Gmail kann auch ein Kraftplatz sein

Wer in Tirol Kraftplätze sucht, sollte sich an abgelegenen Kirchen und Kapellen orientieren. Heute stelle ich die Gmail-Kapelle und die Einsiedelei ob St. Johann (natürlich in Tirol) vor.

Ich bin überzeugt, dass es euch ähnlich geht wie mir. Irgendwann einmal sieht man ein Bild und denkt sich, „wo ist das?“ Und wenn man es dann weiß reift die Erkenntnis: „da muss ich einmal hinspazieren“. Genau so ist es mir mit der Gmail-Kapelle bei St. Johann gegangen. Dass dann noch beträchtlich Zeit vergehen kann, bis man im zur Tat schreitet, steht auf einem anderen Blatt.

Heuer stand die kleine Kapelle hoch über St. Johann in Tirol auf meiner persönlichen, unumstößlichen Wanderliste. Das heißt: ich nahm mir strikt vor, sie zu besuchen. Und bei näherem ‚Hinschauen‘ auf die Wanderkarte habe ich dann noch entdeckt, dass auf dem Weg zur Gmailkapelle eine Einsiedelei liegt, die es Wert ist, besucht zu werden.

St. Johann i.T.
St. Johann ist der Ausgangspunkt einer feinen Wanderung zu den beiden Kraftplätzen.

Gmail – Wer verklagt Google?

Ich muss zugeben, mehr von der digitalen Welt infiziert zu sein, als mir lieb ist. Gmail hatte ich beim ersten Hinsehen als‚tschimeil‘, als „Google-Mail“ verstanden, jenes kostenfreie e-mail-System, das der Internetgigant betreibt. Dass Gmail ein uraltes Wort aus dem bayerischen Sprachraum ist, hatte ich bisher nicht gewusst. Ich frage mich, weshalb noch kein aufstrebender Advokat versucht hat, den amerikanischen Hypermulti darob zu verklagen. Wegen Wortdiebstahls oder so…

Wie dem auch sei, ich machte mich auf den Weg. Fuhr mit dem Zug bis St. Johann und begann die Wanderung vom Bahnhof aus. Erst durch den wunderschönen Ortskern dieses Städtchens und dann über die Brücke der Kitzbüheler Ache. Denn der Ache entlang geht es in Richtung Einsiedelei. Um sicher zu sein, hatte ich mir vorher noch im Touristenbüro eine Karte geholt und mir den Weg einzeichnen lassen.

St. Johann, Schuhgeschäft mit Engel
Wenn Schuhgeschäfte Engel bekleiden können die Kraftplätze nicht mehr weit sein…

Schon wieder ein Kreuzweg

Zuerst sind es die bizarren Kalkfelsen des Wilden Kaisers, die den Blick der Wanderer auf sich ziehen. Nach rund 1/2 Stunde hat man eine Anhöhe erreicht, von der aus das Auge von St. Johann und die umgebenden Berge, vor allem das Kitzbüheler Horn angezogen wird.

Wilder Kaiser
Die spektakulären Kalkfelsen des Wilden Kaisers thronen über St. Johann.

Jetzt beginnt ein Kreuzweg, dessen 14. Station dann die Einsiedelei „Maria Blut“ ist. Schon wieder. Was ich mich jedoch immer wieder frage: weshalb ist ausgerechnet diese tragische Geschichte einer Hinrichtung ein Vorbote vieler heiliger Plätze? Wären positive Erzählungen aus der Bibel – zum Beispiel die Bergpredigt – als Anschauungsunterricht für Menschlichkeit und Empathie nicht besser? Gerade in unseren Tagen, in denen Hass, Rassismus, Verachtung und Respektlosigkeit in einem Maße zunehmen, dass einem Angst und Bange wird. Da nützt es doch wenig, trostlose Hinrichtungsgeschichten zu sehen und zu hören. Unbestritten besser ist es, das Edle, Gute und Schöne zu betonen. Zudem glaube ich nicht, dass das Christentum eine Religion der Selbstkasteiung und des Büßertums ist. Was ich noch nie geglaubt habe ist, dass der Christengott solches von den Menschen verlangt. Aber sei’s drum. Nach 45 Minuten hatte ich die Einsiedelei erreicht, die auf einem wirklich wunderschönen Plätzchen über St. Johann liegt.

Bauernhof St. Johann
Ein wunderschöner Bauernhof am Weg zur Einsiedelei.

Seit 300 Jahren, so heißt es, sei diese Eremitage von Einsiedlern bewohnt. Wobei derzeit eine Einsiedlerin hier die Stellung hält, nämlich eine Schwester vom Orden der Kreuzschwestern. Interessant ist die kleine Kapelle, die an das Wohnaus des Einsiedlers angebaut ist.

Einsiedelei St. Johann
Der Blick über die Einsiedelei ins Tal.
Ein Blick ins Innere der Einsiedelei-Kapelle

Der Aufstieg zur Gmail-Kapelle

Von der Einsiedelei aus geht’s dann steil aufwärts zur Gmail-Kapelle. Der Weg hat es in sich, gutes Schuhwerk ist hier besonders dann wichtig, wenn es regnet oder geregnet hat. Der Weg führt in steilen Serpentinen bergauf, immer wieder von fantastischen Ausblicken unterbrochen. Nach rund 40 Minuten erreiche ich schweißgebadet und schwer atmend das kleine Kapellchen, das unter einem Felsüberhang wie geduckt dasteht. Ein überaus schönes, geradezu romantisches Bild.

Gmailkapelle
Die Gmail-Kapelle duckt sich unter einen Felsüberhang.
Gmailkapelle St. Johann
Der Blick von der Gmailkapelle ins Tal.

 

Und jetzt erfahre ich auch, was es mit dem Wort Gmail auf sich hat. ‚Gemälde‘ wird in bayerischem Dialekt ‚Gmail‘ ausgesprochen. Ein solches, die Muttergottes zeigend, sei hier gehangen, bevor 1782 die Kapelle im Rokkoko-Stil erbaut worden ist. Kaum 30 Jahre später wurde sie zum Fluchtpunkt vieler Menschen. Als 1809 die mordenden und brandschatzenden bayerischen Truppen, geschlagen von Andreas Hofers Schützen am Bergisel, nach Bayern zogen flüchteten die Bewohner_innen aus St. Johann und Kirchdorf auf die Gmail-Kapelle und suchten Schutz bei der Gottesmutter.

Gmailkapelle St. Johann
Die Muttergottesfigur ist in einer künstlichen Höhle in der Kirche untergebracht.
Gmailer Köpfl, St. Johann
Den Blick vom Gmailer Köpfl sollte man sich beim Abstieg nicht entgehen lassen.

Der Abstieg wiederum geht in die Knie. Deshalb ist es vorteilhaft, einen Almstecken mitzuführen, an dem man sich quasi zu Tal schwingen kann. So wie ich das tue oder tun muss, um meine Knie zu schonen.

Tipps:

  • Anfahrt bitte – auch der Umwelt zuliebe – mit öffentlichen Verkehrsmitteln. St. Johann ist sehr gut mit dem Zug zu erreichen.
  • Genug Wasser mitnehmen, da der Brunnen bei der Einsiedelei abgeschaltet ist.