Der Opferwidder vom Virgental

Virgener Opferwidder

Am ersten Samstag nach Ostern wird in Osttirol noch immer ein Brauch hochgehalten, dessen Wurzeln ins Mittelalter – vielleicht sogar noch weiter zurückreichen. Am ‚Weißen Samstag‘ wird Im Virgental ein ‚Opferwidder‘ im Rahmen einer Wallfahrt zur wunderschönen Kirche ‚Maria Schnee‘ in Obermauern geführt. 

Ich hatte im vergangenen Jahr die Gelegenheit, diesen Brauch – oder besser gesagt dieses Ritual – vor Ort in Osttirol zu erleben. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass diese Prozession nicht nur überaus eindrucksvoll, sondern auch wahrhaft archaisch ist.

Offiziell basiert der Brauch auf einem Gelöbnis. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges herrschte im Virgental die Pest. Aus Dankbarkeit für die Erlösung von dieser Seuche gelobten die Bewohner_innen von Virgen, jährlich eine 2-tägige Wallfahrt mit einem weißen Widder nach Lavant abzuhalten. Zu Fuß, versteht sich. Aber das war ziemlich weit entfernt. Daher musste auf dem Weg nach Lavant eine Übernachtung eingelegt werden.

Pilgerin und Pilgersmann ruhten meist in Heuschobern, was ein menschliches Näherkommen der Geschlechter ohne Zweifel stark förderte. Zudem waren die Lüfte nach Ostern schon lau. Andererseits ist ein Spruch aus dieser Zeit überliefert: „Beim Hinuntergeh‘n heilig heilig, beim Zurückgeh‘n rauschig, rauschig.“ Der Schluß liegt nahe, dass neben all den fleischlichen ‚Exzessen und Verfehlungen‘ auch noch die Schnapsbudel im Spiel gewesen sein musste.

So etwas ging früher in katholischen Gegenden schon absolut gar nicht. Also wurde die Wallfahrt auf einen Tag verkürzt und als Ziel die Kirche in Obermauern auserkoren. Basta. Und hier wird der Brauch seither auch praktiziert.

Der Widder 'führt' die Prozession zur Wallfahrtskirche in Obermauern an.
Der Widder ‚führt‘ die Prozession zur Wallfahrtskirche in Obermauern an.

Der Hauptdarsteller dieser einzigartigen Wallfahrt ist ein massiver Widder. Er wird – sorgsam und sehr liebevoll mit allerlei Bändern und Blumen geschmückt – im Zuge einer Prozession zur Kirche geführt. Noch vor Beginn der Messe umrundet der Tierhalter mit dem langhaarigen Widdertier dreimal den Altar der Kirche. Anschließend heißt es für beide vor der Kirche zu warten. Denn bald schon folgt der zweite, der gesellige Teil des Brauchtums: der Widder wird im Anschluss an das Hochamt im Rahmen einer Tombola verlost.

Das Panorama ist einer Wallfahrtskirche durchaus angemessen: Maria Schnee in Obermauern
Das Panorama ist einer Wallfahrtskirche durchaus angemessen: Maria Schnee in Obermauern
Dieser wunderschön geschmückte Widder ist der Hauptpreis der Tombola nach der Wallfahrt.
Dieser wunderschön geschmückte Widder ist der Hauptpreis der Tombola nach der Wallfahrt.

Der Virgener Opferwidder ist übrigens nicht ,irgendein‘ Widder. Dieses ausgesuchte Tier wird eigens gehalten und sorgsam gepflegt. Zwei Schuren, jene im Frühjahr und im Herbst, werden beim Widder nicht gemacht. So sind seine Haare rund 1/2 m lang, und das sogenannte Vlies bleibt ob der stetigen Pflege blütenweiß. Es ist nicht zu übersehen: Der Widder ist so richtig stolz auf sein Aussehen mit den Blumen im Haar und den Bändern um seinen Kopf. Kein Wunder, dass er letztes Jahr handzahm wie ein Lämmlein war und regelrecht darauf erpicht war, gestreichelt zu werden.

Eine dörfliche Idylle: Obermauern im Virgental.
Eine dörfliche Idylle: Obermauern im Virgental.

Der Widder wird bei einer Tombola verlost

Keine Sorge, so martialisch das Wort ,Opferwidder‘ auch klingen mag: das bedeutet keinesfalls, dass der Widder dem Metzgermesser zum Opfer fällt. Im Gegenteil: Meistens handelt es sich bei ihm um einen Zuchtwidder, der einer Verlosung ‚zum Opfer‘ fällt. Und damit ist auch ein Stallwechsel verbunden, denn das Tier muss von einem zum anderen Halter umziehen. Der jetzige Opferwidder hat jedenfalls schon einige Erfahrung mit den Wallfahrten und den damit verbundenen Stallwechseln. Er wird übrigens auch heuer wieder die Wallfahrt anführen.

Schon Wochen vor der Widderprozession kann die Bevölkerung aus Virgen und Prägraten Lose kaufen, mit denen Lebensmittel, Geschirr und ähnliches gewonnen werden können. Der Hauptpreis ist eben dieser ausgewachsene, wunderschöne Opferwidder. Der Reinerlös dieser Tombola kommt übrigens der Renovierung der Wallfahrtskirche Maria Schnee und ihrer wunderschönen Fresken zugute.

Nach der Messe wird der Opferwidder im Rahmen einer Tombola verlost.
Nach der Messe wird der Opferwidder im Rahmen einer Tombola verlost.
Die wunderschönen Fresken in der Kirche Maria Schnee zu Obermauern.
Die wunderschönen Fresken in der Kirche Maria Schnee zu Obermauern.

Etwas hat sich offenbar im Gegensatz zu früher verändert: während der Widder-Halter früher nach der Wallfahrt das Recht hatte, in jedem Haus eine Schale Getreide für seine Mühen zur Pflege des Tieres zu erbitten, wird die Aufzucht und Pflege heute sozusagen kostenlos gemacht. Aber die Zeiten haben sich ja auch ziemlich geändert und die Menschen darben auch in diesem Tal nicht mehr.

Meine Empfehlungen für Freund_innen uralten Tiroler Brauchtums:

Verbinden Sie doch den Besuch bzw. die Wallfahrt nach Obermauern am 11. April 2015  mit einem Wochenende im Virgental. Ich kann eine Unterkunft nur wärmstens empfehlen: den Gasthof Islitzer in Prägraten, „am schönsten Ende der Welt“ (Eigendefinition). Aber viele meiner Leser_innen, da bin ich mir sicher, werden dieses gastfreundliche Haus bereits kennen.

Der legendäre Gasthof Islitzer in Prägraten. Regionale Küche, regionale Produkte und einen Seniorchef, der viel über das Virgental weiß.
Der legendäre Gasthof Islitzer in Prägraten. Regionale Küche, regionale Produkte und einen Seniorchef, der viel über das Virgental weiß. Bild: Gasthof Islitzer, Prägraten

Weshalb ich dieses Wirtshaus und Hotel empfehle? Die Familie Berger ist eine Vorreiterin regionaler Küche und regionaler Spezialitäten. Nicht umsonst sind die Bergers Gründungsmitglied der Tiroler Wirtshauskultur, Mitglied der Genusswirte Österreichs und zudem noch AMA-geprüfter Gasthof. Herz was willst du mehr? Und zudem ist der Seniorchef Ludwig Berger sicher bereit, einige zusätzliche Informationen zum Opferwidder zu geben.

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