Von den Rechenkünsten der TIWAG-Experten. Oder: Der Blamage 2. Teil

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Dem Fernaubach blüht ein trostloses Schicksal: Er würde nach dem TIWAG-Wasserabgraben im Stubai nur noch als tristes Rinnsal in einem nahezu trockenen Bachbett zu Tal rinnen. ©Luis Töchterle

Er kam mit drei Fragen. Alle auf einem kleinen ‚Fresszettel‚ notiert: Ein Sportler, genauer ein Paddler, der befürchtet, seinem Sport auf Ruetz und Sill nicht mehr frönen zu können, wenn die TIWAG das Wasser der letzten Gletscherbäche im Stubai abgräbt. In T-Shirt und Jeanshose stellte er seine Fragen an die Heerschar der bei der mündlichen Umweltverträglichkeitsprüfung in der Innsbrucker Messehalle aufmarschierten TIWAG-‚Experten‘. Und rechnete ihnen lediglich unter Anwendung von zwei Grundrechenarten entspannt vor, wieviel Restwasser in Ruetz und Sill nach dem TIWAG-Wasserabgraben in der unteren Ruetz und Sill noch vorhanden wäre. Unglaublich aber wahr: Allein damit fügte der Mann den hochdotierten TIWAG-Experten eine zweite, unfassbare Niederlage zu. Eine Blamage, wie sie Tirol nur sehr selten gesehen hat.

Da hatten sich Hundertschaften von „Energieexperten“, Planern und anderen TIWAG-Bürokraten jahrelang mit der Wasserabgraberei im Stubai und Ötztal beschäftigt. Hatten gerechnet, gezeichnet, besichtigt und Argumente zurecht gebogen, um das Projekt auch durchzubringen. Und dann das!

Es geht um das Restwasser, also jenen kläglichen Rest an Wasser, den die TIWAG in den Bächen und Flüssen des Stubai und des Ötztales belassen müsste, wenn das Projekt genehmigt würde. Bei der geplanten Wasserabgraberei der drei Bäche verbleiben jedenfalls nur noch lächerliche 15 – 20 % des Wassers im jeweiligen Bach.

Durch die Mutterberger Klamm würde nur noch ein triste Rinnsale rinnen. ©Luis Töchterle
Die Mutterberger Klamm wäre nur noch ein tristes Rinnsal. Wird das von den Tiroler Grünen wirklich akzeptiert? ©Luis Töchterle

Was tat nun der junge Paddler? Er nahm einfach einen Rechenstift zur Hand und versuchte, jene Wassermenge zu berechnen, die nach all den TIWAG-Wasserabgrabereien tatsächlich übrig bliebe. Und was er berechnete, haut dem Fass den Boden aus.

Zur Erinnerung: die TIWAG wollte der Öffentlichkeit seit Monaten weis machen, dass sich die Menge des abgegrabenen Wassers der drei Bäche im Stubai auf die Ruetz zwar auswirke, aber nach der Gemeinde Fulpmes sei die Mindermenge quasi mit freiem Auge nicht mehr zu bemerken. Was Wunder: genau deshalb sollten die Auswirkungen ihrer Machenschaften beim Wasserabgraben nach Fulpmes erst gar nicht verhandelt werden. Peanuts quasi. Punkt. Basta.

Was tut man eigentlich in der Umweltabteilung der Landesregierung, wenn der Tag lang ist?

Und die Umweltabteilung spielte auch hier ein eigenartiges Spiel. Aufklärungsbedürftig ist in diesem Zusammenhang nämlich ein entscheidendes Faktum: Die Abteilung, zuständig für die Umweltverträglichkeitsprüfung des Projektes, musste doch von dieser geografischen Einschränkung ursprünglich gewusst haben? Was tut man in der Abteilung eigentlich, wenn der Tag lang ist? Denn auf 11.000 Seiten Projektdarlegung findet sich kein Wort über die Auswirkungen unterhalb von Fulpmes.

Jedenfalls hat die Umwelt-Abteilung die TIWAG nicht darauf hingewiesen, dass aus einem ‚Weniger‘ nie ein ‚Gleich viel‘ werden kann.  Ich vermute stark: Auch in der Abteilung der grünen Landesrätin werden die zwei Grundrechnungsarten mehr schlecht als recht beherrscht. Ich vermute weiters, dass die Spitzenbeamten der Abteilung ihrer neuen, grünen Chefin dieses Problem erst gar nicht vorgetragen haben. Wozu denn? In Tirol bestimmen doch TIWAG und ÖVP die Energiepolitik. So ist es. Aber wird es jetzt unter grüner Führung auch dabei bleiben? Eines steht fest: Die grüne Frontfrau Ingrid Felipe sollte sich dringend um die Machenschaften ihrer Beamten kümmern. Sie scheinen ihr nämlich auf der Nase herum zu tanzen.

Wo nichts ist, da gibt es keinen Zweifel

Die totale Blamage der TIWAG ist in einem Satz skizziert: Die verminderte Wassermenge wirkt sich nach Fulpmes noch verheerender aus als vor Fulpmes. Denn insgesamt fünf Kraftwerke entnehmen jene Menge Wasser, die ihnen zusteht. Und keinen Liter weniger. Wie zum Beispiel die ÖBB, die bis zu 10 Kubikmeter pro Sekunde ableitet. Übrig bleibt nur ein geringes Restwasser. Wenn nun weniger Wasser den Bach hinunterfließt und die Mindest-Restwassermenge in der Ruetz bleiben muss, fliesst weniger Wasser auf die Turbinen der ÖBB. Die Zeitspanne, in der nur Restwasser in der Ruetz fließt, verlängert sich somit. Und wenn dann mehr Wasser fließen sollte, entnimmt die ÖBB auch mehr Wasser. Nur in der Ruetz fehlt es wiederum. Dieses Problem haben die TIWAG-Experten nicht bemerkt und nicht berechnet! Bei Überwasser fehlt das Wasser in der Ruetz, bei Niedrigwasser fehlt es den ÖBB.

Die TIWAG wurde in flagranti bei der Lüge ertappt

Eine Schmonzette am Rande: Die TIWAG hatte sich bei der mündlichen Verhandlung erblödet, in aller Öffentlichkeit zu lügen. Und wurde dabei zur Abwechslung sogar ertappt. Die Lüge sollte – wen wunder’s bei dem Laden noch – einen Fehler vertuschen. Das fehlende Wasser der ÖBB musste von der TIWAG irgendwie abgegolten werden. Da habe man bereits einen Vertrag abgeschlossen, tönte die TIWAG. Und erntete massiven Widerspruch des ÖBB-Vertreters: Von einem bestehenden Vertrag sei überhaupt nicht die Rede, entgegnete er. Und was machte der Verhandlungsleiter aus der Abteilung Umweltschutz der Landesregierung: Er nahm’s schulterzuckend zur Kenntnis. Auch hier könnte die grüne Umweltlandesrätin Felipe einhaken – wenn sie denn nur wollte.

Die Sill in ihrer Schlucht: Nur noch ein trübes Rinnsal?

Und noch ein weiteres Faktum sollte still und leise umschifft werden: Drei der insgesamt fünf Kraftwerke gehört den IKB, also den Innsbrucker Kommunal Betrieben. Und die IKB wären geradezu bescheuert, würden sie nicht die ihnen zustehende Wassermenge für den Betrieb ihrer Kraftwerke entnehmen. Also wäre die Restwassermenge in der Sill ebenfalls massiv weniger. Auch hier mussten die hochbezahlten, in Scharen bei der Verhandlung anwesenden TIWAG-Bürokraten auf die Fragen des kleinen Paddlers passen. Nix wissen, weil nix berechnet.

Was den Rechenkünstlern der TIWAG entgangen ist? Da die Kraftwerke der ÖBB, drei Kraftwerke der IKB (Innsbrucker Kommunal Betriebe) und ein privates Kraftwerk jeweils das ihnen zugesagte Wasser verwenden, werden weite Teile der Ruetz und der Sill viele Monate des Jahres trocken gelegt. Oder aber, die Restwassermenge ist so gering, dass an Wassersport nicht zu denken ist. Weshalb aber werden diese Flussteile bei einer Genehmigung dieses TIWAG-Projektes teilweise trocken gelegt?

Das Wasser für die fünf Kraftwerke wird jeweils abgeleitet, dem Flussbett entzogen. Und um eine optimale Höhendifferenz zu erreichen, wird es in eigenen Leitungen flussabwärts geführt um Turbinen zu treiben. Besonders desaströs dürften die Auswirkungen des geplanten Wasserabgrabens im Stubai auf das Innsbrucker Naherholungsgebiet in der Sillschlucht ausfallen. Es ist gut möglich, dass die Sill in der Schlucht wie ein trübes Rinnsal durch die Gegend fließt. Na bravo!

Die Frage auch hier: weshalb wurden diese Fakten in der Umweltverträglichkeitsprüfung – immerhin 11.000 Seiten – überhaupt nicht angesprochen? Wieso muss da zuerst ein ‚kleiner Paddler‘ addieren und subtrahieren, um der ach so renommierten TIWAG und den ‚hohen Herren‘ in der Umweltabteilung zu zeigen, wo Bartle den Most holt?

Aber eines dürfen sich die Herren des landeseigenen Energieversorgers auf längere Zeit abschminken: jene selbsternannten Experten zu sein, denen man im Bereich Wasserkraft kein X für ein U vormachen kann. Ihre Überheblichkeit ist legendär. Aber Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Das hat der Auftritt eines kleinen Paddlers einwandfrei bewiesen. Und diese Blamage wird ganz sicher auch international zur Kenntnis genommen.

Lest im nächsten Blog: Von ihrer Cross-Border-Schande wollten TIWAG und Umweltabteilung des Landes in trauter Eintracht schon gar nicht reden. Vor allem darüber nicht, wem eventuelle Bauten im Rahmen des Projektes gehören würden. Die Antwort kann vorweg genommen werden: Die Bauten, vor allem aber das Wasserrecht würden ganz sicher den Amis gehören. Der viel beschworene Ausverkauf der Heimat hätte eine unfassbare Größenordnung angenommen. Und jetzt muss erneut eine Frage gestellt werden: weshalb schweigen die Grünen, allen voran die grüne Landeshauptmannstellvertreterin Ingrid Felipe zu diesen unglaublichen Zuständen?

Mein Tipp: Ihr könnt diesen Blog per email abonnieren. Und wenn er euch auf die Nerven geht, genauso einfach wieder abzubestellen!

Wer mir weitere Hinweise und Tipps zur Wasserabgraberei geben will, bitte mail an: tirolischtoll@gmail.com

PS: Ich bedanke mich beim Stubaier Umweltschützer Luis Töchterle für die Fotos, die in dieser TIWAG-Blamagen-Serie verwendet werden.

6 Gedanken zu “Von den Rechenkünsten der TIWAG-Experten. Oder: Der Blamage 2. Teil

    1. Servus Rechenstift,

      ganz einfach: die TIWAG behauptet, dass die Ruetz nach der Wasserabgraberei an den drei Bächen noch 97 % des Wassers durch und nach Fulpmes transportiert. So, und in Fulpmes entnimmt die ÖBB nun die ihr zugebilligte Menge an Wasser Nennen wir diese Menge X. Y sei die Restwassermenge, die die ÖBB im Bachbett belassen müssen. Auch dann, wenn weniger Wasser herunterfließt, kann die ÖBB 100 % des ihr zustehenden Wassers entnehmen. Und jetzt kommt den o.g. 3 % weniger Wasser schon relativ große Bedeutung zu. Genauso übrigens, wenn mehr Wasser angeboten wird. Dann muss die ÖBB kein Restwasser übrig lassen, ergo dessen fließt dann weniger Wasser die Ruetz hinunter. So einfach ist die Rechnung des Paddlers! Und ich hab sie im Blog auch beschrieben, wenn Du dich erinnerst. Aber dennoch viel Spaß bei Nachrechnen. Denn eines ist sicher: Es fließt weniger Wasser in die Ruetz und anschließend weniger Wasser in die Sill. Und genau deshalb MUSS die UVP erneut durchgeführt werden. Da hat sich die TIWAG halt einfach verrechnet. Und die ÖVP kann den verfahrenen TIWAG-Karren nun blöderweise auch nicht allein aus dem Dreck ziehen. Dazu bräuchten sie die Grünen. A Blöde G’schicht.

      Schönen Abend und danke für die Frage.

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      1. Woher kommt die Zahl 97%? Wenn 80 – 85% der drei genannten Bäche abgeleitet würden, hätte die Ruetz nur um 3% weniger Wasser?? Die TIWAG behauptet das. Und was ist Fakt?

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  1. Hallo Rechenstift,
    ich kann hier gerne in den nächsten Tagen ein paar Grafiken posten. Im Grunde ist die Sache sehr einfach: Es geht um das Überwasser nach dem Kraftwerk der ÖBB bzw. nach der Ausleitung für das Kraftwerk untere Sill (Überwasser = tatsächlicher Durchfluss vor der Wasserentnahme – entnommene Wassermenge – vorgeschriebene Restwassermenge). Man merke sich: Überwasser ist nicht gleich Restwasser –> Formulierung sollte übrigens auch an ein paar Stellen dieses Blogs geändert werden.
    Beispiel: Im Ist-Zustand haben wir nach einem der beiden Kraftwerke einen Durchfluss von 3,6m³/s (also Überwasser). Dies würde im Plan-Zustand bedeuten, dass im Falle des ÖBB Kraftwerkes nur noch 0,256m³/s (vorgeschriebene Restwassermenge) fließen würden (die TIWAG entzieht maximal 3,6m³/s). Dies entspricht einer Reduktion um 92%. Im Falle des Kraftwerkes IKB untere Sill (meines Wissens nach Totalausleitung ohne Verpflichtung Restwasser abzugeben) kann man sogar davon ausgehen, dass die Ruetz unterhalb des Kraftwerkes trocken wäre (und in weiterer Folge auch die Sillschlucht).
    Jetzt stellt sich nur noch die Frage wie oft eine solche Situation auftritt. Und die Antwort ist relativ einfach: die Ruetz ist ein Gletscherfluss mit starken Tagesschwankungen. Durchflüsse zwischen 10m³/s und 13,6m³/s sind beim Pegel Fulpmes (50m vor der 10m³/s-Ableitung der ÖBB) im Zeitraum von April bis Oktober sehr häufig. Aber darum geht es im Grunde gar nicht. Fakt ist: im Projekt steht, dass ich die Ableitungen unterhalb von Klaus-Äuerle nicht mehr auswirken (unter 5%). Ist aber, wie gerade beschrieben, absoluter Unsinn. Unterhalb der bestehenden Ableitungen wirken sich die geplanten Ableitungen sehr stark aus. Im Jahres-Mittel weniger (ich denke zwischen 20% und 30%) – beim Momentanwert aber durchaus auch zwischen 90% und 100%.
    Liebe Grüße,
    Bernhard

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