Was ist in Südtirol eine Freud‘? Wenn der Schmerz nachlässt!

Jahr für Jahr werden in Südtirol Tonnen von Agrar-Giften versprüht. Die Chemie-Wolken wabern auch heuer wieder – wie in jedem Frühjahr – über die riesigen Apfelfelder. Europaweit wird zwar eine heftige Diskussion über die Gefährlichkeit von Glyphosat, Pestiziden und Insektiziden geführt. Nur in einem Land gibt es diese Diskussion in den politisch devoten „Leitmedien“ kaum bis gar nicht: in Südtirol. Die Anti-Pestizid-Volksabstimmung in Mals hat aber das „Gesetz des Schweigens“ durchbrochen und sorgt für eine zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung.

Nun sind sich die Mächtigen südlich des Brenners nicht mehr ganz so sicher. Kann die Diskussion um Pestizide dem Tourismus schaden? Oder gar dem künftigen Absatz der Industrie-Äpfel? Sterbende Bienenvölker machen jedenfalls keinen schlanken Fuß. Na gut, die Imker kann man ja in Schach halten. Aber die Bevölkerung? Da musste mit medialer Propaganda gegen gehalten werden. Ein bewährtes Sprachrohr stand dafür wie üblich bereits Gewehr bei Fuß: STOL, die Online-Ausgabe der Dolomiten.

Die 'Nachrichten für Südtirol' wollten Öl auf die Wogen gießen und griffen zu Benzin!
Die ‚Nachrichten für Südtirol‘ wollten Öl auf die Wogen gießen und griffen zu Benzin!

Die erste Beruhigungspille ist jedoch grandios in die Hose gegangen. Sie führte nicht etwa zu einem beruhigten Zurücklehnen der verunsicherten Südtiroler_innen. Sondern zu ungläubigem Kopfschütteln, Augenreiben – oder – im besten Fall zu schallendem Gelächter. Und ein Großteil der Imker? Die ballen die Fäuste nur in ihren Hosentaschen.

Als ehemaliger Journalist möchte ich eh schon lange einmal einen offenen Brief schreiben. Heute packe ich die Gelegenheit beim Schopf und schreibe einen

OFFENEN BRIEF an die STOL Redaktion

Liebe Kolleg_innen, werte Redaktion,

am Freitag, 17. April erschien in Eurer STOL ein Bericht mit dem Titel: „Bienenschutz: ein wichtiges Anliegen für Obstbauern und Imker“ (siehe obiges Faksimile). Vorausschicken möchte ich, mir darüber im Klaren zu sein, dass Kritik oder Widerspruch in Südtirol von den herrschenden Medien und den mit ihnen unter einer Decke steckenden Politiker_innen als Affront betrachtet werden. Aber mit diesem Umstand werde ich schon fertig. Keine Sorge.

Ihr habt mit Eurem Beitrag in STOL-Beitrag das Musterbeispiel eines Versuches abgeliefert, den Leser_innen „Sand in die Augen zu streuen„. Oder ist es lediglich eine  völlig misslungene pr-Arbeit multinationaler Konzerne die Ihr in der Redaktion durchgewunken habt? Ich würde das gerne wissen.

Derzeit geht in Südtirol wieder 'der Rauch' auf. Allerdings als Cocktail meist höchst gesundheitsgefährlicher Pestizide.
Derzeit geht in Südtirol wieder ‚der Rauch‘ auf. Allerdings als Cocktail meist höchst dubioser und gesundheitsgefährlicher Pestizide. Bild: Facebook / Adam & Epfl

Ganz grundsätzlich: Es bliebe Euch unbenommen, eine Typhusepidemie als Häufung von Magenbeschwerden samt Durchfallserkrankung darzustellen. Eine solche Verharmlosung wäre allerdings ein grober Verstoß gegen den journalistischen Ehrencodex „Wahrhaftigkeit, Objektivität und Ehrlichkeit“. Aber dieser Codex dürfte sich in Euren Redaktionsstuben noch nicht wirklich herumgesprochen haben. Denn es ist eine solche ‚typhusartige‘ Verharmosung, die Euren Jubelartikel zum „Bienenschutz“ so makaber macht.

And the winners are…

Allein die Behauptung, zwischen Obstbauern in Südtirol und Imkern bestehe eine „Win-win-Situation“ belegt eindrucksvoll, dass Euer Beitrag gänzlich recherchefrei geschrieben worden ist. Ihr beruft Euch auf Georg Kössler, den Obmann des Südtiroler Apfelkonsortiums und Engelbert Pohl, seines Zeichens Obmann des Südtiroler Imkerbundes. Und darauf, das sich die beiden einig seien, „Bienenschäden zukünftig noch besser zu vermeiden„. Also was jetzt. Wurden Schäden bislang nur schlecht vermieden? Gab es überhaupt Schäden?

Vielleicht täusche ich mich. Aber ich habe mir immer vorgestellt, dass eine win-Situation (wie Ihr das so vortrefflich neoliberal formuliert) für Imker anders ausschaut als lediglich „noch größere Schäden zu vermeiden„. Oder verlangt Ihr von den Imker_innen, dass es für sie schon eine Freud‘ zu sein hat, wenn der Schmerz nachlässt? Weniger tote Bienen als spannende, neue Win-Situation für Imker? Was glaubt Ihr, was die Südtiroler Imker dazu sagen?

Aber immerhin. Der wife Leser / die kluge Leserin erfahren solchermaßen urplötzlich davon, dass es in Südtirol Bienenschäden gibt, die in diesem Fall nicht auf die verhasste Varroa-Milbe zurückzuführen sind. Diese offenbar leichtfertig hingeworfenen Worte betrachte ich als ein erstes Geständnis. Gut so.

Gift auf Apfelmonokulturen

Sicher, wenn das böse Ausland nicht wäre, wär alles eh viel besser in Südtirol. Denn „negative Schlagzeilen aus dem Ausland … werden … in Südtirol einfach wiedergegeben ohne auf unser Bemühen und unsere gut funktionierende Zusammenarbeit hinzuweisen.“ Die Obstbarone und ‚ihre‘ Imker werden von den schäbigen Ausländern also nicht in der lauschigen, besonders von den Imkern so geliebten „Win-win-Situation“ dargestellt. So was aber auch.

Welche negativen Nachrichten aus dem Ausland sind es eigentlich noch, die Euer SVP-Duodezfürstentum urplötzlich und offenbar tsunamiartig überschwemmen?

  • Sind es die ausländischen Behauptungen, wonach es wissenschaftlich belegbar sei, dass Chemiegifte – insbesonders die in Südtirol gerne und massenhaft eingesetzten Neonicotinoide – weltweit zu einem dramatischen Bienensterben führen?
  • Kommt es in Südtirol einer Volksverhetzung gleich, wenn ausländische Presseorgane davon berichten, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO Glyphosat als potentiell krebserregend bezeichnet?
  • Wie kommt die ausländische Lügenpresse überhaupt dazu, Pestizide als chemische Keulen zu bezeichnen?

Dennoch Respekt. Ich muss es zugeben, dass ihr in STOL zumindest den journalistischen Bildungsauftrag halbwegs ernst nehmt. Eure Auslassungen zur Fruchtbarkeit in Obst-Monokulturen sind didaktisch ähnlich grenzgenial aufgebaut wie es einst nur der Aufklärungsunterricht der katholischen Kirche war:

„Die Apfelblüten produzieren bei guter Witterung reichlich Nektar und Pollen, der von den Honigbienen eifrig gesammelt wird. Dabei werden die Blüten bestäubt und befruchtet, nur so können Äpfel entstehen.“

Das Wunder der Schöpfung in zwei Sätzen. Da bleibt meinen Leser_innen mit größter Sicherheit die Spucke weg und der Mund weit offen stehen.

Nach soviel Aufklärungs-Prosa kommt ihr aber ins Schwitzen. Nach Euren Daumen x Pi-Schätzungen sind „etwa 90 % der eingesetzten Wirkstoffe Fungizide und somit nicht bienengefährlich“. Gut, dass ihr diesen Nebensatz habt einfließen lassen, denn da muss ich nachhaken. Ihr könnt mir sicher sagen, ob folgende ‚Wirkstoffe‘ (wie Ihr das so unnachahmlich locker und luftig formuliert), nun bienengefährlich sind oder nicht:

Captan (R40), Chlorpyrifos (R42), Fluazinam (R43), Quinoxyfen (R43), Cyprodinil (R43), Difenoconazol, Penconazol, Dodin und Methoxyfenozid, Dithianon, Dithiocarbamat, Chlorpyrifos, Imadacloprid, Glyposat

Diese Wortungetüme stehen alle für ein ganz besonderes Agrargift das in Südtirol nachweislich ausgebracht wird. Und es ist beileibe keine vollständige Aufzählung. Was ich von Euch gerne wissen würde: Welche dieser chemischen Keulen ist für Bienen und für Menschen völlig ungefährlich?

Was mich zuguterletzt als unbedarften Leser stutzig macht: Ihr behauptet, dass die sogenannte Bienengefährlichkeit der Pflanzenschutzmittel in den letzten Jahren stark verbessert worden sei. Woraus schließt ihr das?

  • Liegen weniger mausetote Bienen in der Landschaft herum?
  • Gibt es Statistiken des Imkerverbandes Südtirol, dass die Neonicotinoide den Bienen südlich des Brenners nicht soviel anhaben können wir überall sonst?
  • Sind in Pollen, Wachs und Honig aus Südtirol keine giftigen Rückstände mehr aufzufinden?
  • Oder gibt es vielleicht erste Laboruntersuchungen in Südtirol?

Dass Ihr allerdings den Bienen-Chef Engelbert Pohl davon schwadronieren lässt, dass „Abend- und Nachtspritzungen verhindern, dass Bienen mit für sie toxischen Päparaten (eh nur 10 %, also eh vernachlässigbar?) in Berührung kommen“ ist überaus bemerkenswert. Denn bekanntlich sind in der Nacht ja alle Katzen grau. Wenigstens hier nehme ich an, sind wir einer Meinung.

Ich erwarte Eure Zusatz-Recherchen mit Spannung.

Euer Werner Kräutler aus Nordtirol

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