Seit 1809: Das wundersame Kaufhaus Messner in Brixlegg

Dass ich eines Tages in einen wahren Kaufrausch verfallen könnte war für mich bisher völlig ausgeschlossen. Kürzlich wär’s um’s Haar passiert. Und wo? In einem Kaufhaus, das seit 1809 besteht – im Kaufhaus Messner in Brixlegg.

Was einem auf seine alten Tage noch passieren kann! Noch vor kurzem war ich sicher: Dem Konsumwahn kann ich nie verfallen! Zeitlebens erstand ich jeweils nur das Nötigste, selbst bei Lebensmitteln nur soviel, wie ich auch tatsächlich essen kann. Nur bei der Qualität und Regionalität musste kenne ich kein Knausern: bei Lebensmitteln ‚BIO‘, bei Fleisch ‚BIO und direkt vom Bauern‘. Bei Kleidung „Made in Europe“, bei Schuhen „Made im Waldviertel“. Und mehr brauche ich eigentlich gar nicht für ein zufriedenes Leben.

Einkaufszentren? Schon das Wort bereitet mir Unbehagen und Übelkeit. Ich betrachte die Betonklötze seit jeher als Kathedralen des Überflusses, der Gier und der Verschwendung. Nur dazu da, einer neuen Religion zu huldigen: der des „Konsumerismus“. Und wenn ich mir dann noch die schwitzenden Massen vorstelle, die sich auf der Schnäppchen-Jagd, umwabert vom Glutamatduft der zahllosen fast-food-Buden, gegenseitig auf die Füße treten und vorwärts schieben wird mir speiübel.

Dass meine strikte Anti-Konsumhaltung eines Tages ernsthaft erschüttert werden könnte stand ganz und gar nicht auf dem Programm. Dass es dennoch passierte, hat einen triftigen Grund: es ist das einzigartige Flair des heuer 208 Jahre (!) alten „Kaufhauses Messner“ in Brixlegg.

Kaufhaus Messner in Brixlegg
Wer genau hinschaut sieht es: schon die Schaufenster künden Einzigartiges im Kaufhaus Messner zu Brixlegg: Heurechen neben Handrasenmäher, Holz-Kinderwagen neben Grillkohle.

Das Messner ist für mich ein allerletztes Juwel jener Zeit, als die Menschen noch Muße hatten und jeder Einkauf etwas Besonderes war. Ich fühlte mich in jene Zeit zurückversetzt, in denen der Einkauf noch persönlich und so gar nicht hektisch war.

Messners ‚Geburtsdatum‘ spricht Bände: 1809!

Liegt es vielleicht am Gründungsjahr des Hauses, dem Tiroler Schicksalsjahr 1809, dass sich das Kaufhaus Messner 208 Jahre später immer noch ungebrochener Beliebtheit und Bekanntheit erfreut? Wer weiß. Dass ihm sogar mit Bomben und Granaten nicht beizukommen war, belegt eine Begebenheit aus dem letzten Jahr des 2. Weltkrieges. Denn das Messner wurde von einer Bombe getroffen, die eine Innbrücke treffen sollte, stattdessen aber das Kaufhaus in Schutt und Asche gelegt hatte. Dass es bereits kurze Zeit später von der Familie wieder aufgebaut worden war belegt nachdrücklich, welchen Lebens- oder Überlebenswillen man hier offenbar seit Jahrhunderten an den Tag gelegt hat. Und immer noch an den Tag legt.

Wie man ein solches Juwel findet? Das hat mit meiner Tätigkeit als Obmann der „Schule der Alm“ im Valsertal zu tun. Ich bin es gewohnt, während der Grundkurse und Freiwilligenprojekte mit einem Alm- oder Jägerstecken herumzurennen. Der ist nicht nur als Halt ganz gut sondern auch dann, wenn es steil abwärts geht. Und just vor der heurigen Saison ist mir mein geliebter Stecken abhanden gekommen. Ein Stecken, der am unteren Ende mit einer geschmiedeten Spitze versehen war, die einen festen Halt in unebenem Gelände garantierte. Ein neuer Stecken musste her oder eben eine geschmiedete ‚Stecken-Spitze‘.

Eigentlich wollte ich nur eine geschmiedete Stecken-Spitze kaufen

Ich erinnerte mich, während meiner Erkundung des Tiroler Jakobsweges in Brixlegg an einem Geschäft vorbeigekommen zu sein, in dem es diese schmiedeeisernen Spitzen für Alm- und Jägerstecken gab und dessen Auslage mich damals schon tief beeindruckte. Zudem standen einige Jungbauern vor dem Geschäft, die sich kurz vor der Saison offenbar mit Alm-Zubehör eingedeckt hatten. Da das Internet jede detaillierte Auskunft über das Kaufhaus verweigerte fuhr ich also mit dem Zug nach Brixlegg.

Kaufhaus Messner, Brixlegg
Das Ortszentrum von Brixlegg mit dem berühmten Herrenhaus. Dahinter befindet sich das Kaufhaus Messner.

Eigentlich hatte ich insgeheim befürchtet, vor endgültig verschlossenen Türen zu stehen. Denn ein Geschäft, wie ich es in Erinnerung hatte, gibt’s heute normalerweise gar nicht mehr. Weit gefehlt: Messners Kaufhaus war selbstverständlich geöffnet. Überschreitet man die Schwelle des Ladens, eröffnet sich dem staunenden Besucher ein geradezu pittoreskes Panoptikum mit ganzen Bergen von Waren und Produkten, die man in dieser Kombination noch nie gesehen hatte. Und über all dem tönt meist die fröhliche Stimme einer Frau: es ist Maria Messner, die Chefin persönlich, die für gute Laune im Laden sorgt.

Ich gebe es zu: Mir hatte es im allerersten Moment nach dem Betreten dieses einzigartigen  Tempels, dieser Grotte unbeschreiblichen Warenreichtums die Stimme verschlagen. Schon auf den ersten Metern nach dem Betreten des Kaufhauses ist man sicher, so etwas bisher nur ganz selten gesehen zu haben: Hüte neben Hohleisen, Geschenkartikel mit Gartenzwergen, Geschirr und Gmundener Keramik,  Arbeitskleidung und Autolack im selben Regal. 

Kaufhaus Messner, Brixlegg
Messingwaren en gros, Kupferwaren en détail.

Viele Warengruppen erreicht man allerdings nur durch schmale Gänge – ich möchte sogar sagen durch Schluchten – die zudem noch wie Labyrinthe angelegt sind. Man kann dann plötzlich vor gestickten Leinen-Tischtüchern mit Spitzenrand stehen um festzustellen, dass man sich in einer Art ‚Sackgasse’ befindet. Oder aber eine Wand gebietet dem forschenden Kunden Einhalt. Eine Wand, an der Küchensiebe in allen Größenordnungen hängen und lediglich die dahinter liegenden Kochtöpfe, Kaffeemaschinen und Küchengeräte zu verbergen scheinen. 

Kaufhaus Messer Brixlegg
Ein wohlgeordnetes Labyrinth verschiedenster Produkte

Zum Kern, quasi dem Mittelpunkt des Labyrinthes vorgedrungen, steht man dann urplötzlich vor der ‚Königin‘ dieses Kaufhauses, vor Maria Messner. Aber man steht dort meist nicht allein. Im Gegenteil. Ich stand plötzlich in einer Reihe, einer Art Warteschlange, wie dies früher eben in Geschäften üblich war. Da werden dem einen Kunden auf dem Verkaufstisch Schrauben abgezählt, einem anderen wird der Lieferschein händisch (!) ausgestellt und einem Dritten die Rechnung – selbstredend per Hand geschrieben – präsentiert. Und für jeden Kunden hat „die Maria“, die Chefin, ein freundliches Wort. Ihr Lachen und ihre Herzlichkeit sind für mich das eigentliche Markenzeichen des Kaufhauses, in dem nicht nur die Zeit still zu stehen scheint.

Kaufhaus Messner Brixlegg
Im Zentrum des Kaufhauses Messner, dort wo Lieferscheine und Rechnungen noch händisch geschrieben werden.
Kaufhaus messner brixlegg
Wo gibt es das noch: Maria Messner zählt die Schrauben ab. Sie werden hier noch einzeln angeboten und verkauft.

Ihre Philosophie beschreibt Maria Messner kurz und bündig: sie verändert nichts an und in ihrem Kaufhaus. Damit sich die Leute geborgen fühlen. „So wie es immer war, so soll es auch in Zukunft sein“, meint sie. Das habe ihr Vater auch so gehalten. Daran seien ihre Kunden gewohnt und würden dies auch sehr schätzen. Sie ergänzt: Ihr Vater sei noch im 92. Lebensjahr im Geschäft gestanden und habe die Buchhaltung gemacht.

Keine Website und kein Email

Daher gibt’s bei Messners bis heute kein Email und keine Website, keine neumodische Ladengestaltung oder gar Musik aus der Konserve. Dafür darf jeder Kunde auf eine ehrliche Beratung und ehrliche Preise vertrauen. Und, so sagt Maria Messner, für Stammkunden gibt’s immer auch eine Möglichkeit des preislichen Entgegenkommens.

Die Chefin ist die gute Seele des Kaufhauses Messner. Besonders wohl fühlt sie sich offenbar in der Kurzwarenabteilung.

Was mich wirklich interessiert: wieviel verschiedene Produkte sind denn nun in diesem Kaufhaus sozusagen ‚gelistet’? Maria Messner muss passen. Da müsse sie einmal ihren Steuerberater fragen, meint sie. Aber es seien sicher 10.000 verschiedene Sachen, die sie und ihre 10 Mitarbeiter anbieten. Soviel sei sicher.

Das „Back-Office“ – ein Einrichtungs-Epizentrum

Apropos Waren: Ob ich denn schon im hinteren Bereich des Kaufhauses gewesen sei, will die Chefin dann noch von mir wissen. Und rät mir, doch einen Blick hinein zu werfen. Durch einen schmalen Gang betrete ich eine regelrechte Halle. Und jetzt bleibt mir vollends die Spucke weg.

Wenn ich je daran denken würde, die Küche einer Großkantine oder eines Hotels mit Geschirr auszustatten, hier wär ich richtig. Auch Besitzer von Almhütten fühlen sich hier in einer Art ‚Einrichtungs-Epizentrum‘: Nicht nur Rauchabzugsrohre und Riesenkuhglocken, Reiskocher und Römertöpfe, original Eisenpfannen und Essgeschirr füllen die Regale. Von den Trinkgläsern, die in jeder Größe, Qualität und Facon vorhanden sind möchte ich erst gar nicht beginnen. 

Kaufhaus Messer Brixlegg
In der Geschirrabteilung des Kaufhauses Messner. Die Auswahl ist geradezu riesig.

Irgendwie überraschend, dass auch Plastikautos und -traktoren in diesen ‚Wandelgängen‘ auftauchen. Das ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass es Kindern hier langweilig wird, wenn ihre Eltern vor lauter Schauen und Auswählen die Zeit vergessen.

Mein erster, ausgiebiger Aufenthalt im Kaufhaus Messner hatte also wie erwähnt Folgen. Ich war wegen einer geschmiedeten Stecken-Spitze gekommen. Heimgefahren bin ich mit einem wunderschönen Jägerstecken, einem neuen und sehr flotten Filzhut und einer Windel. Für mich eben erste Anzeichen eines Konsumrausches. Weshalb ich ausgerechnet eine Windel kaufte wollt ihr wissen?

Damit hat meine Oma früher die Blüten und Zitronenscheiben aus dem angesetzten Hollersirup ‚gefiltert‘. Dasselbe hatte ich auch grad vor.

Gut, dass es im Messner-Kaufhaus sogar Windeln gibt.

Meine Tipps:

  • Wer Küchengeräte aller Art sucht – im Kaufhaus Messner sind sie zu finden. Selbst handbetriebene Mixer habe ich gesehen. Ich nehme sogar an, dass man hier sogar Waren findet, die in Innsbruck bereits als Antiquität gelten.
  • Brettspiele sind quasi in rauhen Massen im Angebot. Ebenso sind Bausätze wie Lego, Fischer etc. in einer Riesenauswahl vorhanden.
  • Wer – wie ich – keine Idee hat wenn es um Geschenke geht: hier wird man mit der Nase drauf gestoßen.
  • Kurzwaren, also Nähzeug wie Faden, Garn etc. sind ebenfalls in einer Auswahl vorhanden, die in Tirol ihresgleichen sucht.
  • Sinnsucher werden die Vielzahl gestickter Sinnsprüche schätzen.
  • Für Almeler (Älpler) und Bergbauern ist Messners Kaufladen eine fixe Größe. Gabeln, Rechen und anderes Handwerkszeug gehört sozusagen zur Grundausstattung. Vermutlich seit 208 Jahren!

Und hier geht’s zum Rundgang durch das Kaufhaus:

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5 Gedanken zu “Seit 1809: Das wundersame Kaufhaus Messner in Brixlegg

  1. Cool dass es noch so einen Laden gibt!! Wusstn wir nit, steht aber bald auf der nächsten „Besuch-mal-Anschauen“-Liste und wenn wir in dem Bereich was für uns brauchen, der erste Schritt zu denen, bevor wir zu den Konzern-Kaufläden gehen, die Price-Dumping machen, damit Hersteller und auch Natur & Umwelt etwas dazu beisteuern müssen 😦
    Dir Werner muß ich einfach gratulieren zu Deinem Lebensstil und -philosophie. V.a. diese Themen „Kaufrausch“ in unserer „Wegwerf-Gesellschaft“ stört mich extrem und deshalb leben wir Gott sei Dank, extrem auf „regional, saisonal & natürlich“, also v.a. bei Lebensmittel: wenn geht direkt beim Bauern, den wir kennen bzw. dessen „Landwirtschaftsphilosophie“, wenn geht natürlich Bio. In Shops sowieso nur Bio. ABER GENAUSO WICHTIG: SAISONAL. 😉
    Und bzgl. Schuhe: als Wanderführer brauch ich Trekking-Schuhe: diese sind Lowa, weil die eine „regionale Europa-Strategie“ fahren. Vor kurzem jedoch seit über 5 Jahren erstmals wieder Freizeitschuhe gekauft. Woher? Natürlich „Made in NIederösterreich“, so wie die Infrarot-Paneele für unsere Heizung mit PVA… 😀
    Werner, es taugt mir wie Du lebst und v.a. dass Du mit dem Blog und auch Deinen Facebook-Aktivitäten und Deinen journalistischen Kenntnissen das gut weitererzählst! 😀 i kimm bald amol zur Helga auf die Alm, da trifft ma sich mal live vielleicht 😀 Gonz schiane Griaß, Andreas

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  2. Bei uns in Norden in Ostfriesland gibt es auch einen Laden in dem einzelne Schrauben und Nägel verkauft werden. Der Laden ist ganz interessant eingerichtet. Hinter dem Tresen ist eine Schubladenwand mit sehr vielen Schubfächern auf denen jeweils ein „Muster“ des Inhaltes angebracht ist. So greifen die Mitarbeiter jedes mal zur richtigen Schublade um das gewünschte Teil herauszuholen. Eine elektrische Kasse wurde erst vor kurzem in Betrieb genommen weil das Finanzamt es so vorschreibt. Jedoch die „alte“ steht für alle Fälle startbereit falls der Strom einmal ausfallen sollte.

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