Über Gletscher und Grenzen

In der Bozner Edition RAETIA ist soeben ein Bildband erschienen, der in keinem ‚echten‘ Tiroler Haushalt fehlen sollte. 

Wir dürfen uns in Tirol glücklich schätzen dass es sie überhaupt noch gibt: die ‚Transhumanz‘. Oder auf hochdeutsch ausgedrückt: die Wanderweidewirtschaft. Und wenn sich die Südtiroler Bauern mit ihren Tieren im Frühsommer auf den Weg zu den Nordtiroler Hochalmen machen, führen sie eine Tradition fort, die teils jahrtausendealt ist. Ich freue mich ganz besonders über ein eben erschienenes Buch zu diesem Thema: „Über Gletscher und Grenzen“ nennt sich ein Bildband der Bozner Edition RAETIA, in dem diesen oft tagelangen Reisen von Hirten und Herden über die Ferner und Jöcher ein Denkmal gesetzt wird.

Ich wollte einmal dabei sein…

Es war im Jahr 1997, als ich erstmals beschloss, beim jährlichen Schaftrieb vom Vinschgau nach Vent ganz einfach mitzugehen. Das Studium der Bücher von Prof. Dr. Hans Haid hatte mich davon überzeugt, dass es sich dabei einerseits um eine uralte Tradition handelt. Und dass die Transhumanz andererseits ein lebendiger Ausdruck dessen ist, wie und mit welchen Anstrengungen früher das Überleben in den Alpen verbunden war.

Von Schlanders aus zog ich damals mit den Hirten und Herden zuerst über das Taschljöchl nach Vernagt und am nächsten Tag durch das Tiesental über das Niederjoch – vorbei an der Similaunhütte – zur Kaser oberhalb von Vent. Für mich waren es mehr als nur zwei Tage Bergwandern auf höchstem Niveau. Auch wenn’s jetzt pathetisch klingt, egal: Ich verspürte auf der Transhumanz, dass diese jahrtausendealten Reisen von Mensch und Tier über die schnee- und eisbedeckten Jöcher eine ganz eigene Ausstrahlung haben. Dass diese Wanderungen einst sehr viel mit Leben und noch mehr mit dem nackten Überleben zu tun hatten.

Transhumanz Schnalstal Vent
Ich begleitete auch heuer wieder Hirten und Herde auf dem Weg von Vernagt nach Vent. Die Schafe müssen beim Aufstieg zum Niederjoch, also zur Similaunhütte auf 3000 m Seehöhe, des öfteren heikle, nahezu senkrecht abfallende Felspassagen überwinden.
Transhumanz
Der lange Zug der Schafe über den Similaungletscher, oder was halt noch übrig ist von ihm. Schon bald erreichen Hirten und Herde die bereits saftigen Hochalm-Wiesen oberhalb von Vent.

Im Zeitalter der Digitalisierung, des gesellschaftlichen Irrsinns und des rücksichtslos-gierigen Neokapitalismus erscheint es für mich ganz besonders wichtig, solche Traditionen zu erhalten. Und für deren Erhaltung aktiv einzutreten. Deshalb bin ich der Bozner Edition RAETIA sehr dankbar, dass sie nun ein Buch vorlegt, in dem den verschiedenen Südtiroler Transhumanzen ein fotografisches Denkmal gesetzt wird. Quasi als Dokumentation des alten, dem Untergang geweihten Lebens in den Alpen. Denn wer weiß schon, wie lange es diese Form der Wanderweidewirtschaft noch gibt?

Transhumanz
Die Schafe haben nach einer rund 10stündigen Gewalttour die Hochweiden im Venter Nedertal erreicht und grasen nun erstmals in der Nähe des Samoar Hauses (Busch-Hütte).
Mals Rasass Transhumanz
Die Transhumanz von Mals nach Rasass in der Schweiz erfolgt in mehreren Teilen. Zuerst auf eine Art Maisäß, dann auf die Alm und Mitte Juli dann der eigentliche Auftrieb auf die Hochweiden nach Rasass in der Schweiz, wo die Malser Bauern etwa 800 ha Weidefläche besitzen. ©Edition Radtia/Mauro Gambicorti

Es ist ein höchst eindrucksvoller, ganz wunderbar gestalteter Bildband geworden, den Magdalena Grüner vom RAETIA-Verlag mit dem Fotografen Mauro Gambicorti und der Kulturantropologin Anja K. Salzer gestaltet hat. Ich finde es ganz besonders wichtig, dass nicht nur die – eh schon bekannte – Transhumanz vom Vinschgau nach Vent dargestellt wird. Wenngleich sie sicherlich die größte Wanderung von Hirten und Herden über den Alpenhauptkamm hinweg darstellt.

Transhumanz
Die Bilder des Fotografen Mauro Gambicorti sind Momentaufnahmen der versinkenden Kultur unserer Bergbauern. ©Edition Raetia/Mauro Gambicorti

Um nichts weniger interessant sind nämlich die Weidewanderungen von Mals nach Rasass, vom Pfitschtal ins Zillertal, vom Ahrntal ins Krimmler Achental und von Rein in Taufers ins Defreggental. Diese Transhumanzen werden ausführlich dargestellt, mit erklärenden Texten versehen und vor allem den wunderbaren Bildern von Mauro Gambicorti dargestellt.

Was mich am Buch am meisten bewegt? Gambicorti schafft es, Mensch und Tier als Gemeinschaft, ja sogar als Schicksalsgemeinschaft zu zeigen. Das schafft er mit Bildern, die diese archaische Wanderungen durch teils bizarre Landschaften in ihrer ganzen Schönheit zeigen. Ohne dass er verklärend, sentimental oder gar romantisch wird.

Ein Buch, das in keinem Tiroler Haushalt fehlen sollte.

Mauro Gambicorti, Anja Salzer: Über Gletscher und Grenzen. Die jahrtausendealte Tradition der Transhumanz in den Alpen. Edition Raetia 2017. ISBN: 978-88-7283-592-0

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