Thierberg: Wallfahrtsort und Aussichtpunkt

Weithin sichtbar thront die Wallfahrtkirche von Thierberg hoch über Kufstein. Viele kennen das Kirchlein mit seinem zierlichen Türmchen, das am linken Innufer gleichsam aus einem Hügel wächst und von einem massiven, hoch aufragenden Turm flankiert wird.

Thierbergkapelle
Die Kapelle zum Heiligen Johannes Baptist auf dem Thierberg

Erkundungen in Tirol. Unter dieses Motto stelle ich das Jahr 2017. Ich will heuer in meinem Blog geheimnisvolle Plätze mit viel Geschichte vorstellen. Orte der Ruhe und Kontemplation. In der Hoffnung, dass kulturbeflissene Leser_innen meines Blogs – neugierig geworden – diese Plätze dann auch aufsuchen.

Meine Empfehlung für 2017: nützt die Öffis! Wie hinlänglich bekannt, benütze ich ohne Ausnahme für alle meine Erkundung die öffentlichen Verkehrsmittel. Im Fall von Thierberg ist der Bahnhof in Kufstein sogar ein idealer Ausgangspunkt für die Wanderung, oder sollte ich doch Wallfahrt sagen?

Geheimnisvoller Obelisk und minderwertige Hotelbauten

Mitten im Dorf: ein geheimnisvoller Obelisk
Mitten im Dorf: ein geheimnisvoller Obelisk

Nach der Überquerung der Fußgängerbrücke über das Kufsteiner Bahnhofsareal betritt man den Stadtteil Zell. Man möchte es ja kaum glauben: Dies ist der älteste Teil der Stadt Kufstein. Zell nannte man im Frühmittelalter eine Kapelle. Und aus einer Zelle ist die heutige Pfarrkirche St. Martin ,erwachsen‘. Wanderer werden hier überrascht. Einerseits von Häusern aus der Gründerzeit. Und andererseits von einem wunderschönen Obelisken, auf dem geheimnisvolle Zeichen angebracht sind. 

Zuerst leicht ansteigend, führt der Weg – zuerst unterquert man die Autobahn – vorbei an einigen alten Herrenhäusern zum Gasthof Neuhaus. Und von dort geht‘s nicht nur weiter zum Thierberg, sondern auch zu den Seen dieser Gegend. Wie dem Längsee.

Ein alter Herrensitz am Weg zum Thierberg
Ein alter Herrensitz am Weg zum Thierberg
Solche Bilder erinnern mich immer wieder an Wilhelm Busch und seine 'Fromme Helene': Hoch oben, von der schönen Stelle, winken Schenke und Kapelle. In diesem Fall das Gasthaus Neuhau und die Thierbergkapelle.
Solche Bilder erinnern mich immer wieder an Wilhelm Busch und an die Pilgerfahrt der ‚Fromme Helene‘: „Hoch oben, von der schönen Stelle, winken Schenke und Kapelle.“ In diesem Fall das Gasthaus Neuhau und die Thierbergkapelle.

Ich entschloss mich, zuerst dem Längsee einen Besuch abzustatten. Rund 20 Minuten dauert die Wanderung zum See, der im Jänner von einer dicken Eisdecke überzogen ist. Auffallend in dieser Landschaft sind die sanften, kleinen Hügel. Für mich sind es Symbole für ein ,heiliges Gebiet‘ vorgeschichtlicher Kulturen. Zudem soll hier eine Römerstraße verlaufen sein. Somit eine ‚historisch alte‘ Landschaft.

Der zugefrorene Längsee
Der zugefrorene Längsee

Der eigentliche Aufstieg zum Thierberg wird von einem – in Tirol wohl unvermeidlichen Kreuzweg – begleitet. Ich bin mir sicher, dass dieser Hügel mindestens seit der Zeit der Räter als Kultplatz gedient hat. Aber weshalb die Christen an solchen, landschaftlich außergewöhnlichen Orten immer wieder die schaurige Geschichte von Jesu Tod präsentieren wird mir ein Rätsel bleiben. Vor allem auch deshalb, weil die Botschaft des Christentum doch die Auferstehung und nicht der Tod ist. Aber sei’s drum.

Die alte Burgmauer samt Kreuzwegstation.
Die alte Burgmauer samt Kreuzwegstation.

Wer den Thierberg dann erfolgreich ‚erstiegen‘ hat, sollte anschließend auf alle Fälle auch den markanten, sehr massiven Turm, den Bergfried, besteigen. Der Rundblick von der Turmkrone aus ist einzigartig.

Die reichlich verzierte Eingangstüre zum Turm.
Die reichlich verzierte Eingangstüre zum Turm.

Der nahezu fensterlose Turm war normalerweise als letzter Rückzugsort im Verteidigungsfall gedacht. Auf Thierberg erscheint diese Annahme nicht wirklich stichhaltig. Fensterlos, ohne Heizung und verfügbares Trinkwasser, das hätte nie hingehauen. Also war es vermutlich doch ein Repräsentationsturm, der die Macht und die Herrlichkeit des jeweiligen Burgbesitzers weitum sichtbar dokumentieren sollte.

Das der Turm nicht gänzlich dem Verfall anheim fiel ist vor allem den Thierberger Schützen zu verdanken. Sie haben nicht nur das Baugerüst zum Turm geschleppt sondern auch die bereits herausgebrochenen und hinabgestürzten Steine eingesammelt. Beim Wiederaufbau konnte man also quasi auf ‚Originalmaterial‘ zurück greifen. Und es waren auch die Schützen, die die informative Dauerausstellung im Turm gestaltet haben.

Der grandiose Blick vom Thierberg-Turm ins Inntal.
Der grandiose Blick vom Thierberg-Turm ins Inntal.

Die Kapelle des Hl. Johannes Baptist

In geschichtlicher Zeit betritt der Thierberg (damals Thürberg) 1281 die Bühne. Als Burg der Frundsberger. Nach vielem Hin und Her – einmal war das Gemäuer österreichisch, dann wieder bayerisch, zerfiel die Burg Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Kapelle des Hl. Johannes Baptist war seit Ende des 16. Jahrhunderts ein überaus bliebter Wallfahrtsort.

Innenansicht der Thierbergkapelle mit der Muttergottesfigur und dem Altargemälde, das die Enthauptung Johannes des Täufers thematisiert.
Innenansicht der Thierbergkapelle mit der Muttergottesfigur und dem Altargemälde, das die Enthauptung Johannes des Täufers thematisiert. Schon ein wenig makaber.

1700 brannte die damalige Kapelle zu allem Überfluss ab, was einen völligen Niedergang befürchten ließ. Dem war aber nicht so, die damaligen Besitzer bauten die Kirche wieder auf.  Mitte des 19. Jahrhunderts setzte dann die Marienverehrung wieder ein, für die das Kirchlein heute noch über die Grenzen Tirols hinaus bekannt ist.

Der Thierberg: ein alter, vorchristlicher Kultplatz?

Wie die Leser_innen meines Blogs bereits wissen, bin ich der Ansicht, dass derart ‚ausgesetzte‘ Orte wie der Thierberg bereits von vorchristlichen Kulten benützt worden ist. Und in Thierberg gesellt sich ein neues Mosaiksteinchen in meine Behauptung wonach dreieckige Berge quasi den ‚Altar‘ vorchristlicher Kultstätten bildeten. Im Fall Thierberg ist es die als wunderbare Pyramide sehr gut sichtbare Bergspitze des Geigelsteins.

Die Thierseekapelle mit der Einsiedelei.
Die Thierseekapelle mit der Einsiedelei.

Der Einwand, man müsste doch heute noch Reste solcher Kultplätze finden dürfte im Fall Thiersee kaum stichhaltig sein. Bei der Errichtung der Burg wurden mit größter Wahrscheinlichkeit alle Spuren verwischt. Und in Zeiten des galoppierenden Kapitalismus fehlt – man möchte sagen selbstverständlich – das Geld, archäologische Ausgrabungen durchzuführen. Denn die ‚rentieren‘ sich bekanntlich kaum…

Ein weiterer Umstand erschließt sich den feinfühligen Wandersleuten: am Fuß des Thierbergs ist ein Hügel zu sehen, auf dem – mehr oder minder grundlos – ein Kreuz steht. Meines Erachtens ein uraltes Zeichen dafür, dass auch dieser Hügel für vorchristliche Kulte genützt worden ist.

Der Hügel (links im Bild) ist meines Erachtens Teil eines zusammenhängenden prähistorischen Kultplatzes Thierberg.
Der Hügel (links im Bild) ist meines Erachtens Teil eines zusammenhängenden prähistorischen Kultplatzes Thierberg.

Mein Resumee

Eine Wanderung oder eine Wallfahrt auf den Thierberg ist mit vielen, sehr positiven Sinneseindrücken verbunden. Vor allem, wenn man noch einen Abstecher zum Längsee oder sogar zum Thiersee macht.

Als Verpflegungsstation kann das Gasthaus Neuhaus durchaus empfohlen werden.

Ungefähre Länge der Strecke Bahnhof-Thierberg-Bahnhof (ohne Besuch des Längsees): 8 km

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3 Gedanken zu “Thierberg: Wallfahrtsort und Aussichtpunkt

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