Durch’s Wilde-Kaiser-Tal

Die atemberaubenden Leserinnen und geistreichen Leser meines Blogs ahnen es schon länger: ich habe mich dem wunderschönen Land Tirol mit Haut und Haar verschrieben. Mit einer kleinen Einschränkung: den Touristenrummel mag ich gar nicht. Ich mache meine Erkundungen deshalb immer weitab der lärmenden Tourismushochburgen, Schnapsbuden und Pseudo-Almen. Wie kürzlich, als ich 2 Tage lang durch das Kaisertal zum Stripsenjochhaus und weiter nach Kirchdorf in Tirol spazierte. 

„Eingangshürde“ mit 285 Stufen

Der Spaziergang begann in Kufstein. Ich bin – wie immer – mit Öffis unterwegs, fahre also vom Bahnhof Kufstein nach Ebbs-Kaisertal mit einem Bus, der mich direkt zum Tal-Einstieg bringt. Ja, „Einstieg“, denn das Kaisertal war bis ins Jahr 2008 überhaupt nur zu Fuß erreichbar. Und zwar über 285 Stufen! Kaiseraufstieg wird diese Aufwärmstrecke genannt, die auch schöne Blicke auf die Festungsstadt Kufstein freigibt.

Von Kufstein geht’s über 285 Stufen zum Eingang des Kaisertales.
Blick vom Kaiseraufstieg auf Kufstein

Während des Aufstiegs stelle ich mir vor, dass die Menschen Jahrhunderte hindurch alles lebensnotwendige, ja auch Baumaterial und Geräte über diese Stiegen ins Tal tragen mussten. Bis es halt Hubschrauber gab, die die schwersten Lasten transportierten. Und jetzt gibt’s endlich die Straße samt einem 800 m langen Tunnel, die aber strikt nur von Einheimischen benützt werden darf.

Was suchten die Neandertaler hier?

Was mich im vorderen Kaisertal magisch anzieht ist eine riesige Höhle, die unmittelbar nach dem Kaiseraufstieg gelegen ist: die Tischofer Höhle. Ich hatte mich im Internet kundig gemacht und festgestellt, dass hier in grauer Vorzeit offenbar schon Neandertaler abgestiegen waren. Darauf lassen in der Höhle gefundene Geschossspitzen schließen, die zwischen 27.000 und 28.000 Jahren alt sind. Weshalb die Menschen diese in einem Steilhang gelegene Höhle aufsuchten ist nicht wirklich verwunderlich. Denn bei der Tischofer Höhle handelt es sich um eine dieser legendären Bärenhöhlen. Bei Ausgrabungen wurden die Knochen von mindestens 380 Höhlenbären gefunden. Ist also irgendwie logisch, dass die Neandertaler Jagdausflüge in dieser Gegend machten.

In der Tischofer Höhle hausten Höhlenbären und bisweilen auch Neandertaler und Bronzezeitmenschen.

Dass die Tischofer Höhle mit ihren gewaltigen Dimensionen – 40 m lang und knapp 9 m hoch – in der frühen Bronzezeit auch als Friedhof gedient hatte ist einigermaßen überraschend. Insgesamt wurden die Skelette von 30 Personen gefunden. Diese Tatsache könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass in einer Nachbarhöhle eine bronzezeitliche Bronzegießerei existierte, wie Funde vermuten lassen. Das hieße, die Tischofer Höhle war unter Umständen auch die Heimstatt der Bronzegießer.

1809: Die Höhle als konspirativer Treff

Wie diese urzeitliche Höhle zu ihrem Namen kam ist auch interessant. Sie diente 1809 den Tiroler Landesverteidigern als konspirativer Versammlungsraum, aber auch als Ort, wo sie Schießpulver und Gewehre verstecken konnten. Und der heutige Namen leite sich vom Code-Wort für die Höhle ab: Man ging „zum Tisch oba“. Gemeint ist offenbar der serpentinenartig angelegte, heutzutage sehr gut begehbare Weg von der Kaiserstiege zur Höhle.

Wieder auf dem Weg ins Kaisertal Richtung Stripsenjoch unterwegs passiere ich die ersten malerischen Höfe im Kaisertal: den Veitnhof und den Pfandlhof. Beide Häuser bieten müden Wanderern Erfrischungen und Stärkungen an. Ein Schmuckstück bäuerlicher Architektur ist der Hinterkaiserhof, der sich als Jausenstation ebenfalls der Rast und Erholung müder Wanderer widmet. 

Der Blick vom vorderen Bereich des Kaisertales nach Kufstein und dem Hausberg Pendling.

Die formidable Küche in Hinterbärenbad

Der Weg in Richtung Hinterbärenbad, meiner nächsten Station, führt an der lieblichen Antoniuskapelle vorbei durch ganz wunderbare Mischwälder, wie man sie nur noch sehr selten antrifft. Mächtige Buchen und teils riesige Ahornbäume säumen den Weg, der immer wieder von munter gurgelnden Bächlein gequert wird. Nach rund 2 Stunden Wanderung türmt sich der Wilde Kaiser schon sehr massiv, ja nahezu bedrohlich auf. Hinterbärenbach mit seinem malerisch gelegenen Anton-Karg-Haus ist die ideale Raststation vor dem Anstieg auf das Stripsenjochhaus. Mein Entschluß, hier mein Mittagessen einzunehmen, erweist sich als eine hervorragende Entscheidung. Denn einerseits hebt sich die Speisekarte sehr wohltuend von den ‚üblichen‘ Hüttenspeisekarten ab. Und andererseits ist die Qualität des Gebotenen außergewöhnlich. Ich nahm ein Erdäpfel-Speck-Rösti samt gemischtem Salat zu mir, der ganz ausgezeichnet schmeckt. Und dazu eine feine, selbstgemachte Zitronen-Limo. Gratulation der Küche!

Die Kapelle von Hinterbärenbad mit dem hoch aufragenden ‚Kleinen Halt‘. Wie der Berg zu diesem Namen kommt frag ich mich…
Das Anton-Karg-Haus in Hinterbärenbach birgt eine exzellente Küche, die ich nur empfehlen kann.
Die Rösti mit Speck mit einem gemischten Salat waren exzellent. Dazu eine selbst gemachte Zitronenlimo.

In Hinterbärenbach beginnt dann der eher steile Aufstieg zur Stripsenjochhütte. Wiederum durch schattige Wälder, vorbei an mächtigen Bergahornbäumen und entlang kleiner Bächlein. Und nach rund 1 1/2 Stunden erreicht man das Stripsenjoch mit der gleichnamigen Hütte.

Das Stripsenjochhaus mit dem Totenkirchl (re) und der Fleischbank am Ende des Kaisertales.

Totenkirchl und Fleischbank

Das Stripsenjochhaus ist der Ausgangspunkt vieler Klettertouren. Wie die diversen Routen auf das Totenkirchl, die Fleischbank und auf andere bizarre Kalkzacken des Wilden Kaisers. Von der Terrasse aus kann man – erste Reihe fußfrei – die kühnen Kletterer beobachten, wie sie scheinbar senkrechte Wände hurtig und mit Elan nehmen. Nix für mich, denn mir ist schon beim Zuschauen mulmig zumute. Da ist mir doch das sichere und vor allem modern gestaltete Alpenvereinshaus lieber.

Die Kalktürme des Wilden Kaiser sind berühmt für ihre Farbenspiele bei Sonnenuntergang.

Latschenbrennerei, Teufelskapelle und Schaukäserei

Am nächsten Morgen mache ich mich relativ früh auf die Socken, sind es doch noch geschätzte 15 km bis nach Kirchdorf in Tirol. Der Abstieg führt zuerst zur Griesner Alm, die malerisch am Fuße des Predigtstuhles, der Fleischbank und des Totenkirchls liegt. Um dann einen Halt bei einem kleinen Häuschen zu machen, dessen Besuch ich dringend empfehle. Es ist eine Latschenbrennerei Hofmann, rund 1/4 Gehstunde unterhalb er Griesner Alm gelegen.

Das Kaiserbachtal beginnt nach dem Abstieg vom Stripsenjochhaus mit der romantischen Griesner Alm, hinter der sich der Wilde Kaiser auftürmt.
Die Latschenölbrennerei Hofmann im Kaiserbachtal.

Wenn es für mich quasi ein ‚Tiroler Urprodukt‘ gibt, dann ist’s das Latschenkieferöl. Ich verbinde mit ihm Energie, Urtümlichkeit und Volksmedizin. Und in diesem kleinen Häuschen destillierte man immerhin schon vor mehr als 100 Jahren dieses von mir so geliebte, wundervoll duftende Latschenkieferöl aus den Zweigen dieser Büsche. Dass ich mich da gleich mit einigen Produkten eindeckte, war wohl selbstverständlich. 

Die Hochgebirgs-Latschenkiefersalbe von Hofmann habe ich schon zur Wundheilung verwendet. Tip Top. Ebenso die wohlriechende Latschenkiefer-Seife.

Der Wanderweg in Richtung nach Griesenau ist überraschend kurzweilig. Immer wieder werden am Wegesrand in einer „Alpine-Outdoor-Gallery“ auf 7 Stationen die berümtesten Bergsteiger vorgestellt. Wie zum Beispiel die Huber-Brüder oder Peter Habeler. Nach einer schönen Wanderung erreicht man das Gasthaus Griesenau, ganz im Stil bayerischer Gasthäuser errichtet.

Wer nun der Straße in Richtung Gasteig folgt kommt an einer Sehenswürdigkeit vorbei, die ihresgleichen sucht: an der Teufelskapelle. Die Kapelle ist ein Hüttchen, rund 3 Meter über Niveau auf einem riesigen Stein errichtet. Und im Inneren des Mini-Holz-Kirchleins könnte einem Angst und Bang werden.

Die Teufelskapelle ist vermutlich auf einem vorchristlichen Opferstein errichtet.
Der Kampf eines Engels gegen den Teufel in einem Deckenbild der Kapelle lässt an Dramatik wahrlich nichts zu wünschen übrig.

Zum Abschluss meines 2-tägigen Spazierganges von Kufstein nach Kirchdorf in Tirol passiere ich noch die Schaukäserei der „Wilden Käser“ in Kirchdorf. Diese Sennerei ist in der Zwischenzeit durch ihre beiden Weichkäsesorten „Kleiner Stinker“ und „Großer Stinker“ sehr bekannt geworden. Ich habe mich denn auch mit einem hausgemachten Bergkäse und einem Emmentaler, beide natürlich aus Rohmilch handgefertigt, eingedeckt. Exzellente Käse übrigens.

Die Schaukäserei der Wilden Käser in Kirchdorf ist auf alle Fälle einen Besuch wert.

Meine Tipps:

  • Ich empfehle die An- und Abreise mit Öffis. Vom Bahnhof Kufstein aus bringt ein Bus die Wanderer alle 20 Minuten zum Kaiseraufstieg. Und von Kirchberg fahren Busse in relativ kurzen Zeitabständen nach St. Johann zum Bahnhof.
  • Ich empfehle einen Besuch des Anton-Karg-Hauses in Hinterbärenbach und die Verkostung eines der regionalen Gerichte des Hauses.
  • In der Latschenbrennerei Hofmann sollte man sich unbedingt mit der Hochgebirgslatschenkiefer-Salbe, mit Franzbranntwein und der ganz wunderbaren Latschenkieferseife eindecken. Die Produkte sind in ihrer Qualität einmalig.
  • Und in der Schaukäserei in Kirchdorf gibt’s alles, was der Käse-Gourmet so liebt. Ein Besuch ist sehr empfehlenswert.
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3 Gedanken zu “Durch’s Wilde-Kaiser-Tal

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