Berg-Erdäpfel: die wunderbaren Knollen

Als ich sie zum ersten Mal sah, konnte ich es kaum glauben. Das sollten tatsächlich Erdäpfel sein? Rote, violette, gelbe und weiße Knollen lagen da in einer Schüssel. Teils in der Form eines abgeschnittenen, abgewinkelten Daumens. Die übrigens  „Krimplinge“ genannt werden, weil sie „krumm“ sind.

Mein Erstaunen erstaunte wiederum die Eingeborenen Valser. Das seien halt Valser Kartoffeln, wurde mir beschieden. Und die seien eben anders als die anderen. Die seien doch ganz normal. 

Dass die Andersartigkeit des Valsertals bis auf die Erdäpfel durchgeschlagen hatte, war dann doch ein eher starkes Stück. Wobei ich hier in aller Form betonen möchte, dass das „Anderssein“ der Valserinnen und Valser meine ungeteilte Zustimmung findet. Aber solche Erdäpfel hatte ich mir erst gar nicht vorstellen können.

Valser Berg-Erdäpfel: genial im Geschmack

Wie Berg-Erdäpfel schmecken? Außergewöhnlich kann ich nur sagen. Sie sind ein Geschmackserlebnis, das ich selbst mit Bio-Erdäpfeln nie hatte. Ich kann mich auch gar nicht erinnern, dass Erdäpfel in meiner Kindheit derart intensiv und gut geschmeckt hatten. Vielleicht ist es die Unverfälschtheit dieser Sorten, die nicht künstlich hochgezüchtet und verändert worden sind.

Logisch, die Bauern hatten stets ihre eigenen Steckerdäpfel verwendet und so diese Sorte quasi rein erhalten. Bis zum heutigen Tag. Und genauso ’schillernd‘ wie die Knollen aussehen schmecken sie auch.

Steck-Erdäpfel
Steck-Erdäpfel. Bild: Lisa Eller

Nun wollte ich wissen, wo ich denn heutzutage solche Raritäten kaufen könne. „Gar nicht“, war die Antwort. Denn nur noch wenige Bewohner des Valsertales würden sie für ihren Eigenbedarf anbauen. „Da musst du in Schmirn fragen“, wurde mir geraten. Denn dort seien früher massenhaft Erdäpfel angebaut worden.

Was in Vals und Schmirn 'normal' ist, muss im Rest Tirols noch lange nicht normals sein.
Was in Vals und Schmirn ’normal‘ ist, muss im Rest Tirols noch lange nicht normals sein.

Dunkel erinnerte ich mich daran, einen uralten Bericht auf Youtube über den Erdäpfelanbau in Schmirn gesehen zu haben. Nach einigen Internet-Recherchen hatte ich gefunden, was ich suchte: der Film heißt „Pflanzkartoffeln aus dem Bergland“ und ist auf Youtube verfügbar.

Ein uralter Streifen – oder ist’s gar ein Lehrfilm –  über den Erdäpfelanbau, vor allem über die Zucht von Pflanzkartoffeln in Schmirn. Absolut sehenswert, denn die uralten Aufnahmen zeigen nicht nur wogende Erdäpfelfelder. Sie sind auch ein rares Dokument dafür, wie noch vor 65 Jahren Berg-Landwirtschaft betrieben worden war. Im Film wird auch ein Seilpflug (!) gezeigt, der auf steilen Bergwiesen zum Einsatz kam.

Heute unvorstellbar: in Schmirn wurden Seilpflüge verwendet, um auf Steilhängen Erdäpfel setzen zu können.
Heute unvorstellbar: in Schmirn wurden Seilpflüge verwendet, um auf Steilhängen Erdäpfel setzen zu können.

Beginnt in Schmirn die Renaissance der Berg-Erdäpfel?

Der Schmirner Bürgermeister Vinzenz Eller bestätigte mir bei einem Treffen der „Genussspechte Wipptal“, dass er beabsichtige, die alten Kartoffelsorten wieder anzubauen. Die Genussspechte sind eine lose Vereinigung von Bauern, Hoteliers und Feinschmeckern mit der Absicht, regionalen Spezialitäten des Wipptales auf die kommerziellen Beine zu helfen. Er wolle jedenfalls diese uralten, autochtonen Knollen wieder anbauen. Das war im Februar 2015.

Gesagt – getan. Denn der Schmirner Bürgermeister ist bekannt dafür, weniger zu reden und stattdessen zu handeln. Und so hat er gemeinsam mit seiner Familie, vor allem aber mit Tochter Lisa Ausschau nach Krimpling-Saatgut gehalten, das es im Tal kaum mehr gegeben hatte.

Schmirn hat eine lange Tradition im Kartoffelanbau.
Schmirn hat eine lange Tradition im Kartoffelanbau. Hier ein Acker in Toldern.
Der Erdäpfelacker der Ellers wurde im Mai bestellt
Der Erdäpfelacker der Ellers wurde im Mai bestellt. Bild: Lisa Eller
Die erste Ernte auf dem Probefeld in Kasern
Die erste Ernte auf dem Probefeld in Kasern. Bild: Lisa Eller

Die Ellers bauten dann in Kasern weiße, blaue und rote Erdäpfel und eben Krimplinge quasi auf einem Versuchsfeld an. Man wollte einerseits Erfahrungen sammeln, andererseits aber vor allem Saatgut züchten, das es erlaubt, im kommenden Jahr in etwas größerem Stil anzubauen. Dass heuer kein wirklich gutes Erdäpfeljahr war, mussten die beiden leider auch zur Kenntnis nehmen. Dennoch, der Grundstock ist gelegt.

Für die kommenden Jahre planen die Ellers, den Erdäpfelanbau in etwas größerem Rahmen als heuer weiter zu führen. Sie liegen damit voll im Trend. Dass alte Erdäpfelsorten eine Renaissance feiern, ist unbestritten. Das belegt eine Erdäpfel-Initiative in der Schweiz.

Genossenschaft Albulatal

In vielen Bereichen kann die Schweiz als Vorbild für uns dienen. Vor allem dann, wenn es darum geht, neue Ideen zu entwickeln. Im Albulatal ist eine Privatinitiative schon seit Jahren damit beschäftigt, schmackhafte Bergkartoffeln anzubauen und diese im nahen Zürich zu verkaufen. (Die Website dieser Initiative gehört zum Besten, was ich zu diesem Thema je gesehen habe.) Der Koch Freddy Christandl, ein gebürtiger Steirer und der Bauer Marcel Heinrich haben es heuer geschafft, 43 Erdäpfelsorten zu ernten! Auf Facebook kann man mit verfolgen, was in der Schweiz so alles läuft.

Was ich mir wünschen würde? Dass das Jahr 2017 – zumindest in Schmirn – die ‚Wiedergeburt‘ der uralten Erdäpfelsorten einläutet. Damit die meist geschmacklosen, neuen Sorten endlich mit neuen Qualitäten konfrontiert werden. Damit Erdäpfel wieder schmecken!

In diesem Sinn hoffe ich, dass die Ellers in Schmirn den eingeschlagenen Weg konsequent weiter gehen.

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