Gaistal: Ein Paradies für Radfahrer

Das Gaistal zwischen der Leutasch und Ehrwald war jahrhundertelag eine einfache und schnelle Verbindung vom Inntal in den Außerfern. Wo einst Fußgänger und Pferdekarren unterwegs waren, beherrschen heute bei gutem Wetter Heerscharen von Radfahrern die Szene. 

Ich hatte schon viel vom Gaistal gehört, jenem Hochtal, das Ehrwald im Außerfern mit der Leutasch verbindet. Eingebettet in die schroff und bisweilen bizarr emporragenden Berge der Mieminger Kette und des Wettersteingebirges wird es auch als ‚Almental‘ bezeichnet. Kein Wunder, dass der berühmte bayerische Schriftsteller Ludwig Ganghofer 20 Jahre lang Inspiration in seinem Jagdhaus Hubertus im Geistal gesucht und gefunden hatte.

Die Berge der Mieminger Kette türmen sich bizarr auf.
Die bisweilen bizarren Berge der Mieminger Kette türmen sich südlich des Gaistales auf.

Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ich das Gaistal von Ost nach West oder umgekehrt zu Fuß durchwandern sollte. Weshalb ich jetzt ausdrücklich ‚zu Fuß‘ schreibe? Weil ich feststellen musste, dass Wanderer eine verschwindende Minderheit im Gaistal geworden sind. Radfahrer aller Schattierungen fahren den behäbigen Spaziergängern im wahrsten Sinn des Wortes um die Ohren. Sie beherrschen (leider) ganz eindeutig die Szene. 

Ich entschied mich schlussendlich, von der Ehrwalder Alm in Richtung Leutasch zu starten. Da gibt’s einerseits einen bequemen Lift auf die Ehrwalder Alm und andererseits zwei traumhafte Seen, den Seebensee und den Drachensee. Zwei Gewässer, die man unbedingt gesehen haben sollte. Ob im Zuge einer Tour oder an zwei verschiedenen Tagen bleibt der persönlichen Kondition überlassen. Ich habe mir die unvergleichlichen Seen an einem Tag, das Gaistal an einem anderen Tag ‚erwandert‘. Die Eindrücke meiner ‚Seen-Tour‘ habe ich bereits HIER beschrieben.

Über dem grün-türkisen Seebensee erhebt sich bereits drohen der Drachenkopf (links), flankiert von der Sonnenspitze (rechts)
Über dem grün-türkisen Seebensee erhebt sich bereits drohen der Drachenkopf (links).

Der Igelsee? Beinahe verschwunden.

Aber es gibt noch einen dritten See in der Umgebung der Ehrwalder Alm. Den Igelsee. Von See kann offenbar im Sommer kaum mehr die Rede sein, eher schon von einem Tümpel, der sogar einem Wildwestfilm zur Ehre gereichen würde. Weshalb die Lacke Igelsee heißt hat sich mir leider nicht erschlossen. Vielleicht weil sich der See als ‚periodisches Gewässer‘ (Wikipedia) wassertechnisch quasi einigelt? Trotz allem: Hier beginnt der eigentliche Weg nach Leutasch, von jetzt an gehts bergab. 

Der Igelsee im oberen Geistal ist im Sommer eine Lacke, umgeben von majestätischen Bergspitzen.
Der Igelsee im oberen Gaistal ist im Sommer eine Lacke, umgeben von majestätischen Bergspitzen wie der pyramidenförmigen Sonnenspitze.

Was mich auf dieser Tour besonders faszinierte? Es waren die Quellen der Leutascher Ache, die in unmittelbarer Nähe des Igelsees (in Richtung Leutasch) urplötzlich aus dem Boden sprudeln und innerhalb weniger Meter zu einem Bach anschwellen. Beim Betrachten dieses Schauspiels dachte ich unwillkürlich daran, in welchem Luxus wir in Tirol doch leben. Wo sonst noch sprudelt kristallklares, wohlschmeckendes Trinkwasser in riesigen Mengen aus dem Berginneren? In Anbetracht der zunehmenden ökologischen Katastrophen, der sich verschärfenden Wasserknappheit in vielen Gebieten der Erde leben wir hier in Tirol – zumindest was die Qualität unseres Wassers angeht – auf einer Insel der Seligen.

Eine der vielen Quellen der Leutascher Ache im Geistal
Eine der vielen Quellen der Leutascher Ache im Gaistal

Glucksend und gurgelnd begleitet mich die Ache nun einige Kilometer lang. Und entwickelt schon bald jene wunderbar smaragd-grüne Farbe, die die Leutascher Ache auf ihrem Weg nach Mittenwald so unvergleichlich macht. Aber genauso plötzlich, wie er erschienen war verschwindet der Wildfluss wieder.  Er verkriecht sich offenbar unter meterdickem Geröll und hinterlässt ein trockenes Geröllbett. Um kurz darauf wieder an die Oberfläche zu kommen. Eine Wiedergeburt quasi.

Genauso schnell wie die Leutascher Ache unter dem Geröll 'durchtaucht' entspringt sie wieder. Quasi eine flusstechnische Wiedergeburt.
Genauso schnell wie die Leutascher Ache unter dem Geröll ‚durchtaucht‘ entspringt sie wieder. Quasi eine flusstechnische Wiedergeburt.

Immer wieder habe ich gelesen, das Gaistal sei ein Almental. So strebe ich also beherzten Schrittes der ersten Alm entgegen, der Tillfussalm. Die eigentliche Attraktion dieses Platzes im Gaistal ist das Ganghofer’sche Jagdhaus ‚Hubertus‘, direkt oberhalb der ‚Tillfuss-Alm‘ gelegen. Der berühmte deutsche Dichter liebte dieses Haus und das Gaistal. Er hat hier in der (einstigen) Bergeinsamkeit einige seiner bedeutendsten Werke geschrieben wie das berühmte ‚Schweigen im Walde‘

Ganghofers Jagdhaus Hubertus oberhalb der Tillfussalm im Geistal.
Ganghofers Jagdhaus Hubertus oberhalb der Tillfussalm im Gaistal.

Kleiner Exkurs zur Beliebigkeit von Speisekarten

Man sollte meinen, Almen seien in dieser Gegend halbwegs ‚original‘. Ist doch von einem Almental die Rede. Aus und vorbei. Man hat sich hier offensichtlich dem Tourismus ohne Wenn und Aber vor die Füße geworfen. Unter Almen muss man sich im Gaistal eher blühende Gasthäuser vorstellen, die weniger Buttermilch und eigenen Käse als mehr Bier, Fleisch und andere Allerweltsmenüs feilbieten.

Almfrieden im Geistal
Almfrieden im Geistal

Die Speisekarten sind an Beliebigkeit jedenfalls kaum zu überbieten. Das Angebot hat mit ‚Alm‘ – wenn überhaupt – nur noch am Rande zu tun. Woher die Zutaten stammen, aus denen die Speisen gemacht werden? Das erschließt sich dem neugierigen Gourmet keineswegs.  Ich muss daher annehmen, dass ein schöner Teil der aufgetischten Speisen aus Zutaten bestehen, die nicht in lokalen Bauernbetrieben hergestellt worden sind. Der Metro-Markt lässt grüßen.

Liebe Alm-Wirte und -innen: es gibt einen starken Trend zu regionalen Speisen, die mit Zutaten aus regionaler bäuerlicher Produktion hergestellt werden. In der Leutasch gibt’s doch auch Bauern? 

Ich habe mich dann halt auf der Tillfussalm für einen Graukäse sauer entschieden, der jedoch aufgrund seiner Unreife (er war ähnlich weiß wie ein Leintuch) nicht wirklich geschmeckt hat. Wenn der Essig nicht gewesen wäre… Jedenfalls war er wesentlich zu teuer für diese ‚Qualität‘. Schade.

Die Geistalalm vor den Bergen der Mieminger Kette.
Die Gaistalalm vor den Bergen der Mieminger Kette.

Auch die nächste Alm brachte meine Magennerven nicht in Wallung: einerseits herrschte auf der Gaistaleralm Hochbetrieb, andererseits konnte ich auch hier im Speisenangebot kaum ein wirklich regionalspezifisches Häppchen entdecken. (Knödel in allen Facetten zähle ich in Tirol nicht zu den regionalen Spezialitäten). Zudem verschloss der unreife Graukäse von der Tillfussalm noch immer meinen Magen.

Ganghoferweg

Aber immerhin haben es die Tourismusverantwortlichen geschafft, einen Ludwig-Ganghofer-Weg zu kreieren. Irgendwie logisch. Der Rundweg beginnt beim Parkplatz Salzbachbrücke, tangiert die Gasthäuser auf der Alm und endet eher steil nach unten führend wieder am Parkplatz.

Eine Klamm bildet den Abschluss des Geistales kurz vor Leutasch.
Eine Klamm bildet den Abschluss des Gaistales kurz vor Leutasch.

Mein Fazit: Für Radfahrer ist das Gaistal vielleicht ein Paradies. Für Spaziergänger oder gar Wanderer kann ich das nicht bestätigen. Man sollte auf dem Fahrweg jedenfalls links gehen. Ganz ähnlich wie auf einer viel befahrenen Landstraße.

Mein Tipp: Verwenden Sie öffentliche Verkehrsmittel, um nach Ehrwald (bzw. Leutasch) zu gelangen. Während der Woche sind diese Verkehrsverbindungen sehr gut. Auf der Website des Verkehrsverbundes Tirol können An- und Abfahrt sehr gut geplant werden.

Für die Wanderung von der Ehrwalder Alm nach Leutasch sollte man zwischen 3 und 4 Stunden veranschlagen. Wenn Sie den Besuch des Seeben- und Drachensees mit einrechnen wollen, sollten Sie weitere 3 Stunden einplanen.

2 Gedanken zu “Gaistal: Ein Paradies für Radfahrer

  1. Die Süddeutsche Zeitung schreibt am 27. Juli über kulinarisches Hüttenglück:
    >>„Kaspressknödel“ ist in den meisten Fällen eine euphemistische Bezeichnung für einen vollgummiartigen Klumpen mit leichtem Käsegeschmack, der in einer dünnen Instant-Brühe dümpelt und im Magen liegt wie Blei. Wer allerdings einen Kaspressknödel probieren will, der so fluffig ist, dass er einen beim Wandern beflügelt, der sollte zur Tillfußalm im Gaistal laufen. … serviert die besten Kaspressknödel weit und breit, frisch gemacht aus frischem Graukas, Bergkäse, Brotstücken, Eiern, Zwiebeln und frischen Kräutern“<<

    Meine Wahrnehmung war die gleiche wie du gemacht hast.

    Gefällt 1 Person

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