Perlen des Tiroler Amtssachverstandes

Damit könnte es schon sehr bald vorbei sein: der Fernaubach steht auch auf der Liste jener Gletscherbäche, die sich die TIWAG unter den Nagel reißen will.
Damit könnte es schon sehr bald vorbei sein: der Fernaubach steht auch auf der Liste jener Gletscherbäche, die sich die TIWAG unter den Nagel reißen will. Und dessen Wasser bis zu 80 % (!) abgeleitet werden soll. Aber: davon merken die dummen Touristen vermutlich eh nix, meint der Amtssachverständige.

Ich geb‘s ja zu. Das Tourismusgutachten zur Wasser-Abgraberei der TIWAG hat es mir angetan. So etwas liest man nur alle Heiligen Jahre. Denn da erblödet sich ein sogenannter ,Amtssachverständiger‘ nicht, der Betoniererfraktion bei den Tiroler Grünen, in ÖVP und TIWAG in einer Art und Weise die Mauer zu machen, die ihresgleichen sucht. Dass er dabei immer wieder ins kabarettistische abgleitet ist das Salz in dieser Suppe. Hier also der zweite Teil der Serie: Perlen des Amts-Sachverstandes.

Hallo TVB Stubai – bitte melden!

Das Internet ist erfunden, Telefonleitungen existieren in Tirol bis in den hintersten Winkel und auf jeder noch so abgelegene Hütte gibts Handy-Empfang. Aber dem Amtssachverständigen Dr. Elmar Berktold gelingt es partout nicht, mit dem Tourismusverband Stubai Kontakt aufzunehmen. Wenn man seinen Ausführungen Glauben schenkt. Und nun bahnt sich eine ganz und gar unglaubliche Geschichte an.

Er, der von seiner Amtsstube quasi in ,Rufweite‘ des Stubaitales residiert. Er, der die touristischen Folgewirkungen der Wasserabgraberei von drei Gletscherbächen im Stubaital bewerten sollte.

Er, der schon von vornherein wusste, was sein Chef, der Herr Landeshauptmann, wollte und will. Nämlich die allerletzten Gletscherbäche im Stubai und im Ötztal der TIWAG in den Rachen zu werfen.

Ausgerechnet er soll jetzt im Stubai nachfragen ob die das doch vielleicht wollen? Wissend, dass die Bevölkerung von Neustift bei einer Volksbefragung genau dieses Projekt bereits mit 85 % verworfen hat.

Da hatte der offenbar doch mit einem ganz spezifischen Amtssachverstand Gesegnete eine geniale Idee: Eine email schreiben und hoffen, dass darauf nur ja keine Antwort komme. Und tatsächlich: Er habe eine e-mail an den TVB Stubai geschrieben, habe aber keine Antwort bekommen, klagte er sein Leid bei der Befragung im Rahmen der mündlichen Umweltverträglichkeitsprüfung im Oktober. Im Stubai einfach anzurufen und einen Termin zu vereinbaren? Auf diese praktische Idee kam der gute Mann erst gar nicht. Ja, die moderne Technik, sie ist halt immer noch NEULAND (© Angela Merkel).

Und überhaupt: wenn sich die Tal-Touristiker nicht melden, da kann man halt nix machen. Blöd nur, dass beim TVB Stubai trotz intensiver Suche kein email des Herrn Doktor aufzufinden ist. Hier rate ich dem guten Mann, sich zu erklären. Denn es geht um sehr viel.

Es geht konkret um ein riesiges Projekt des Tourismusverbandes Stubai, den ,WildeWasserWeg‘. Unter Top-Touristikern ist es unbestritten: dieses Wegesystem gehört zu den wahrhaft innovativen Ideen im Sommertourismus Tirols. Logisch, dass dieses Projekt schon nach der Errichtung der ersten Wegstrecken hoch gelobt worden ist: Der WildeWasserWeg war bereits Finalist beim Eden Award und der bei der Tirol-Touristica.

Der WildeWasserWeg im Bereich des Grawa-Wasserfalls: Auch mit Rollsstuhl und Kinderwagen zu 'befahren'. Ein wunderbares Beispiel gelungener Tourismus-Innovation.
Der WildeWasserWeg im Bereich des Grawa-Wasserfalls: Auch mit Rollsstuhl und Kinderwagen zu ‚befahren‘. Ein wunderbares Beispiel gelungener Tourismus-Innovation.

Die konkreten Zahlen sind überzeugend. Allein am Grawa-Wasserfall werden an schönen Tagen bis zu 2.000-3.000 Besucher_innen gezählt! Ich habe den Grawa-Fall im Frühherbst besucht und bin immer noch begeistert von dieser Idee. Und wer die Stubai-Touristikern frägt erhält stolz die Antwort, dass weitere Millioneninvestitionen geplant sind.

Was dann aber in der Studie folgt, ist ein Paradebeispiel devot-österreichischer Beamtenhaltung. Der Argumentation in jene Richtung, die von ‚oben‘ gewünscht wird.

Der Grawa-Wasserfall zählt an schönen Tagen zwischen 2.000 und 3.000 Besucher!
Der Grawa-Wasserfall zählt an schönen Tagen zwischen 2.000 und 3.000 Besucher.

Zuerst versucht er noch, die Wasserabgraberei in seinem Elaborat als Petitesse abzutun. „Im Fachbeitrag kommt aber der Umstand kaum zur Geltung, dass der markante Tagesgang der Wasserführung in den Bächen bei Schönwetter auch bei Realisierung des Projekts erhalten bleibt, wenn auch auf deutlich niederem Niveau.“ Und dann wohl eher zähneknirschend ein klitzekleines Eingeständnis (weil man ist ja objektiv als Amtssachverständiger): „Die Wasserreduktion um bis zu 80 % ist selbstverständlich erheblich.“ Hört hört.

Um gleich darauf aber wieder zu behübschen, zu beruhigen und zu beschönigen. Um nicht zu sagen um zu beleidigen: „Viele Gäste haben … keine Vergleichsmöglichkeiten mit dem früheren Zustand.“ Wurscht, dass 80 % des Wassers fehlen, die in- und ausländischen Dodel können das ja eh nicht eintaxieren. Und überhaupt: da es „nur geringe Konflikte mit dem WildeWasserWeg“ gebe sehe er überhaupt keine Veranlassung, auf die Investitionskosten einzugehen. Weiß der Mann eigentlich, wovon er redet? Kaum. Denn das gesamte, weitgehend naturbelassene Gewässersystem des hinteren Stubaitales bildet den Kern dieses unvergleichlichen Angebotes.

Wenn alle Stricke reißen: Dann das ,kommunikative Grundrauschen‘ fördern!

Um was er sich dann kümmert ist die Kohle. Die segensreiche Wirkung TIWAG’scher Baggereien, Umleitereien, Ausleitereien. „Der Kraftwerksbau hat positive Auswirkungen auf die Steuereinnahmen – aber fast ausschließlich in der Bauphase und zu 96 % für Silz.“ So beschreibt er kühl und trocken die tatsächliche Situation. Von wegen El Dorado mit der TIWAG und so.

Aber die TIWAG hat ja noch ein gewichtiges Überzeugungsinstrument im Köcher, das Markus Wilhelm in der tiwag.org so unvergleichlich das ,Kommunikative Grundrauschen‘ nennt. Das greift der Amtssachverstädige natürlich gerne auf und gibt es genauso kühl und trocken auf Seite 67 wieder: „Die Standortgemeinden können aber wie üblich mit Kompensationszahlungen der TIWAG rechnen, was ebenfalls als positiver Effekt zu werten ist.“ Kohle in die knappen Kassen. Wer sagt da schon nein?

Was er wiederum nicht sagt: Solche Zahlungen wären nur für Neustift vorgesehen. Alle andern Orte im Stubai schauen durch die Finger.

Jeder Undankbarkeit oder gar Widerborstigkeit der Eingeborenen hält der Amtssachverständige dann zum Abschluss noch zwei staatstragende Argumente entgegen. Ganz so, wie man in Transsylvanien den Vampiren den Knoblauch und das Kreuz entgegen hält:

Erstens: „Die zusätzliche Energieproduktion und Stromveredelung hat positive Auswirkungen auf die Tiroler Regionalwirtschaft.“ Das soll doch nun endlich hinein in die sturen Bauernschädel der Stubaier.

Zweitens: Die Stubaier und Ötztaler könnten sich sogar was einbilden darauf: „Die aus natürlichem Zufluss erzeugte Strommenge von 220 GWh/a kann ca. 52.000 Haushalte versorgen, das ist ein knappes Fünftel der Tiroler Privathaushalte.“ Was für ein Segen! Das Land wird endlich voll elektrisiert. Auch die letzten paraffin-betriebenen Haushalte mit ihren Ölfunzeln in den finsteren Seitentälern werden in Zukunft mit elektrischem Strom beglückt. Vorbei ist die Zeit der Dunkelheit und Not dank des Zuvorkommens und der Weitsicht der Stubaier.

Ganz abgesehen davon, dass der Ausbau des Speicher Kraftwerkes Kühtai „für das Land Tirol und Österreich hervorragend geeignet“ sei, „um die Kosten der Stromversorgung zu senken und die inländische Wertschöpfung zu erhöhen“.

Hand auf’s Herz: wann hat die TIWAG das letzte Mal den Strompreis gesenkt? Nie? Na dann.

Und wohin ist zumindest ein Teil der TIWAG-Wertschöpfung geflossen? Richtig. In die Hypo. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Tipp: Ihr könnt diesen Blog per email abonnieren. Und wenn er euch auf die Nerven geht, genauso einfach wieder abzubestellen!

Wer mir weitere Hinweise und Tipps zur Wasserabgraberei geben will, bitte mail an: tirolischtoll@gmail.com

Ich bedanke mich beim Stubaier Umweltschützer Luis Töchterle für die Fotos, die in dieser Pleiten-Pech und Pannen-Serie verwendet werden.

3 Gedanken zu “Perlen des Tiroler Amtssachverstandes

  1. Die TIWAG gründete soeben zusammen mit der TIGAS eine Vertriebstochter um „kostengünstige Energie“ auch im Osten der Republik zu verscherbeln. Uns sagt man, man bräuchte weitere Kraftwerke um bis 2050 Energie autark zu sein? Wer hat da wohl einen an der Waffel?

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