Über den Fernpass zum Ski-Idol meiner Jugend

Eine weitere Etappe auf der – fälschlicherweise bisweilen sogar als Jakobsweg bezeichneten – „Tiroler Nordwest-Passage“ zwischen Stams und Oberstaufen im Allgäu führt über den Fernpass. Ich machte mich also in Nassereith Anfang Dezember (!) auf den Weg, den Pass weit abseits der lärmenden Straßen zu überschreiten. Vor allem, um am Etappenziel meinem erklärten Jugendidol die Aufwartung zu machen.

Ich könnte jetzt zynischerweise jubeln, die Klimaänderung spiele lieblichen Wandersfrauen und kühnen Wandersmännern  in die Hände. Denn früher waren solche Bergtouren im Dezember unmöglich. Aber Zynismus ist fehl am Platz. Zu ernst und folgenschwer ist es, wie wir Menschen uns an der Natur vergehen.

Dennoch, ich machte mich auf den Weg, eine weitere Etappe auf der Nordwestpassage zwischen Stams und Oberstaufen zu erkunden. Ich startete in Nassereith, stieg über den Fernsteinsee und das gleichnamige Schloss auf der alten Römerstraße hinan und erreichte nach rund 2 Stunden den Fernpass.

Via Claudia
Die Via Claudia zwischen Nassereith und dem Fernsteinsee

Ohne zu übertreiben: es ist eine wunderschöne Etappe – sofern das Wetter mitspielt. Von Nassereith geht es sanft hinan zum Fernstein mit seinem Schloss und dem prächtig in allen Türkis- und Blaufarben funkelnden See. Es ist auch gleichzeitig die Trasse des uralten Römerweges, der Via Claudia Augusta. Diese Heeresstraße verband vor 2.000 Jahren schon Venedig mit Augsburg. Und wo dereinst grimmige Legionäre, geldgierige Händler und allerlei Volk gen Norden zog radeln und wandern heute Menschen.

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Der türkisfarbene Fernsteinsee. Ein Naturschauspiel der Sonderklasse.
Türkis und blau schimmert der Fernsteinsee durch das Gehölz. Hinauf zur Via Claudia, die hoch über der Fernstraße zur Passhöhe führt.
Türkis und blau schimmert der Fernsteinsee durch das Gehölz. Hinauf zur Via Claudia, die hoch über der Fernstraße zur Passhöhe führt.
Das Schloss Fernstein, einst Mautstelle auf dem Weg über den Fernpass.
Das Schloss Fernstein, einst Mautstelle auf dem Weg über den Fernpass.
Das Schloss Fernstein in der gleißenden Dezembersonne. Irgendwie romantisch.
Irgendwie romantisch mit einer fantastischen Aussicht schmiegt sich Schloss Fernstein an den steil abfallenden Berghang.
Tiefe Wagenspuren in der einstigen Straße über den Fernpass. Die Frage ist, ob die Händler Wagen mit derselben Spurbreite hatten. Wenn nicht, na bravo.
Tiefe Wagenspuren in der einstigen Straße über den Fernpass. Da musste die Wagenspur stimmen. Wenn nicht? Na bravo!

Wie intensiv diese Straße über die Jahrtausende hinweg benützt worden ist belegen die tiefen Wagenspuren im harten Fels, die quasi offen zutage treten. Wer die Trasse der Straße aus den Felsen geschlagen hatte muss nicht geraten werden: Sklaven und Kriegsgefangene der Römer, die hier zu Tode geschunden worden waren.

Die Via Claudia der Römer wurde teils in den Felsen gehauen. Wieviele Sklaven und Zwangsarbeiter hier den Tod fanden wird niemals geklärt werden.
Die Via Claudia der Römer wurde teils in den Felsen gehauen. Wieviele Sklaven und Zwangsarbeiter hier den Tod fanden wird niemals geklärt werden.
Knapp vor der Passhöhe begrüßen Wamperter Schrofen und Rotschrofen die ob sovieler Schönheit verblüfften Wandersleute.
Knapp vor der Passhöhe begrüßen Wamperter Schrofen und Rotschrofen die ob sovieler Schönheit verblüfften Wandersleute.
Die Namensgebung der Kapelle allein zeigt, wie gefährlich eine Passübequerung in früheren Zeiten war. Die Kapelle ist den 14 Nothelfern geweiht.
Die Namensgebung der Kapelle allein zeigt, wie gefährlich eine Passübequerung in früheren Zeiten war. Die Kapelle am Fernpass ist den 14 Nothelfern geweiht.

Dennoch, die uralte Trasse hat was. Vor allem, wenn man zur Passhöhe kommt. Wunderschöne Berge umkränzen die Anhöhe, die von Zwergföhren und Latschen bewaldet wird. Der Abstieg dann – immer entlang der unfassbar grauslichen TIWAG-Hochspannungsleitungen. Es ist schon eigenartig, wie es das Tiroler Energieunternehmen im ganzen Land schafft, ausgerechnet die schönsten Gegenden zu verschandeln.

Ab der „Schönen Aussicht“, einem eigentlich atemberaubenden Plätzchen mit Blick auf die Berge – wenn da nicht die unfassbare TIWAG-Leitung wäre – wandert man dann auf die Zugspitze zu. Diretissima quasi. Das ist das eigentlich Schöne an dieser Wanderung.

Die Sensibilität des Tiroler Energieversorgers TIWAG für Naturschönheiten ist ganz offensichtlich massiv unterentwickelt.
Die Sensibilität des Tiroler Energieversorgers TIWAG für Naturschönheiten ist ganz offensichtlich massiv unterentwickelt. Hier, bei der ‚Schönen Aussicht‘ wird das deutlich sichtbar.

Vorbei am Weißensee geht‘s dann nach Biberwier. Ich bin heuer durch dutzende Tiroler Dörfer gepilgert und gewandert. Aber ein derart trostlos ausschauendes Örtchen habe ich bisher noch nicht gesehen. Ich weiß nicht, an was das liegt. Aber selbst die Kirche zum Hl. Josef macht einen bemitleidenswerten Ausdruck.

Die Zugspitze 'spiegelt' sich auf dem Eis des Weissensees.
Die Zugspitze ’spiegelt‘ sich auf dem Eis des Weissensees.
Die Josefskirche in Biberwier vor der hell strahlenden Zugspitze.
Die Josefskirche in Biberwier vor der hell strahlenden Zugspitze.
Ein Bronzeadler im Skulpturenpark von Biberwier vor der Sonnenspitze.
Ein Bronzeadler im Skulpturenpark von Biberwier vor der Sonnenspitze.

Also schnell durch das Dorf, vorbei an einem Skulpturenpark geht‘s dann in das Lermooser Moos. Von hier aus hat man einen wahrhaft atemberaubenden Blick auf die Zugspitze und die Sonnenspitze. Es ist, als ob man auf den juwelenbesetzten Rand einer Krone blicken würde.

Die Zugspitze vom Lermooser Moos aus betrachtet. Dieser wunderschöne, mächtige Gebirgsstock prägt die Etappe von Nassereith nach Lermoos.
Die Zugspitze vom Lermooser Moos aus betrachtet. Dieser wunderschöne, mächtige Gebirgsstock prägt die Etappe von Nassereith nach Lermoos.

Was man kaum glauben würde: Dieses Moos ist ein geschichtlicher Platz. Denn die Römer überquerten es mit einem Trick: Sie legten Baumstämme aus und bildeten so eine sogenannte ,Prügelstraße‘. Damit ersparten sie sich den Bau der Straße am Hang zwischen dem heutigen Biberwier und Lermoos entlang.

Lermoos, vom Moos her betrachtet quasi ein einziges Hotel. Schaut schon etwas krass aus.
Lermoos, vom Moos her betrachtet quasi ein einziges Hotel. Schaut schon etwas krass aus.

Und in Lermoos angekommen suchte ich sofort das eigentliche Ziel dieser Etappe auf: das Hotel Loisach in Lermoos. Das war aber – irgendwie logisch – Anfang Dezember noch geschlossen. Ich beschließe, in einem Souvenirgeschäft neben dem Hotel einen Kaffee zu trinken und mich nach  Josl Rieder, dem von mir hochverehrten Slalom-Weltmeister bei der Ski-WM 1958 in Bad Gastein  zu erkundigen. Als wär‘s ein Wink des Himmels gewesen: das Geschäft wird von der Tochter Josl Rieders geführt. Die sich gleich als solche zu erkennen gab und sofort zum Telefon griff. Er solle doch ins Geschäft herunterkommen, beschied sie ihrem Vater. Da warte ein Fan auf ihn. Welche Ehre! 

Das Hotel Loisach von Josl Rieder.
Das Sporthotel Loisach von Josl Rieder. Bild: Hotel Loisach
Es war für mich schon eine große Ehre, mit dem legendären Josl Rieder einige Worte zu wechseln. Just an seinem 83. Geburtstag!
Es war für mich schon eine große Ehre, mit dem legendären Josl Rieder einige Worte zu wechseln. Just an seinem 83. Geburtstag!

Hotel Loisach, Fresko Josl RiederEin strahlend aussehender, 83 jähriger Mann mit einem äußerst gewinnenden Lächeln betrat das Geschäft. Noch auf einen Gehstock gestützt, denn Josl Rieder war körperlich etwas angeschlagen. Das sei aber vorbei, beschied mir der einstige österreichische Ski-Star, der vor 57 Jahren den legendären Toni Sailer bei der WM im Slalom besiegte und FIS-Weltmeister geworden war. Heuer will er wieder mit seinen Gästen schifahren gehen, darunter auch erklärten Fans aus Japan. Das war und ist immer noch sein Leben. 

Ich wünsche ihm jedenfalls das Allerbeste.

3 Gedanken zu “Über den Fernpass zum Ski-Idol meiner Jugend

  1. Sehr guter Bericht Werner Kräutler. Ich hab mich gut zurechtgefunden. Habe Teil meiner Jugend am Ferpass verbracht (im Blindsee das schwimmen gelernt) und oft die Strecke Berwang – Bichlbach – Leermos – Fernpass – Nassereith und Imst gefahren. Bilder von der Strecke (Via Claudia), abseits der Bundesstrasse sin besonders interessant. Für einen der schon 45 jahre in Norwegen lebt, war das ein besonderes guter Bericht. Danke!
    Grüsse,
    Walter Schöffthaler

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