Der Kräuter-Tempel in Glurns

Von den Stilfser BIO-Bergkräutern hatte ich schon vor einigen Jahren gehört und gelesen. Grund genug, die Protagonisten endlich einmal zu besuchen, die hinter diesem tollen Projekt stehen: Siegi Platzer und Dr. Traude Horvath. Zu meiner großen Überraschung wollten sie mich im Rahmen meiner BIO-Vinschgau-Tour in Glurns treffen. Im Tee-Salon, ihrem wunderbaren Tempel feiner Teekultur.

2001 war es, als Siegi Platzer endgültig genug hatte von seinem Bank-Job. Nach 24 Jahren schmiss er den Bettel hin. Die Vorstellung, noch weitere 15 Jahre bis zur Pension quasi herumzuhocken war für ihn ein Gräuel. Er, der immer schon etwas aktiv tun, etwas bewegen wollte. Und das nach Möglichkeit in seinem Heimatort Stilfs. Also erfand sich Siegi neu und wechselte  vom Büro auf den Acker. Der befand sich allerdings in 1.300 m Seehöhe.

Stilfs in Südtirol. Fotograf: Armin Kübelbeck, CC-BY-SA, Wikimedia Commons

„Für die Leute in Stilfs war es damals schwer zu verstehen, weshalb jemand einen guten Job hinschmiss und dorthin zieht, wo andere wegziehen“, lacht Siegi, als ich ihn in seinem Tee-Salon in Glurns besuche. Er liest in einem überaus heimeligen Ambiente Kräuter aus. „Ich startete in meinem neuen Beruf aber gleich einmal voll durch“ lacht er. Und fröhnte anfänglich der traditionellen Landwirtschaft mit Tieren, baute aber schon seltene alte Getreidesorten an. Hoch über dem Vinschgau gediehen Roggen und Gerste aber auch Kartoffeln und Gemüse auf den Äckern seiner Familie. Bei der Pflege der Tiere ging ihm allerdings seine Mutter zur Hand, „alleine wäre das kaum möglich gewesen“, wie er nachträglich bemerkt. In dieser  ‚herkömmlichen Landwirtschaft‘ sah er aber schon bald keine wirkliche Zukunft mehr. Worauf er begann, sich intensiv mit der Kräuterzucht zu beschäftigen. Und hier beginnt eine einzigartige Erfolgsgeschichte dieses „Quereinsteigers in die Landwirtschaft“.

Das Elternhaus von Siegi Platzer in Stilfs. Foto: Stilfser Bergkräuter

Erfolg schon mit der ersten Teemischung

Gleich seine erste Teemischung aus den biologisch angebauten oder wild bis auf 2.500 m Höhe gesammelten Bergkräutern war ein Renner. Und ist es bis heute geblieben. Nein, nicht nur in Südtirol, die Erfolgsgeschichte beginnt eigentlich in Wien!  Siegi Platzer verkaufte seinen Tee nämlich am Naschmarkt. Und  das mit großem Erfolg. In Wien  kreuzte sich auch sein Lebensweg mit jener Frau, die nun mit ihm gemeinsam im Vinschgau, genauer in Glurns, für gediegene Kräutertee-Kultur in einer ungewöhnlichen Atmosphäre sorgt. Und das in einem wahrhaftigen „Tee-Tempel“, dem Tee-Salon zu Glurns.

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Die Erfolgsgeschichte des ‚Self-Made-Kräuterbauern’ begann also auf dem Wiener Naschmarkt. Siegi wusste um die Qualität seines Tees, fuhr alle zwei Wochen in die österreichische Hauptstadt und legte den Grundstein seines heutigen Erfolges. Sicher, er hatte das Glück, seinen Kräutertee von allem Anfang an mit Hilfe einer burgenländischen Bäuerin in der ersten Verkaufsreihe anbieten zu können. Was seinem Umsatz natürlich zugute kam. Aber das war noch lange nicht alles. Siegi war von seinen Kräutern so überzeugt, dass er beschloss, einfach einmal zum ‚Meinl am Graben‘ zu spazieren, um den Tee dort vorzustellen und anzubieten. Ohne Terminvereinbarung, ohne Empfehlung. Einfach so. Was den Einkäufern des wohl exklusivsten Lebensmittelgeschäft Wiens sehr imponiert haben musste. Siegis wunderbarer Kräutertee war lange Jahre im Angebot des einstigen Delikatessenkönigs von Wien.

Die Ernte der Kräuter? Natürlich von Hand.

Schnitt, Pflücken und Rebeln erfolgten und erfolgen immer noch ohne Hilfe von Maschinen. Die Kund_innen können Blatt für Blatt und Blüte für Blüte kontrollieren. „Das ist unsere Qualitätsgarantie und unser Gütesiegel“, sagt Siegi. „Selbstverständlich sind wir mit unseren Qualitätsprodukten auch Mitglied bei anderen Gütesiegeln und Bio-zertifiziert.“

Siegi Platzer bei der Kräuterernte in Stilfs. Bild: Stilfser Bergkräuter
Blüten verfeinern jeden Kräutertee. Bild: Stilfser Bergkräuter
Bergkräuter sind ihre Welt: Siegi Platzer und Traude Horvath in ihrem Kräutergarten hoch über dem Vinschgau. Bild: Stilfser Bergkräuter

Bei seinen Wienaufenthalten lernte er dann aber Traude Horvath kennen, die damals mit ihrem „Gasthaus Horvath“ im wahrsten Sinn des Wortes in aller Munde war. Auch sie war eine Quereinsteigerin, allerdings in die Gastronomie. Denn die studierte Soziologin war zuerst maßgeblich am Aufbau des Burgenländer Literaturhauses beteiligt. Nach einem Projekt in Bulgarien kehrte sie nach Österreich zurück und orientierte sich völlig neu. Sie wollte ein Küchen-Utensiliengeschäft eröffnen, vielleicht mit angeschlossenem Bistro. Auch Kochkurse schwebten ihr vor. Geworden ist ein Jahr später daraus der Gasthof Horvath, der schon binnen kurzer Zeit mit einer Haube im Gault-Millau quasi gekrönt wurde.

Vom Naschmarkt nach Stilfs

2007 gab Traude Hovrath das Lokal auf, verkaufte es und zog 2010 nach Stilfs zu Siegi nach Stilfs. Dort gab es in der Zwischenzeit einiges zu tun. Am Programm stand vor allem der Umbau des Stalls in Siegis Elternhaus. Er sollte zum Verkaufsraum für den Ab-Hof-Verkauf mit angeschlossenem Tee-Salon werden. Daneben besuchten die beiden Märkte im In- und Ausland. Auch der Online-Handel erforderte konzentrierten Einsatz.

Es war dann 2015, als die beiden vor einer gewichtigen Entscheidung standen. Im Rahmen der Stadtsanierung in Glurns war ein Objekt noch nicht vergeben, das sich hervorragend für ihre Zwecke eignete. Zu Ostern desselben Jahres entschlossen sie sich schließlich, einen ganz speziellen „Tee-Salon“ in der berühmten Laubenstraße zu Glurns zu eröffnen. Damit konnten zwei weitere Ziele erreicht werden: Die inzwischen beliebten Kräutermischungen wurden nun direkt und  ohne Einschaltung von Wiederverkäufern angeboten. Die Entscheidung der beiden, regionale Spezialitäten und somit Spezereien aus der nahen und fernen Umgebung im Tee-Salon zum Verkauf feilzubieten zeigen genau das, wofür Siegi und Traude stehen: für regionale Wertschöpfung mit regionalen Produkte.

Ihr wollt nun wissen, wie ich den Tee-Salon in Glurns charakterisieren würde? Ganz einfach: Er ist für mich ein exquisiter Salon mit angeschlossener Feinschmeckerküche. Wer sich in dieser Atmosphäre gediegener Wohn- und Esskultur auch noch geistig betätigen will, ist hier sehr gut aufgehoben. Neben Zeitschriften (sicher nicht die KRONE oder andere Schuldblätter) steht auch erlesene Literatur zur Verfügung.

Meine Empfehlung, sofern auf der Tageskarte: Nocken mit Salbei, Butter, Parmesan und Salat.

Rund 40 Teemischungen stehen zum Verkosten bereit. Meine bevorzugte Sorte ist Citrolas. Die Mischung besteht aus Salbei, Malve, Ringelblume, Goldmelisse, Kornblume, Apfel, Marille, wirkt wärmend und beruhigend für den Magen.

Achja, zum Essen: Traude zaubert in ihrer kleinen, offenen Küche jene einfachen Gerichte auf den Teller, die ich in anderen Lokalen schmerzhaft vermisse. Natürlich bio und regional. Was mich über alles freut: Traude zelebriert vor allem die  verfeinerte, bodenständige Küche. Prädikat: exzellent!

Meine Link-Tipps:

Tee-Salon, Salon delle erbe, Laubengasse 11, Glurns.
Telefon: +39 0473 835 417; traude.horvath@gmail.com
https://www.tee-salon.it/

Ihr könnt die Kräuterteemischungen auch online kaufen: http://www.stilfser-bergkraeuter.it/deutsch/bio-tee-shop.html++/sdkid/156/

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