Die starke Frau vom Valsertal

Eine Käsemacherin erzeugt im Valsertal einen ganz außergewöhnlichen Ziegen-Frischkäse. Auf der Suche nach dieser Spezialität entdeckte ich ein einzigartig-wunderbares Tal.

Eigentlich sollte es ein Tagesausflug werden. Ich wollte einem Gourmet-Tipp nachgehen, der ins Valsertal wies. Ein Tipp, der in Aussicht stellte, dort einen der besten Ziegenfrischkäse der Alpen zu entdecken und auch verkosten zu können. Daraus wurde ein ganz zauberhafter 3-tägiger Arbeits- und Gourmeteinsatz auf Helgas Alm im hinteren Valsertal. Ein Aufenthalt, der mit größter Wahrscheinlichkeit sogar mein weiteres Leben verändern wird.

Die Nockeralm oder Peters Kaser. Heute: Helga's Alm.
Die Nockeralm oder Peters Kaser. Heute: Helga’s Alm.

Helga’s Alm, die Nockeralm oder Peters Kaser. Darunter sollte man sich eine Alm vorstellen, wie man sie nur noch aus alten Bilderbüchern kennt. Der Untertitel: ‚Vom alten Leben in Tirol‘ würde ganz gut dazupassen. In einem Tal gelegen,  das seine Seele nicht dem Tourismus verkauft hat und hoffentlich nie verkaufen wird. Ich fand im Valsertal jedenfalls die lezten Reste des alten, des liebenswürdigen und wunderbaren Tirol. Ich meine damit jenes Tirols, in dem die kleinen Dinge des Lebens noch wichtig waren. In dem die Menschen wussten, dass, wenn sie sich gegen die Natur versündigten, diese unweigerlich ‚zurückschlägt‘.

Im Valsertal ist das anders. Hier gibt es keine einzige Schnapshütte, keinen Wellnesstempel und keine Skilifte. Sicher, das Valsertal ist seit mehr als 70 Jahren zum Großteil Naturschutzgebiet, ja sogar Bergsteigerdorf. Aber das allein erklärt noch nicht die verblüffende Tatsache, dass es in diesem vom Olperer überragten Tal nicht einmal Hotels gibt. Die Valser wollen das alles nicht, wie sie sagen. Ganz einfach.

Die Nockeralm in Innervals
Wie aus einem Bilderbuch des ‚alten Lebens in Tirol‘. Helgas Alm ist die oberste, oder die erste von rechts.

Nur zur Orientierung: das Valsertal, dessen V wie ‚Falls‘ ausgesprochen wird, liegt ganz in der Nähe des Brenners und beginnt mit St. Jodok. Diesem Tal mit seinem räteromanischen Namen eilt der Ruf voraus, anders als alle anderen Tiroler Seitentäler zu sein. Und da ich im heurigen Sommer für diesen Blog auf der Suche nach dem ,alten‘, dem ehrlichen und schönen Tirol bin, konnte ich am Valsertal eigentlich eh nicht vorbei.

Der Ziegen-Frischkäse von Helga: ein Genuss der absoluten Sonderklasse
Der Gourmet-Tipp war absolut richtig. Der exzellente Ziegen-Frischkäse von Helga.

Zugegeben: Mich lockte vor allem auch eine verheißungsvolle Ankündigung. Auf einer Alm, die einen Frauennamen trage, würde eine Käsemacherin einen wahrhaft exzellenten französischen Frischkäse aus Ziegenmilch zaubern. Der Käse sei einzigartig und mit den französischen Vorbildern absolut vergleichbar.

Das Valsertal ist das echte Tirol

Ich befragte zuerst einmal Google und stieß auf die WebSite der Bergsteigerörfer. „Auf der Roas mit der Goas. Almleben im Valsertal“ hieß es da. Und da war von einer Helga die Rede, einer Käsemacherin die im Tal geboren wurde und nun aus der Milch von 14 Goaßen einen exzellenten Ziegenkäse herstelle. Die Geschichte nahm also ihren Lauf und ich lernte eine Alm kennen, die es – da bin ich mir ganz sicher – so kein zweites Mal mehr in Tirol gibt. 

Helas Alm

IMG_3895IMG_3889Schon der Anblick von Helgas uralter Alm macht sicher: nichts ist künstlich, nichts ist Show. Alles uralt, alles original. Sonnenverbrannt das Holz. Die Fenster in der Größenordnung kleiner Schießscharten. Und Türen, durch die nur Menschen mit Zwergenwuchs aufrecht gehen können. Lediglich das Plumpsklo alter Tage hat ausgedient: Helga gönnt sich den Luxus einer modernen Komposttoilette. Das haben die Generationen von Almhirten nicht gehabt, die ihre Sommer auf dieser Alm verbracht hatten.

Die Almküche auf Helga's Alm
Die Almküche auf Helga’s Alm

Obwohl die Alm seit einiger Zeit an’s Stromnetz angeschlossen ist kocht und heizt Helga mit Holz. Im neuen Holzofen köchelt bei meinem Eintreffen ein Kitzbratl vor sich hin. Ein wundervoller Geruch wabert durch die altehrwürdigen holzgetäferten Zimmer der Almhütte.

Einziger Luxus ist ein Geschirrspüler. Denn Helga Hager, Käsemacherin sowie Alm- und Wanderführerin in einer Person hat besseres zu tun als abzuwaschen oder ihre Käsemacherinnen-Utensilien quasi händisch keimfrei zu machen. Neu ist natürlich auch die Mini-Sennerei, in der Helga unter sterilen Bedingungen ihren  einzigartigen Ziegen-Frischkäse herstellt.

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Die Mecker-Truppe, bestehend aus 14 Geißen, hat ihren Platz quasi im Souterrain der Almhütte gefunden. Die eitel-heiklen Madames fühlen sich in den liebevoll gestalteten Holz-Kojen sichtlich wohl. Unter ihnen auch die seltenen ‚Tauernschecken‘, eine alte Ziegenrasse aus Österreich. Oder die gämsfarbigen Geißen mit ihrem wunderschön braunen Fell und den schwarzen Borstenhaaren entlang des Rückens. Wie etwa Clara, die sofort reagiert, wenn sie von Helga angesprochen wird.

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Apropos Helga. Man würde es kaum erraten, was diese Frau eigentlich im Hauptberuf macht. Sie ist eine der ersten Österreichs Wein-Sommelières und übt diesen Beruf schon seit 24 Jahren (!) aus. Nicht genug damit. Sie ist offizielle Tiroler Bergwander- und Almführerin, Natur- und Landschaftsführerin sowie Käsemacherin. Und seit nunmehr fünf Jahren hat sie sich auf einen Ziegen-Frischkäse spezialisiert, bei dem die Käseliebhaber_innen mit der Zunge schnalzen. Auf ihrer Web-Site gibt sie detaillierte Auskunft.

Das Wohn- bzw. Essenszimmer auf Helga's Alm.
Das Wohn- bzw. Essenszimmer auf Helga’s Alm.

Nachdem ich erst einmal Helgas Ziegen-Frischkäse verkostet hatte – ein Gourmet-Traum was Konsistenz, Geschmack und Reife anlangt – erzählt sie von einem Projekt, an dem sie mitarbeitet, ein Bergwaldprojekt des österr. Alpenvereines.Im Zuge dessen hat Helga gemeinsam mit dem Schutzgebietsbetreuer Klaus Auffinger, ihrem alten Lehrer, dem pensionierten Valser Schuldirektor Luis, ihrer Familie und einigen freiwilligen Helfer_innen ein Bergmahd-Revitalisierungsprojekt begonnen, hoch oberhalb ihrer Almhütte. Die Bearbeitung erfolgt natürlich händisch. Und – so meint sie weiter – da gäbe es ausgerechnet heute noch viel zu tun. Das Gras sei nämlich zu wenden. Gesagt – getan.

Helgas Heu auf der Bergmahd
Helgas Heu auf der Bergmahd

Gemeinsam steigen wir etwa 200 m zur Bergmahd auf um das Heu zu wenden. Aber: es war noch nicht trocken genug, um es in die uralte Heuhütte der Bergmahd zu bringen. Aber morgen ist ja auch ein Tag. Ich entschließe mich spontan, mindestens einen weiteren Tag auf dieser Alm anzuhängen. Auch weil da noch ein Kämmerchen frei ist. Lediglich die Matratze fehlte. Aber das ist kein Problem: Helga schlägt mir vor, doch ‚meine‘ Matratze mit Bergheu selbst zu stopfen.

Ich füllte meine Matratze nit feinstem Bergheu. Ein wahrhaft olfaktorischer Genuss wenn man sein müdes Haupt zu Bette legt.
Ich füllte meine Matratze nit feinstem Bergheu. Ein wahrhaft olfaktorischer Genuss wenn man sein müdes Haupt zu Bette legt.

Der erste Almtag endete also mit der Herstellung einer Matratze. Aber auch mit der Verkostung von Helgas Kitzbraten mit dem von der Sommelière ausgesuchten Wein, zu der noch zwei weitere Almhelfer anwesend waren. Unter ihnen Siegfried Ellmauer, Helgas Trainer und Projektleiter des Bergwaldprojektes im Valsertal.

Kitzbraten aus dem Holzofen mit Polenta. Fürsten essen nicht besser.
Kitzbraten mit Polenta aus dem Holzofen. Fürsten essen nicht besser. Links: Sigi Ellmauer vom Bergwaldprojekt

Weshalb drei Tage mein künftiges Leben verändern können? Ja, das hat sehr viel mit dem einfachen Leben zu tun. Mit manueller Arbeit und vor allem mit der Erhaltung der letzten natürlichen Gebiete in den Alpen.

Aber das ist schon der Inhalt des nächsten Blogeintrages von meinem Kurz-Arbeits- und Gourmeteinsatz auf Helgas Alm mit den Schwerpunkten:

– Viel Holz vor der Hütte;
– Bergheu machen und einbringen nach alter Väter Sitte;
– Beobachtungen beim Käsemachen und
– weshalb besucht eine bekannte italienische Weinbäuerin Helgas Alm?

Alle Informationen zu Helgas Alm hier: http://helgasalm.at/

4 Gedanken zu “Die starke Frau vom Valsertal

  1. Tja, was soll man dazu sagen? Alles stimmt, nix ist übertrieben, sonst hätte ich nicht nach den 2 Tagen im Vorjahr heuer eine Woche auf Helgas Alm mitgeholfen und werde es nächstes Jahr wieder einplanen

    Erik.

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