Die Haute Volée und das Posthotel Kassl in Ötz

Ich behaupte seit Jahren, dass die altbewährte ‚Sommerfrische‘ in Tirol ein Thema ist.  Erholung in einer wunderschönen Landschaft ist wieder gefragt. Legendäre Hotels und Gasthäuser in den Alpen werden wieder zu Treffpunkten einer neuen, umweltbewussten Haute Volée. Wie etwa das Posthotel Kassl in Ötz.

Immer mehr Menschen auf Erholungssuche haben Sauforgien à la Mallorca satt. Oder sie langweilen sich an den Hausmeisterständen in südlichen Gefilden. Zudem wissen immer mehr Menschen selbst, was sie im Urlaub machen wollen und lehnen Ganztages-Animationen ab. Und der Regen in den Alpen? Auch der ist für die wahrhaften Sommerfrischler kaum ein Problem. Ganz so wie vor mehr als 100 Jahren, als der moderne Tourismus in den Alpen Einzug hielt.

Das Kassl vor der imposanten Kulisse des Acherkogels.
Das Kassl vor der imposanten Kulisse des Acherkogels.

Ötz war vor120 Jahren ein Basislager des aufkommenden Alpintourismus

Ötz, der Ort unter dem sich mächtig auftürmenden Acherkogel gehört zu den ersten touristischen Brennpunkten im Alpenraum. Das „Einfallstor“ zum gleichnamigen Tal mit seinen Bergen und Fernern war vor 120 Jahren quasi ein „Basislager“ für Alpinisten. Auch deshalb verfügt der Ort gleich über drei ‚Tourismuslegenden‘: Das Hotel „3 Mohren“, das Gasthaus zum Stern und das renommierte Posthotel Kassl.

Das Kassl ist eine Hotel-Legende in Ötz
Das Kassl ist eine Hotel-Legende in Ötz

Wer jetzt glaubt, ich mache auf meinem Blog bezahlte Werbung, irrt. Weshalb also stelle ich Wanderungen, Restaurants, Hotels und andere touristische Sehenswürdigkeiten in Tirol vor? Weil ich dieses Land ganz ausserordentlich schätze und seine versteckten Perlen geradezu liebe. Und weil ich der Ansicht bin, dass auch ‚richtige‘ Tirolerinnen und Tiroler noch nicht wirklich alle Schätze des Landes kennen. Wie eben das Kassl in Ötz.

Der Blick von Hochötz in Richtung Zugspitze.
Der Blick von Hochötz in Richtung Zugspitze.

Ich muss jetzt anfügen, dass ich knapp 10 Jahre lang für die Regionalentwicklung im Ötztal verantwortlich gewesen bin. Das Ötzidorf und der  Knappenweg im Wörgetal hoch oberhalb von Ötz waren nur zwei Projekte, die ich quasi allein erdacht und entwickelt hatte. Und dafür auch gleich noch die EU-Finanzmittel holte. Mein Faible für die – trotz der Touristenflut – noch bestehenden Einzigartigkeiten dieses Tales hat sich seither nicht verflüchtigt. So wie Ötz zu meinen Lieblingsorten gehört, ist das Kassl für mich eines meiner Lieblingshotels.

Gekrönte Häupter, Schriftsteller und allerhand Adel stiegen im Kassl ab

Bei einer Fahrt durch den Ort – vielleicht ins völlig abgehoben dröhnende Sölden – kann das Kassl gar nicht übersehen werden. Zu auffällig ist die ‚Laubsäge-Architektur‘ der Jahrhundertwende, die dieses Haus auszeichnet. Ganz so, wie es die ersten Touristen im Ötztal schätzten.

Die Geschichte des Kassl begann 1605 mit dem Bau einer Poststation samt Unterkunft für die Fuhrleute und ihre Pferdekutschen. Dieser älteste Teil des Hauses ist übrigens noch zur Gänze erhalten. Der Handel über das Timmelsjoch hatte begonnen. Der Name des Hauses klingt eigentümlich, ist aber leicht erklärbar. 1804 heiratete Kassian (Kassl) Haid die Wirtstochter Hanna Griesser und damit war der Namen des Hauses bis auf den heutigen Tag fixiert.

Der legendäre Johann Tobias Haid, der Urgroßvater des heutigen Hotelbesitzers, wusste bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert um die Wichtigkeit technischer Neuerungen. So führte er fließendes Wasser in allen Etagen und Straßenbeleuchtung bis 22 Uhr ein. Was von der betuchten Schar der Stammgäste aus Adel, Kunst und Politik geschätzt wurde und sie immer wieder in diese Sommerfrische lockte.

Das Posthotel Kassl, als die Winter noch romantisch waren...
Das Posthotel Kassl, als die Winter noch romantisch waren… Bild: Posthotel Kassl

Allerhand gekrönte Häupter und hochrangige Adelige liebten die Atmosphäre dieses Paradieses der frühen „Sommerfrische“ der einstigen Poststation. Wie etwa Erzherzog Joseph Ferdinand, Friederike Prinzessin von Hannover oder Prinz und Prinzessin zu Hohenlohe samt Kindern.

Auch Erzherzog Eugen war begeistert von 'seinen' treuen Ötztalern. Bild: Posthotel Kassl
Auch Erzherzog Eugen war begeistert von ’seinen‘ treuen Ötztalern. Bild: Posthotel Kassl
Der Bayernkönig fand im Posthotel Kassl nach seiner Flucht aus Bayern Unterschlupf.
Der Bayernkönig Ludwig III. fand im Posthotel Kassl nach seiner Flucht aus Bayern Unterschlupf. Bild: Posthotel Kassl

Stolz ist man im Kassl, vom 28. Februar bis zum 3. April 1919 den letzten bayerischen König Ludwig III. samt Gemahlin beherbergt zu haben. Er wurde am 7. November 1918 im Zuge einer Revolution abgesetzt und floh zuerst nach Berchtesgaden bevor er mehr als 1 Monat lang in Ötz Quartier bezog. „In Oetz war Seine Majestät aufs beste versorgt, wahrhaft gut aufgehoben“ wusste ein Chronist zu berichten. Denn „die Ötztaler sind eben Menschen, die das Vertrauen zu würdigen verstanden haben und die Ehre des königlichen Besuches mit rührender Dankbarkeit vergalten.“

Offenbar hatten es diese Menschen auch vielen Dichtern und Schriftstellern angetan. Jedenfalls suchten auch sie die Abgeschiedenheit im Ötzer Kassl, wie zum Beispiel Robert Musil, der hier seinen Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben hat.

Belle Epoque und Jugendstil

Das Kassl ist bemalt. Wie hier der Bezug zur Post im Posthotel: "Briefe über Land und Meer, gehen hin und komen her."
Das Kassl ist bemalt. Wie hier mit einem Sinnspruch mit Postbezug. „Briefe über Land und Meer, gehen hin und kommen her.“

Was mich am Kassl am meisten fasziniert? Die Ambiente dieses Familienbetriebes. Und die vielen ‚Kleinigkeiten‘, die es am und im Haus zu erkunden gibt. Auffällig ist der ‚Laubsägestil‘ der Holzelemente am Haus. Als Vorbild dienten mit großer Wahrscheinlichkeit Bauten im Salzkammergut. Wo ich mich im Kassl aber immer schon pudelwohl gefühlt habe ist die Hotelbar. Sie ist einzigartig in ihrer Originalität. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es wäre für mich keine Überraschung, tauchte plötzlich ein Mitglied des einstigen österreichischen Kaiserhauses auf um ein Gläschen Likör zu verkosten.

Die außergewöhnliche Hotelbar 'Belle Epoque' im Kassl
Die außergewöhnliche Hotelbar ‚Belle Epoque‘ im Kassl

Ausgeführt im Stil der Belle Epoque fühlt man sich hier um 100 Jahre rückversetzt. Und es ist nicht nur die Einrichtung, die eine solche Stimmung fördert. Es ist vor allem die Aussicht auf den vor der Bar gewaltig ansteigenden Acherkogel, der diesen Platz so unvergleichlich macht. Dass heute noch ein Billardtisch in der Bar steht macht sie endgültig zu einer Legende.

Sommerfrische ohne regionale Küche? Unmöglich.

Ich würde in keinem Hotel mehr absteigen, das in seinem Restaurant nicht eine regionale Speisekarte aufliegen hat. Moderner Sommerfrische-Tourismus ohne lokale Produkte in seinem Angebot geht gar nicht. Und im Kassl pflegt man seit jeher die Tiroler Wirtshauskultur mit dem Qualitätssigel „Bewusst Tirol“. Ich betrachte dies als unumgänglich für ein authentisches Urlaubserlebnis. 

Das flaschengrün schimmernde Wasser der Ötztaler Ache ist auch ein ganz hervorragendes Fischwasser.
Das flaschengrün schimmernde Wasser der Ötztaler Ache ist auch ein ganz hervorragendes Fischwasser.

A propos authentisch: das Ötztal war um die Wende zum 20. Jahrhundert herum Treffpunkt von Anglerfreunden aus aller Welt. Mit der Ötztaler Ache und ihren Nebenbächen verfügt das Tal über Fischgewässer, die ihresgleichen suchen. Und genau diese Tradition wird im Kassl mehr als 120 Jahre später immer noch hoch gehalten. 

Weitere Informationen entnehmen Sie der exzellent gestalteten WebSite des Posthotel Kassl: http://www.posthotel-kassl.at/hotel/

Ich möchte es nicht versäumen, hier zwei sehr persönliche Sommerfrische-Tipps zum Besten zu geben:
Der Acherkogel von Piburg aus betrachtet.
Der Acherkogel von Piburg aus betrachtet.

Die Wanderung zum Piburgersee gehört für mich zu den landschaftlich schönsten und reizvollsten in Tirol.

Der geheimnisvolle Puchersee im Wörgetal
Der geheimnisvolle Puchersee im Wörgetal

Was man sich keinesfalls entgehen lassen sollte: die Wanderung am Knappenweg von Hochötz über das Wetterkreuz ins Wörgetal und zurück nach Hochötz.

Einmalig: Die Alpenrosenblüte im Wörgetal
Einmalig: Die Alpenrosenblüte im Wörgetal

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