Zwei Oasen im Ötztal

Nicht nur in den Wüsten dieser Erde sind Oasen gefragt. Auch in den Alpen werden sie immer wichtiger.

Wenn es einen Preis für den absolut schiachsten und grauslichsten Ort Tirols gäbe, Sölden wär’ ganz sicher unter den Top 3. An Geschmacklosigkeit nicht mehr zu überbietende architektonische Wahnsinnsbauten und geraniengeschmückte Touristensilos stehen hier in Konkurrenz zu den bis ins Dorfzentrum reichenden betonierten Abfahrtspisten. Fast-Food-Hütten überbieten sich im Angebot geschmacksverstärkter Industrienahrung, deren obszöner Gestank wie schwerer Nebel zwischen den Hotelburgen wabert. Die „Urlauber“, die hier mit ihrer Sportbekleidung eher Papageien gleichen, sind die zahlenden Akteure auf der Bühne einer sportiven Geschäftigkeit, die immer mehr ins Manische abgleitet.

Und dennoch existiert  normales Leben außerhalb dieser geschmacklosen Beton-Wüste. Ich habe zwei Oasen auf Sölder Gemeindegrund ausgemacht und in den letzten Wochen besucht. Beide kann ich guten Herzens weiter empfehlen.

Oase 1: das Windachtal mit Fiegls Hütte und der Kleble-Alm

Fiegls Hütte, Windachtal
Fiegls Hütte mit der Windachalm. Eine der beiden Oasen auf Söldner Ortsgebiet.

Das Windachtal war mir nur aus einer Erzählung von Prof. Hans Haid bekannt. Der Ötztaler Mundartdichter und Volkskundler berichtete vor Jahren von einem Schalenstein, der sich irgendwo im hinteren Bereich des Tales befinde. Also machte ich mich auf die Suche.

Ich lasse mich vom Wandertaxi, das das Windachtal bedient, hochkarren. Der Aufstieg schien mir doch etwas zu langweilig und auch zu anstrengend. Kurz vor Fiegls Hütte ist dann Endstation,  quasi der Taxi-Umkehrplatz. Schon beim Aussteigen kann man sich eine gewisse Überraschung nicht verkneifen: kein Beton weit und breit, keine geteerte Straße, kein geschmacksverstärkter Speisenduft. Keine menschlichen Papageien. Und: vor allem kein Verkehr. Nur die Bergspitzen im hinteren Bereich des Windachtales und die rauschende Windach begrüßen den staunenden Spaziergänger, der schon nach einigen hundert Metern auf eine Alm trifft: die Windachalm mit Fiegls Hütte.

Windachtal
Klein Kanada? Ja, beinahe. Der Blick geht über das Innere Windachtal zum Gaiskogel.

„Klein Kanada“ nennen Kenner die Gegend. Und haben gar nicht unrecht. Alles ist ruhig hier, das innere Windachtal wird von der Windach geprägt, die sich durch den Talboden schlängelt. Uralte Almhütten säumen den Weg, der in weiterer Folge zur Hildesheimer- und Siegerlandhütte und dem Brunnkogelhaus führt. Ich habe mir sagen lassen, dass der Aufstieg vom Windachtal aufs Zuckerhütl auch nicht von schlechten Eltern sei.

Der Blick von Fiegls Hütte. Schon ganz schön, meine ich.
Lochle-Alm
Die Lochle-Alm im Windachtal.

Ein älterer Herr – es stellt sich heraus, der Seniorchef – erzählt mir dann bei einem Kaffe auf Fiegls Hütte, wo ich den Schalenstein finden könnte. Der liegt aber einige hundert Meter über dem Talgrund des Windachtales, was mir bei der Hitze doch etwas zu anstrengend ist. Also mach ich eine Runde durch den hinteren Bereich des Tales, der tatsächlich ein wenig an Kanada erinnert.

Von der Windachalm mache ich mich dann via Lochlealm auf zur Kleble-Alm. Der Steig ist bisweilen steil, führt aber an einem Berghang entlang mit teils fantastischer Aussicht auf das Hintere Ötztal. Und die Kleble – Alm? Ein Traum von einem Almdorf.

Kleble Alm Windachtal
Die pittoreske Kleblealm, quasi ein ‚Idealbild‘ eines kleinen Almdorfes.
Kleblealm
Eines der Almhäuser auf der Kleble-Alm. Wie aus einem Heimatfilm.

Obwohl ich den Ausdruck normalerweise meide: Der Anblick der Kleble-Alm ist atemberaubend. Ein Almdorf, wie es normalerweise in Heimatfilmen gezeigt wird. Wer hier einen Film drehen will, sollte den Ton abschalten. Denn tief unten im Tal meinen impotente Motorradfahrer, ihre körperlichen Mängel mit Lärm ausgleichen zu müssen.

Das Bergpanorama über Sölden ist eigentlich wunderschön. Auf den ersten Blick. Wenn man dann aber genauer hinschaut, zum Beispiel mit einem Fernglas, kann man den alpinen Wahnsinn in all seinen Schattierungen erkennen. Lifte, Bergbahnen, Gipfelrestaurants. Die Tourismusindustrie hat Sölden von oben bis unten im Griff. Schade.

Kleble Alm
Von links nach rechts: Der Festkogel, Rotmooskogel, Hinterer Seelenkogel sowie der Mittlere und Vordere Seelenkogel von Kleble aus betrachtet.
Der Blick gegen Westen ist weniger schön. Bei genauerem Hinsehen sieht man nämlich die industrielle Nutzung dieser Landschaft.

Die Kleble-Alm selbst strahlt aber eine Ruhe, ja sogar eine Art Geborgenheit aus. Die Bauern bringen ihr Bergheu ein, die Gäste sind Wandersleute und keine hochtechnisierten Carbon-Radfahrer. Hier scheint das alpine Leben noch halbwegs normal zu ticken. Einen Besuch kann ich nur empfehlen.

Oase 2: Die einzigartige Gampe Thaya

Ich kann’s nicht verhehlen: die Gampe Thaya auf dem Weg nach Hochsölden gelegen ist als Alm  einer meiner absoluten Favoriten in Tirol. Im Winter wie im Sommer. Und das hat sehr viel mit der ‚Wirtsfamilie‘ zu tun, den Prantls. Daniela und Jakob Prantl führen gemeinsam mit ihren Töchtern ein Restaurant, das ich als Paradebeispiel für die Wertschätzung regionaler Produkte bezeichnen möchte. Denn die Speisen bestehen zum allergrößten Teil aus Zutaten, die aus der näheren Region stammen.

Das Gästehaus der Gampe Thaya. Urlaub in alpiner Architektur vom Allerfeinsten.
Gampe Thaya
Das Restaurant auf der Gampe Thaya: eine Genusshütte mit Produkten aus eigener Landwirtschaft und der nahegelegenen Region.
Regionalität ist für die Prantls selbstverständlich

Auf der Gampe haben die Produkte sogar detaillierte ‚Herkunfts-bezeichnungen’: Nudeln und Schnaps aus dem Tiroler Oberland. Bier aus Tarrenz. Erdäpfel aus Haiming. Schafkäse aus Roppen. Gemüse aus Kematen. Apfelsaft aus Haiming, Beeren und Fruchtsirup aus Rietz. Gampe Kaas, Milch, Fleisch vom Tiroler Grauvieh vom eigenen Hof in Zwieselstein, Speck, Butter, Einer, Brot und Eis aus dem Ötztal. Der Kaffee? Geröstet in Telfs. Ergänzt durch Weine aus der Wachau und dem Burgenland, Schnäpse aus Niederösterreich und Kürbiskernöl aus der Steiermark. Mehr braucht es nicht, um die Geschmacksnerven anzuregen. Was Wunder, dass die Gampe Thaya 2015 zum Bundessieger in der Kategorie ‚Genusshütte‘ gekürt worden ist.

Kuhglocken
Die Kuhglocken sind in der Gampe Thaya nicht nur Zier. Sie gehören jenen Grauen Tiroler Rindern, die den Sommer auf Thaya verbringen. Beim Abfahren von der Alm tragen sie diese wunderbaren Glocken wieder.
Der ‚Gampe-Kaas‘ des Jakob Prantl

Eine Einrichtung auf der Gampe Thaya macht diese Alm für mich zu einer Parade-Alm: die Mini-Sennerei, in der Jakob Prantl die Milch seiner ‚Grauen Tiroler Rinder‘ in einen faszinierenden Hartkäse verwandelt. Denn, so Jakob, „auf einer richtigen Alm wurde früher immer gekäst. Das zeichnete sie ja geradezu aus.“ Und er wollte immer eine richtige Alm. Also entschloss er sich vor einigen Jahren, mit der Käseproduktion zu beginnen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Käse in seinem Restaurant in Sommer und Winter sehr gefragt ist. Daß Jakob bereits einen der renommierten Preise für guten Käse bei der Käseolympiade in Galtür errungen hat ist für mich irgendwie logisch. Der Mann geht alles was er tut mit Bedacht, großem Einsatz und riesiger Begeisterung an.

Hermann Holzknecht, Jakob Prantl
Hermann Holzknecht (links) und Jakob Prantl. Zwei gestandene Ötztaler mit einem Blick für das Gute und das Schöne.
Der Senner und sein Architekt

Just an jenem Tag, an dem ich der Gampe und den Prantls meinen jährlich wiederkehrenden, quasi traditionellen Besuch abstattete, war ein von mir hochgeschätzter Zeitgenosse anwesend: der Ötztaler Architekt Hermann Holzkecht weilte auf Besuch. Das traf sich gut, denn Hermann war maßgeblich daran beteiligt, das architektonische Antlitz der Gampe Thaya zu formen. Was ihm auch ganz hervorragend gelungen ist. Das beweist nicht nur die Anlage des Restaurants sondern auch die neue Innenarchitektur in den alten Almhäusern, die den modernen Erfordernissen angepasst worden ist. Ohne dem Erscheinungsbild der Hütten auch nur ‚ein Haar zu krümmen‘. Übrigens kann man sich in diesem architektonisch außergewöhnlichen Almhaus im Winter ‚einmieten‘.

Sennerei Gampe Thaya
Die ‚transportable‘ Sennerei auf der Gampe Thaya in einem Container. Hier formt Jakob Prantl den Gampe-Kaas.
Eine transportable Sennerei
lauwarmes Rindfleisch
Hier schmeckt’s, wie es früher geschmeckt hat. Fantastisch nämlich.

Bei einem lauwarmen Rindfleisch vom Tiroler Grauvieh mit Essig-Öl Marinade, Zwiebel, Kürbiskernöl und Bauernbrot erzählten mir Jakob und Hermann, wie sie auf die Idee einer ‚transportablen Sennerei‘ gekommen sind. Denn der Gampe-Kaas wird in einem umgebauten Container hergestellt. „Was auch immer passiert“, meint Hermann Holzknecht, „dieser Container kann wieder entfernt werden. Hätten wir eine gemauerte Käserei errichtet wär das nicht so ohne weiteres möglich.“ Die Möglichkeit, den alten Zustand ‚wieder herzustellen‘ war für beide ein wichtiges Entscheidungskriterium.

Alm Museum Gampe Thaya
In einer der Almhütten auf der Gampe Thaya kann man eine Art ‚Alm-Museum‘ bestaunen. So lebten die Almeler noch vor einigen Jahren.
Das Almleben war früher einfach. Aber genauso schön.

Zum Abschluss besuche ich dann noch ein improvisiertes Almmuseum, das in einer der Almhütten der Gampe eingerichtet ist. Was aber heißt hier Museum? So haben die Almen noch vor einigen Jahrzehnten ausgeschaut. Mir ist die Einrichtung jedenfalls vertraut vorgekommen. Und: sie könnte vermutlich jederzeit in Betrieb genommen werden. Vielleicht kommt wieder eine Zeit, in der wir uns nach der Schlichtheit und Einfachheit des Lebens sehnen. Oder sehnen müssen.

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