, hab‘ ich mich verhört? Ausgerechnet hier heroben wo Steine fröhliche Urständ feiern? Aber Andreas kennt den Hang wie seine Westentasche: „Die Humusschicht in einem Teil des Weinberges ist normalerweise 20 cm dick. Das war einst ein Acker für Roggen. Denn hier wurde das Getreide aufgrund der optimalen Sonneneinstrahlung früher reif. Und im Winter ist der Schnee schnell weg.“ Das ist noch nicht alles. Der Steilhang birgt ein einzigartiges Geheimnis.

Weinbau auf der Asche des abgebrannten Stilfs

Am 21. November 1862 brannte das alte Stilfs ab. Der verheerende Dorfbrand stürzte damals die eh schon bettelarmen Menschen des Ortes in noch größere Armut. 56 der 70 meist aus Holz erbauten Häuser von 120 Familien brannten bis auf die Grundmauern nieder. 600 der 700 Einwohner hatten alles verloren und standen kurz vor Einbruch des Winters völlig mittellos auf der Straße. Eine Katastrophe, die sich nachhaltig auf das Leben der nachfolgenden Generationen ausgewirkt hat. Und das nicht immer nur zu deren Nachteil. Aus den Ruinen des alten wuchsen nicht nur aus Steinen erbaute Häuser, sondern auch ein Beruf, für den die Stilzer berühmt sind und waren: den des Maurers. Noch Generationen nach der Katastrophe waren sie vor allem in der Schweiz sehr gefragt. Der Wermutstropfen: Aus dem einstigen Bauerndorf wurde ein Auswandererdorf.

Die Stilzer Version der ‚Terra preta‘

Aber was hat der Brand mit dem Weinberg des Andreas Pinggera zu tun? Ich hatte beim Fotografieren bemerkt, dass der vordere Teil des Weinberges mit Gras bewachsen ist, das die Gräser in der Umgebung weit überragte. In einem Grünton, der mir irgendwie sogar giftig vorgekommen war. „Ich hatte es auch lange nicht gewusst, weshalb hier alles so wächst. Ich bin gezwungen, zwischen den Weinreben auch noch andere Früchte anzubauen“, erklärt mir Andreas. Der Grund dafür: die Wurzeln der Weinstöcke würden im sehr fruchtbaren Oberflächenboden treiben, sollten aber in die Tiefe wachsen. Und um das sicher zu stellen baut Andreas zwischen den Weinstöcken Kürbis und Tomatenpflanzen an. Irgendwie paradiesisch. Aber weshalb ist’s hier so fruchtbar?

‚Giftgrün‘ schießt das Gras auf einem Teil des Weinberges bereits im Frühling aus dem Boden…

Andreas Pinggera, Stilfs

…und hebt sich deutlich vom Rest des Weinberges ab.

„Hier wurde viel Asche des Großbrandes von 1862 hinuntergeschüttet. Steil genug war es ja“ bemerkt Andreas trocken. Genau diese Asche erweist sich 150 Jahre später also noch immer als sehr fruchtbar und bildet heute noch eine nahezu 90 cm dicke Schicht. Terra preta, quasi. Denn die Indigenen Völker des brasilianischen Regenwaldes entdeckten schon vor Jahrtausenden, dass Holzkohle in Verbindung mit Humus jene „Schwarzerde“ bildet, die über hunderte Jahre hinweg überaus fruchtbar bleibt. Und so wächst und sprießt es im oberen Bereich des Pinggera’schen Weinberges, dass es eine Freude ist.

Die erste Lese 2019

Der erste Traubensaft ist geerntet. „Es sind knapp 19 Liter, die derzeit im Glasballon zu Wein heranreifen“ erzählt mir Andreas nach der Ernte. „Eine erste Kostprobe.“ Bisher hat er 600 Weinstöcke gepflanzt, im Endausbau soll der Weinberg dann rund 1.000 Reben umfassen.

Stilzer Wein

Der 1. Jahrgang 2019

Und kann er dann mit seinem Wein quasi Stilfs versorgen? Andreas lacht. „Man kann rechnen, dass 90 Reben im Normalfall etwa 30 Liter Traubensaft ergeben. Das wären dann also zwischen 250 und 300 Liter Wein jährlich. Das reicht sicher nicht für Stilfs.“

Bleibt nur noch die Frage, nämlich die nach dem Namen des Weines. Aber vielleicht haben die Leser_innen meines Blogs eine Idee. Schreibt sie einfach in die Kommentarspalte unter diesem Blog. Mein erster Vorschlag: Terra preta.

Links

Link zur Stilzer Gruppe „Leidenschaft für Grund und Boden“

Bürgergenossenschaft Obervinschgau

Facebookseite von Andreas Pinggera

 

2 Gedanken zu “Der Weinbauer von Stilfs

  1. Mir sein a poor schnelle Ideen fia Wortspielerein ingfolln 😀
    Varianten „Einzigartigkeit Boden“:
    Terra Preta Südtirol
    TMS – Terra Mater Stilfs
    Terra Pinggera
    Variante „Reben“:
    SoMus … (So-laris, Mus-caris)
    Varianten „Region“:
    – Wein Stilfser Kraft
    – Kraft der Berge (da bitte pro Saison 1 Flasche als copyright, weil des meine Website http://www.kraftderberge.tirol 🙂
    Variante „lustig“:
    OWE … (O-rtler We-in)
    Variante „Bilingual“:
    Stivi … Stilfs Vino … 😀
    Mega geiles Projekt, Andreas!!!
    Super Hintergrund Infos, Werner!!!
    Danke

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  2. Pingback: Stilfs: Mit Leidenschaft gegen eine chemische Invasion | Tirol isch toll

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