Farst: 6. Grad beim Mähen

Wer von mir wissen will, wie mein Lieblingsort in Tirol heißt kriegt postwendend meine Antwort: Farst. Auch deshalb, weil die dortige Jausenstation eine Art Kultstatus besitzt.

Nicht etwa, weil ich ach so mutig bin oder total schwindelfrei oder sonst was zünftig-berglerisches. Nein, nicht deshalb liebe ich Farst. Sondern weil dieser kleine Weiler mit seinen zwei Familien, fünf Häusern, zwei Ställen und einer Kapelle auch Zeuge jener Zeit ist, als das Leben in den Bergen ein purer Kampf ums Überleben war. Farst ist für mich ein Synoym für den extremen Überlebenswillen von Generationen von Bergbauern.

Der Blick von der Umhausener 'Mure' nach Farst.
Der Blick von der Umhausener ‚Mure‘ nach Farst.

Schon die etwa 1 1/2 stündige Wanderung von der Kirche in Umhausen nach Farst ist ein Erlebnis der andern Art. Man bewegt sich permanent auf eine Felswand zu, die von einigen Häusern quasi gekrönt wird: die sogenannte Engelswand. Der Aufstieg selbst führt über die Fahrstraße, die sich wiederum in Serpentinen durch eine Felswand hangelt. Und trotzdem: Schwindelfreiheit ist nicht unbedingt eine Voraussetzung, diese Felswand zu durchsteigen um die 500 Höhenmeter zu überwinden.

Der 6. Grad beim Mähen

Ich bewunderte immer schon die Bilder, auf denen die Heuarbeiten in Farst dargestellt sind. Quasi der 6. Grad beim Mähen. Da bewegen sich Menschen arbeitend in einer derartigen Schräglage, dass einem angst und bang werden muss. Aber was hatten mir Bewohner von Farst immer wieder lapidar gesagt: das sei alles Gewohnheitssache. Und: das würde man dort oben eben von klein auf lernen.

In Farst kriegt man eine Ahnung was es heißt: der freie Fall...
Heuwiesen in Farst. Hier kriegt man eine Ahnung davon was er bedeuten könnte: der freie Fall…

Auf meine Frage, wieviele in Farst lebende Kinder schon in die Tiefe gestürzt seien, wenn‘s vor der Haustüre schlanke 500 m nahezu senkrecht in die Tiefe geht? Keines, war die Antwort. Der abgewandelte Satz, wonach sich ‚früh übt, was nicht verkugeln soll‘ wird in Farst offenbar sehr ernst genommen.

Der Adler holt die Hennen

Je nach Gusto kann man Farst als Adlerhorst oder Schwalbennest betrachten. Adlerhorst ist aber sicher nicht weit her geholt. Ich habe selbst erlebt, dass ein junger Adler mit ausgebreiteten Schwingen etwa 3 m über mir dahingezogen ist. Als ich dies – aufgeregt und unsicher – einer älteren Farsterin erzählte versteinerte sich deren Miene. ,Dös Sauviech holt die Hennen‘, presste sie heraus und verlangte nach ihrem Sohn, der mit der Knarre nach dem Rechten sehen solle. Was dieser aber lachend ablehnte. Tirol wie es leibt und lebt…

Wie auf einem Gemälde von Alfons Walde: zwei Bauernhäuser und 1 Stall vor dem atemberaubenden Panorama der 3.000er
Wie auf einem Gemälde von Alfons Walde: zwei Bauernhäuser und 1 Stall vor dem atemberaubenden Panorama der 3.000er

Aug in Aug mit einem ausgewachsenen Steinbock

Ähnlich erging es mir, als ich in Farst das erste Mal einem ausgewachsenen Steinbock Aug in Aug gegenüber gestanden bin. Quasi auf freier Wildbahn. Es war im Winter und ich hatte jenen Erzählungen tief unten im Tal nie Glauben geschenkt die da behaupteten, in Farst gebe es nicht nur frei herumlaufende Steinböcke sondern auch Mischlinge zwischen Ziegen und Steinböcken.

Nahezu handzahm: ein Mieschlingskind zwischen Steinbock und Ziege
Nahezu handzahm: ein Mieschlingskind zwischen Steinbock und Ziege

So stand also ein ausgewachsenes, richtiges ,Trumm‘ eines Steinbocks vor mir. Die Tiere ziehen angeblich im Spätherbst vom Kühtai über die Berge nach Farst um sich hier in der Gesellschaft attaktiver Ziegen den Winter um die Ohren zu schlagen. Ich entfernte mich genauso leichtfüssig wie beherzt, immer den Bock im Auge behaltend und flüchtete mich dann aber hurtig ins nächste Haus. Wieder zu der älteren Dame, die übrigens das beste Lammbratl der Welt im Ofenrohr ihres Holzherdes zubereitet. Wiederum verblüffte mich ihre Haltung: „Wos, der Teibl isch wieder do? Der tuat nur auf unser Goaßn reitn“, meinte sie – zu einem Teil auch moralisch – entrüstet und verlangte wiederum von ihrem Sohn, diesmal ohne Schießprügel – sofort nach dem Rechten zu sehen.

Die Ergebnisse steinböcklerischer Lust kann man in Farst mühelos erkennen: da grasen die Stein-Ziegen mit den normalen Hausziegen auf den steilen ‚Biechln‘. Farst also quasi ein ‚offener Alpenzoo‘? Ja, so könnte man das schon ausdrücken meine ich.

Die legendäre Wirtin der ebenso legendären Jausenstation Farst. Kochen am Holzherd ist Tradition auf dieser Höhe...
Die legendäre Wirtin der ebenso legendären Jausenstation Farst. Das original Tiroler Gröstl wird von Karin selbstverständlich am Holzherd zubereitet.

Die Geier-Wally von der Jausenstation

Das Einser-Menue in schwindelnden Höhen: die Nudelsuppe mit den Wiener Würstln.
Das Einser-Menue in schwindelnden Höhen: die Farster Nudelsuppe mit den Wiener Würstln.

Farst liegt auf etwa 1.500 m Seehöhe. Und dennoch geht’s da oben ähnlich urig zu, wie sonst nur auf Hütten über 3.000 m. Dafür sorgt die – bereits legendäre – Wirtin Karin von der ebenso legendären Jausenstation in Farst. Immer gut aufgelegt, ein Energiebündel und vor allem mit einem ‚Mundwerk‘ gesegnet, das seinesgleichen sucht. Immer wenn ich sie sehe denke ich mir: So muss doch die Geier-Wally gewesen sein. So muss die Wally auch ausgesehen haben. Alles andere als mundfaul, selbstbewusst, mutig, stramm und tüchtig. Also wenn ich eine Filmrolle besetzen müsste: Karin wär meine Geier-Wally. Das ist fix.

Auch in Farst gilt, frei nach Wilhelm Busch: Oben von der schönen Stelle winken Schenke und Kapelle.
Auch in Farst gilt, frei nach Wilhelm Busch: Oben von der schönen Stelle winken Schenke und Kapelle.

Ja, und dann ist da noch was. Im Herbst, exakt am 2. Sonntag im Oktober – findet in Farst der traditionelle jährliche Farster Kirtag statt. Diesen Kirtag sollte sich jeder Tiroler / jede Tirolerin zumindest einmal im Leben geben. Da geht’s rund!

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