Alexander Agethle, der sanfte Bauern-Rebell

Eine Reise über den Reschenpass nach Schleis im Oberen Vinschgau ist auch eine Reise in die Zukunft ökologischer Landwirtschaft in den Alpen. Denn Alexander Agethle beweist eindrucksvoll, dass Weniger Mehr ist.

Vom Namen her kannte ich Alexander Agethle schon länger. Bei einem meiner zahlreichen Besuche in der pestizidfreien Gemeinde Mals im Oberen Südtiroler Vinschgau wurden immer wieder Lobeshymnen über dessen Käse gesungen. Dabei erfuhr ich auch erstmals, dass er ein neues Finanzierungsmodell für seine Hof-Sennerei ‚erfunden‘ hatte. 

Inzwischen war Alexander Agethle sogar ein klein wenig zum „Filmstar“ geworden. Im Doku-Streifen ‚Das System Milch‘ des Südtiroler Dokumentarfilmers Andreas Pichler stellt er seine Gegenposition zur industriellen Milchproduktion sehr überzeugend und klar dar. (hier geht’s zum Trailer) Ich wollte nun seine Ideen endlich ‚aus erster Hand’ von Alexander erfahren. Und auch den Hof seiner Familie und die Hofkäserei besichtigen. Eine Reise nach Schleis war also fällig.

Der Englhof befindet sich also in Schleis, einem Weiler der Gemeinde Mals. Ja, das ist jene Gemeinde, die sich das Gütesiegel ‚pestizidfrei‘ sehr zum Missfallen der Südtiroler Landesregierung und der Pharmakonzerne selbst verliehen hatte. Und zwar im Rahmen einer Volksbefragung, deren Ergebnis gemeindeintern quasi Verfassungscharakter besitzt. Und die Mals auf einen Schlag in Europa, ja sogar in den USA berühmt gemacht hat. (Hier geht’s zum Malser Blog: https://der-malser-weg.com/) Ich spazierte also vom Hotel meiner Wahl, dem ‚Greif‘ in Mals frühmorgens nach Schleis. Bemerkenswert: der Wind pfeift hier wohl tagaus tagein. Am frühen Morgen schon vom Reschenpass in Richtung Tal. Und wie er pfeift. Später pfeift er vom Tal zum Reschen. Tafeln am Ortsanfang von Schleis zeigen den Weg zur ‚Hofkäserei Englhorn‘ an. Vorbei an der Kirche steht man dann unvermittelt vor der Sennerei. Und vor dem Erb-Hof der Agethles.

Es trifft sich gut, dass an diesem Montag eine Klasse der „Fachschule für Land- und Forstwirtschaft“ Burgeis auf Exkursion ist. Alexander Agethle hat sich zwei Stunden für die angehenden Bauern Zeit genommen. Denn das Weitertragen seines in langjähriger Arbeit erworbenen ökologischen Wissens ist für ihn eine ganz wichtige persönliche Zielsetzung. Ich glaube sogar, sie ist für ihn sogar eine seiner Prioritäten.

Alexander Agethle, ein Vordenker einer wahrhaft ökologischen  Landwirtschaft in den Alpen.

Alexander studierte Mediterrane Agronomie in Florenz. Da war bei ihm noch nix mit neuen Wegen in der Landwirtschaft. Ein Jahr lang reist er nach dem Studium um die Welt, wo er intensiv betriebene Landwirtschafts-betriebe besucht. Anschließend geht er in das Alpenforschungsinstitut in Garmisch-Partenkirchen, um die Auswirkungen der EU-Agrarpolitik auf die Landwirtschaft zu untersuchen. Zuguterletzt engagiert er sich beim Aufbau der Landwirtschaft in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Kosovo und pendelt er fünf Jahre lang zwischen Schleis und dem Kosovo.  Und als er den Hof im Jahre 2003 übernimmt, kommt für ihn herkömmliche Landwirtschaft nicht mehr in Frage. Er stellt ihn gleich einmal auf BIO um. 

Die Hof-Buchhaltung brachte es ans Tageslicht

Sein Vater habe auf dem Hof eine klassisch-florierende Rinderzucht betrieben, sagt Alexander. Der Zuchterfolg sei damals eigentlich mit der Milchleistung gleichgesetzt worden. Je mehr Milch, desto besser die Kuh hieß es auch am Englhof. So war denn auch die Hofübergabe an den Sohn nicht frei von Schwierigkeiten. Denn Alexander Agathle hatte sich entschlossen, dem herkömmlichen System den Rücken zu kehren. Er tat dies nicht ohne Fakten zur Hand zu haben die belegen: Turbo-Milchproduktion für einen Hof in seiner Größenordnung rentiert sich nicht. Im Gegenteil. Und das bewies er auch seinem Vater. Zudem wollte er seine am Hof gewonnene Milch auch selbst verarbeiten. Und zwar zu Käse.

Stallplaketten aus der Vergangenheit des Agethle-Hofes zeigen das stetige Wachstum der Milchschüttung. Diese Zeiten sind jetzt vorbei.

Fakten, die zu sammeln er allen Bauern empfiehlt. „Ich führte jahrelang eine ganz exakte Buchhaltung über Ausgaben und Einnahmen am Hof. Sogar mein Vater musste seine Ausgaben für Zigaretten ‚offenlegen’. Und die Zahlen zeigen, dass industrielle Milchwirtschaft eigentlich ein Durchlauferhitzer ist: Nur bei höchsten Kosten gibt’s die höchste Milchleistung.“ Und der Milchpreis, den die Bauern überhaupt nicht beeinflussen können, entscheidet über Wohl und Wehe, also über die Einnahmen an Höfen wie jener der Agethles. Das konnte und wollte er nicht akzeptieren.

Weniger Milch bei weniger Kosten

Er entschloss sich, zuallererst die Rinderrasse zu wechseln. Und zwar zu den ‚Braunen Schweizer Kühen‘. „Dass aber selbst diese uralte Rasse in die Richtung maximaler Milchertrag gezüchtet worden war hatte ich anfangs übersehen“, sagt er heute. Ganz gezielt begann er, das Kraftfutter zu reduzieren. Denn sein Ziel ist es, die Futtergrundlage für seine Tiere ausschließlich am eigenen Hof zu erarbeiten. „Das Futter ist Gras und im Winter Heu, so wie es Kühe seit Jahrtausenden fressen.“ Dass weltweit Riesenmengen an Getreide verfüttert werden, womit 5 Milliarden Menschen ernährt werden könnten, stört ihn am allermeisten.

Von der Gülle- zur Kompostwirtschaft

Auch die Stalltür am Agethle-Hof ist anders.

Durch den Verzicht auf Kraftfutter ging die Milchleistung der Kühe wieder auf ‚Normalmaß‘ zurück. Statt 9.000 kg pro Jahr geben die jetzt 5.000. „Und sie sind glücklich dabei“, sagt Alexander. „Man sieht es ihnen an.“ Gleichzeitig hat er sich auch intensiv der ‚Düngeproblematik‘ des Grünlandes gewidmet. Gülledüngung kam überhaupt nicht mehr in Frage („da wird die Vielfalt der Gräser und Gewürzpflanzen regelrecht verbrannt“), und Mist war eine Übergangslösung. Alexander Agethle geht jetzt dazu über, seine Wiesen und Weiden ausschließlich mit bestem, selbst hergestelltem Kompost zu bearbeiten. Und um Mist und damit auch Kompost zu erzeugen benötigt es Stroh. Das wiederum stammt aus dem Getreideanbau der Familie, den sie auch deshalb betreibt, um sich selbst versorgen zu können. Ein Modell, das eigentlich revolutionär ist in unserer Zeit des zügellosen Wachstumsstrebens. Aber diese von Alexander Agethle angestoßene Revolution kommt auf sanften Pfoten. Man glaubt’s ja kaum: diese Revolution kann man sogar schmecken.

Ein völlig neues Finanzierungsmodell der Hofsennerei

Als 2013 seine kleine Hofsennerei zu klein geworden war, will Agethle die direkt neben seinem Hof befindliche, stillgelegte Dorfsennerei erwerben. Um die hohen Kosten für Kauf und Umbau stemmen zu können, ‚erfindet‘ Alexander ein völlig neues Finanzierungsmodell. Das basiert auf Käsegutscheinen, die sogenannten ‚Englhörnern‘. Ein solcher Englhorn ist 200 Gramm Käse wert. Und all jenen, die ihm für seine Pläne mindestens 500 Euro leihen, will er die Summe aufgeteilt auf zehn Jahre lang in Form von Käse zurückzahlen. Dabei bleibt der Käsepreis gleich, wird also nicht von der Inflation ‚weggefressen‘.

Sonja und Alexander Agethle im Laden ihrer Hofkäserei.

Vorerst wurde Alexander im Dorf als Spinner betrachtet. Aber seine Idee fasste Fuß in Südtirol, in Deutschland und in Italien. Insgesamt 181 Menschen leihen ihm 180.000 Euro.

Alexander produziert jetzt mit seinem Freund, dem Senner Maximilian Eller, drei Käsesorten: einen Weichkäse namens ‚Arunda‘, ‚Tella‘, den Schnittkäse und ‚Rims‘, einen Hartkäse. Bemerkenswert ist die Milchanlieferung in die Sennerei: sie wird lediglich mit Schwerkraft ‚bewegt‘. „Denn beim Pumpen platzen die Fettmoleküle auf, das wiederum oxidiert. Das vermeiden wir und konservieren dadurch die geschmacklichen Eigenschaften des Käses wesentlich besser.“ Agethle ist auch davon überzeugt, einen Terroir-Käse herstellen zu können, der dereinst wie Wein einer bestimmten Region zuzuordnen sein wird.

Ich hatte – um ehrlich zu sein – nicht angenommen, dass Agethles Käse so viel anders schmeckt als vergleichbare Rohmilchkäse. Ich hatte mich getäuscht, und wie. Ich kann mit dem Brustton der Überzeugung behaupten: die Englhorn-Käse sind geschmacklich selbst mit hervorragenden, herkömmlichen Käses überhaupt nicht zu vergleichen. Sie sind einzigartig. Für mich das Ergebnis einer stillen Revolution, das man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Wer diese außergewöhnliche Erzeugnisse bestellen will, der findet die Bezugsquellen hier.

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