Stubai: Vom Wasserabgraben und dem Schweigen der Grünen

Die Tiroler Medien – man möchte sagen wie üblich – schweigen wieder einmal. Der Anschlag auf die letzten frei fließenden Gebirgsbäche in unserem schönen Land ist den Lohnschreibern kaum eine Zeile wert. Und einen kritischen Kommentar schon gar nicht. Obwohl das Abgraben des Wassers durch die TIWAG im Stubai und im Ötztal jetzt schon das Zeug zu einem formidablen Skandal hätte.

Was doch ein Foto auslösen kann. Ich bin am Sonntag, 12. Oktober mit meinem Freund Detlef Thomas Klose zur Schlickeralm gewandert. Die Familie Stern feierte das 60. Pachtjubiläum. Und das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Naturgemäß passiert man auf dieser Wanderung auch jenen Teich, in dem das Wasser für die künstliche Beschneiung des Skigebietes Schlick2000 gespeichert wird. Jetzt kann man pro oder contra Beschneiung sein – aber genau dieser See präsentierte sich in einer Farbenpracht, die ihresgleichen sucht. Ich postete ein Foto auf meinem Facebook-Account und durfte einige Stunden später zu meiner übergroßen Verwunderung einen Eintrag des grünen Klubobmannes im Tiroler Landtag, Gebi Mair lesen. Der – bemühter Naturschützer der er ist – eine Ergänzung anzubringen wusste.

Es handle sich da um einen Beschneiungsteich und nix anderes. Quasi: Schönheit und Beschneiungsteich passten wohl nicht ganz zusammen. Was ich dann aber in der folgenden Facebook-Kommentar-Disskussion, in die ich ihn verwickelte, zu meiner übergroßen Verwunderung feststellen musste: Mair wurde schmähstad, was selten ist. Deshalb begann ich nachzufragen.

Da muss ihn der Hafer gestochen haben - Gebi Mair, im Anblick der Kalkkögel, reagiert wie ein Erznaturschützer.
Da muss ihn der Hafer gestochen haben – Gebi Mair, im Anblick der Kalkkögel, reagiert wie ein Erznaturschützer. Er sieht zwar den Splitter im Auge des Anderen, den Balken vor seinen eigenen Augen aber nicht.

Ich nahm seinen Einwurf also zum Anlass auf Facebook nachzuhaken, was denn die Grünen Tirols in Sachen Wasserabgraben der TIWAG (ich kann die geplante Wasserableitung von Gebirgsflüssen nur so bezeichnen) im Stubai unternehmen bzw. unternommen haben. Der konkrete Anlass: Ende Oktober findet in Innsbruck die Umweltverträglichkeitsprüfung für das TIWAG-Projekt statt, in dessen Rahmen das Wasser der letzten Gebirgsbäche und -flüsse abgegraben und nach Kühtai gepumpt werden soll.

Nicht nur im Stubai: Wasserabgraben als System

Mair ging also erst gar nicht auf die Frage ein. Und hat das bis heute nicht getan. ‚Schriftlich geb ich dir nichts‘, ließ er mich wissen. Was für mich aber auch eine Antwort ist. Nämlich: die Tiroler Grünen haben sich offenbar auf die Seite der Wasserabgräber geschlagen. Oder sie halten den Mund aus Koalitions-Räson. Beides finde ich bei einem derart weitreichenden Umweltthema suspekt. Mehr noch: das Schweigen ist eine Schande für eine Ökopartei. Anders kann ich die NICHT-Beantwortung der Fragen nicht interpretieren. Aber es gibt erste Hinweise, weshalb Mair derart auffallend ruhig ist.

Trotz Nachfragen: Ich erhielt von Gebi Mair bis heute keine Antwort.
Trotz Nachfragen: Ich warte bis heute und erhielt von Gebi Mair keine Antwort.

Allein die Tatsache, dass sich die Bevölkerung von Neustift im Stubai eindeutig gegen diesen wassertechnischen TIWAG-Overkill stellt, sollte dem Stubaier Gebi Mair ja mehr als zu denken geben. In Zahlen: 85 Prozent der Bevölkerung hat bei einer ’nichtbindenden‘ Volksbefragung die Ableitung von Wasser aus Stubaier Bächen für den Ausbau des Kraftwerks Kühtai abgelehnt. Dass eine Wahlbeteiligung von 1.691 Bürgern in Neustift (47%) und 1.427 Bürger (85%), die sich gegen die Wasserableitung aus dem Stubai aussprechen die Tiroler Volkspartei nicht im geringsten ankratzt, ist ja sattsam bekannt. Denn wenn es um das Durchsetzen ihrer Politik und Aufträge für ihre Bauindustriellen geht gibt’s keine lästigen Volksbefragungen. Dass jetzt aber zu allem Überdruss auch noch die Grünen zu Jasagern moutieren schlägt dem Fass aber doch den Boden aus.

Ich war mir nicht sicher, ob Gebi Mair im Affekt gehandelt hatte. Oder ob sein Verhalten auf das System der grünen Regierungsmannschaft schließen lässt. Deshalb befragte ich auch die stellvertretende Landeshauptfrau Ingrid Felipe. In einer schriftlichen Stellungnahme meinte sie einleitend, dass die Grünen keine Parteistellung im UVP hätten. No na ned. Ihre quasi-logische Schlussfolgerung: Also gibt’s auch keine Stellungnahme von ihrer Seite zur geplanten Wasserabgraberei im Stubai und im Ötztal. Abwimmelungen oder Ausreden sollten besser klingen.

Ihre anschließende Feststellung, „dass die Tiroler Grünen in der Landesregierung ein wenig dazu beigetragen haben, dass der Naturschutz und die Ressourcenverteilung in unserem Land jetzt sehr breit öffentlich und wesentlich transparenter diskutiert werden“, hält die TIWAG nicht ab, nach den letzten Wässerchen zu gieren. Und wenn Felipe schon von Transparenz spricht: dazu zähle ich eine öffentlich kundgetane Meinung der Ökopartei  zum frechen Vorhaben der TIWAG im Stubai und im Ötztal.

Ein Tiroler Wehr, so die sinnige Bezeichnung für diese Totalableitung eines Baches.
Ein Tiroler Wehr, so die sinnige Bezeichnung für diese Totalableitung eines Baches.

Und: weshalb schreien die Grünen Zeter Mordio bei den Kalkkögeln (diese Frage möchte ich in diesem Blogpost nicht behandeln), bei einem unfassbaren, potentiellen Wasserraub, der unabschätzbare Wirkungen auf das Wassersystem ganzer Täler hat, schweigen sie wortreich aber betreten?

Das kann durchaus als Verwüstung bezeichnet werden: Das nusstrockene Bett des Fernaubaches im Längental / Stubaier Alpen
Das kann durchaus als Verwüstung bezeichnet werden: Das nusstrockene Bett des Fernaubaches im Längental / Stubaier Alpen

Aber da ist ja etwas im Busch. Nämlich die geplante Änderung des Tiroler Naturschutzgesetzes. Gebi Mairs vis a vis, der ÖVP-Klubchef im Innsbrucker Landhaus, Jakob Wolf, kündigt via ‚Oberländer Rundschau‘ (Ausgabe 42 vom 15./16.10.2014) eine offenbar tiefgreifende Änderung an. Wolf im selbstgerecht-schwarzen Originalton: Die Novellierung sei ein Zeichen dafür, „dass sich das Land Tirol zur Energiewende bekenne und der notwendige Ausbau der Wasserkraft nicht an umweltbürokratischen Hürden scheitern dürfe“. Es darf ja nicht wahr sein. Der Klubobmann und auch Mann für’s Grobe bei der Tiroler ÖVP will doch tatsächlich die Betonierung von Tälern und Flüssen als Energiewende verkaufen. Für wie blöd hält er uns eigentlich?

Er gibt aber noch einen weiteren, wichtigen Grund für die Novellierung an. Ein Schurke wer Böses dabei denkt: „Diese Energieoffensive . . . ist auch eine Riesenchance für unsere heimische Bauwirtschaft“. Die Katz‘ ist aus dem Sack. Denn energiepolitisch wichtigen Projekten wie etwa Sellrain-Silz werde mit der Novelle des Naturschutzgesetzes nun der Weg geebnet, lässt Wolf die Leser der Oberländer Rundschau wissen.

Wenn jetzt die Grünen immer noch keine Meinung zu den Wasserableitungen haben, sollten sie als Ökopartei schleunigst abdanken. Wir werden jedenfalls am Thema dran bleiben.

Im nächsten Blog:

  • Wer ist da am Ruder – betriebswirtschaftliche Laien oder Büttel der Bauwirtschaft?
  • Die TIWAG würde durch die Wasserableitungen das Geld der Tiroler Steuerzahler_innen zum Fenster hinaus werfen.
  • Kann eine Verhandlung zur UVP Ende Oktober überhaupt stattfinden? Denn wo nichts ist, da gibt es keine Zweifel.

Sollte jemand zusätzliche Informationen haben, bitte ich herzlich, diese an meine Mailanschrift tirolischtoll@gmail.com zu senden. Sie werden selbstverständlich absolut diskret behandelt.

5 Gedanken zu “Stubai: Vom Wasserabgraben und dem Schweigen der Grünen

  1. Hallo Werner!
    Du sprichst uns aus der Seele! Wir (WWF) und 18 andere Vereine und Initiativen veranstalten aus genau diesen Gründen ein Fest am kommenden Samstag, 25.10.2014 bei dem wir unsere Stimme für die Tiroler Natur unter Druck erheben und auf die derzeitige Schieflage im Naturschutz hinweisen. Wenn irgendmöglich sollten alle Leute, die das angeht dort hin kommen. Es gibt Infos, die Möglichkeit sich einzubringen und natürlich auch Musik u. Unterhaltung. Bitte diesen Link auf unsere Seite teilen!
    Lg,
    gebhard

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