Der Paradiesgarten bei der Fürstenburg

„Ein Held ist jemand der die Verantwortung wahr nimmt, die ihm durch seine Freiheit zuteil wird.“ (Bob Dylan, Nobelpreisträger Literatur)

Gerade in unseren Tagen wird das Wort „Held“ strapaziert wie nie zuvor. Von wirklichen Helden ist dabei kaum die Rede. Kürzlich habe ich mich daher auf den Weg nach Südtirol gemacht um wahre Helden zu besuchen. 

Denn in Burgeis lebt ein Ehepaar, das sich bleibende Verdienste um die Nachzucht und somit die Rettung uralter Getreide-, Gemüse- und Kräutersorten gemacht hat: Edith und Robert Bernhard. Sie hatten mich zu einem Besuch ihres Gartens in der Nähe der monumentalen Fürstenburg bei Mals eingeladen. Es handelt sich dabei nicht um einen der üblichen ‚fürstlichen Ziergärten‘. Der Garten der Bernhards fällt in die Kategorie „Paradiesgärten“. Also Gärten, die eine paradiesische Vielfalt präsentieren und aus denen wir alle einen Nutzen ziehen können. Wenn wir denn nur wollen.

Mals, und damit auch der Weiler Burgeis, ist seit Jahren in aller Munde. Der Ort darf sich mit Fug und Recht als ‚Speerspitze‘ einer giftfreien Landwirtschaft bezeichnen. Zur Erinnerung: In einer offiziellen Volksbefragung innerhalb der Gemeinde votierten mehr als 75 % dafür, Agro-Gifte auf Gemeindegrund zu bannen. Ich habe in diesem Blog über die Hintergründe, Schwierigkeiten aber auch über die Triumphe der Öko-Rebellen berichtet. Bei einer kleinen Feier der Malser „Widerstandskämpfer_innen“ vor einigen Monaten – sie verabschiedeten den Dokumentarfilmer Alexander Schiebel – lernte ich Edith und Robert Bernhard kennen. Sie luden mich spontan ein, ihren Garten im „Schatten“ der mächtigen Fürstenburg von Burgeis doch im Sommer zu besuchen. Und nun stand ich in ihrem einzigartig-wundervollen Paradiesgarten.

Paradiesgarten Burgeis
Lupinen vor der Fürstenburg.
Emmer
So wurden die Getreidesorten in der Ausstellung präsentiert. Repro aus dem Katalog „Ein Korn für die Welt“ des Münchner Umwelt-Zentrums im ÖBZ in München.

Ohne Edith und Robert persönlich zu kennen war mir 2015 ihre Ausstellung über alte Kornsorten im Vinschger Museum in Schluderns aufgefallen. Und nachhaltig in Erinnerung geblieben. Es war die unglaubliche Vielzahl von Arten und Sorten, die sie auf eigenen Flächen anbauten um die Samen dieser Arten und Sorten weiter zu vermehren. Für mich faszinierend. Im Museum präsentierten sie alte, uralte, irgendwie sogar prähistorische Getreidesorten, die mit Hilfe von Edith und Robert eine Wiedergeburt erlebten. Und sei es vorerst nur in einer Ausstellung. Ich fragte mich damals, wie jemand sich diese Kärrnerarbeit antun kann. Für mich ist das wahres, echtes Heldentum.

Edith und Robert Bernhard.
Der Beitrag zur Erhaltung uralter Kulturpflanzen von Edith und Robert Bernhard kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bild: Hans Perting.

 

Die absolut außergewöhnliche Gestaltung der Schau mit rund 134 verschiedenen Getreidesorten faszinierte mich: Jede Sorte wurde einzeln in einem eigenen ‚Bilder-Rahmen‘ vorgestellt. Eine grafisch einzigartige und vor allem attraktive Lösung. Beginnend mit dem Wildgras, über Einkorn, Emmer und Dinkel bis hin zu den Weich- und Hartweizen wurde die Evolution des Weizens gezeigt. Für mich eine Schau der Superlative. Da wurden Kornsorten gezeigt, die sich teilweise sogar von Ort zu Ort unterschieden hatten. „Insgesamt haben wir bisher die Samen von etwa 170 alten Getreidesorten weiter vermehrt“ erzählt mir Edith ein bißchen stolz. Ein Schatz, dessen Wert man in Zeiten der hemmungslosen Gentechik und Giftspritzerei nicht hoch genug einschätzen kann. Und: die Sorten sind allesamt ‚standortangepasst‘ und somit widerstandsfähig. Gegen Ungeziefer genauso wie gegen Witterungseinflüsse. Eigenschaften, die heute wieder gefragt wären in Zeiten des Klimawandels und der breitflächigen Vergiftung der Böden.

Uralte Gemüsesorten

Aber, so sagten mir Edith und Robert, sie würden auch die Samen alter und uralter Gemüsesorten weiter vermehren. Auch sie sind standortangepasst, das heißt, die Pflanzen fühlen sich in jener Region wohl, in der sie über Generationen hinweg gezüchtet und damit an die klimatischen Bedingungen angepasst worden sind. Denn dann müssen sie nicht mit allerlei Chemie aufgepäppelt und geschützt werden. Und so luden sie mich ein, in ihrem Garten vorbeischauen. 

Fürstenburg und Paradiesgarten
Die ‚Gemüseabteilung‘ des Paradiesgartens gedeiht unter den ‚fürstlichen Blicken‘ der Fürstenburg. Ein fürstlicher Garten der anderen, der neuen Art.

Und da stand ich nun in ihrem Garten bei der Fürstenburg. Farbig, unglaublich vielfältig, duftend und in einem Grün mit zarten Gelb- und Orangetönen, das es nur um die Sommersonnenwende gibt. Begleitet von dieser Farbenorgie wächst alles scheinbar im Überfluss. Im oberen Teil des Gartens sind es etwa 200 Kräuter, die wuchern, in allen Farben blühen und elysisch duften. „Wieviel es heuer genau sind kann ich nicht einmal genau sagen“, begrüßt mich Edith Bernhard, die Kräuterzüchterin und -expertin.

Paradiesgarten Burgeis
Das ist offenbar der Leitspruch des Ehepaares Bernhard. Ich stimme zu: ein Paradies auf Erden.

So richtig begonnen hatte es 1995 „als ich in Pension gegangen bin“ erzählt mir Robert, ihr Mann. Er zog mit seiner Edith von Bozen wieder zurück in seine Heimat Burgeis, sanierte das Haus seiner Familie und begann mit dem Gartenbau auf einem zu Haus gehörenden 3.000 m2 großen Grundstück. Gleichzeitig absolvierte Edith Kurse über Kräuterzucht, Saatgutvermehrung und Heilkräuter. Und ab 2000 widmeten sich die beiden dann intensiv der Saatgut-Vermehrung alter Kulturpflanzen.

Unglaublich: 400 verschiedene Tomatensorten nachgezüchtet

Die Anzahl von alten und uralten Sorten, deren Samen Edith und Robert weiter vermehren ist schier unglaublich. „Wir haben die Samen von 400 verschiedenen Tomatensorten weitervermehrt“, sagt Edith bescheiden. Ganz so, als würde sie von einer Selbstverständlichkeit erzählen.

150 alte Gemüsesorten

Aber nicht genug damit: Edith und Robert vermehrten über die Jahre hinweg auch die Samen von 150 alten Gemüsesorten. Da bleibt nur noch eine Frage offen: Wie machen sie das?

„Wir sammeln über die Jahre hinweg permanent altes Saatgut. In Tschechien, Deutschland, Österreich und Italien halten wir unsere Augen offen“, erzählt mir Edith bei einem Spaziergang durch einen Kräutergarten, der mich an die großen Anlagen in den alten Klöstern erinnert. „Wir sind eigentlich permanent auf der Suche nach alten,  regionalspezifische Sorten.“

Die Bernhards bringen 7 Dinkelkörner 100 Jahre nach ihrer Ernte zum Keimen

Für mich ist es eine ausgewachsene Sensation: Den Bernhards gelingt es, 100 Jahre nach ihrer Ernte 7 Dinkelkörner zum Keimen zu bringen. „Weshalb wir genau wissen, wie alt die Dinkelkörner waren? Sie wurden auf einem Dachboden in Burgeis gefunden und waren in einer Zeitung aus dem Jahr 1895 eingewickelt. Wir haben sie ausgepflanzt und tatsächlich haben 7 Körner noch  gekeimt“, sagt Edith stolz. In den Folgejahren wurde dann Saatgutvermehrung groß geschrieben. Mit Folgen, die wir heute alle genießen können. Denn das Wissen und die Arbeit der beiden hat ganz konkrete, sichtbare und wunderbar schmeckende Auswirkungen. 

Burgeiser Dinkel
Das ist er: der Burgeiser Dinkel. Vor dem Aussterben gerettet durch das Können und den Fleiß von Edith und Robert Bernhard. Respekt! Repro aus dem Katalog „Ein Korn für die Welt“ des Münchner Umwelt-Zentrums im ÖBZ in München.

Heute wird der „Burgeiser Dinkel“ wieder auf vielen Äckern angebaut

Dinkelbrot aus Burgeiser Dinkel
Dinkelweggen der Bäckerei Angerer im Holzofen gebacken. Bild: Bäckerei Angerer

Für mich war es bisher immer ein Wunder, wie etwas quasi aus dem Nichts heraus entstehen kann. Aus 7 uralten Dinkel-Körnern sind Myriaden von Körnern geworden, die auf immer mehr Äckern des Oberen Vinschgaus gepflanzt werden. Mit verantwortlich dafür ist auch die Bäckerei Angerer aus St. Valentin auf der Heide, also unmittelbar nach dem Reschenpass auf Südtiroler Seite. Dies innovative und handwerklich orientierte Bäckerei forciert die Zucht dieser alten Sorte und bäckt Dinkelbrote aus diesem Korn, das wir alle genießen können. Respekt! (Ich führe die Verkaufsstellen des Brotes unten an.)

Und wie finanzieren die beiden eigentlich ihr ‚Hobby‘? „Wir gehen auf Märkte, zum Beispiel gehen wir jeden Frühling und Herbst immer nach Illertissen auf den Samenmarkt. „Aber Geschäft ist das keines für uns“, sagt sie. Das Ziel der Bernhards ist’s ja, dass so viel wie möglich alte Sorten nachgezogen werden. 

Im Gemüsegarten

Edith wendet sich jetzt ihren Besucher_innen zu, die am Tag der Offenen Tür am 23. Juni 2018 die Gelegenheit zu einer Exkursion wahr nehmen. Darunter auch Johannes Fragner-Unterpertinger, eine der Triebfedern des „Wunders von Mals“. Auch er ergötzt sich an der Vielfalt, der Schönheit und Farbenpracht dieses Paradiesgartens. „Das ist ganz im Sinn unseres Dorfes“, meint er. Hans ist überzeugt, dass der Tourismus vom ‚Wunder von Mals‘ und von solchen Paradiesgärten sehr profitieren kann.

Edith Bernhard
Schmeckt unglaublich gut: Selbstgemachtes Brot, Kräuteraufstriche und essbare Blüten. Hergezaubert von Edith Bernhard.

Zum Abschluß lädt uns Edith noch zu einem kleinen Imbiss ein. Mit selbstgebackenem Brot aus einer alten Dinkelsorte, Kräuteraufstrichen und allerlei Blüten.

Bei der Verabschiedung zitiert Edith Bernhard einen Satz, der ihre und die Arbeit ihres Mannes am besten wiedergibt: „Saatgut ist ein Geschenk der Natur, vergangener Generationen und unterschiedlicher Kulturen. Wir haben die Verantwortung es zu schützen und an künftige Generationen weiter zu geben.“

Respekt. Tiefen Respekt sogar.

Meine Empfehlungen:

Edith und Robert Bernhard sind bereit, Besucher und Gäste gegen Voranmeldung durch ihr Paradies zu führen. Telefonische Anmeldung +39 0473 830434. Oder per email: edith.bernhard@hotmail.de

Der Katalog zur Ausstellung „Ein Korn für die Welt“ wurde vom Münchner Umwelt-Zentrum e.V.  im ÖBZ herausgegeben, (mail@oebz.de) 152 Seiten. 18 Euro Schutzgebühr. 

Die Bäckerei Angerer in St. Valentin auf der Haide bäckt das wunderbare Dinkelbrot aus dem Burgeiser Dinkel. Wer immer über den Reschenpass fährt sollte bei dieser bemerkenswerten Bäckerei einen Zwischenstopp einlegen. Im Netz: http://www.backstube.it/ Außerhalb Südtirols ist das Brot hier erhältlich:

  • Frische Zustelldienst Zegg – Nauders
  • Metzgerei Wilhelm – Pfunds immer Freitags
  • Berghammer Rohrdorf  – D
  • Geiselhart Markt für Südtiroler Spezialitäten
  • auf dem Frischemarkt in Landeck in der Malserstraße jeden Freitag ab 7:30 bis 17:00 Uhr.

 

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