Aber hallo! Grüßen im Gebirge

Grüßen im Gebirge ist bei vielen Bergwanderern anscheinend aus der Mode gekommen. Und wenn gegrüßt wird, kommt meist das Wort ‚HALLO‘ ins Spiel. Mit Verlaub: So meldet man sich am Telefon und nicht in den Bergen.

Ok, man mag mich jetzt als verstaubten, konservativen alten Trottel bezeichnen. Als einen heillos rückständigen Typen, der einem Gruß bei Bergwanderungen noch etwas abgewinnen will und kann. Der zu allem Überdruss auch noch das abgedroschene ‚HALLO‘ abgrundtief ablehnt. Für mich sind das alles Menetekel einer ‚Verstädterung’, einer ‚Anonymisierung‘ der Berggebiete. 

Wieso? Ganz einfach: Nicht-Grüßen ist typisch für Stadtbewohner. Dort ist Anonymität Trumpf. Sicher, man könnte in einer Stadt ja beileibe nicht jeden grüßen, der in den Straßen herumrennt. Klar. Aber am Land ist das eben anders. Da gelten aber auch ganz andere Regeln des Zusammenlebens. Die ländlichen Gebiete in den Alpen wollen ganz sicher eines nicht, nämlih ‚verstädtert‘ werden. 

Städter sollen sich als Touristen gefälligst an ländliche Gepflogenheiten halten

Und ich weiß, dass das was ich sage, jetzt vielen gegen den Strich geht, tu’s aber trotzdem: Die Städter sollen sich gefälligst an einige der schönen Gepflogenheiten der Bergbewohner halten, wie eben an das freundliche Grüßen auf Bergwanderungen. Mehr verlang‘ ich ja vorerst gar nicht. Sonst sind Städter ja meist auch nicht auf’s Maul gefallen.

Tiroler Bergwanderer grüßen meist mit HALLO. Kann mir jemand sagen, weshalb mit diesem Wort?
Tiroler Bergwanderer grüßen meist mit HALLO. Kann mir jemand sagen, weshalb mit diesem Wort?

Was ich zudem insgeheim vermute: viele Besucher aus den Tälern und größeren Städten, vor allem aber aus Deutschland wollen sich ganz genauso wie zuhause fühlen. Man will auch durch einen Gruß nicht gestört werden.

Individualität ist ja bekanntlich Trumpf. Wär ja auch ein Kulturschock, wenn man sich im Urlaub an die Gepflogenheiten der Urlaubsgegend anzupassen hätte. Oder sind die mundfaulen Touristen schlicht und einfach zu bequem, ihr Maul aufzumachen?

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass viele unserer Gäste der Irrmeinung unterliegen, sie würden mit ihrem Geld das Überleben der armen Tiroler Almöhis finanzieren. Wie anders ist es zu erklären, dass man sich teilweise partout nicht an die Sitten und Gebräuche halten will? Ich habe jedenfalls in diesem Sommer die Erfahrung gemacht, dass der alte, schöne Brauch, sich im Gebirge gegenseitig zu grüßen, vor die Hunde zu gehen droht.

Auf meinen Bergtouren machte ich heuer diesbezüglich quasi ‚Feldforschungen‘. Habe abgeschätzt, ob die mir entgegenkommenden Bergwanderer von sich aus grüßen, ob sie meinen Gruß erwidern oder völlig stumm bleiben. Und das sind – zusammengefasst – die Ergebnisse in drei Gruppe gegliedert:

Gruppe 1: Die Entgegenkommenden sind Tiroler oder Österreicher.

Dann grüßt der ganz große Teil automatisch, ohne auf einen Gruß meinerseits zu warten. Aber mindestens die Hälfte grüßt mit „HALLO“ und nicht etwa mit Griaß di oder Servus, schon gar nicht mit Habe die Ehre. Weshalb um Himmels willen aber HALLO? Kann mir das irgendwer erklären?

Am Venter Höhenweg geht's etwas gesitteter zu, was das Grüßen anlangt. Hier erschreckt zumindest niemand, wenn man ihn grüßt. Aber das Wort "HALLO" gilt hier offengar als total Tiroler Gruß.
Am Venter Höhenweg geht’s etwas gesitteter zu, was das Grüßen anlangt. Hier erschreckt zumindest niemand, wenn man ihn grüßt. Aber das Wort „HALLO“ gilt hier offenbar als typisches Tiroler Grußwort. Verwendet schon von Andreas Hofer.

Gruppe 2: Die Entgegenkommenden sind Gäste aus dem Ausland, vornehmlich aus Deutschland.

Die schauen einem mit großen Augen an und bringen das Maul in den wenigsten Fällen auseinander. Wenn die einen Laut von sich geben heißt dieser zu nahezu 100 % HALLO. Und ist meist erst dann zu hören, wenn man laut und deutlich sogar unter Verwendung des Augenkontakts in die Richtung dieser Schweiger gegrüßt hat.

Dass diese Personengruppe von sich aus grüßen würde ist eigentlich auszuschließen. Viele erwarten offenbar, dass der Alpenbewohner den ersten Schritt tut und seine „Financiers“ freundlich und devot grüßt. (Diese Leute nehmen sicher an, sie würden uns Almöhis mit ihrem Geld am Leben erhalten.) Erst dann überlegen sie, ob sie sich aufraffen sollen, zurück zu grüßen. Wie? Natürlich mit HALLO.

Gruppe 3: Die Entgegenkommenden sind geistige Bergvandalen.

Diese Spezies von Bergwanderern vulgo Bergvandalen kann man sogar von fern erkennen: Turnschuhe, kurze Hosen und Hawaii-Hemden. Wer jetzt glaubt, ich würde übertreiben täuscht sich. Ich habe heuer im Sommer gleich mehrere solcher Halbschuh-Vandalen in den Bergen getroffen, einmal sogar eine ganze Herde. Die grüßen erst gar nicht und glauben, Leute auch ohne vorherigen Gruß einfach anquatschen zu können. Respektlosigkeit pur.

Am Weg zur Geraerhütte begegnete ich einer Papageientruppe: kurze Hosen, Hawaii-Hemden. Das Maul brachten diese Zeitgenossen überhaupt nicht auseinander. Ausser einer Frage, die mit 'Hör'n Sie mal..." begann.
Am Weg zur Geraerhütte begegnete ich einer Papageientruppe: kurze Hosen, Hawaii-Hemden. Das Maul brachten diese Zeitgenossen überhaupt nicht auseinander. Ausser einer Frage, die mit ‚Hör’n Sie mal…“ begann. Auch Bitte und Danke gilt nix mehr.

All diese Beispiele sind keine Einzelfälle. Ich betrachte deshalb diese Entwicklung als eine zunehmende ‚geistige‘ Anonymisierung und Verstädterung unserer Alpen. Mit dem Nichtgrüßen ignorieren Besucher eine Gepflogenheit, die in den Dörfern der Alpen weit verbreitet ist: das Grüßen eben. Egal, ob man den gerade entgegenkommenden Menschen kennt oder nicht.

Wir sollten den Touristen wieder ins Stammbuch schreiben!

Wir müssen unseren Gästen in Zukunft unmissverständlich sagen, was wir von ihnen erwarten, wenn sie bei uns Urlaub machen. Und dass in den Tiroler Alpen eben gegrüßt wird, ob wir nun die zu Grüßenden kennen oder nicht. Denn immerhin kommen diese Menschen in alpine Gegenden, in denen sie Gast und nicht Gastgeber sind. Und hier in Tirol gilt halt noch der Grundsatz, dass sich Gäste den lokalen Gepflogenheiten anzupassen haben. Basta. 

Wenn in Sölden, Ischgl oder Kitzbühel nix und niemand gegrüßt wird ist das eine logische Folge der Verstädterung dieser Orte. Diese riesigen Micky-Mouse-Freizeitparks haben es halt an sich, Hinz und Kunz anzuziehen. Hinz wie auch Kunz sind Leute, die nichts am Hut haben mit dem Lebensstil jener Menschen, die sie beherbergen. Diese Spezies von Touristen betrachtet Berge eh nur als Kulisse für ihre Selbstdarstellung.

Wir müssen den zahlenden Gästen also wieder ins Stammbuch schreiben: es gibt eine Art von Respekt, die in unseren Höhenlagen immer noch gepflegt wird: der Gruß. Hierzulande werden auch noch Worte wie Bitte und Danke verwendet. Und: Es sind unsere Berge, in denen diese Leute Urlaub machen. Und es sind unsere Gepflogenheiten, die hierzulande gelten.

Oder wollen wir unser alpenländisches Selbstverständnis gänzlich auf dem Altar des Mammons verkaufen?

Ein Gedanke zu “Aber hallo! Grüßen im Gebirge

  1. Zugegeben an der Form des Grußes sprich dem ‚Hallo‘ würde ich mich jetzt nicht stören. Griaß di bzw. Servus käme mir schon eher ungewöhnlich vor, weil entweder ungesprochener Dalekt (1) oder ungewohnte Ausdrucksweise (2). Aber was die Anpassung an die besuchte Gegend und die dortigen Gepflogenheiten angeht, kann ich nur zustimmen. Soviel Respekt sollte man schon aufbringen können.

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