Auf den Spuren der Kelten: der Pillersattel

Der Pillersattel ist ein uralter prähistorischer Übergang zwischen Reschenpass und Oberinntal. Angesichts der dramatischen Landschaft ist’s eigentlich kein Wunder, dass die Menschen jahrtausendelang ihren Göttern auf der Passhöhe dankten und opferten.

Den Vorwinter des Jahres 2015 wollte ich nicht etwa nützen, um eine erste Skitour zu machen. Das hätte nicht nur der Schneemangel verhindert. Nein, ich hatte mir schon seit Jahren vorgenommen, auf den Spuren der Kelten vom Pitztal aus auf den Pillersattel zu wandern. Also jenen Weg zu beschreiten, den Menschen schon vor 3.500 Jahren begangen haben um ihre Götter mit Opfern milde zu stimmen. Ich hingehen wollte ganz einfach die Landschaft und den ‚Gachen Blick‘ in seiner ganzen Pracht genießen. 

Der Übergang vom Oberen Gericht ins Pitztal übte nicht nur auf die Menschen der Frühzeit einen mystischen Reiz aus. Selbst für uns moderne Menschen ist der unbeschreiblich schöne Ausblick am sogenannten ‚Gachen Blick‘ erhebend, wie ihr auf den folgenden Bildern sehen könnt.

Da ich alle meine Wegstrecken in Tirol mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklege fuhr ich also mit dem Bus von Imst nach Wenns. Dort musste ich einerseits umsteigen und konnte mir andererseits die Zwischenzeit mit der Besichtigung eines über und über mit Fresken bemalten Hauses vertreiben.

Das Platz- oder Richterhaus in Wenns mit den fantastischen Renaissance-Fresken.
Das Platz- oder Richterhaus in Wenns mit den fantastischen Renaissance-Fresken.

Das ,Richterhaus‘ ist ein über und über mit Fresken bemaltes Gebäude. Es lohnt sich, die Gemälde mit einem Fernglas zu betrachten. Denn die Darstellungen lassen an blutrünstigen Details nichts zu wünschen übrig. Da sind einige Szenen aufgebracht, die den Menschen früher ganz sicher das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mord und Totschlag, Vertreibung und Verdammnis. Auf einen sterbenden Reichen wartet zum Beispiel schon der Höllenfürst. Ich bin mir sicher, dass das ein Kalkül des Bauherren war. Er wollte den verängstigten Menschen des Mittelalters noch mehr Angst einjagen, als dies die Pfaffen taten. Denn Angst war ja das solide Fundament, auf dem Adel und Geistlichkeit die Bauern auspressten.

Die Südfassade des Richterhauses: eine gezeichnete Bibel. Samt Mord- und Totschlag.
Die Südfassade des Richterhauses: eine gezeichnete Bibel im Stil der Renaissance. Samt Mord- und Totschlag.
Der Tod des Reichen am Richterhaus: der Teufel wartet schon auf den Typen.
Der Tod des Reichen am Richterhaus: der Teufel wartet schon auf den Typen (links unten im Bild, aber auch als fliegender Drache). Auch der Text lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig: „Hie stirbt der Reich ist aus sein Pracht. Das er den Armen hat veracht‘. Darumb mues er in die Holle Pein. O Mensch lass dir ein Warnung sain.“ Bild: hubertl, wikipedia commons
Adam und Eva, eben noch im Paradies...
Adam und Eva, eben noch vergnügt  im Paradies…
...aber nach dem Genuss eines Apfels ist Schluss mit lustig.
…aber nach dem Genuss eines Apfels ist Schluss mit lustig.
Die blutige Darstellung der Judith mit dem Kopf von Holofernes. Kopfabschneiden war offenbar im Nahen Osten schon immer beliebt...
Die blutige Darstellung der Judith mit dem Kopf von Holofernes. Kopfabschneiden war offenbar im Nahen Osten schon immer ziemlich beliebt.
Dieses Männlein am Richterhaus gibt Rätsel auf. Es sitzt quasi im Eck, ist gefesselt und hält einen Blumenstrauß in seinen Händen.
Dieses Männlein am Richterhaus gibt Rätsel auf. Es sitzt quasi im Eck, ist gefesselt und hält einen Blumenstrauß in seinen Händen, von deren Blüten ein Vögelein nascht.
Christophorus-Darstellungen weisen in Tirol immer auf uralte Verbindungen hin. Wie diese Darstellung am Richterhaus, die offenbar auf die Verbindung über den Pillersattel zum Reschenpass hinweist.
Christophorus-Darstellungen weisen in Tirol immer auf uralte Verbindungen hin. Wie diese Darstellung am Richterhaus, die offenbar auf die Verbindung über den Pillersattel zum Reschenpass hinweist.

Von Wenns aus fährt der Bus in Richtung Piller. Es ist empfehlenswert bis zur Haltestelle Fuchsmoos zu fahren und den Aufstieg zum Piller dort zu beginnen. Denn unmittelbar nach der Haltestellte passiert man den wunderschönen Pillersee, ein künstlich angelegtes Gewässer.

Der Piller See, ein wunderschön gelegener, künstlich angelegter See.
Der Piller See, ein wunderschön gelegener, künstlich angelegter See.
Der Weiler Fuchsmoos wird quasi von Hochspannungsleitungen dominiert. Schade, dass die TIWAG in Tirol keine Rücksicht auf die Landschaft nimmt.
Der Weiler Fuchsmoos wird quasi von Hochspannungsleitungen dominiert. Schade, dass die TIWAG in Tirol keine Rücksicht auf die Landschaft nimmt.

Man muss keinen archäologisch geschulten Blick haben um festzustellen, dass es sich beim heute als Spazierweg deklarierten Weg in prähistorischer Zeit um eine wichtige Straßenverbindung gehandelt hatte. Teilweise tief unter dem Waldniveau nähert man sich dem Pillersattel. Vorbei an einem Hochmoor gelangt man durch eine ,hohle Gasse‘ schließlich zu diesem bedeutenden vorchristlichen Opferplatz. Der wurde erst 1991 von zwei Pitztalern entdeckt: Kassian Erhart und Franz Neururer.

Leicht und eindeutig erkennar: der uralte Weg auf den Piller. Hier hemmt grad ein umgestürzter Baum den vorwärtsstrebenden Spaziergänger.
Leicht und eindeutig erkennar: der uralte Weg auf den Piller. Hier hemmt grad ein umgestürzter Baum den vorwärtsstrebenden Spaziergänger.
Die alte Wegtrasse ist gut sichtbar.
Die alte Wegtrasse ist gut sichtbar.

Das Heiligtum liegt an einer Felsklippe, die vom Inntal aus rund 800 m nahezu senkrecht aufragt. Der Blick von oben wurde selbst von en ansonsten schwindelfreien Tirolern als ,Gacher Blick‘ bezeichnet. Was soviel heißt wie rasant im Sinn von steil abfallend.

Blick vom Gachen Blick am Pillersattel
Der faszinierende Blick vom Gachen Blick am Pillersattel auf Fließ und das Inntal.

Und wer einmal vom Piller in das Tal geblickt hat, erahnt, weshalb die Menschen in der Kupfer- und Bronzezeit, vielleicht aber auch schon früher, diesen Ort als heilig empfunden hatten. Es war aber beileibe nicht allein die canyonartige Vertiefung des Inn, der sich tief unterhalb des Pillers durch das Tal schlängelt. Das Bergpanorama von diesem Punkt aus ist absolut einzigartig.

An dieser Stelle am Pillersattel opferten Menschen mehr als 2.000 Jahre lang ihren Göttern.
An dieser Stelle am Pillersattel opferten Menschen mehr als 2.000 Jahre lang ihren Göttern. Es waren vor allem Schafe, Ziegen und Rinder. Verbrannt wurden vermutlich nur die fleischarmen Teile, während die fleischreichen von den Festteilnehmern verspeist worden waren.
Der Blick vom Pillersattel ins Obere Gericht in Richtung Reschenpass
Der Blick vom Pillersattel ins Obere Gericht in Richtung Reschenpass

Das Gebiet ist seit einigen Jahren ein Naturpark. Ein eigenes Haus, interessante und spannende Veranstaltungen im Sommer und der herrliche Rundblick machen den Piller zu einem Treffpunkt für Natur- und Kulturfreunde.

Ein Tipp noch: Eine Beschreibung des Depotfundes am Piller gibt einen Eindruck über die Bedeutung dieses alpinen Heiligtums. Ich empfehle auch den Besuch des archäologischen Museums in Fließ, in dem die Funde präsentiert werden.

6 Gedanken zu “Auf den Spuren der Kelten: der Pillersattel

  1. Danke dir Werner, dass du uns unsere so besonders schöne Heimat so gut näher bringst. Ich muss diesen Ort unbedingt im Sommer besuchen, denn deine Worte haben mich zum Gluschtn gebracht endlich mal über den Reschen zu fahren um dort eine Runde wandern zu gehen🙂

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