Ein Lob der kleinen Dinge

Selten hat mich ein Buch über Tirol – oder soll ich’Reiseführer‘ dazu sagen? – so überrascht wie Susanne Gurschlers „111 Orte in Tirol die man gesehen haben muss“. Das im emons-Verlag erschienene Büchlein ist nicht nur ungemein informativ. Es ist auch ein locker und luftig zu lesendes ‚Lob der kleinen Dinge‘.

cover 11 orteWer weiß schon, dass der älteste Verein Tirols in Hall gegründet worden ist und immer noch existiert? Und wenn schon: wo hatte dieser Verein damals sein Vereinslokal? Ebenso wenig bekannt dürfte der Grund für den Namen des „Lampretensee“ in Seefeld sein. Auch wenn man weiß, dass er einer der Seen des Kaisers Maximilian war, in denen er Spezialitäten züchten ließ. Die Namensgebung, so klärt Susanne Gurschler auf, hing mit der Lamprete zusammen, einem aalförmigen Speisefisch, der damals als Delikatesse galt. Das alles – und noch viel mehr – erfährt man beim Schmökern in diesem kleinen feinen Büchlein, das soeben erschienen ist.

Der Lampretensee in Seefeld gehörte zu den Fischdomänen Maximilians. Hier ließ er die schmackhaften Lampreten züchten.
Der Lampretensee in Seefeld gehörte zu den Fischdomänen Maximilians. Hier ließ er die schmackhaften Lampreten züchten.

Die Autorin Susanne Gurschler widmet den kleinen Dingen Tirols ihre Zuwendung und Aufmerksamkeit. Schönheiten, die abseits der ausgetrampelten Touristenpfade liegen. Da ist dann halt wenig die Rede von imperialer Größe, von Pomp oder Trara. Eher schon von provinzieller Lieblichkeit und regionaler Eigenheit. Wisst ihr etwa, dass im Viggartal bei Ellbögen die Stube der Meissner Hütte von einem Kachelofen erwärmt wird, dessen Kacheln aus Meissner Porzellan bestehen? Jede Kachel ein handbemaltes Unikat.

Der GRAWA-Wasserfall im Stubai. Der immer noch wenig bekannte wunderbare Wasserfall bereichert die 111 Orte.
Der GRAWA-Wasserfall im Stubai. Der immer noch wenig bekannte wunderbare Wasserfall bereichert die 111 Orte.
Diese uralte Straßentrasse von der Roppener Trankhütte nach Karres steht unter Denkmalschutz.
Diese uralte Straßentrasse von der Roppener Trankhütte nach Karres steht unter Denkmalschutz. Sie ist auch die Trasse des Tiroler Jakobsweges.

Angenehm überrascht hat mich auch die Beschreibung einer alten Getreideart, der Fisser Imperialgerste. Denn es ist weithin unbekannt, dass Nordtirol einst ein Getreideland war. Kaum zu glauben, wurde Getreide in Nordtirol vor 100 Jahren noch auf einer Fläche von rund 16.000 Hektar angebaut. Übrig geblieben in unseren ‚modernen Zeiten‘ sind lumpige 600 Hektar.

Auch die Kulinarik kommt in den "111 Orten" nicht zu kurz. Gurschler beschreibt auch die Wiederentdeckung eines Lebensmittels: Die 'Auferstehung' der Fisser Imperialgerste.
Auch die Kulinarik kommt in den „111 Orten“ nicht zu kurz. Gurschler beschreibt die Wiederentdeckung eines Lebensmittels: Die ‚Auferstehung‘ der Fisser Imperialgerste. Bild: TVB Fiss

Wenig überraschend ist es, wenn sich Susanne Gurschler den vielen verborgenen Kunst-Stücken Tirols zuwendet. Die ambitionierte Kunstkennerin stellt in ihrem Buch geheimnisvolle rätische Inschriften am Rofan genauso vor wie die Lüftlmalereien von Holzgau, Bibliotheken oder barocke Räumlichkeiten.

Der Obernberger See, das smaragdene Tiroler Juwel.
Der Obernberger See, das smaragdene Tiroler Juwel wird im Buch natürlich auch vorgestellt.

Wer das Verborgene sucht und das Besondere liebt wird mit dem Buch seine helle Freude haben. Ich werde mich bei meinen Exkursionen in Tirol jedenfalls in Hinkunft an Gurschlers Vorschlägen orientieren und sozusagen nach ‚Zufallsprinzip‘ durchs Land reisen. Vor allem auch deshalb, weil alle wichtige Details in einer Extra-Rubrik übersichtlich angeführt sind. Wie etwa die genaue Adresse, die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die Öffnungszeiten. Nicht zu vergessen die persönlichen Tipps der Autorin, die jedem beschriebenen Ort ein besonderes Flair verleihen.

Das Büchlein sollte in keiner Bibliothek kulturinteressierter Menschen fehlen. Müßig zu erwähnen, dass die „111 Orte“ in allen Beherbergungsbetriebe des Landes aufliegen müssten. Es ist nicht nur ungemein kurzweilig zu lesen sondern macht vor allem Lust, die beschriebenen Orte sofort zu besuchen.

Die Autorin Susanne Gurschler
Die Autorin Susanne Gurschler

Die Autorin: Susanne Gurschler ist seit fast 20 Jahren als freie Journalistin und Autorin in Innsbruck tätig. Ihre Spezialität sind Kunst und Kultur, Regionalgeschichte und Architektur, Tourismus und Kulinarik. Die Germanistin schreibt Beiträge für Magazine, für Sammelbände, Jahrbücher und Kataloge.

Susanne Gurschler stellt ihr Buch am 5. April 2016 (Beginn 19:30 Uhr) in der Wagnerschen Buchhandlung in der Innsbrucker Museumstraße und am 10. Juni 2016 (Beginn 20:00 Uhr) im Alpinarium Galtür vor.

Susanne Gurschler. 111 Orte in Tirol, die man gesehen haben muss. Mit zahlreichen Fotografien; Broschur 13,5 x 20,5 cm; 240 Seiten; ISBN 978-3-95451-834-0; Euro 16,95 [D] , 17,50 [AT]

5 Gedanken zu “Ein Lob der kleinen Dinge

  1. Genussgemeinschaft Städter und Bauern e.V. München – Marlene Hinterwinkler
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Tipp! Buch ist schon bestellt in unserer Buchhandlung im Viertel. Werden wir zukünftig mit an Board haben bei Reisen nach Tirol.

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