Der Drachensee in Ehrwald

Als ich vor etwa einem Jahr erstmals von einem Drachensee in Tirol hörte, konnte ich damit wenig anfangen. Das hat sich in der Zwischenzeit gründlich geändert.

Das Ausserfern ist für mich immer noch eine ‚Terra inkognita‘. Ich kannte bisher nur die Landschaft vom Fernpass bis nach Lermoos. Die ‚Hauptstadt‘ Reutte kenne ich – mehr schlecht als recht – von einigen Besuchen. Das war’s dann schon. Die Expedition zum Drachensee war also auch von der Absicht getragen, meinen Ausserferner Horizont einigermaßen zu erweitern. Expedition deshalb, da diese Gegend für mich völliges Neuland bedeutet.

Die Berge der Mieminger Kette im Morgenlicht
Die Berge der Mieminger Kette im Morgenlicht

Bevor ich mich in Gebiete begebe, die von Drachen bewohnt sind, recherchiere ich lieber im Internet. Und da gibt’s die Sage vom Drachen zu lesen, der heute noch als eine Art Wächter tätig sein soll. Jedenfalls ruhe auf dem Grund des Sees ein Dorf, dessen Einwohner einst eine Goldgrube betrieben hätten. Als sie aber vor langer Zeit einen armen alten Mann aus dem Dorf jagten der offenbar bettelte, verfluchte dieser das Dorf. Die Häuser stürzten ein und versanken. Wo das reiche Dorf ehemals gestanden hatte, bildete sich der Drachensee. Seither bewacht angeblich ein fürchterlicher Drache den Eingang zum versunkenen Dorf. Alljährlich tauchen dessen Häuser und die Kirche jedoch aus den Fluten auf: in der Christnacht punkt Mitternacht. Quasi als Menetekel und als Warnung, den Geiz nicht zur Lebensmaxime zu machen. Soweit so gut. Aber als würde dies nicht genügen trägt auch noch eine Spitze direkt oberhalb des Sees den Namen Drachenkopf. Man könnte es mit der Angst zu tun kriegen…

Drachenschauen über die Ehrwalder Alm zuerst zum Seebensee…

Als überzeugter Benützer öffentlicher Verkehrsmittel verfügte ich mich also in aller Herrgottsfrüh’ in jenen Zug, der Innsbruck direkt mit Garmisch verbindet. Einmal umsteigen, und 1/2 Stunde später stand ich am Bahnhof in Ehrwald. Direkt ‚über‘ mir: die Zugspitze. Vor mir: die Kalkzacken jener sieben Berge‘ der Mieminger Kette, die den Drachensee beschützen. Und neben mir: der Bus, der mich zur Talstation  der Ehrwalder Almbahn kutschierte.

Ein monumentales Symbol dieser Region: das Zugspitzmassiv
Ein monumentales Symbol dieser Region: das Zugspitzmassiv.

Schon kurz nach 9 Uhr stand ich dann frischen Mutes auf der Ehrwalder Alm. Auf 1.500 m Seehöhe. Tatendurstig wie weiland Siegfried der Nibelunge bewegte mich in jene Richtung, in der der Drachensee liegen musste. Aber nicht der Drachensee erschien auf den Wegweisern sondern der Seebensee samt zugehöriger Alm. Na gut. Die Richtung stimmte zumindest.

Von nun an beherrschte ein Berg die Szene: die Zugspitze. Man kann sich drehen und wenden sie man will, das Bergmassiv dominiert diese Landschaft wie ein riesiger Solitär. Selbst im dunklen Tann sind seine Umrisse noch zu erahnen. Nach einer Stunde Aufstieg durch schattige Wälder erreichte ich dann die Seebenalm. Leider Gottes aber mehr Wirtshaus als Alm. Ich umrundete sie jedenfalls in großem Bogen.

Der Aufstieg zum Drachensee führt erst einmal durch dunklen Tann zur völlig überlaufenen Seeben-Alm
Der Aufstieg zum Drachensee führt erst einmal durch dunklen Tann zur völlig überlaufenen Seeben-Alm

Ab hier wird’s so richtig märchenhaft. Denn einige hundert Meter nach der Alm erscheint plötzlich ein smaragden funkelnder See: der Seebensee. Die Sonnenspitze spiegelt sich in seinem türkis, grün und blau schimmernden Wasser, derweil die Berge der Mieminger Kette mit dem Drachenkopf den atemberaubenden Hintergrund dieses Farbspektakels spielen. Auf der anderen Seeseite dann der letzte Aufstieg zum Drachensee, der jetzt auch auf den Wegweisern aufscheint und einige hundert Meter über dem Seebensee bei der Coburger Hütte liegt.

Über dem grün-türkisen Seebensee erhebt sich bereits drohen der Drachenkopf (links), flankiert von der Sonnenspitze (rechts)
Über dem grün-türkisen Seebensee erhebt sich bereits drohen der Drachenkopf (links), flankiert von der Sonnenspitze (rechts)

…und dann zum Drachensee

Der Weg dorthin ist eines Drachens würdig: Serpentinen winden sich den Hang hinauf und bringen selbst geübte Bergwanderer ins Schwitzen. Vorbei an den letzten blühenden Almrausch-Stauden, immer das Zugspitz-Massiv quasi als ‚Wächter’ im Hintergrund. Keuchend bewegt man sich aufwärts, wird aber immer wieder durch grandiose Ausblicke auf den Seebensee entschädigt. 

Der Seebensee
Der Seebensee
Der Blick von der Coburger Hütte
Der Blick von der Coburger Hütte

Von der Coburger Hütte aus kann man ihn dann in seiner ganzen Schönheit betrachten. Der Drachensee liegt in einer einstigen Gletschersenke, schimmert blau-grün-türkis und gibt sein Geheimnis erst beim zweiten Hinschauen preis. Denn der Drache scheint ausgeflogen zu sein. Nein, im Ernst: er versucht sich am Boden des Sees getarnt zu verstecken. Seine Umrisse zeichnen sich jedenfalls ganz klar ab. Oder ist’s nur sein Schatten? Niemand weiß es.

Drachenspuren am Grund des Sees? Ganz sicher!
Drachenspuren am Grund des Sees? Ganz sicher!
Der Drachensee inmitten der Berge der Mieminger Kette
Der Drachensee inmitten der Berge der Mieminger Kette

Technische Daten:

Weglänge von der Ehrwalder Alm aus: ca. 5 km, retour also 10 km
Gehzeit: ca. 2,5 – 3 Stunden
Schwierigkeit: mittelschwer. Man sollte doch trittsicher sein.

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