Südtirol: Giftspritzende Apfelbarone bedrohen innovativen BIO-Bauern

Die Situation vieler BIO-Betriebe in ‚Pestizidtirol‘ ist dramatisch. Die Existenz eines der innovativsten Unternehmen wird durch den ungehemmten Einsatz hochgiftiger ‚Pflanzenschutzmittel‘ sogar massiv bedroht.

Wo bleibt die Südtiroler Politik? Sie steht hinter den  Giftlern und schaut weg wenn es um den Gift-Fallout geht. Was tut der Bauernbund? Nichts. Außer eindeutig auf der Seite der giftspritzenden Apfelbarone und der in Südtirol gut gelittenen Pestizidindustrie zu stehen. Die Rechtssprechung? Die weigert sich schlicht und einfach, Stellung zu beziehen. 

Die Logik in ‚Pestizidtirol‘: Wenn alle Gift verspritzen und keiner für die Verseuchung belangt wird.

Nehmen wir einmal an, fünf ‚Halbstarke‘ zertrümmern einen Ferrari mit Vorschlaghämmern. Zurück bleibt ein Schrotthaufen. Die Rowdies werden gefasst, in der darauffolgenden Gerichtsverhandlung aber alle freigesprochen. Unmöglich im westeuropäischen Rechtssystem? Keineswegs, denn Vergleichbares spielt sich derzeit im Südtiroler Ort Goldrain ab.

Die Halbstarken: ‚konventionelle‘ Apfelbauern, die hier jährlich Tonnen von hochgiftigen, in Deutschland teils sogar verbotenen Pestiziden, Fungi- und Herbiziden versprühen. Der Ferrari: ein innovatives Unternehmen, das vor knapp 30 Jahren begann,  BIO-Landwirtschaft zu betreiben. Und weil der Giftcocktail aus den umliegenden Apfelkulturen die Kräuter zum Teil unverkäuflich machte, musste der geschädigte BIO-Bauer in den letzten Jahren auf eigene Rechnung ein sündteures Schutzsystem anschaffen. Weil nicht feststellbar ist, wer was welches Gift gespritzt hatte. Genau deshalb wird in Südtirol kurzerhand keiner belangt.

So schaut sie aus, die Gerechtigkeit in Pestizidtirol.

Einer der giftspritzenden Apfelbarone von Goldrain bei der Arbeit. Die wabernden Giftnebel verteilen sich über riesige Gebiete im Vinschgau. Bild: Kräuterschlössl Goldrain

Die Existenz eines 30 Jahre alten BIO-Betriebes wird von Apfelbaronen bedroht

Ich mache auf meiner Tour zu den „Bio-Oasen in Pestizidtirol“ beim ‚Kräuterschlössl‘ der Familie Gluderer im Mittelvinschgau, genauer in Goldrain Station. Wie ich sofort feststellen muss, befinde ich mich hier quasi im ‚Auge des Gifthurricans‘, der seinen gesundheitschädigenden  ‚Fallout‘ über den gesamten Vinschgau verteilt.

Schon beim Spaziergang vom Bahnhof zum Kräuterschlössl sieht man als Fußgänger eigentlich nur noch den Himmel. Die Apfelplantagen links und rechts der Straße ähneln den Lärmschutzwänden auf Autobahnen oder entlang von Bahnlinien, die jeden Blick auf die nähere Umgebung verstellen. Nur die Berge überragen die Monokulturen.

Apfelplantagen ragen in die Luft wie Lärmschutzwände auf einer Autobahn.

Urban Gluderer ist der Chef des 4-Generationen Familienunternehmens „Kräuterschlössl“. Vor knapp 30 Jahren begann er mit seiner BIO-Landwirtschaft. Er begrüßt mich am Eingang seines Unternehmens. Es ist Spätherbst, seine Kräuter sind zum Großteil abgeerntet. Mir fallen die jetzt offenen Gewächshäuser auf, als wir zu seinem mit Zinnen ‚bewehrten‘ Schlössls spazieren. „Gewächshäuser ist gut“, lacht er. „Es ist eine riesige Schutzvorrichtung gegen die hochgiftigen Spritzmittel meiner Nachbarn, deren Fallout meine BIO-Kräuter unverkäuflich machen und unsere Existenz bedrohen“.

Der Eingangsbereich des Kräuterschlössls.
Das Kräuterschlössl stand einst allein auf weiter Flur. Jahre später sind die Apfelmonokulturen herangerückt und bedrohen nun die Existenz eines der innovativsten Südtiroler BIO-Betriebe. Bild: Kräuterschlössl

Er stellte vor 29 Jahren den damaligen Betrieb auf BIO-Anbau um. Heute schwärmt er von seiner Kindheit und es klingt fast nostalgisch:  „Um unseren Hof herum waren Wiesen, Kühe haben gegrast. Die Planierung des einst hügeligen, langgezogenen Abhanges in den 70er Jahren hat dann eine dramatische Wende eingeleitet“, erzählt Urban. Der gelernte Tischler sattelte nach der Meisterprüfung um, und arbeitete als Erzieher in der sozialpsychiatrischen Einrichtung „Biologischer Gartenbau Latsch“ einen BIO-Gartenbau für Therapiezwecke. Mit 40 schmiss er alles hin und begann auf einem Grundstück, das ihm sein Vater geschenkt hatte, BIO-Kräuter anzubauen.  Auf genau 3647 m².

So hat es früher hier einmal ausgeschaut. Durftende Bergkräuter wuchsen in der milden Sonne des Vinschgaus unter offenem Himmel. Bild: Kräuterschlössl
Die Familie Gluderer betreibt das Kräuterschlössl. Bild: Kräuterschlössl
Heute: die BIO-Käuterfelder müssen unter riesigen Folientunnels verschwinden, um sie vor Vergiftungen zu schützen.
Auf eigene Kosten musste sich Urban Gluderer gegen den Fallout giftiger Pestizide schützen, die von seinen Nachbarn in die Luft geblasen werden.

Wo Apfel-Monokulturen – da Gift

Bis dann vor neun Jahren erstmals Gift auf seinen BIO-Kräutern gefunden worden ist. Die Lebensmittelbehörde hatte erstmals mit neuer Technik gemessen und hohe Pestizid-Werte festgestellt. Die unfassbare Folge: Urban Gluderer wurde wegen Falschetikettierung angezeigt. Noch ärger: Er sollte mehrfach 18.000 Euro Strafe bezahlen. Denn die BIO-Kräuter waren durch die Giftspritzerei seiner Nachbarn belastet, die bereits ausgelieferte Waren musste er zurückrufen. Es bedurfte sage und schreibe dreier Prozesse, um die Strafe abzuwenden. Der Riesenschaden und auch die  Rechtsanwaltskosten blieben jedoch bei ihm hängen. Und das, obwohl er völlig unschuldig war.

Urban Gluderer am Dach seines Kräuterschlössls.

Wie schützt man sich vor Gift in der Luft?

Als einzigen Ausweg sah Gluderer im Jahr 2014 die Abdeckung der Kräuterfelder mit Folien, „weil wir gedacht hatten, dass das Gift quasi auf die Pflanzen herabregnet“. Kostenpunkt: 150.000 Euro. Auch eine Art „Wasservorhang“ wurde von den Gluderers getestet, vielleicht war das die Lösung, die giftigen Mini-Tröpfchen abzuhalten.

Weshalb er keine Regressansprüche an seine Gift verspritzenden Nachbarn gestellt habe, will ich von Urban wissen. „Weil ich die Schädiger jeweils namentlich benennen müsste, wann und was sie gespritzt haben. Aber das ist ja nicht möglich, wenn alle mit ihren Giftfässern mehr oder minder gleichzeitig das Zeug in die Luft blasen.“ Das ist die Sache mit den Vorschlaghämmern und dem Ferrari, denke ich. Alle sind schuld und keiner will’s gewesen sein. Und kriegen das bei Gericht auch noch bestätigt.

Erst im Herbst, wenn die Bauern kein Gift verspritzen, können die Folientunnel teils geöffnet werden.

52,4 Grad Celsius im giftfreien Folientunnel

Aber es wär ja nicht ‚Pestizidtirol‘ mit seiner ausufernden Apfelindustrie, wenn’s nicht noch dicker kommen könnte. Nach der Abdeckung mit Folien wurde wiederum eine Überschreitung der Grenzwerte für BIO-Produkte festgestellt. Denn die Sprühnebel wabern quasi wie Vogelfedern durch die Landschaft.  Die Tröpfchen sind als Aerosole so fein, dass sie mit der Thermik aufsteigen. Sie kommen überall hin und dringen überall ein. (Was die Südtiroler meist vergessen: die Aerosole gelangen auch und vor allem in ihre Lungen).

Wieder musste er ganze Chargen der Ernte vernichten. „Nur mit Glück war die Belastung bei einigen Kräutersorten so niedrig, dass wir sie wenigstens als ‚konventionell‘ verkaufen konnten wenn die Verunreinigungen mit Pflanzenschutzmitteln den jeweiligen Grenzwert nicht überstieg.

Jetzt platze Urban Gluderer der Kragen. Er musste seine Schutztunnels auch noch seitlich schließen, damit diese völlig dicht sind. Nur so konnte er weiter arbeiten. Aber jetzt hat er mit einem anderen Problem zu kämpfen: der Innentemperatur. Denn im vergangenen heißen Sommer stieg die Temperatur auf 52,4 Grad C.

Im Sommer ist es im Folientunnel kaum auszuhalten.

Die Apfelbarone werden immer frecher

Als wenn es für die Familie Gluderer nicht schon genug Probleme gegeben hätte beginnen seine ‚feinen‘ Nachbarn jetzt damit, ihr Gift zu spritzen ohne Urban Gluderer vorher überhaupt zu verständigen. „Weder die Inhaltsstoffe noch der Zeitpunkt der Spritzerei wird mir mitgeteilt. Laut Gesetz hätte ich ein Recht darauf, das zu wissen“, sagt Gluderer. Er konnte  einen der Bauern nur bitten, wenigstens nicht Chlorpyrifos zu spritzen, denn seine Schwiegertochter war mit einem Baby schwanger. Denn Chlorpyrifos kann die Gesundheit Ungeborener massiv beeinträchtigen.

Aber wie weit es schon um die Rechtssprechung in der Südtiroler Bananen- und Apfelrepublik bestellt ist beweist der  jüngste Skandal.

Die Vorgeschichte: am 22. Mai nahm auf seine Anzeige hin die Polizei Proben von seinen Kräutern. Und wieder waren diese belastet. Logischerweise stellte der Bürgermeister einen Strafbescheid gegen einen der Bauern aus. Woraufhin der Bauernbund den Bürgermeister bekämpft hat. Es wurde argumentiert, die Proben seien nicht ordnungs- und sachgemäß gezogen worden. Woraufhin der Bauer die Strafzahlung in der Höhe von 500 Euro wieder zurückerhalten hat. „Es ist unglaublich“, meint Urban, „dass jede Übertretung seitens der Bauern toleriert wird, uns aber die Schuld umgehängt wird, wenn deren Gift auf unseren Pflanzen landet.“

Nicht zu vergessen, diese Gifte landen auch in Bächen, in der Luft, auf Kinderspielplätzen, Wohnungen etc. Jeder der sich im größten geschlossenen Obstbaugebiet Europas aufhält darf/muß  über mindestens 7 Monate im Jahr Pestizide einatmen.

Zwei der dutzenden giftigen Chemikalien, die in Pestizidtirol in die Luft gejagt werden. Chlorpyrifos ist gerähflich für Schwangere und deren ungeborene Kinder.
Captan ist vermutlich krebserzeugend.

Bauern verweigern Auskunft über Gifte, die sie ausbringen. Und das Gericht will sie nicht zwingen, Gesetze einzuhalten.

Obwohl das Gesetz eindeutig besagt, dass ein Bio-Bauer vor dem Ausbringen der Pestizide Informationen seitens der Apfelbarone erhalten muss hat das Gericht nach einer nahezu dreiwöchigen  Überlegungszeit (!) entschieden, einen Dringlichkeitsantrag von Urban Gluderer abzulehnen. Damit entledigt sich der Richter eines Urteilsspruches in einem Land, in dem die Apfelbarone quasi in der Regierung sitzen. Und es schaut so aus, als ob im nächsten Jahr die giftspritzenden Apfelbarone wieder spritzen wann und was ihnen gefällt.Ohne den BIO-Kräuterbauern zu benachrichtigen. Denn offensichtlich fällt ihnen die Rechtssprechung wegen der Gesetzesübertretung nicht in den Arm. 

Ich kaufe keine Südtiroler Äpfel mehr, die 30 Mal (!) mit diversen Giften behandelt werden

Was ich persönlich aus diesen Tatsachen ableite: ich kaufe mit Ausnahme von BIO-Äpfeln keine Südtiroler Äpfel mehr. Einerseits werden sie offenbar ohne Rücksicht auf Verluste anderer hergestellt. Und andererseits sind bis zu 30 mal mit Chemie behandelt worden, deren Rückstände sich  zum Teil sogar im Inneren des Apfels befinden und von der Schale nur sehr schwer abwaschen lassen.

Ein Beispiel:

Ein nach biologischen Richtlinien angebauter Apfel darf den Rückstandswert von Captan 0,01 mg/kg nicht überschreiten, ein „integriert“ angebauter Apfel darf 10,00 mg/kg Captan drauf haben und ist immer noch verkäuflich. Integriert ist das Lieblingswort der Südtiroler Apfelbarone heißt aber nicht mehr und nicht weniger, dass Gift in den Anbauprozess integriert wird.

Captan wird übrigens von den amerikanischen Behörden als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ deklariert.  

Oder Chlorpyrifos. Bei Kindern, die im Mutterleib subtoxischen Dosen Chlorpyrifos ausgesetzt waren, wurden morphologische Veränderungen des Großhirns, unter anderem von geschlechtstypischen Merkmalen, sowie Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit festgestellt.

Mir reicht’s. Südtiroler Äpfel sind für mich keine Option mehr. Mit Ausnahme von BIO-Äpfeln jener Bäuerinnen und Bauern, die ich persönlich kenne.

5 Gedanken zu “Südtirol: Giftspritzende Apfelbarone bedrohen innovativen BIO-Bauern

  1. Südtiroler Äpfel sind für mich fast so attraktiv wie chilenische oder südafrikanische. Ehe ich solche Äpfel kaufe, verzichte ich lieber! Wir haben selbst eine frühe Sorte, unsere Nachbarn eine späte, sehr lagerfähige. Und so versorgen wir uns halt gegenseitig. Wieso soll ich Äpfel kaufen, bei denen ich Bedenken haben müsste, dass ich nachts plötzlich leuchte 😉

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  2. Ich bin wirklich erschüttert, das lesen zu müssen. Und das aus einem Land, welches ich schon als Kind geliebt habe. Bisher galt Südtirol für mich als das Paradies schlechthin. Oder wie Sie es so passend beschreiben: „Tirol isch toll“.
    Herzliche Grüße, Werner Philipps

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  3. Unglaublich, diese Zustände !!! Ist Italien/Südtirol noch ein Rechtsstaat ? Wie wär’s mit dem dem Gang zum Europäischen Gerichtshof in Strassburg ? Beste Wünsche und Grüsse von Fritz Wassmann-Takigawa, Siblingen, Schweiz

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