„Abgegangen ist uns nichts, da wir ja nicht wussten, dass es auch anders sein kann.“

„Frauen“ – „Women“ heißt ein eben erschienener Bildband mit Fotografien von Erika Hubatschek. Es sind Porträts von Frauen, deren Leben hart und entbehrungsreich war. Bilder von Bergbäuerinnen aus einer gar nicht so fernen Zeit. 

„Die Fraun sein nit zu neidn gwesn: Orbatn vo Fria bis auf d’Nocht…“ Das ist nur eine von tausenden Notizen Erika Hubatscheks (1917-2010), die bei ihren Besuchen von Bauernhöfen, vornehmlich von Bergbauernhöfen neben ihrer Kodak-Retina auch immer einen Schreibblock mitführte. Sie dokumentierte das harte Leben in den Bergen zwar aus der Sicht einer Städterin. Aber mit einem Einfühlungsvermögen in die Lebenswelt der Menschen – vor allem der Frauen – das einzigartig war. Denn „die Frau Dr. Hubatschek“ war sich nicht zu schade mit anzupacken bei der schweren Arbeit. Und das hat ihr nicht nur Respekt eingebracht, es hat auch die  Distanz der Akademikerin zu den Bäuerinnen und Bauern verringert. Die von ihr porträtierten Menschen akzeptierten sie so als wäre sie eine von ihnen. Trotz Kamera und Notizblock. Und so strahlt jedes einzelne Bild eine Würde und Natürlichkeit aus, die Hubatscheks Bilder zu „einer der bedeutendsten Fotodokumentationen der bäuerlich geprägten Alpen im 20. Jahrhundert macht“, wie es der berühmte Alpenforscher Werner Bätzing ausdrückt.

Wir Madeln haben wie Pech und Schwefel zusammengehalten, manchmal haben wir auch hinter Vater’s Rücken gemault! Aber auflehnen haben wir uns nicht dürfen – wir haben schon gewusst, wo Gott sitzt!

Das Buch und seine Fotografien sind weder verklärend noch heroisierend. Selbsternannte Patrioten und Vergangenheitsromantiker können mit ihnen vermutlich sauber nichts anfangen. Statt schwieliger Hände beim Gebet sind es Bilder zupackender Frauen, ohne die die Bergbauernkultur nie hätte überleben können. Aber es ist auch die Gestaltung, die diesen Bildband außergewöhnlich macht. Keine erklärenden Texte, die die Bilder beschreiben. Stattdessen Zitate von Bäuerinnen, die Erika Hubatschek niedergeschrieben hatte. Ihre Tochter Irmtraud, der Herausgeberin des Werkes, hat diese nun in einer einzigartigen Kombination mit den Bildern vorgestellt. Texte als Kommentare aus einer versunkenen Welt.

Erika Hubatschek
„Die Leute waren ganz anders lustig! Weil es nichts anderes gegeben hat, dann hat man es sich eben lustig gemacht.“ Seite 1222, 123 Foto: Erika Hubatschek

Da haben sie sich fest ins Zeug legen müssen! Da waren solch dicke Wurzeln, wie vom Rosskimmstengel, das sind Unkräuter, ganz grobe Pflanzen. Die waren härter abzuschneiden mit dem schmalen Pflugmesser. Ja, was denn, dafür ein Vieh einspannen? Unsere Kühe haben Milch geben müssen! Die Kleinbauern haben schauen müssen, dass etwas zum Verkaufen zusammenkommt! Die haben nicht einen Ochsen durchfüttern können! (S 106)

Erika Hubatschek, Frauen
Frauen in Tux, die den Pflug ziehen. (Repro Werner Kräutler aus dem Buch „FRAUEN“ von Erika Hubatschek, S 106) Foto: Erika Hubatschek

Dass der Bildband ohne jeden Pathos auskommt und nur durch die Bilder und die ‚Erzählungen‘ der Bäuerinnen spricht ist eine ganz wunderbare  Lese- und Seherfahrung für mich. Bescheidenheit und Demut übertragen sich ebenso auf die Leser_innen wie die Dankbarkeit, nicht selbst ein so hartes Leben führen zu müssen. Und dennoch vermitteln die Fotos oft eine heute kaum noch nachzuvollziehende innere Ruhe, die von den porträtierten Frauen ausgeht. Und von den zahlreichen Kinderbildern Hubatscheks im Bildband geht jene jugendliche Einfachheit und Zufriedenheit aus, die wir heute bisweilen schmerzhaft vermissen.

Erika Hubatschek Frauen
Leben und Arbeiten in den Steilhängen. Das ist und war die Welt der Bergbäuerinnen. Foto: Erika Hubatschek

Oh, das ist mühsam gewesen. Gott sei Dank, dass das jetzt vorbei ist! Die Landschaft ist gepflegt gewesen, wunderbar, aber schade ist es nicht um dieses Leben! (S 72)

Für mich besonders wichtig: Nach dem Betrachten des Bildbandes fällt es niemand auch nur im Traum ein, von der ‚guten alten Zeit‘ zu quasseln. Denn sie war im Gebirge alles andere als leicht und lustig. Aber Hubatscheks Buch ist ein Weckruf an alle, die grüne Almen, blumenübersähte Wiesen und Bergmähder lieben: Es sind und waren die Bergbäuerinnen und Bergbauern, die unsere einzigartige Kulturlandschaft geschaffen und erhalten haben. Ein Erbe, das heute Gefahr läuft, von Raubbau, Geldgier und Habsucht zerstört zu werden.

Das Buch erinnert uns neuerlich an die Verpflichtung, sorgsam mit unserem Erbe der alpinen Kulturlandschaften umzugehen. Das sind wir auch und vor allem jenen Menschen schuldig, die diese Landschaften mit ungeheuren Anstrengungen geschaffen und gepflegt haben: den Bergbäuerinnen und Bergbauern. 

Erika & Irmtraud Hubatschek: Frauen Women. Edition Hubatschek, 2017. ISBN 978-3-900899-25-7. Bergbäuerinnen durch die Linse von Erika Hubatschek; 156 Seiten mit Poster, 160 Schwarz-Weiß-Bilder; ISBN 978-3-900899-25-7, € 39,90

Der Bildband ist für echte Tiroler_innen auch deshalb interessant, weil das Buch sehr viele rare Bilder aus Tirol zeigt, wie aus dem Stubai, Vals, Schmirn, Tux und aus Going. Es ist gut möglich, dass die Porträtierten, vor allem die Kinder, noch leben und um die harten Zeiten Bescheid wissen.

Links:

Zum Verlag: http://www.edition-hubatschek.at

Zum Buch: http://www.edition-hubatschek.at/portfolio_page/frauen-women/

 

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