Die heilige Notburga: eine mutige Frau im Mittelalter

Wie kommt es, dass eine Dienstmagd des 12. Jahrhunderts im Tirol des 21. Jahrhunderts noch ungebrochen populär ist? Zu deren Ehren sogar heute noch Prozessionen stattfinden und deren Namen in Litaneien angerufen wird?

Ich folgte kürzlich den Spuren dieser außergewöhnlichen Tirolerin und bin vom Ergebnis meiner Recherchen bass erstaunt. Denn ihre Geschichte ist nicht nur die einer sehr selbstbewussten Frau, die sich von Vorgesetzten nicht einschüchtern ließ. Sie ist für mich auch eine der ersten Gewerkschafterinnen. Denn sie setzte im Alleingang eine Art gewerkschaftlicher Regelung der Arbeitszeit in der Landwirtschaft durch. 

Notburga von Rattenberg, wie sie in der Geschichtsschreibung offiziell genannt wird ist die wohl wichtigste Tiroler Volksheilige. Sie wird noch heute als Patronin der Dienstmägde und der Landwirtschaft, der Arbeitsruhe und des Feierabends verehrt. Und das, obwohl sie gar keine ‚echte’ Heilige ist, also vom Papst nie heilig gesprochen worden ist. Woher kommt diese Verehrung? Was hat es auf sich mit Notburga oder ist’s gar nur eine fromme Legende für das einfache Volk?

Notburga macht Karriere auf der Rottenburg

Als ich vor zwei Jahren am Tiroler Jakobsweg von Strass im Zillertal über das Wallfahrtskirchlein Maria Brettfall nach Rotholz und Jenbach pilgerte, wurde ich ein erstes Mal quasi direkt mit Notburga konfrontiert. Hoch über Rotholz zeugen die Mauerreste von jener Burg, in der die Tochter eines Hutmachers aus Rattenberg erst eine steile Karriere machte, um dann von einer herrischen Gräfin verstoßen zu werden. Es ist die Rottenburg ob Rotholz, einst stolzer Sitz der Herren von Andechs.

Das westliche Eingangstor zum ehemaligen Schloss Rottenburg ist noch erhalten. Mit größter Wahrscheinlichkeit war es jenes Tor, vor dem Notburga die Armen speiste.
Die Notburga-Kapelle auf dem Gelände der Rottenburg.

Notburga soll 1265 in Rattenberg geboren worden sein. Schon in jungen Jahren trat sie in die Dienste Heinrichs I. von Rottenburg, des damaligen Hofmeisters der Grafen von Tirol. Sie machte offenbar in kürzester Zeit Karriere. Denn ihr wurde als Nicht-Adelige die Verantwortung für Schlossküche und -keller übertragen. In dieser Funktion begann sie, die Reste der herrschaftlichen Tafel an die Armen zu verteilen, die vor dem Burgtor um milde Gaben bettelten. Notburga legte damit den Grundstein für eine Verehrung, die bis heute ungebrochen anhält.

Aber wie in vielen Legenden (und erst recht in der heutigen Realität) stößt Mildtätigkeit nicht auf ungeteilte Zustimmung. Nach dem Tod Heinrichs I. wurde sein Sohn Heinrich II. Herr auf der Rottenburg. Seine Frau Ottilia musste eine ausgewiesene Bissgurn gewesen sein, verbot sie doch Notburga, weiterhin Speisereste an das Volk zu verteilen. Stattdessen verlangte Ottilie, die Reste der herrschaftlichen Tafel an die Schweine zu verfüttern.

Wunder Nummer 1: Speisen zu Sägespänen

Das Verbot der Armenspeisung ist denn auch der Ausgangspunkt der eigentlichen Notburga-Legende. Sie hatte zu akzeptieren, dass die Essensreste der adeligen Tafel auf Anweisung hin den Schweinen verfüttert werden mussten. Um die Armen weiterhin zu speisen, legte sie daraufhin regelmäßig persönliche Fastentage ein und verköstigte die Armen mit dem, was sie sich vom Mund abgespart hatte. Aber auch das missfiel der Frau des Grafen, die nun sogar ihren Gatten Heinrich II. gegen Notburga aufbrachte.

Als Notburga eines Tages in der Schürze wieder Essen für die Armen und in der Hand einen Krug mit Wein trug, stellte sie der Burgherr. Auf die Frage, was sie da mit sich trage, antwortete Notburga – glaubt man der Legende – „Holzspäne und Lauge“. Und tatsächlich, als Heinrich II. nachsah, hatten sich die Speisereste in Holzspäne und der Wein in Lauge verwandelt.

Trotz dieses Wunders verstieß Heinrich seine Bedienstete, die daraufhin eine Stellung bei einem Bauern in Eben am Achensee annahm. Mit ihm schloss Notburga dann aber ganz offensichtlich eine Art Dienstvertrag. Sie verlangte, keine Arbeit mehr nach dem Abendläuten verrichten zu müssen um sich dem Gebet widmen zu können. Der Bauer stimmte zu.

Die Pfarrkiche von Eben mit dem ehemaligen Pfarrhaus, in dem sich heute das Notburga-Museum befindet.
Der Notburgabrunnen und das Bauernhaus in Eben am Achensee, in dem Notburga gearbeitet hatte.

Wunder Nummer 2: Das Sichelwunder

Notburga auf einer Textilarbeit im Notburga-Museum in Eben.

Als er aber während der Getreideernte eines Tages von seinen Knechten und Mägden verlangte, über das Abendläuten hinaus zu arbeiten weigerte sich Notburga und warf ihre Sichel in den Himmel. Wo sie prompt an einem Sonnenstrahl hängen blieb. Die Ikonografie der Volksheiligen war jetzt perfekt. Seither wird sie meist mit Schlüsseln an der Rockschnur, (sie war ja für Küche und Keller auf der Rottenburg verantwortlich) und der Sichel samt Getreideähren dargestellt. 

Das Sichelwunder in einer Darstellung aus der Barockzeit. Das Sichel hängt am Sonnenstrahl, das Bild im Museum der Heiligen Notburga in Eben am Achensee.

Nach dem Tod von Heinrichs Frau Ottilie und einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit seinem Bruder erinnerte sich Heinrich seiner Magd Notburga. Er lud sie ein, wieder auf seinem Schloss zu arbeiten. Diesmal sorgte Notburga vor und verlangte von Heinrich wieder in einer Art Dienstvertrag, dass dieser jährlich 500 Arme speisen musste. Quasi nebenbei vermittelte sie im Streit der Brüder. Es gelang ihr, den Streit beizulegen.

Wunder Nummer 3: das Ochsenwunder

Notburgas Gebeine sind Bestandteil des Hochaltars in Eben.

Kurz vor ihrem Tod am 14. September 1313 auf der Rottenburg bat Notburga, ihr Leichnam solle auf einen Wagen mit zwei Ochsen gelegt und dort begraben werden, wo der Karren stehen blieb. Und das war Eben am Achensee. Sie wurde vor dem Altar der Rupertikirche begraben. In der Folgezeit wurde das Kirchlein zu einem viel besuchten Wallfahrtszentrum. Im August 1718 wurde der Leichnam Notburgas jedoch exhumiert und 1735 als Ganzkörper-Reliquie ein Teil des Hochaltars. Die Kirche ist heute noch tagtäglich das Ziel vieler Wallfahrer_innen. Nicht zuletzt deshalb, weil Notburga weit über die Tiroler Landesgrenzen hinaus verehrt wird. Sie zählt zu den meistverehrten Heiligen in der Oststeiermark, in Slowenien und auch in Teilen Bayerns und Norddeutschlands. Weshalb das so ist kann ich mir relativ leicht vorstellen. Notburga war für Mägde und Knechte ganz sicher ein strahlendes Vorbild und machte mit ihren Handlungen dieser bemitleidenswerten Bevölkerungsgruppe Mut. Weshalb sie allerdings auch zur Patronin der Trachtenträger und -förderer wurde ist mir irgendwie schleierhaft. Aber ich muss ja nicht alles verstehen.

Das Ochsen-Wunder als Deckenfresko in der Notburga-Kirche in Eben

Eine mittelalterliche Frau als Vorbild für heute?

Wenngleich die Legende um Notburga mit Sicherheit ausgeschmückt und vor allem um die Wunder ‚ergänzt‘ worden ist, können wir besonders heute von ihrer Aufrichtigkeit, ihrer Menschlichkeit und ihrem Mitgefühl für die Ausgestoßenen und Armen lernen. Ganz offensichtlich hat sie ihrem Gewissen gehorcht und damit Rückgrat gezeigt. Sie musste damit rechnen, ihren damaligen Top-Job im Schloss zu verlieren, wenn sie weiterhin Arme und Kranke verköstigt. Und trotzdem hat sie es getan.

Ganz offensichtlich basiert auch das Sichelwunder, nämlich das Verlangen des Dienstherren nach Überstunden auf einer realen Begebenheit. Dieser Frau traue ich nach den Recherchen wirklich zu, sich gegen ungerechte Behandlung, gegen unberechtigte Forderungen aufgelehnt zu haben.

Mein Wunsch wäre nur noch, dass sich Politiker_innen aller Parteien die sich auf christliche Werte berufen an Notburga orientieren würden. Denn was diese Frau vor mehr als 800 Jahren gemacht hat, muss heute einfach selbstverständlich sein.

Meine Tipps:

Die Anfahrt zur Notburga-Kirche in Eben erfolgt am besten mit der Achenseebahn. Eine Fahrt mit dieser altehrwürdigen Dampfbahn führt nämlich direkt zum Bahnhof nach Eben, der einen Steinwurf von der Notburga-Kirche entfernt ist.

Das Notburga-Museum im einstigen Pfarrhof neben der Kirche in Eben am Achensee gehört für mich zu jenen kleinen, aber sehr feinen Museen, deren Besuch absolut empfehlenswert ist. Kein Wunder, dass das Museum zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten hat. Aber Achtung: das Museum hat nicht täglich geöffnet. Informationen gibt’s auf der Website.

Ein kleines aber überaus feines Museum in Eben am Achensee ist dem Andenken an Notburga gewidmet.

Zu Ehren der Heiligen Notburga findet in Eben am Achensee jedes Jahr eine Prozession statt. Und zwar am Sonntag nach dem 13. September, der als Notburga-Tag gefeiert wird. Im Jahr 2017 findet die Prozession also am 17. September statt.

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