Das Osttiroler Gschlösstal: eine paradiesische Schönheit

Ich führe ein luxuriöses Leben. Das meine ich keineswegs materiell oder gar angeberisch. Für mich ist es der reine Luxus, Täler zu entdecken, deren landschaftliche Schönheiten deckungsgleich mit der Qualität von Speisen und Getränken sind. Regionalität auf allerhöchstem Niveau prägt mein Luxusleben. Und: ich suche Glücksmomente, die ich in Tirol auch immer wieder finde. Dieses Mal in Osttirol.

Eine der Voraussetzungen für unvergleichlich schöne, kaum berührte Landschaften in Tirol ist offenbar deren Nähe zu überbordenden  Hauptverkehrsadern. Ob im Nordtiroler Wipptal, wo sich links und rechts neben der Brennerautobahn die absolut schönsten Täler Tirols erstrecken. Oder – wie im vorliegenden Fall – an der Felbertauernstraße, in deren Nähe ein kleines, ich möchte sagen  paradiesisches Seitental liegt: das Gschlösstal. Dahin rasende Autofahrer vermuten meist nicht, welch einzigartige Schönheiten ihnen entgehen. Aber das ist auch besser so. Denn Autofahrer sind gottseidank eh nicht willkommen im Gschlösstal.

Die ‚Ikone‘ des Gschlösstales ist jene Stelle, an der der Gschlössbach die Felsen durchbricht.

Das „Tiroler Wirtshaus Tauernhaus“ liegt am Ausgang des Felbertauerntunnels und am Eingang ins Gschlösstal.

Unwirklich schön: Tauer und das Gschlösstal

Wenn ‚Heidi’ und der Geissenpeter um die Ecke biegen würden um ihrem  ‚Almöhi’ entgegen zu laufen, keinen würde es hier wundern. Die Schönheit der  Holzhäuser am Eingang zum Osttiroler Gschlösstal lässt den unbedarften Gast zuerst an einen Filmset denken. Die Almhäuser sind hölzerne Kunstwerke, Ausdruck schönster bäuerlicher Architektur. So schön sogar, dass die (Schweizer) Filmgeschichte von der Osttiroler Realität locker eingeholt wird. 

Almhäuser in Tauer. Liebevoll saniert sind sie eine wahre Augenweide.

Nicht genug damit. Von den umgebenden Berghängen stürzen Wasserfälle über senkrechte Felswände. Auf sattgrünen Wiesen weiden friedliche Kühe. Almhütten, von der Sonne rot- bis dunkelbraun gefärbt sind der Mittelpunkt dieser wunderbaren Alm-Landschaft. In Kombination mit dem Bimmeln der Kuhglocken erhält die Szenerie eine unwirklich schöne, ja eine sehnsuchtsvoll-romantische Aura.

Ich darf wohl annehmen, dass die Tiroler den Begriff  ‚Tauer‘ oder ‚Tauernhaus‘ kennen. Was mich betrifft: ich bin in den Jahren, als ich noch ein Auto besaß, immer dran vorbeigerauscht. Nicht wissend, was mir da entgangen ist. Wer Tauer und das Tauernhaus am Ausgang des Felbertauerntunnels nicht kennt ahnt kaum, was ihm da entgeht. Denn hier beginnt das das paradiesisch schöne Gschlösstal, das Autofahrern gottseidank versperrt bleibt.

Ein uralter Rastplatz vor der Überquerung des Alpenhauptkammes

Ein Jakobspilger in der Kapelle von Tauer

Aber zurück zum Tauernhaus. Wer sich ins Mittelalter zurück versetzt kann sich vorstellen, wie wichtig diese kleine Ansiedlung einst für Reisende, Säumer und Händler gewesen sein muss. Auch Pilger mischten sich unter die Alpenüberquerer, wie eine kleine Jakobspilger-Figur in der Bartholomäus-Kapelle in Tauer belegt. Es war die letzte Station vor der Überschreitung der Felbertauern und damit des Alpenhauptkammes. Teile des einstigen Saumpfades sind übrigens heute noch sichtbar.

Auf der alten Trasse des Saumpfades über den Felbertauernpass kann man heute noch gepflegt wandern.

Tauer verfügt als Ortsteil von Matrei also noch immer über einige uralte, wunderbar sanierte Almhäuser. Über all dem thront indes das legendäre „Tiroler Wirtschaus Matreier Tauernhaus“.  Was mich aber in helle Entzückung versetzte war ein anderes solides Gebäude aus Stein und Holz: die alte Alm-Sennerei Tauer, einige Meter hinter dem Gasthaus. Hier wird der Reichtum dieser Landschaft eigentlich ausgewertet und in großartige Spezialitäten verwandelt.

Butter und Käse aus schmackhafter Almmilch

Der Reichtum ist die Milch der Kühe, die im Sommer im Gschlösstal und den umgebenden Höhenzügen das beste erdenkliche Futter fressen: das köstliche Almgras mit seinen Blumen, durchsetzt mit dutzenden schmackhaften Berg-Kräutern. Aber was wäre diese Milch ohne ihre Haltbarmachung in Form von Butter und Käse? Und genau das wird in der Alm-Sennerei-Tauer mit größter Kunstfertigkeit praktiziert. Die Sennerei war für mich die Überraschung meines Urlaubes.

Das wunderbar renovierte Gebäude der Almsennerei Tauer der Tauernalpe.

So muss Sennerei!

Mein Zugang zu Genuss und Qualität ist simpel. Wer so alt ist wie ich kann sich zum Beispiel noch an die sogenannte ‚Maienbutter‘ erinnern. Also jene Butter, die nach einem langen Winter – meist im Mai – hergestellt worden war. Die Kühe aßen bereits das junge Gras, was die Butter so geschmackvoll machte. Auch die Farbe änderte sich von weiß ins goldgelb.

Jahrzehntelang hatte ich diesen Geschmack gesucht – in der Alm Sennerei Tauer habe ich ihn wieder gefunden. Unvergleichlich, zart, geschmackvoll, köstlich. Ein Geschmack, ganz genau wie ich ihn in Erinnerung hatte. Und das ist immerhin schon runde 60 Jahre her.

 

Der Bergkäse der Almsennerei Tauer wird im Felsenkeller gereift. Dort erhält er seinen genialen Geschmack. Bild: Almsennerei Tauer

Beim Käse aus der Alm-Sennerei Tauer ist es mir ganz ähnlich ergangen. Ob der Schnittkäse oder der im Felsenkeller gereifte ‚Reinerhorn‘ der Sennerei: ein zarter, auf Zunge und Gaumen cremig zergehender Almkäse, dessen geschmackliche Herkunft aus allerbesten Almkräutern eine ideale Kombination mit handwerklicher Perfektion darstellt. Genuss auf höchster Ebene sozusagen.

Das Talende des wunderschönen Gschlösstales mit dem massiv dahinschmelzenden Schleegeisferner. Hier wird der ‚Ferner‘ allerdings ‚Kees‘ genannt.

Aussergschlöss und die Wohlgemut-Alm

Ich hatte es ganz vergessen. In den Magazinen meiner Großmutter – es mag Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts gewesen sein – wurden immer wieder Landschaftsfotos aus Tirol abgedruckt. Und so erinnerte ich mich an das Bild eines Wildbaches, der sich zwischen zwei Felsen zwängt die er schäumend durchbricht. Im Hintergrund gleißende ‚Ferner‘. Und plötzlich stand ich vor diesem Bild, das ein Teil meiner jugendlichen ‚Tirol-Ikonographie‘ geprägt hatte. Es ist das Bild, das sich den Wandersleuten im Gschlösstal erschließt, wenn sie von Innergschlöss nach Tauernhaus wandern. Ein Ort, der mich bei meinem Aufenthalt im Gschlösstal magisch angezogen hat. Ich könnte stundenlang hier sitzen, schauen und träumen.

Die Ikone des Gschlösstales: der Bach durchbricht den Felsen, im Hintergrund die Schwarze Wand. Einzigartig.

Aussergschlöss mit den entzückenden Almhäusern. Wahrer Luxus für Augen, Seele und Geist.

Die Almhäuser in Aussergschlöss werden von ihren Besitzern akribisch gepflegt.

Die Details an den Almhäusern sind bisweilen herzerwärmend.

Der Abstieg nach Tauer und damit zum Tauernhaus wird dann von zwei Almen mit ihren einzigartigen Holz-Almhäusern unterbrochen. In Aussergschlöss kann man – ähnlich Innergschlöss – durchaus von einem Almdorf sprechen. Wundschöne, gepflegte Holzhäuser bieten ein Bild, das jeder Postkarte zur Ehre gereichen würde. Ein kleiner See mit Enten und einem Entenhaus verleiht diesem Ensemble einen beinahe kitschigen Charakter. 

Bilder von Schönheit, Ruhe und Entspannung. Ein Teich mit Entenhaus.

Kaum eine halbe Stunde weiter in Richtung Tauernhaus passiert man die Wohlgemut-Alm. Die über die Landschaft malerisch verstreuten Almhäuser symbolisieren für mich ein Gleichgewicht. Die Kubaturen der teils uralten Holzhäuser sind Balsam für das Auge und wirken wie ein Spiegel der Schönheit dieser Landschaft. Sie sind der Zeit entrückt und dennoch lebende Zeugen einer uralten Bergbauernkultur. Ihre Patina ist die Verwitterung durch Sonne, Regen, Schnee und Wind. Sie kündet vom rauhen Klima dieser Gegend und strahlt dennoch Ruhe und Gelassenheit aus. Häuser, die Relikte einer Zeit sind, in der Stress noch nicht zum Wortschatz der Menschen zählte.

Innergschlöss, ein paradiesischer Ort

Innergschlöss gehört für mich zu den schönsten Gebieten der Alpen überhaupt. Inmitten des Nationalparkes Hohe Tauern gelegen, wird es von den Auswüchsen der modernen Tourismusindustrie gottseidank geschützt. Dieses urwüchsige, wunderschöne Fleckchen Tirol ist mit dem Auto nicht zu erreichen. Elektrischer Strom? Ja, den gibt es. Ansonsten bleibt’s aber beim alten Leben. Nur ein Gasthaus, das Venedigerhaus, bietet Speis und Trank für Wanderer. Keine Bar, keine Disco, kein Rummel. Einfach wunderbar!

Und wer einmal in einer der zu mietenden Almhäuser in Innergschlöss Urlaub gemacht hat wird das vermutlich immer wieder tun. Zu einfach ist hier das Leben. Zu spektakulär ist die Landschaft. Zu ‚exklusiv‘ der Aufenthalt und die Ruhe. Zu luxuriös ist das Wandern zu den gleißenden Gletschern.  Wer einen echten Wanderurlaub verbringen will ist hier also hervorragend aufgehoben. Und wer sich noch zu den Beerensammler_innen zählt hat im Herbst einen gewaltigen Bonus: dann sind Heidel- und Preiselbeeren reif.

Und so war denn auch meine Marmelade aus Heidel- und Preiselbeeren zusammen mit der Almbutter und dem wunderbaren Käse eine der Hochgenüsse des Urlaubs. Es ist jener Luxus, den ich meine.

LINK FÜR GENIESSER_INNEN

Es sind nicht nur die allerfeinsten Alm-Produkte, die von der Almsennerei Tauer hergestellt werden. Auf ihrer Website lieert die Alm-Sennerei Tauer auch Rezepte. Und die sind großartig. Ich möchte sie euch nicht vorenthalten: https://almsennerei.at/13-die-rezepte

2 Gedanken zu “Das Osttiroler Gschlösstal: eine paradiesische Schönheit

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