Innervillgraten – ein neues Drehbuch für die Piefke-Saga

In Innervillgraten wird derzeit offenbar an einem neuen Kapitel der Piefke-Saga gearbeitet. Unter dem Arbeitstitel „Wasserkraft“ soll die preisgekrönte „Wegelate-Säge“ quasi trocken gelegt werden. Und nur dann, wenn einige Piefke die historische Sägeanlage besichtigen wollen wird es heißen: „Wasser marsch“. Und wenn sich das Werkl ’nicht rentiert‘? Kein Problem für die Gemeinde, dann müsste das Land Tirol wohl oder übel für die Defizite aufkommen.

Das Drehbuch ist wahrlich filmreif. Seit acht Jahren träumt der Bürgermeister der Gemeinde vom großen Wurf mit der sauberen Energie „Wasserkraft“. Staller- und Kalksteinbach sollen endlich das große Geld nach Innervillgraten schwemmen. Die beide tosenden Wildbäche – so will es der Dorfchef –  werden in ein Rohr gezwängt zu Tal schießen und dort ausgerechnet dann Strom erzeugen, wenn Europa im selbigen nahezu ,ersäuft‘: im Sommer.

Diesen „Traum“ kann sich die Gemeinde – sie lebt nahezu vollständig von Bedarfszuweisungen des Landes Tirol – wiederum nur mit einem 6,8 Mio. € – Kredit erfüllen. Das ist mehr als das Dreifache des örtlichen Jahresbudgets. Aber zum Ärger des Bürgermeisters tauchen immer mehr massive Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Werkls auf.

Interessant ist die Tatsache, dass es die Tiroler Gemeindeaufsicht offenbar nicht für nötig gehalten hat, dieses Projekt einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Sie hätte dem Gemeindechef bei genauem Hinsehen nämlich schon längst in den Arm fallen müssen.

Das Image des Villgratentals steht auf dem Spiel

Vor einigen Jahren wurde das Villgratental in den exklusiven Kreis der österreichischen Bergsteigerdörfer aufgenommen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Tal – und vor allem Innervillgraten – die „gelebten Traditionen und eine starke Alpinkompetenz“ als Merkmale vorweisen könne.

Der Stallerbach soll zu einer Art 'Klospülung' umfunktioniert werden: ur wenn die Säge besichtigt wird, soll das Wasser rinnen.
Der Stallerbach soll zu einer Art ‚Klospülung‘ umfunktioniert werden: ur wenn die Säge besichtigt wird, soll das Wasser rinnen.

Die gelebte Tradition ist im Villgratental quasi an „jedem Eck“ zu sehen. Seien es die einzigartigen, massigen Bauernhäuser, die wie Schwalbennester an den Steilhängen kleben. Oder die Harpfen, jene hölzernen Gestelle, die teils noch immer zum Trocknen von Heu oder Getreide verwendet werden. Und da ist noch ein Baudenkmal, das der Gemeinde in den 90er Jahren zu internationaler Anerkennung verholfen hat: die Wegelate Säge. Sie wurde vor mehr als 130 Jahren am wild rauschenden Stallerbach errichtet, um jederzeit über die nötige Antriebsenergie zu verfügen.

Der Wildbach soll nur noch zu Showzwecken durch die Säge rauschen
Der Villgraten- oder Stallerbach soll nur noch zu Showzwecken durch die Säge rauschen. Bild: Netzwerk Wasser Osttirol

Internationaler Applaus für die Wegelate-Säge

Die 1883 errichtete Säge erhielt kurzerhand ihren Namen vom Bauherren, der den Hausnamen Wegelate führte. Hier wurde bis 1968 Holz mit der Kraft des Wassers gesägt. Die Säge verfiel zusehends, bis 1993 der Heimatpflegeverein Innervillgraten das Werkl kaufte und innerhalb von fünf Monaten wieder instand setzte. Als eine Art „Industriedenkmal“, wenn man das so nennen darf. Jedenfalls war die Säge ein Fixpunkt für Besucher Innervillgratens. Mehr noch: die mustergültige Renovierung wurde sogar international gewürdigt.

Im Frühjahr 1999 wurde die Wegelate Säge und alle Helfer mit ihr mit dem renommierten „Europa nostra Award“ ausgezeichnet. Im Jahr 2000 erhielt der Villgrater Heimatpflegeverein den weltbekannten und einigermaßen berühmten „Henry Ford Umweltpreis“.

Ein Bergsteigerdorf mit verrohrten Wildbächen?

Für den Villgrater Bürgermeister ist das internationale Renommee offenbar zweitrangig. Auch die exklusive Mitgliedschaft im renommierten Kreis der österreichischen Bergsteigerdörfer dürfte ihn nicht wirklich kratzen. Benötigt er doch zur Erfüllung seines Traumes vom eigenen Kraftwerk just jenes Wasser, das die Säge treibt. (Und im übrigen weiter flussabwärts auch noch eine Mühle treiben muss).

Das malerische Bergsteigerdorf Innervillgraten
Das malerische Bergsteigerdorf Innervillgraten bald mit verrohrten Wildbächen?

Also ließ man sich im Gemeindeamt etwas ganz besonderes einfallen: Die Druckrohrleitung, in die der Großteil des Stallerbaches gezwängt wird, weist bei der Wegelate Säge quasi eine Abzweigung auf. Wenn es also einigen Piefke einfallen sollte, die Säge besichtigen zu wollen, muss wohl oder übel das im Rohr zu Tale schießende Wassers abgeleitet werden um die Säge anzutreiben. Aber: jeder Tropfen wird gebraucht um die Turbine im Krafthaus anzutreiben. Also wird das Wasser nach der Säge wieder zurück in die Druckrohrleitung gepumpt. Wahrhaft edler Stoff für eine neue Folge der Piefke-Saga.

Massive Zweifel an der Wirtschaftlichkeit

Zu allem Überfluss tauchen jetzt auch noch massive Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Innervillgrater Kraftwerksprojektes auf. Für den österr. Alpenverein und den Umweltdachverband ist das Projekt jedenfalls „von keinerlei öffentlichem Interesse“. Die Begründung: naturnahe Gewässerstrecken wie der Alfenbach würden zerstört. Zudem sei „die Erhaltung der Bäche im hinteren Villgratental ein unverzichtbarer Bestandteil der einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft des gesamten Osttiroler Villgratentales.“

Es kommt noch dicker: Das Projekt sei äußerst risikobehaftet meint Energieexperte Jürgen Neubarth, der auch am Kriterienkatalog für Tiroler Wasserkraftwerke mitgearbeitet hatte. Es könne leicht sein, dass das Kraftwerk 10 % weniger Leistung erbringe als angegeben. Damit könnte das Projekt im schlechtesten Fall in einem völligen Desaster enden. Was dann?

Ja, dann müsste das Land Tirol die  Bedarfszuweisungen aufstocken um etwaige Verluste mit abzudecken. Tirols Steuerzahler hätten ein weiteres Loch, das mit Steuergeld gestopft werden müsste…

3 Gedanken zu “Innervillgraten – ein neues Drehbuch für die Piefke-Saga

  1. Ein Werner Kräutler live – Bericht, der wieder ein Thema aufgreift, das auch in anderen Teilen Tirols Wellen schlägt. Die teilweie exzessive Nutzung des Tiroler Wassers und der mittlerweile wie eine Monstranz vor sich her getragene Glaube an die unerschöpfliche Kraft desselben. Die scheinbare Allmacht unseres Landes-Energieversorgers TIWAG scheint einer Krake gleich ihre Tentakel bis in die hintersten Winkel Tirols auszustrecken und alle noch rinnenden Gewässer an sich reißen zu wollen. Angetörnt von diesen Bemühungen, gilt es auch Bürgermeister – Träume umzusetzen, koste es was es wolle. Nun, es gibt Studien und Gutachten zu Hauf, die über Sinn oder Unsinn derartiger Projekte Auskunft geben. Die meisten davon in Auftrag gegeben von unseren Landesfürsten und/oder auch gespeist durch die offenbar schier unerschöpflichen Finanzreserven unseres Strommonopolisten. Abgesehen von den gelieferten Fakten in Innervillgraten, scheint es so zu sein, dass alle Kleinkraftwerke ad hoc unrentabel seien, sich nicht rechnen. Umzusetzen seien quasi lediglich die Großkraftwerke, von der TIWAG projektiert, mit entsprechend riesigen Speichern und verbundenen Pumpwerken. Diese aber verlangen, dass einerseits ganze Talschaften mehr oder weniger trocken gelegt werden, das Wasser durch Bergstöcke in andere Täler übergeleitet und dort damit „Land unter“ verordnet wird. Da geht es dann nicht mehr „nur“ um einen in ein Stahlrohr gepressten Bach, den man nach Belieben zwischen Kraft- und Sägewerk hin und her switchen kann und als Kollateralschaden noch eine Mühle austrocknet. Bei den Träumen „großer Männer“ geht es um mehr. Die angeblich hoch rentablen und unverzichtbaren Großprojekte, leiten das Wasser aus einem Tal ab, unwiderrruflich. Auf Nimmerwiedersehen. Was weg ist, ist weg. Da wird nicht mehr ein oder ausgeschaltet, wie der Umhausener Wasserfall oder eben die Innervillgrater Säge. Die Wasserrechte werden in das bestehende Kraftwerk ebenso eingeleitet wie das Wasser selbst und gehören dann „auf ewig“ und noch ein paar Jahre Leuten, die wir nicht kennen und deren Rechte „überm großen Wasser“ in deren eigenen Rechtssystemen durchgesetzt werden. Rechte, die wir auch nach TTIP nicht anknabbern könnten. Also ich weiß nicht wo mehr „Piefke-Saga“ drinsteckt, in Innervillgraten oder in den Horrorprojekten der TIWAG.

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