Berge ohne Bauern?

Derzeit ist in Tirol ein stilles aber umso brutaleres ‚Bergbauernsterben‘ im Gang. Wollen wir tatenlos zusehen, wie unsere Bergbauern reihenweise ihre Höfe für immer zusperren? Oder stemmen wir uns dagegen, dass unsere Berge plötzlich ohne Bäuerinnen und Bauern dastehen?

Wir sehen es jeden Tag: Fleisch, das per Kilo in Supermärkten nicht selten einen Bettel zwischen fünf und acht Euro pro Kilogramm kostet. Milch zum halben Preis eines abgefüllten und daher abgestandenen „Mineral“wassers. Und wir alle wissen: das kann nicht gut gehen. Schon gar nicht für unsere Bergbauern. Aber tun wir auch etwas gegen diesen Wahnsinn? Sehen wir ruhig und entspannt zu, wie Agro-Multis und Supermarktketten unsere schwer arbeitenden Tiroler Bergbauern mit Dumpingpreisen fertig machen? Akzeptieren wir es achselzuckend, dass die neoliberale Politik Förderungen in den Berggebieten massiv kürzt und die Bergbäuerinnen und Bergbauern damit in den Ruin treibt?

Oder halten wir dagegen: gegen Gentechnik, gegen Laborlebensmittel, Giftchemie und gegen die ungeheuerliche Quälerei von Tieren in den Tierfabriken? Und vor allem: Lassen wir es zu, dass unsere wunderschönen Alpentäler entsiedelt werden? Wenn nicht, dann sollten wir endlich aus unserer Lethargie und der „Geiz-ist-geil-Mentalität“ erwachen. Wir müssen mehr tun als den paar Bio-Landwirten auf Facebook ein mitfühlendes „gefällt mir“ zu schenken und ansonsten das billige Quälfleisch und die ach so billigen Laborlebensmittel zu kaufen. 

Rinder auf der Hochweide. Wie lange noch?
Rinder auf der Hochalm. Wie lange noch?

Was tun?

Zuallererst müssen wir beginnen, einen eigenen Markt für Bergprodukte und damit eine eigene Qualitätsmarke – ein sogenanntes Label – zu kreieren. Zu dem haben weder Gierkonzerne noch Lebensmitteldiscounter und Supermärkte Zutritt. Einen Markt, der nur von biologisch arbeitenden Tiroler Bergbäuerinnen und -Bauern beliefert wird, die der Tierhaltung größte Aufmerksamkeit widmen. Und dafür sollen die Bergbäuerinnen und -bauern von uns Konsument_innen einen fairen und gerechten Preis für ihre Lebensmittel erhalten. Einen Preis, der nicht nur die Kosten deckt sondern vielmehr ein Überleben dieser hart arbeitenden Menschen in den Bergtälern sichert. Denn der Verkaufserlös fließt bei diesem Modell zum allergrößten Teil, das heißt zu mindestens 90 %, in die Kassen der Bäuerinnen und Bauern.

Immer mehr Bergbäuerinnen und Bergbauern sperren ihre Hoftüre zu.
Immer mehr Bergbäuerinnen und Bergbauern sperren ihre Hoftüre zu.

Das Zauberwort heißt „organisierte Direktvermarktung“.

Ihr würdet ganz sicher nicht erraten, zu welchem Schundpreis derzeit Tiroler Bergbäuerinnen und -bauern ihre Tiere verkaufen müssen. Ein Bauer erhält derzeit für ein 8-Monate altes Bio-Freiland-Jungrind aus Mutterkuhhaltung, das ohne Kraftfutter, importiertem Soja und anderen Mastmitteln aufgewachsen ist und nur Milch und Heu gefressen hat pro kg in der Hälfte 2,91 Euro. Bei einem Schlachtgewicht eines solchen Tieres von etwa 160 kg sind das knapp 500 Euro. Da kann der Bauer auf Dauer gleich den Hut drauf werfen und den Hof zusperren. 

Wenn wir allerdings die Verkaufspreise für das Fleisch in Beef-Qualität in den Supermärkten betrachten, klafft ein riesiges Loch: dann kostet das Beef im Durchschnitt urplötzlich zwischen 22 und 35 Euro das Kilo. Aber den Lohn für die harte Arbeit stecken nicht etwa Bergbäuerinnen und Bergbauern ein. Nein, es sind die Händler und Supermärkte, die den Profit machen.

Vom ruinösen Milchpreis und den teils auf Bagatellbeträge gekürzten Förderungen für die Berglandwirtschaft möchte ich hier erst gar nicht anfangen. Das Ergebnis: Derzeit ist ein stilles aber brutales Höfesterben im Gang, ohne dass die regierungsnahen Haus- und Hofmedien in unserem „Heiligen Land“ darüber berichten.

Das alles spielt sich übrigens mit dem Wissen und unter den Augen jener Tiroler Politiker_innen ab, die sich tagtäglich auf die Brust klopfen und wortreich ihre ,Verbundenheit zur Berglandwirtschaft‘ besingen. Die aber schon im nächsten Satz von ,marktgerechten Preisen‘, ,Kostensenkungen‘ und dem ,Druck der Märkte‘ schwafeln. Ganz so, als ob ein Bergbauer im Navis, Valsertal oder im Lechtal dieselben Voraussetzungen hätte wie ein holländischer Riesenbauer.

Können wir dieser Entwicklung überhaupt etwas entgegensetzen? Ich meine ja. Wir können versuchen, die Direktvermarktung auf der Ebene eines Vereines zu aktivieren und den Bergbäuerinnen und Bergbauern Hilfestellungen anzubieten. Zuerst beim Kauf ihrer Produkte über eine ‚Drehscheibe zwischen Angebot und Nachfrage. Und dann durch aktive Mithilfe bei der Koordination, der Werbung oder bei der Auslieferung innerhalb eines noch zu gründenden Vereines.

Die Grundidee: Wir Konsument_innen sollten die Möglichkeit haben, ohne großes Suchen jene Produkte aus der Berglandwirtschaft zu bestellen, die wir gerade brauchen. Auf einer ‚Vernetzungs-Web-Site‘ mit Online-Bestellmöglichkeit. Das ist für mich ‚organisierte Direktvermarktung‘ die es auch für nicht so marketingaffine Bäuerinnen und Bauern möglich macht, einen fairen Preis für ihre exquisiten Bergprodukte zu erzielen. Und ich weiß, wovon ich spreche.

Ich habe bereits einmal in meinem Leben eine solche ‚Vermarktungsdrehscheibe‚ aufgebaut. Sie hieß KOPRA (Konsumenten-Produzenten-Arbeisgemeinschaft) und war zwischen 1988 und 1994 im Vorarlberger Großen Walsertal sehr erfolgreich. Allerdings war diese Aktivität der herrschenden „Bauernpartei“ ein mächtiger Dorn im Auge. Deshalb gibt es die KOPRA auch nicht mehr. Ich bin mir aber sicher: wir können dasselbe oder ein ähnliches System  in Tirol quasi wieder auferstehen lassen.

Der erste Schritt: Der Aufbau einer Marke und eines Marktes für Bio-Freiland-Qualität von Bergbauern

In einem Gespräch mit der von mir höchst geschätzten Bio-Bäuerin Regula Imhof kam der Anstoß. Sie erzählte mir von einem Bio-Bergbauern in St. Jakob in Haus mit Mutterkuhhaltung, alten Rassen und vor allem mit einer mustergültigen Tierhaltung. Halt genauso, wie man sich das als Konsument_in gerne vorstelle. Sein Name: Bartl Obwaller vom Hörlhof in St. Jakob in Haus. 

Der prächtige Hörlhof in St. Jakob in Haus.
Der prächtige Hörlhof in St. Jakob in Haus.

Als Rentner hat man Zeit, ich machte mich also auf den Weg nach St. Jakob. Was ich vorfand war ein Bauernhof, wie er besser gar nicht sein könnte. Der Hörlhof der Familie Obwaller ist ein Musterbeispiel dafür, wie wir uns alle einen Bauernhof vorstellen: Bereits über Generationen im Besitz der Familie, schönes Hofgebäude mit der Möglichkeit von Urlaub am Bauernhof, glückliche Tiere mit riesigem Freilauf. Die Herde frisst im im Winter feines Heu oder Grassilage und verbringt den Sommer auf der familieneigenen Alm. 

Die Details sind dann sogar noch interessanter. Die Herde von Mutterkühen und ihren Kälbern besteht aus einer Kreuzung uralter, vom Aussterben bedrohter Tiroler Rinderrassen: den Pillerseer Hummeln und den ,Pinzgauer hornlos‘. Dass die Herde hornlos über die Wiesen und Almen trabt ist auf die genetische Dominanz der „Pinzgauer hornlos“ zurückzuführen. Denn der Bauer, Bartl Obwaller, würde seinen Tieren nie und nimmer die Hörner abschneiden oder verätzen, wie das in industriellen Tierqual-Farbriken an der Tagesordnung ist. Genauso wenig würde er männliche Tiere kastrieren.

Eine Herde im Freiland. Auch und vor allem im Winter lieben es die Tiere, auf dem Schnee herum zu tollen.
Die Pillerseer-Hummeln-Herde im Freiland. Auch und vor allem im Winter lieben es die Tiere, auf dem Schnee herum zu tollen und sich die Sonne aufs Fell scheinen zu lassen.

Bartl hat sich von der Milchwirtschaft schon lange verabschiedet. Und er hatte eigentlich recht. Denn der Milchpreis ist für viele Bäuerinnen und Bauern ruinös. Aber auch die Fleischpreise werden jetzt zum realen Horror für den Bio-Bergbauern. Denn mit den derzeit bezahlten Schlachtpreisen kann er sich ausrechnen, wann er die Hoftüren zusperren muss.

Die erste Probe auf’s Exempel: Exquisites Bio-Freiland-Beef direkt vom Hörlhof

Ich bin der Ansicht, wir sollten den Sprung ins kalte Wasser der organisierten Direktvermarktung wagen. Und der Hörlhof erscheint mir dafür quasi als Pilotprojekt sehr geeignet:

  • Die Tierhaltung ist einzigartig, es ist eine Freilandhaltung, bei der die Tiere nach Belieben im Stall oder im Freien verbringen;
  • Die Jungrinder wachsen gemeinsam mit den Muttertieren in der Herde auf;
  • Die Tiere erhalten keine zugekauften Futtermittel, sondern nur die Milch ihrer Mütter, Heu und Grassilage und verbringen den Sommer auf der familieneigenen Alm.
  • Die Herde hat jederzeit Zugang zu frischem Quellwasser;
  • Die Pillerseer Hummeln sind eine Kreuzung uralter Tierrassen;
  • Kein Medikamenteneinsatz, nicht einmal erlaubte Antibiotikagaben;
  • Jungtiere werden nicht enthornt, Jungstiere nicht kastriert.

Wie übermütig und wohl sich die Tiere am Hörlhof fühlen, zeigt das nachfolgende Video:

Die genannten Punkte sind sicher die Eckpunkte in den Bestimmungen eines neuen Berg-Qualitäts-Labels, das wir in den kommenden Tagen und Wochen erarbeiten. Wer Interesse hat, mitzumachen, meldet sich bitte bei mir unter der Mailanschrift: tirolischtoll@gmail.com

Der Versuch lohnt sich: jetzt Bio-Freiland-Beef vom Hörlhof bestellen.

Bartl ObwallerDa Bartl Obwaller innerhalb der nächsten zwei Wochen zwei Jungrinder (8 Monate alt) schlachtet, möchte ich einen ersten Probelauf machen. Die Frage: ist es möglich, Konsument_innen zu finden, die mit dem Kauf dieses absolut einmaligen Fleisches (es ist übrigens gemasert und damit äußerst schmackhaft) sozusagen den Startschuss zur organisierten Direktvermarktung in Tirol geben? Die eine außergewöhnliche Qualität schätzen und unsere Tiroler Bergbäuerinnen und -bauern fair bezahlen?

Hier geht’s zur online-Bestellung

Es ist ganz einfach. Klickt einfach hier die Web-Site von Bartl Obwaller an und schon geht’s dahin. Nach der Anfrage erhält Ihr eine Auftrags-Bestätigung samt Rechnung und der Bekanntgabe des voraussichtlichen Lieferdatums. Um dem Geld nicht hinterher rennen zu müssen bittet Bartl Obwaller, die Rechnung vor der Auslieferung per Banküberweisung zu bezahlen.

Ich suche Mitstreiter_innen beim Aufbau der „organisierten Drehscheibe für bergbäuerliche Produkte in Tirol“

Wer will beim Aufbau dieser Drehscheibe mithelfen? Ihr werdet verstehen, dass ich allein diese Aufgabe nie und nimmer bewältigen kann. Was der zu gründende Verein bräuchte: von der Idee der organisierten Direktvermarktung überzeugte Mitarbeiter_innen, die auch Zeit hätten beim Aufbau mitzuhelfen. Vor allem benötigen wir Programmierer, um die virtuelle Drehscheibe (Angebot der Bauern – Bestellungen der Konsument_innen) zu erstellen. Weiters gefragt wären Menschen, die ganz einfach Zeit hätten, die Verwaltung der Drehscheibe zu überwachen.

Wer mithelfen möchte: bitte schickt eine E-Mail an tirolischtoll@gmail.com und vergesst nicht, mir eure Telefonnummer mitzuteilen. Herzlichen Dank.

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