BIO-Freilandeier vom Steilhang

Ein Besuch auf dem BIO-„Psegghof“ in Tschenglsberg hat mich tief beeindruckt. Weshalb eigentlich? Das hat sehr viel mit Innovation, Tierschutz und noch mehr mit Leidenschaft zu tun. 

Dr. Michael Beismann ©J. Entremont

Tschenglsberg. Ein Ortsnamen der mir bis vor kurzem völlig unbekannt gewesen ist. Weshalb ich also ausgerechnet nach Tschenglsberg geraten bin? Da muss ich etwas ausholen.

Es war Dr. Michael ‚Much‘ Beismann, der mir die dortige BIO-Genossenschaft Tschenglsberg vor geraumer Zeit in derart lobenden Tönen geschildert hat, dass ich so richtig neugierig geworden bin. Aber wer ist Much? Ich habe ihn am Festival „Gut leben im ländlichen Raum“ der Obervinschger Bürgergenossenschaft DA in Schluderns getroffen und festgestellt, dass wir beide für die Berglandwirtschaft schwärmen. Und dann habe ich vor geraumer Zeit auch noch seinen ganz wunderbaren Beitrag in der Tiroler Kulturzeitschrift ‚Quart‘ gelesen: „Wo Bäume in Häusern wohnen“.  Es war mit Abstand das Beste, was ich je über eines der legendären friulanischen Berg-Geisterdörfer gelesen habe. Denn Michael erforscht als Wissenschafter gemeinsam mit Kollegen der Uni Innsbruck „Zustand und Zukunft peripher gelegener Bergdörfer in den Alpen.“ Der Beitrag weist ihn als begnadeten Regionalentwickler aus. Und als intimen Kenner der einsamsten Bergregionen in den Alpen.

Schon allein deshalb hatte ich geahnt, dass es sich bei dieser Genossenschaft um ein wirklich außergewöhnliches Bergbauern-Projekt handeln musste, bei dem der Tierschutz höchste Priorität genießt.

Ein BIO-Freilandei-Projekt auf 1.250 m Seehöhe

Bei einem Besuch des feinen BIO-Speiserestaurants der Sozialgenossenschaft Vinterra an der Malser Umfahrungsstraße (siehe dazu meinen Blogbeitrag ) habe ich dann einfach eine Mitarbeiterin gefragt, wie ich denn nach Tschenglsberg zum Psegghof käme. Das beantwortete sie gleich mit einem Angebot: „Da fährst du einfach mit meinem Mann, der gleich einmal kommt um mich abzuholen.“ Um stolz anzufügen: „Ich bin die Bäuerin auf dem Psegghof“. Ihr Name: Alexandra Zöggeler.

BIO-Bergbauernhof Psegghof, Hof mit Permakulturgarten

Der BIO-Bergbauernhof ‚Psegghof‘ mit dem fantastischen Permakulturgarten

Philipp Thoma heißt der Bauer am Psegghof zu Tschenglsberg, der mich dann mitgenommen hat. Ein fester Händedruck und leuchtende, blitzende Augen. Irgendwie nicht typisch bäuerlich. „Wir haben uns unseren Lebenstraum erfüllt“, erzählt er mir stolz während der kurvigen Fahrt auf den 1.250m hoch gelegenen Hof. „Es ist nicht nur mein Lebenstraum, auch Alexandra hat immer davon geträumt, einen Bauernhof zu bewirtschaften.“ 

Psegghof, Tschenglsberg

Schön hoch gelegen, der Hof.

2014 erwarben die beiden den Hof in Tschenglsberg, einen jener Höfe, auf deren Bergmähdern man ob der Steilheit abstürzen kann. 2016 errichteten die beiden Hof und Stall. Aber nicht auf die normale Art und Weise: Der Hof wurde aus wieder verwendetem Holz erbaut und mit Ziegelsteinen aus Hanf-Kalk gedämmt und teilweise mit Lehm verputzt.

Psegghof, Tschenglsberg

Ist er nicht grandios, der Ausblick vom Psegghof auf das Obere Vinschgau?

Und da steht er jetzt, der Psegghof. Auf der weit und breit einzigen halbwegs ebenen Fläche in 1.250 m Seehöhe. Ich reibe mir verwundert die Augen ob des grandiosen Ausblicks auf das Obere Vinschgau, auf Mals, Burgeis, Schluderns und Glurns. Beinahe bis zum Reschen hinauf sieht man von hier heroben. Ich wundere mich noch mehr, als ich die gackernde Hühnerschar sehe, die auf den Steilhängen scharrt und Futter sucht. „Hier weiden rund 600 Hühner“, sagt Philipp stolz, als wir den abgezäunten Freilaufbereich betreten. „Sie sind das Ergebnis unserer Überlegung, wie man auf einem Bergbauernhof ein gutes, würdevolles Leben entwickeln und mit dem Wenigen überleben kann, was uns die Natur vor Ort bietet.“ Eine wunderbare Philosophie, die Alexandra und Philipp gemeinsam mit ihren beiden Kindern Lena-Marie und Joseph umsetzen.

BIO-Hennen Psegghof

Die gackernde Truppe des Psegghofes ©Psegghof

Aber ausgerechnet Hühner und das noch im Gebirge, wundere ich mich mit dem Blick auf eine riesige Bergwiese die vermutlich nur mit Steigeisen zu bearbeiten ist. Auf ihr spazieren weiße Punkte herum, die Hühner des Hofes. Unter den stets gestrengen Blicken der Hähne. „In der biologischen Hühnerhaltung haben wir hier heroben jene Kombination gefunden, die die Grundpfeiler unserer Tätigkeit ist: Steile Berghänge, Gesundheit, Wohlbefinden und enkeltauglich Landwirtschaft. Und das alles mit der fixen Absicht, in Zukunft auf dem Hof leben zu können ohne im Tal arbeiten zu müssen.“

Hühnerstall Psegghof

Die Aussicht vom Hühnerstall aus. Die Tiere sind zu beneiden.

Die perfekte Aus- und Übersicht über das Obere Vinschgau beeindruckt die Hühnerschar wenig bis gar nicht. Immer wieder laufen Tiere laut gackernd vorbei und verschwinden im Gebüsch des Steilhanges. Denn ihre Arbeit ist getan, sie haben jenes Produkt gelegt, von dem die Bauernfamilie Zöggeler-Thoma lebt. Wunderbare Berg-BIO-Freilandeier.

Quereinsteiger mit neuen Ideen

Was ich sehr interessant finde: Weder Alexandra noch Philipp stammen aus Bauernfamilien. Beide sind Quereinsteiger und neu in der Branche. Philipp ist gelernter Tischler, war Verkäufer in einem Bio-Geschäft in Meran und Bozen und hat den Krempel nach einem Landwirtschaftskurs  zugunsten der großen Freiheit in frischer Bergluft und auf steilen Hängen hingeschmissen. Alexandra war lange im Naturkostgeschäft ihrer Eltern in Lana tätig, hat aber schon immer die Absicht gehabt, einen Bauernhof zu bewirtschaften. Sie pflegt hier heroben übrigens einen wunderschönen Permakultur-Garten.

Philipp und Alexandra, Psegghof

Alexandra und Philipp, die Bauersleut‘ auf dem Psegghof

 

Was haben Quereinsteiger den alteingesessenen Bergbauern voraus?

Es sind solche „Quereinsteiger“, die die moderne Landwirtschaft immer wieder positiv beeinflussen. Ihre neuen, unkonventionellen Ideen verändern mitunter Teilbereiche der Berglandwirtschaft. Wie zum Beispiel mit einer Hühnerzucht auf 1.200 m Seehöhe.

Weshalb das so ist? Meine Erklärung: Die Familien eingesessener Bergbäuerinnen und Bergbauern haben seit Generationen mit der Angst gelebt, den Winter nicht zu überleben und zu verhungern. Diese Angst wurde von Generation zu Generation tradiert. Jede Änderung altgewohnter und erfolgreicher Anbaumethoden konnte noch vor 100 Jahren eine bäuerliche Familie in den Abgrund stürzen und sogar auf den Friedhof bringen.

Das neue Miteinander in den Bergen: die BIO-Genossenschaft Tschenglsberg

Dieser Konservativismus der bäuerlichen Bevölkerung hat sich bis heute erhalten und äußert sich noch immer bei den Wahlen. Ohne böse zu sein: Die Kleinbauern wählen in Tirol, ob Nord, Süd oder Osttirol seit Jahrzehnten Parteien, die nachweislich gemeinsame Sache mit Chemiekonzernen, Großbauern und Großgrundbesitzern machen. Aber, mögen sich viele denken: Man könnte ja bei einer Änderung des Wahlverhaltens noch schlechter abschneiden. Dieses Feindbild wurde jahrhundertelang auch ganz offen geschürt.

Der Psegghof ist ein eindrucksvolles Beispiel für einen neuen Weg, ein neues Miteinander. Im Gegensatz zu vielen alteingesessene Bauern haben Neulinge in dieser Branche kaum Hemmungen, mit den Nachbarn gemeinsame Sache zu machen. Genau diese Grundeinstellung hat zur Gründung jener Genossenschaft geführt, die innerhalb kürzester Zeit zu den bekanntesten Eierproduzenten des Oberen Vinschgaus geworden ist: Zur BIO-Eiergenossenschaft Tschenglsberg.

Die BIO-Freilandeier schnitten bei einer Blindverkostung mit Abstand am Besten ab

Die Markteinführung der BIO-Berghuhn-Eier erfolgte erst nach zahlreichen Tests. Nicht etwa jene auf Inhaltsstoffe oder Frische. Das ist bei den BIO-Freilandeiern der Genossenschaft sonnenklar. Wie war das mit der Blindverkostung der Eier, frage ich also Philipp. Der lacht. „Wir waren sicher, dass sich die Eier geschmacklich von normalen Bodenhaltungseiern aber auch von normalen BIO-Eiern beträchtlich unterscheiden“ erzählt er. „Deshalb haben wir Freunde und Kunden in verschiedenen Geschäften zu einer Blindverkostung gebeten. Die Leute verkosteten Bodenhaltungs-, Freiland- und BIO-Freilandeier und sollten uns jenes Ei verraten, das am besten geschmeckt hatte. Das Ergebnis war überwältigend: 100 % haben unsere BIO-Freilandeier als die besten Eier bezeichnet.“

8 Quadratmeter Bergwiese pro Huhn. Und: die männlichen Küken werden mit aufgezogen.

Qualität fällt aber auch nicht vom Himmel. Sie ist nur dann möglich, wenn die Tiere genug Auslauf, aber auch genug Stallfläche haben. „Unsere Hennen haben zum Beispiel doppelt soviel Platz im Auslauf, nämlich acht Quadratmeter pro Tier. Vorgeschrieben wären vier.“ Aber das ist noch nicht alles. Die Genossenschaft verabscheut das ‚Schreddern‘ der jungen Hähne. Denn unter 100 jungen Küken sind rund 70 Hähne und 30 Hennen. Also werden die jungen Tiere beim Lieferanten der Küken (www.eiermacher.at) nicht getötet sondern  aufgezogen. Dafür zahlen die Tschenglsberg-Genossenschafter für die aus Österreich im Alter von 17 Wochen importierten BIO-Hennen auch knapp die Hälfte mehr als für BIO-Hennen, deren ‚Brüder‘ nach dem Schlüpfen getötet werden. 

Suppenhühner Psegghof

Suppenhühner vom Psegghof

Alte Legehühner sind für die Genossenschaft kein ‚Abfall‘. Sie werden als ‚Suppenhühner‘ angeboten.

Und wie alt werden die Hühner auf Tschenglsberg? Im Schnitt 16 Monate. Und danach werden die Tiere nach getaner Lebensleistung nicht wie üblich getötet und in den Müll geschmissen. Die Genossenschaft schlachtet sie und verkauft sie tiefgefroren als Suppenhühner an Gastronomie und Einzelhandel. „Drei Jahre haben wir mit Köchen gearbeitet, damit die unsere Suppenhühner verarbeiten“ erzählt Philipp. „Und jetzt haut’s hin.“ Mit Recht haben die Genossenschafter dafür den 9. Vinschger Ökologiepreis erhalten. Ein Rezept für schmackhafte Suppenhühner gibt’s übrigens HIER.

Derzeit werden auf den drei Höfen der Tschenglsberg-Genossenschaft 1.900 Hühner aufgezogen. Die Nachfrage nach Eiern dieser wohl höchsten Qualitätskategorie steigt permanent an, heuer wird ein vierter Hof in die Genossenschaft aufgenommen.

Und wo in Südtirol gibt’s die BIO-Freiland-Eier und die BIO-Suppenhühner zu kaufen?

Eine Aufstellung der  Verkaufsstellen  der Tschenglsberg-Produkte

Und wie bereitet man nun eine Suppenhuhn zu? Ganz einfach. Hier das Rezept: Suppenhuhn-Rezept

Das zweite Standbein des Psegghofes: die Mangalica-Wald-Schweine 

Philipp wär’ ja kein richtiger Südtiroler Bergbauer, wenn er nicht seinen eigenen Hof-Speck produzierte. Er hat begonnen, Mangalica-Wollschweine zu züchten. Im Wald unter seinem Hof. Und man glaubt’s ja kaum: da tummeln sich inmitten eines Mischwaldes 15 Wollschweine die natürlich mit riesigem Getöse aus allen Richtungen zusammenlaufen wenn der ‚Chef‘ kommt. Er hat altes Brot mitgenommen, das die aus Freude laut grunzenden Tiere mit Genuss fressen.

„Kürzlich war die Amts-Tierärztin bei mir“, erzählt er. „Ich hatte irgendwie Bammel, dass sie meine Haltung kritisieren würde. Denn ich habe nur Unterstände für die Tiere und keinen Stall. Auch nicht im Winter.“ Um dann stolz anzufügen: „Die Frau hat meine Tierhaltung sogar gelobt.“ Kein Wunder, es gibt in Südtirol vermutlich sehr wenige Schweine, die derart artgerecht gehalten werden wie die Wollschweine des Pesgghofes.

mangalica-ferkel

Die Mangalica-Ferkel schauen aus wie Wildschwein-Frischlinge. Bild: Psegghof

Was mit den Tieren passiert? 16 Monate lang genießen die Sauen ihr Leben im Wald. Dann werden sie zum Vollmond geschlachtet und zu Speck verarbeitet. Und den präsentierten mir Alexandra und Philipp im Anschluss an meine Besichtigung in jener Küche, von der aus man den wohl gewaltigsten Ausblick auf das Obere Vinschgau hat.

Ein Speck in höchster Vollendung. Weltklasse.

Ein Speck der seinesgleichen sucht. Philipp verrät mir einige Herstellungsdetails: „Unser Speck reift 10 Monate lang. Er wird nach der Schlachtung 2 Wochen lang gesurt und 2 1/2 Monate lang täglich 3 Stunden lang auf Lärchen-, Buchenholz und Wacholder kalt geselcht. Und dann reift der Speck die restlichen sieben Monate.

Ich nehme bei Recherchen zu meinem Blog normalerweise weder Geld noch Geschenke an. In diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht und eine Kostprobe des Specks akzeptiert. Ich kann dessen Qualität sogar vergleichen: Sie ist in derselben Klasse angesiedelt  wie der berühmte spanische Jamón Ibérico, der ausschließlich von den original schwarzen spanischen Schweinen stammt.  Also Weltklasse. Quasi.

Service-Links und Tipps

Verkaufsstellen für die BIO-Freilandeier und Suppenhühner: Verkaufsstellen 2020

Und hier gibt’s ein fantastisches Suppenhuhn-Rezept

Die höchst informative WebSite des Psegghofes: https://www.psegg-hof.it/

Interessantes und Wissenswertes zu Huhn und Ei findet ihr auf der WebSite der BIO-Genossenschaft Tschenglsberg: https://www.bioei.it/

Die BIO-Hennen stammen aus Österreich: http://einfachente.at/eiermacher/ Und, ganz wichtig: hier ‚überleben‘ auch die Hähne, die nicht schon als Küken ‚geschreddert‘ werden. (Welch brutaler Ausdruck für diese unglaubliche Art der Tötung).

Was sind eigentlich Mangalica-Schweine?  Wikipedia hat die Antwort: https://de.wikipedia.org/wiki/Mangalica-Schwein

Das BIO-Restaurant Vinterra in Mals: https://www.vinterra.it/de-home/bistro-vinterra/; https://tirolischtoll.wordpress.com/2019/10/27/exzellent-das-neue-bio-bistro-vinterra-in-mals/

Allgemeine Informationen zu den Projekten im Oberen Vinschgau findet ihr auf der Seite der Bürgergenossenschaft: https://da.bz.it/

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