Auf den Spuren von Rätern und Römern

Wer vom Pillersattel nach Landeck wandert spaziert gleichzeitig durch die Vorzeit Tirols.

Seit ich im Jahr 2017 in Spanien auf der Via de la Plata  mehrere hundert Kilometer auf noch existierenden, original römischen Straßen gepilgert bin, liebe ich es: das Wandern auf historischen Pfaden. Man möchte es kaum für möglich halten: auch in Tirol können wir auf einer uralten, original-römischen  Wegtrasse zu wandeln. Die Rede ist von der Via Claudia Augusta.

Die berühmte römischen Heeresstraße führte vom heutigen Venedig über den Reschen- und Fernpass bis nach Augsburg. Denn das römische Kaiserreich hätte seine Eroberungs- und Raubzüge ohne solche Heeresstraßen nie und nimmer machen können. Nach der Unterwerfung Rätiens, das ist das Gebiet Westtirols und Graubündens samt den nördlichen Voralpen, begann Kaiser Augustus mit dem Bau der Straße, die dann unter seinem Nachfolger Claudius fertiggestellt worden ist. CLAUDIA AUGUSTA eben.

Meilenstein Römerstraße Via Claudia
Solche Meilensteine säumten die Römerstraßen. Sie wurden üblicherweise in einer Entfernung von zwei römischen Doppelmeilen angebracht, was rund 1.400 m entspricht. Dieser Gedenk-Meilenstein wurde anlässlich der Eröffnung der Via Claudia für Radfahrer und Wanderer zwischen Fließ und der Fließer Platte gesetzt.

Die Römer waren jedoch nicht so dumm, völlig neue Trassen anzulegen. Im Gegenteil: sie bauten ihre Verbindungswege zum Großteil auf bestehenden Trassen, die von Kelten und Rätern bereits geschaffen und benützt wurden. In meinen Augen verläuft der heute noch existierende Abschnitt der Via Claudia zwischen Fließ und Landeck auf vermutlich noch älteren Räterwegen, sicher aber auf der originalen Trasse der römischen Heeresstraße.

Fließ, ein Platz mit prähistorischer Vergangenheit

Fließ mit seiner prähistorischen Vergangenheit ist überhaupt einer der interessantesten Orte in Tirol. Er liegt in unmittelbarer Nähe eines der größten vorzeitlichen Kultstätten unseres Landes, des Brandopferplatzes am Pillersattel. Nicht nur das: Die Ortskapelle zur Hl. Philomena steht auf einem uralten Schalenstein mit rund 70 eingebrachten Schalen. Meines Erachtens ein untrügliches Zeichen dafür, dass auch Fließ früher eine Art Wallfahrtszentrum gewesen ist.

Start am Pillersattel beim ‚Gachen Blick‘

Ich setzte also mit dieser Wanderung meine ‚Erkundungen‘ fort, die ich vor zwei Jahren mit dem Spaziergang ‚Auf den Spuren der Kelten‘ von Wenns zum Pillersattel begonnen hatte. Und natürlich nahm ich den VVT-Bus vom Bahnhof Zams-Landeck zum Naturparkhaus am Piller. Einfacher und bequemer geht’s einfach nicht in Tirol.

Der „Gache Blick“ ist immer wieder ein Erlebnis der Sonderklasse. Von einer Aussichtsterrasse aus liegt den Betrachter_innen das Obere Inntal wahrlich zu Füßen. Tief unten der smaragdfarbene Inn, links die Bergspitzen des Kaunertales und rechts jene der Lechtaler Alpen. Auch für uns moderne Menschen ein unvergesslicher Anblick. Für die Menschen der Vorzeit mit ihrem Götter- und Geisterglauben muss dieser Platz eine unmittelbare Wirkung gehabt haben. Sonst hätten sie nicht hier Tiere und (teure) bronzene Gerätschaften geopfert, wie der Depotfund von Franz Neururer aus dem Jahre 2001 belegt. Sie wollten damit ganz einfach die Götter und Geister gnädig stimmen.

Abstecher zum Piller Moos

Vom Gachen Blick nahm ich dann den alten Weg nach Fließ, nicht ohne vorher das Piller Moos zu besichtigen. Ein Stückchen Natur, wie man es nicht mehr allzu oft findet. Und dann führt die Straße durch die trockenen Südhänge hinab nach Fließ, vorbei an der Philomena-Kapelle mit ihrem mysteriösen Schalenstein.

Das Piller Moor ist leicht erreichbar und hat sogar einen Aussichtsturm

Museum und Dokumentationszentrum

Fließ selbst beherbergt eines der sicherlich interessantesten Museen Tirols: das Archäologische MuseumErgänzt wird es vom Dokumentationszentrum Via Claudia Augusta, das ebenfalls im Ortszentrum liegt. Direkt an der alten Römerstraße, so wird vermutet. Und die nehme ich, um in Richtung Landeck ‚loszumarschieren‘. Und zwar direkt vom Ortszentrum aus.

Bauernhaus in Fließ
Dieses alte Bauernhaus gehört zu den wohl interessantesten Gebäuden von Fließ. Hier ahnt man, dass der Hausbau von verschiedenen Generationen geplant und durchgeführt worden ist.
Bauernhaus Fließ
Detail an diesem wunderschönen Bauernhaus. Egon Schiele hätte sicher heute noch viel Freude mit der Wand.

Lobenswert ist die ausgezeichnete Beschilderung des Weges. Die erspart den historisch interessierten Wandersleuten das permanente Prüfen irgendwelcher Wanderkarten. Und so geht über diesen wunderbaren Höhenweg, hoch über dem Inntal in Richtung Fließer Platte.

Via Claudia Fließ
Historisch interessierte Wandersleute erahnen schon kurz nach Fließ, dass es auf einer uralten Römerstaße dahingeht. Die Via Claudia ist hier schnurstracks in den Hang gesetzt.
Trockensteinmauern schützen allethalben die Trasse der Via Claudia vor Hangrutschungen. Es könnte durchaus sein, dass einige Mauern noch aus der Römerzeit stammen.

Wagenspuren in der Fließer Platte

Viel hatte ich schon von dieser ‚Platte‘ gehört. Dass hier Wagenspuren im nackten Fels sichtbar wären und die Platte ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg vom Reschen nach Landeck dargestellt hatte. Was es wirklich mit der Fließer Platte auf sich hatte ist einer ganz wunderbaren wissenschaftlichen Schrift zu entnehmen, die der bekannte Schweizer ‚Straßenforscher‘ Amon Planta erstellt hat. Allen Interessierten sei sein Text empfohlen: https://www.zobodat.at/pdf/VeroeffFerd_60_0155-0187.pdfs Nach Planta sind auf der Platte also noch drei verschiedene Trassen zu sehen. Die Urtrasse ganz oben, die Römertrasse in der Mitte und eine im Mittelalter in den Fels gehämmerte untere Trasse.

Via Claudia, Fließer Platte
Die ‚Fließer Platte‘. Die drei Stufen verkörpern gleichzeitig auch die Entwicklung dieser Stelle der Via Claudia. Die Stufe ganz oben (rechts oben) stammt aus der rätischen Zeit der Straße. Die Mittlere Stufe ist jene, die die Trasse der Via Claudia bildete. Und die untere Stufe wurde im 15. Jahrhundert aus dem Felsen gehauen, wobei die alte römische Trasse teilweise weggeschremmt worden ist.
Fließer Platte
Die eher steile Auffahrt von der Landecker Seite zur Fließer Platte.

Auch archäologisch unbedarfte Wandersleute können sich während des Spazierganges von Fließ nach Landeck nachvollziehen, wie die Via Claudia verlaufen ist. Und wie sich die römischen Legionäre, Händler, Gefangene und Sklaven gefühlt haben müssen, als sie diese Straße passierten. Selbst die christlichen Kapellen und Bildstöcke dürften an Plätzen stehen, an denen einst römische Gottheiten in Mini-Tempelchen über die Sicherheit der hier Vorbeikommenden gewacht hatten.

Via Claudia Augusta
Am Ziel: Burg Landeck.

So ist die Wanderung vom Gachen Blick nach Landeck eine Suche nach den Spuren der Vergangenheit. Sie wollen jetzt wissen, weshalb es interessant ist, diese Vergangenheit zu kennen? Für mich ist das genauso interessant wie zu wissen, wer meine Vorfahren waren, was sie taten und woher sie kamen. Unsere Wurzeln liegen tiefer als wir denken.

Meine Empfehlungen:

  • Anreise zum Gachen Blick mit dem VVT-Naturpark-Bus ab Bahnhof Zams-Landeck. Informationen unter VVT-App.
  • Besuch des Naturparkhauses und des Piller Moores.
  • Philomena-Kapelle in Fließ mit Schalenstein, etwas außerhalb des Ortszentrums von Fließ mit wunderbarem Blick auf den Inn
  • Besuch des Archäologischen Museums (geöffnet Di-So, 10-12, 15-17 Uhr) in Fließ und des Dokumentationszentrums zur Via Claudia Augusta (geöffnet Di-So, 10-12, 15-17 Uhr)
  • Kaffeehaustipp in Landeck: Kaffee Haag ganz in der Nähe der Pfarrkirche ‚Maria Himmelfahrt‘. Hier entsteht die außerordentliche Schokolade ‚Tiroler Edle‘, von Chocolatier Hansjörg Haag aus bestem Kakau gefertigt unter ausschließlicher Verwendung von Milch und Rahm der Tiroler Grauen. Mit Zutaten aus den Tiroler Bergen wie Preiselbeeren, Meisterwurz u.ä.
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