Können, Schönheit, Leidenschaft: Handwerk in Tirol

Mit ihrem Buch „Handwerk in Tirol“ legen Susanne Gurschler (Text) und Kary Wilhelm (Bilder) eine opulent gestaltete Liebeserklärung an unsere Tiroler Meisterbetriebe vor.

Nur allzu oft fristen Manufakturen in Tirol ihr  Dasein im Verborgenen. Unauffällig, kaum bekannt, klein aber fein. Dabei sind es nicht selten außergewöhnliche Meisterbetriebe. Es ist der Autorin Susanne Gurschler zu verdanken, dass sie 20 Tiroler Handwerker im wahrsten Sinn des Wortes vor den Vorhang bittet. „Handwerk in Tirol. Wo Können auf Leidenschaft trifft“ ist der Titel des jüngst im Tyrolia-Verlag erschienenen Prachtbandes mit Fotos von Kary Wilhelm.

Fast schien es, das Handwerk würde vollends aussterben. ‚Teuer‘, ‚langsam‘, ‚altmodisch‘ und ‚umständlich‘ waren die Attribute, mit denen man das Handwerk noch vor 30 oder 40 Jahren bedachte. Der jahrhundertelang gültige Satz, Handwerk habe ‚goldenen Boden’ schien in der Realität des Industriezeitalters vollends obsolet zu werden. Plötzlich war es schneller, einfacher und billiger, sich in einem der Supermärkte oder der wie Unkraut sprießenden ‚Einkaufszentren‘ auf grünen Wiesen mit Produkten aller Art einzudecken. Ob es nun Textilien waren, Gläser, Möbel oder Schuhe. Dass das gekaufte Zeug ein Plunder war und keineswegs das hielt, was man erwartete, störte nicht weiter. Es war ja saubillig. Wenn es kaputt war warf man es eben im hohen Bogen weg.

Was zu erwarten war trat ein: die Müllberge türmten sich zu Gebirgen auf. Und der Niedergang des Handwerks ging Hand in Hand mit einer brutalen Verödung der Dorf- und Stadtzentren. Wir alle waren die Verlierer, glaubten aber zu den Gewinnern zu zählen. Was für ein Selbstbetrug.

Spät aber doch habe auch ich vor etwa 30 Jahren die Vorteile handwerklich gefertigter Produkte wieder erkannt. Zuerst bei den Schuhen, (Waldviertler), später dann bei Möbeln und vor allem bei Textilien. Und so wie es mir gegangen ist geht es heutzutage immer mehr Menschen. Sie haben es satt, Billigplunder aus China, Bangladesch oder Vietnam zu kaufen. Das meist in sklavenartigen ‚Sweat-Shops‘ hergestellt wird ohne Rücksicht auf Menschen und Umwelt. In China – wie sich jetzt herausstellt – werden Gefangene zur Sklavenarbeit herangezogen.

Einige der meist über Generationen hinweg geführten Handwerksbetriebe haben gottseidank die Stürme der Globalisierung überstanden. Als die letzten Mohikaner quasi. Heute suchen auch junge Menschen wieder Handwerksbetriebe im Bestreben, Langlebiges und Qualitätvolles zu erwerben. Eine Suche, die Susanne Gurschler tatkräftig und auf höchstem Niveau unterstützt. Ihr  ‚Handwerk in Tirol‘ ist nicht nur in wunderschön gestaltet. Es erleichtert das Auffinden von Meisterbetrieben massiv.

Ich hoffe inständig auf eine Trendwende in Richtung Handwerk. Es tut richtig gut zu sehen, dass unser Handwerk wieder geschätzt wird, dass Bodenständigkeit und Qualität eine Renaissance erleben. Und ich freue mich, dass Susanne Gurschler dieses Umdenken in ihrem opulent gestalteten Buch ‚Handwerk in Tirol’ regelrecht feiert. Wenngleich die Gefahr des Aussterbens zahlreicher Handwerkszweige noch nicht vom Tisch ist.

Und so reicht der Bogen jener Handwerker, deren Arbeit Gurschler im Buch würdigt von der Lederbearbeitung über Holz, Metall, Textil, bis zu Stein, Porzellan, Glas und Seife. Sie ist sich bewusst, auch Handwerkszweige vorzustellen, die bereits zu den ‚gefährdeten Branchen‘ gehören. So etwa die Glaser, die einst eine eigene Fachgruppe waren, heute aber Mitglieder der Fachgruppe Schlosser, Landmaschinentechniker (!) und Schmiede sind. Was für eine Mischung!

Ihr Resümee: „Traditionelles Handwerk kann nur weiterbestehen, wenn die Konsumenten bereit sind, einen fairen Preis zu bezahlen.“ Denn ein handgearbeitetes Stück ist viel mehr als nur die Summe aller Arbeitsschritte. „Und weit mehr als die Summe, die man dafür zahlt“ meint Gurschler. „Denn es spiegelt Wertigkeit, Beständigkeit und es vermittelt Identität.“

Für mich ist dieses mit großer Sorgfalt geschriebene und gestaltete Oeuvre dazu angetan, die Aufmerksamkeit wieder auf das Handwerk zu lenken. Und damit auch auf jene Klein- und Kleinstbetriebe, die meist inmitten von Städten und Dörfern situiert sind. Die ihre Steuern zahlen und Menschen aus ihrer näheren Umgebung beschäftigen. Also in Summe genau das tun, was man von Wirtschaftstreibenden schon immer erwartet hat: sie sind noch immer das Pferd, das den Karren zieht. Auch das beste Pferd wird versagen, wenn es kein Futter kriegt.

So bleibt mir zu hoffen, dass Gurschlers Buch dazu beiträgt, das Handwerk wieder als  Fixpunkt bei unserer Kaufentscheidung zu fixieren.

Susanne Gurschler,
HANDWERK IN TIROL. WO KÖNNEN AUF LEIDENSCHAFT TRIFFT.
ISBN: 978-3-7022-3811-7

 

Mit Fotografien von: Kary Wilhelm. 2019, Tyrolia; 232 Seiten; 253 farb. Abb.
29 cm x 24 cm. Sofort versandfertig oder abholbereit in der Tyrolia Innsbruck, Maria-Theresien-Straße 15

39.95 EUR

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