Von der Kunst des Heuziehens

Kaum zu glauben: In Tirol gibt es uralte bäuerliche Traditionen, die dem Massentourismus noch nicht zum Fraße vorgesetzt worden sind. Brauchtum, das von allen Beteiligten eher im Geheimen und ohne jegliches Tamtam praktiziert wird. Das Heuziehen mit Ferggln im Valsertal gehört zu dieser Sorte archaischer Arbeiten und Traditionen.

Eines möchte ich gleich am Anfang betonen: mit diesem Blogeintrag mache ich sicher Werbung für eines der schönsten Täler Tirols, ja Österreichs. Aber es soll beileibe keine Werbung für die Tätigkeit des Heuziehens sein. Denn davon erfahren Fremde und Außenstehende normalerweise nichts. Sollen sie auch nicht. Heuziehen mit Ferggln ist und bleibt eine interne, quasi familiäre Angelegenheit der Valser_innen. Für mich war die Einladung zum ersten Heuziehen des Winters daher auch eine große Ehre. 

Die Nockeralm und die steil aufragende 'Hohe Kirche'.
Hinter der Nockeralm türmt sich majestätisch die ‚Hohe Kirche‘ auf.

Die Einladung verspricht weder Jux noch Tollerei. Im Gegenteil: Heuziehen ist eine schweißtreibende Tätigkeit die nur bei ausreichender Schneedecke stattfinden kann. Eine Einladung ist vor allem auch eine Einladung zum Mithelfen.

Leckerein für die Ziegen

Das Ziel des ersten Heuziehens 2016 war es, vier ,Reisl‘ – so werden die Heufuhren genannt – zu Tal zu bringen. Alles in allem etwa 600 kg feinstes Bergheu. Genug jedenfalls, um Helgas Ziegen in ihrem Winterquartier erstmals in diesem Winter mit dieser Leckerei zu überraschen.

Heuziehen im Valsertal
Der winterliche Blick auf das Valsertal.

Zuerst war da aber noch der Aufstieg auf das Ocherloch, ein steiles Bergmahd hoch über der Nockeralm im Hinteren Valsertal. Vorbei an den uralten Almhütten hinauf zur Heuhütte. Da lagen etwa 200 Höhenmeter dazwischen. Für Hans Eller und Luis Gatt, die beiden ‚Meister-Heuzieher‘ kein Problem, obwohl beide schon länger in Pension sind. Die zwei unermüdlichen Rentner lediglich als ‚rüstig‘ zu bezeichnen wäre allerdings ein Hohn. Ich konnte bei ihrem Tempo bergauf noch nie mithalten.

Vor der Heuhütte im Ocherloch wurden vier 'Reasn' hergerichtet und anschließend zu Tal gebracht.
Vor der Heuhütte im Ocherloch wurden vier ‚Reisl‘ hergerichtet und anschließend zu Tal gezogen.

Wer nun aber glaubt, das duftende Bergheu werde auf Schlitten verladen mit denen dann anschließend kühne bäuerliche Bobfahrer jodelnd zu Tale rasen, irrt gewaltig. Die Valser Bäuerinnen und Bauern verwenden dafür den sogenannten ,Ferggl‘, eine aus Holz kunstvoll gefertigte Unterlage. Und die ist alles andere als ein hurtiger Untersatz. Und das Ferggl – oder heißt es etwa der Ferggl? – wird nach einem ausgeklügelten System mit Heu beladen.

Ferggl im Valsertal
Luis Gatt bereitet ein Ferggl für die Beladung vor. Der ‚Stackl‘ ist bereits auf seinem Platz und wird als Haltegriff und Bremse gleichermaßen verwendet.

Was wäre aber das schönste Ferggl ohne die Männer mit Expertise, die es kunstvoll beladen und so schnüren, sodass kein Halm verloren geht. Richtig gelesen: Männer. Denn Heuziehen ist eine pure Männerarbeit sagen sie  im Valsertal.

Deshalb waren Luis Gatt und Hans Eller auch schon in aller Herrgottsfrüh in warmer Kleidung und mit Gamaschen versehen gestellt, um ihrer Lieblings-Wintertätigkeit endlich frönen zu können. Lange genug hatten sie auf Schnee gewartet, der nun in einigermaßen ausreichender Menge vorhanden war. Helga Hager von Helgasalm war auch dabei, war es doch ihr Bergheu, das sie im Sommer mit viel Schweiß für ihre Ziegenherde geerntet hatte. Jene Herde ganz wunderschöner Tauernschecken, aus deren Milch Helga vom Mai bis in den September hinein einen unvergleichlichen Ziegenkäse herstellt.

Helgas Ziegenherde auf ihrer Lieblings-Wiese. Da stören auch Regen und Nebel nicht.
Helgas Ziegenherde im Ocherloch, der erklärten Lieblings-Wiese der Meckertruppe. Da stören auch Regen und Nebel nicht. Im Vordergrund die Geiss Martina (li im Bild) und die Supergeiss Espresso (hinter Martina). Rechts die Chefgeiss ‚Melange‘, die mit Cappuccino, der Grand Dame der Tauernscheckenherde um die Wette frisst.

Dass ich in diesen exklusiven Zirkel eingeladen worden war betrachte ich sozusagen als Dankeschön für meine Volontärstätigkeit auf Helgasalm im Sommer. Noch mehr Arbeit als Belohnung? Aber ja. Bei dieser Tätigkeit wird von den Beteiligten erst gar nicht von Arbeit gesprochen. Zu beliebt und traditionell ist das Heuziehen. Kein Wunder, gehört es doch bereits zum fixen Bestandteil des Jahreskalenders einiger Bäuerinnen und Bauern.  Und es ist auf dem besten Wege, im Valsertal zum gelebten Brauchtum zu werden.

Wiesbaum Vals
Der Wiesbaum wird mit relativ komplizierten Verknotungen befestigt.

Oben angelangt werden die Ferggl zuerst hergerichtet und dann beladen. Eine Arbeit, deren Ablauf absolut präzise vonstatten gehen muss. Mit Binde- und Schnürtechniken, die jeden Laien verblüffen. Am meisten überrascht hat mich die Knotentechnik der beiden erfahreren Heuzieher. Man glaubt es ja nicht, dass auf Valser Bergmähdern dieselben Knoten zum Einsatz kommen wie auf den Segelschiffen im Atlantik oder anderswo. Denn die Knoten müssen da wie dort halten und auf einfache Weise wieder gelöst werden können.

Was mich auch noch überrascht hat: die Valser legen immer wieder Fichten-Zweige zwischen die einzelnen Heuauflagen. Die Zweige halten das Heu innerlich zusammen und sind auch gleichzeitig wahre Gustostücke für die Geissen. Denn die Horntiere lieben es, frische Nadeln zu schnabulieren.

Wiesbaum wird fixiert
Der Wiesbaum hält das Reisl zusammen. Jedenfalls wird er unter großer Kraftanstrengung so massiv fixiert, dass nicht ‚ein Maulvoll Heu‘ beim Ziehen verloren geht.

Neben dem Ferggl kommen drei verschieden Seile, der Stackl und ein Wiesbaum zum Einsatz. Konkret: Bind-, Zug- und ein Tragseil kommt jeweils große Bedeutung zu. Sie halten das Heu sozusagen zusammen. Der Wiesbaum ist eine aus einem dünnen Fichtenstamm gefertigte Holzstange, die von Seilen fixiert das Heu von oben herab zusammendrückt. Damit es nicht herunterfallen kann. Der Stackl wiederum ist ein Holzstück mit einer Eisenspitze, das von den Heuzieher_innen als Bremse verwendet wird. Was aber ein Reisl zu einem kleinen Kunstwerk macht ist die Kombination der Seile mit dem Wiesbaum und die Fixierung der Heuladung auf dem Ferggl. Bäuerliche Handwerkskunst und Erfahrung vom Feinsten.

Wiesbaum
Je fester der Wiesbaum festgezurrt wird, desto besser ist es.

Nach einer ausgiebigen Inspektion des Reisls wird es abschließend die noch ‚frisiert‘: Mit einem Rechnen putzt Luis Gatt die Seiten der Heu-Reisl ab, dass auch kein Hälmchen des kostbaren Bergheus verloren geht.

Ferggl
Am Schuss der Beladung wird das Reisl noch sorgfältig ‚gekämmt‘, damit bei der Abfahrt ins Tal kein Hälmchen Heu verloren geht. Rechts die restlichen Ferggl die auf die Beladung warten.

Dann steht der Abfahrt ins Tal nichts mehr im Weg. Durch den Wald geht’s ziemlich steil hinunter auf Helgas Alm und anschließend weiter in die Ebene unter der Nockeralm. Und von dort wird die duftende Spezialität in das Elternhaus von Helga Hager in Vals weiter transportiert. Denn schon wartet die Meckertruppe sehnsüchtig auf die Spezialität namens Bergheu.

Heuziehen Valsertal
Hans Eller führt den Reisl-Konvoi an.
Heuziehen im Valsertal
Lois Gatt und Helga Hager, quasi in den Startlöchern. Aber dann geht’s los.
Heuziehen Valsertal
Helga Hager ist bereits eine routinierte Heuzieherin.
Nach der eher steilen Abfahrt im Wald nähert sich der Konvoi Hegas Alm...
Nach der eher steilen Abfahrt im Wald nähert sich der Konvoi Helgas Alm…
Heuziehen Valsertal
…die passiert wird um die Reisl in die Ebene zu bringen…
...in die Ebene der Nockeralm, von wo das Geissenfutter dann per Auto weiter transportiert wird.
…in die Ebene der Nockeralm, von wo das Geissenfutter dann per Auto weiter transportiert wird.

Hier die Video-Zusammenfassung vom Heuziehen: 

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s