Finstermünz, oder: eine Reise ins Mittelalter

Finstermünz. Schon der Name klingt mysteriös. In der Nähe des Reschenpasses und am Eingang der Innschlucht gelegen, überwacht eine mittelalterliche Festung den Eingang zur tosenden Innschlucht. Am Fuß jäh aufsteigender Felsen (indogermanisch ‚Mintsia‘=bedrohlich emporragender Fels) bildete das Bollwerk jahrhundertelang die Grenze des Habsburgerreichs zur Schweiz. Dass es heute überhaupt noch steht und sogar besichtigt werden kann ist dem Verein „Altfinstermünz“ zu verdanken.

BriefmarkeFür mich als Briefmarkensammler ist Finstermünz schon lange ein Begriff. Die 2-Schilling-Marke mit dem Finstermünz-Motiv war lange Zeit in massenhafter Verwendung. Es mussten aber mehr als 40 Jahre vergehen, bis ich mich endlich aufraffte, die Anlage auch tatsächlich zu besuchen. 

Da ich bei meinen Wanderungen immer ‚mehrere Fliegen mit einer Klappe‘ zu treffen versuche, plante ich eine Besichtigung des Ausgangspunktes Pfunds mit in meine Tour ein. Dieses wunderschöne Örtchen im Oberen Gericht findet eh viel zu wenig Beachtung.

Pfunds ist das ‚Obere Gericht‘

Man sollte es nicht glauben, aber der Ort besteht aus zwei Teilen: aus ‚Stuben‘ am linken Innufer (flussabwärts betrachtet) und Pfunds-Dorf am rechten Ufer. Eine Brücke und vor allem der ‚Turm‘  verbindet beide Ortsteile. Brücke und Turm waren im Mittelalter strategisch sehr bedeutsam. 1078 erbaut, diente der Turm Kaiser Maximilian nicht nur in den Engadiner Kriegen als Quartier sondern  selbstverständlich auch als Sitz bei seinen unzähligen Jagdaufenthalten.

Der Turm in Pfunds war im Mittelalter ein strategisch wichtiges Bauwerk.
Der Turm in Pfunds war im Mittelalter ein strategisch wichtiges Bauwerk.
Wo heute friedliche Radfahrer passieren, wachten eins vermutlich grimmig dreinschauende und bis an die Zähne bewaffnete Wachen: der Pfundser Turm.
Wo heute friedliche Radfahrer passieren, wachten einst vermutlich grimmig dreinschauende und bis an die Zähne bewaffnete Wachen: der Pfundser Turm.

Da Sigismund der Münzreiche den Pfundsern das Recht einräumte, Weggeld einzuheben, wurde schon sehr früh beträchtlich Geld in den Ort gespült. Die Gemeinde wurde reich. War der Reschenpass im Mittelalter doch die kürzeste Verbindung zwischen Oberitalien und dem damaligen Handelszentrum Augsburg.

Wunderschöne Bürger- und Gasthäuser säumen die Ortsdurchfahrt von Pfunds.
Wunderschöne Bürger- und Gasthäuser, wie hier der Gasthof Traube, säumen die Ortsdurchfahrt von Pfunds.
Das Ortszentrum von Pfunds.
Das Ortszentrum von Pfunds.
Das bekannte Lied "Roter Tiroler Adler" entstammt der Feder des Pfundser Dichters Johann Chrysostomus Senn. Hier ein uraltes Fresko an einem Pfundser Haus.
Das bekannte Lied „Roter Tiroler Adler“ entstammt der Feder des Pfundser Dichters Johann Chrysostomus Senn. Hier ein uraltes Fresko an einem Pfundser Haus mit einem roten Vogel.

Die wunderschönen Gebäude im Ort sind übrig geblieben vom einstigen Glanz. Man sieht es ihnen sogar an, dass das Engadin nicht weit entfernt sein kann. Denn viele der Häuser ähneln in ihrem Aussehen den typisch Engadiner Häusern mit ihrem rätoromanischen Baustil.

Hochherrschaftliche Häuser säumen die einst viel befahrene Ortsdurchfahrt von Pfunds.
Wunderschöne alte Bauernhäuser säumen die einst viel befahrene Ortsdurchfahrt von Pfunds.
Das Richterhaus zu Pfunds, das 'Obere Gericht'.
Das Richterhaus zu Pfunds, das ‚Obere Gericht‘. Geburtsort des Pfundser Dichters und Freundes von Franz Schubert, Johann Christostomus Senn.

Pfundser, warum lasst ihr eines eurer wunderschönen Haus verfallen?

Kaum noch zu erkennen: alte Fresken verrotten genauso wie das denkmalgeschützte Haus im Dorfzentrum. Offenbar ist's den Dorfpolitikern von Pfunds wurscht...
Kaum noch zu erkennen: alte Fresken verrotten genauso wie das denkmalgeschützte Haus im Dorfzentrum. Offenbar ist’s den Dorfpolitikern von Pfunds so richtig wurscht…

Eine Anmerkung kann ich mir nicht ersparen: Eines dieser ursprünglichen Bürgerhäuser mitten im Dorf steht zwar unter Denkmalschutz, scheint aber bald in sich zusammen zu fallen. Und das, obwohl an der Hausfassade noch uralte Fresken ersichtlich sind und das Haus ganz offensichtlich in einem einzigartig schönen Stil erbaut worden war. Hier wären die Gemeindeverantwortlichen gefordert, endlich etwas zu tun. Man hat ja auch sonst jede Menge Geld wenn es darum geht, Straßen so oft als möglich zu teeren und zu sanieren…

Auf der Via Claudia in die Innschlucht

Die Reschenstrecke als Verbindung über den Alpenhauptkamm war schon bei den Römern sehr beliebt. Sie legten um 46/47 n. Chr. die erste befestigte Straße über den Pass an, die Via Claudia Augusta. Heute noch kann man auf diesen Spuren wandern und radfahren. Und ohne Übertreibung kann ich sagen, dass die Strecke von Pfunds nach Finstermünz dabei von ganz besonderem Reiz ist.

Entlang des grünen Inn wandert man zuerst von Pfunds zur Kajetansbrücke...
Entlang des grünen Inn wandert man zuerst von Pfunds zur Kajetansbrücke und dann weiter nach Finstermünz.

Ich wählte den Weg von Pfunds aus links des Inn (flussaufwärts betrachtet) bis zur Kajetansbrücke. Von dort an folgt man dem Inn auf einem wunderschönen Weg – einst die Via Claudia –  um nach einer rund einstündigen entspannten Wanderung urplötzlich vor einem Wehrturm inmitten des reißenden Wassers zu stehen: dem Brückenturm von Finstermünz. 

Der gotische Brückenturm zu Finstermünz.
Der gotische Brückenturm zu Finstermünz.

Die mittelalterlichen Herrscher hoben an dieser Stelle bereits 1300 Maut und Zoll ein, um ihr zumeist ausschweifendes Leben, ihre sinnlosen Kriegszüge und den ganzen Pomp und Trara der adeligen Tagediebe und Nichtsnutze finanzieren zu können. Und natürlich auch, um den ausufernden Wohlstand und die selbstherrliche Macht der Despoten zu schützen.

Die ersten Befestigungsbauten in Finstermünz wurden ab 1472 errichtet, wie der Brückenturm im Inn und Siegmundseck als Aussichtswarte. 1499 war es das Bollwerk schlechthin im Engadinerkrieg, als die Schweizer Bauern drauf und dran waren, auf habsburgischen Boden vorzudringen und vor allem die Burgen zu brandschatzen.

Die berühmte Wehranlage von Finsermünz mit Brückenturm und Sigmundseck.
Die berühmte Wehranlage von Finstermünz mit Brückenturm, Sigmundseck und Klausenturm.

Der mächtige Klausenturm wurde deshalb zwischen 1502 und 1537 errichtet, die Durchfahrt mit Pechnasen und Wehrplatte gesichert. Zu alldem durfte eine Kapelle nicht fehlen, die aber erst 1605 entstanden ist und einen barocken Altar enthält, der vollständig aus Zirbenholz gefertigt ist.

Mit Finstermünz verbinde ich noch eine weitere Geschichte, die so schön ist, dass ich ihr einen eigenen Blogpost widmen werde. Nur soviel: Es ist die Geschichte von Gallus Gogl, einem legendären ‚Riesen‘ aus Vals am Brenner, der bei seiner Heimkehr als Landsknecht im 30 jährigen Krieg mit seinen Spießgesellen die Brücke passieren wollte. Offenbar blieb ihm das Tor verschlossen. Worauf er es aus kurzerhand den Angeln hob und in den Inn geworfen habe, so die Legende.

Blick durch eine Schießscharte auf Siegmundseck
Blick durch eine Schießscharte auf Siegmundseck
So sah Finstermünz vor einigen Jahrzehnten aus. Kurz vor dem endgültigen Zerfall sozusagen. Bild: Verein Altfinstermünz
So sah Finstermünz vor einigen Jahrzehnten aus. Kurz vor dem endgültigen Zerfall sozusagen. Bild: Verein Altfinstermünz

Ab 1779 begann der endgültige Verfall der Wehranlage, nachdem das Zollamt nach Martinsbruck verlegt worden war. Wichtig wurde die Anlage noch einmal 1799, als die Pfundser Schützen im Zuge der Koalitionskriege 300 Gefangene machten. Vollends ins Abseits geriet Finstermünz 1856, als die neue Straße von der Kajetansbrücke nach Nauders (unter der Bauleitung von Karl Ritter von Ghega) fertiggestellt war. Von nun an hieß das Gemäuer Altfinstermünz. Eine Idee, wie heruntergekommen die Anlage Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts war gibt der Luis-Trenker-Film „Der Rebell“. 

Ausschnitt aus dem Film "Der Rebell" von Luis Trenker, der 1932 in Finstermünz gedreht wurde.
Ausschnitt aus dem Film „Der Rebell“ von Luis Trenker, der 1932 in Finstermünz gedreht wurde.

Als sich der Verein 2001 zum Ziel gesetzt hatte, Finstermünz quasi wach zu küssen und zum Mittelpunkt einer historischen Erlebniswelt zu machen, begann die neue Ära der alten Mauern.

Die hervorragend gelungene Restaurierung hat es verdient, zur Touristenattraktion zu werden.
Die hervorragend gelungene Restaurierung hat es verdient, zur Touristenattraktion zu werden.

Was mich positiv überrascht hat: die Restaurierung der Anlage wurde mit allergrößter Sensibilität gemacht. Und genauso wichtig: die Geschichte um Finstermünz wurde spannend multimedial aufbereitet. Ich kann nur dringend empfehlen, das Gemäuer zu besichtigen und eine Audio-Führung durch Finstermünz zu machen. Nicht nur, weil man teils unvergessliche Ausblicke auf den Inn und die aufragenden Berge genießen kann. Auch deshalb, weil die sanierten Gebäude das Lebensgefühl des Mittelalters und besonders der Gotik beinahe originalgetreu wiedergeben. Zudem besteht im sanierten Wirtschaftsgebäude die Möglichkeit einzukehren.

Jetzt zerfällt zur Abwechslung Hochfinstermünz

Das einst stolze Alpenhotel Hochfinstermünz rottet vor sich hin.
Das einst stolze Alpenhotel Hochfinstermünz rottet vor sich hin.

Eigentlich ist es eine Ironie des Schicksals: Altfinstermünz zerfiel, als die neue Straße zwischen Pfunds und Nauders errichtet worden war. Nun zerfällt zur Abwechslung eine historische Station, die Hochfinstermünz heißt und um das legendäre Hotel Hochfinstermünz entstanden war. Obwohl unter Denkmalschutz gestellt, rottet das Alpenhotel vor sich hin. Immer in Gefahr, einzustürzen. Auch das einstige KuK Telegraphenamt wird bald das Zeitliche segnen. Gar nicht zu reden von jenem Kiosk mit Postkarten-Verschleiß, der bald in sich zusammenfallen wird.

Wie ein Zeitfenster in die Vergangenheit: das K.K. Post- Telegrafenamt Hochfinstermünz.
Wie ein Zeitfenster in die Vergangenheit: das K.K. Post- Telegrafenamt Hochfinstermünz.
Noch ist die Bemalung in einem der ehemaligen Schankräume des Hotels Hochfinstermünz in gutem Zustand...
Noch ist die Bemalung in einem der ehemaligen Schankräume des Hotels Hochfinstermünz in gutem Zustand…
Auch die Waschküche des Hotels Hochfinstermünz wird bald in sich zusammenfallen.
Auch die Waschküche des Hotels Hochfinstermünz wird bald in sich zusammenfallen.

Das Tiroler Portal sagen.at hat der Wirtin des Hotels ein literarisches Denkmal gesetzt.

Ich bin gespannt, wann sich ein Verein konstituiert, der auch Hochfinstermünz vor dem totalen Verfall rettet.

Tipps für Kulturwandernde

Das Heimatmuseum in Pfunds ist absolut sehenswert. http://www.tirol.tl/de/highlights/museen-ausstellungen/heimatmuseum-pfunds/

Informationen zur Etappe Pfunds-Nauders der Via Claudia Augusta: http://www.viaclaudia.org/de/via-claudia-bereisen/route-tirol.html#c4022

Öffnungszeiten und Führungen in Finstermünz:

Die Erlebnisburg Altfinstermünz ist 2016 bis zum 15. Oktober geöffnet. Die Anlage ist von Dienstag bis Sonntag jeweils von 11 – 16:30 Uhr offen. (Montag Ruhetag). Eintrittspreise. Der Eintritt beträgt: 6 €, Kinder bis 14 sind in Begleitung der Eltern gratis, Kinder allein: 1,50 €, mit der Sommercard: 20% Ermäßigung, mit der Sommercard Gold: gratis.

Gruppenführungen können nach Voranmeldung jederzeit durchgeführt werden. (Handy: 0664-3959471 oder Mail: verein.altfinstermuenz@aon.at

Kulturwanderungen von der Kajetansbrücke nach Altfinstermünz: Jeden Dienstag bis 27. Septemer 2016. http://www.tiroler-oberland.com/de/events-aktuelles/veranstaltungen/kulturwanderung+altfinsterm%C3%BCnz_e-1221

An- bzw. Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: nach Pfunds sehr gute Verbindung. Zurück via Hochfinstermünz. Am besten ist es, die App des VVT auf sein Smartphone zu laden.

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